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|ak 715 | Geschichte

Die Praxis steht im Vordergrund

Zwei Bücher legen Zeugnis ab vom oft militanten antifaschistischen Widerstand in Spanien vom Ende der Franco-Diktatur bis zur Gegenwart

Von Gabriel Kuhn

In diesem Frühjahr erschienen zwei Bücher in linken deutschsprachigen Verlagen, die einander auf faszinierende Weise ergänzen. Es handelt sich um Übersetzungen aus dem Spanischen. Der Berliner Immergrün Verlag publizierte Joni D.’s »Grupos autonomos. Eine bewaffnete Chronik der Transition in Spanien, 1974–1984«, Bahoe Books in Wien Miquel Ramos’ »Antifascistas. Wie die spanische extreme Rechte seit den 1990er Jahren bekämpft wird«. Gemeinsam ergeben die Bände eine Geschichte des (oft militanten) antifaschistischen Widerstands in Spanien vom Ende der Franco-Diktatur bis zur Gegenwart. Die Originalausgaben erschienen 2014 (»Grupos autonomos«) bzw. 2022 (»Antifascistas«).

Die Bücher sind ähnlich aufgebaut. Die Beschreibung historischer Entwicklungen und Ereignisse wird durch Porträts von Aktivist*innen ergänzt. Die 17 in »Grupos autonomos« enthaltenen Lebensgeschichten sind besonders bewegend. Sie erzählen von Menschen, die das Festhalten an ihren Prinzipien in den Untergrund, ins Exil oder ins Gefängnis führt – manche durchleben all diese Stationen. Sie begegnen Solidarität und Verrat, finden sich auf mehreren Kontinenten wieder und entziehen sich dem Zugriff durch Sicherheitskräfte, indem sie durch Abwasserkanäle wandern. Jede einzelne der Geschichten ließe sich verfilmen.

Beiden Büchern gemeinsam ist ein atemberaubendes Tempo, wobei »Grupos autonomos« die Nase vorne hat. Aktion reiht sich an Aktion, Gruppe an Gruppe. Dankenswerterweise enthalten beide Bände ein Glossar – in dem mehr als 500-seitigen und extrem kleingedruckten »Antifascistas« werden über 150 Gruppen angeführt, in »Grupos autonomos« knapp die Hälfte.

Zeit zur Reflexion bleibt ein bisschen auf der Strecke. Wer in die ideologischen Hintergründe, Differenzen und Debatten zwischen den verschiedenen Gruppen eintauchen will, kann enttäuscht werden. Die Praxis steht im Vordergrund. Der Gegner ist dabei deutlich: eine 40 Jahre währende faschistische Diktatur, deren Vermächtnis auch in der folgenden demokratischen Ordnung noch spürbar ist. Die Erfolge der 2013 gegründeten, extrem rechten Partei Vox scheinen nach Lektüre der Bücher wenig überraschend.

Die Bücher sind eine wichtige Diskussionsgrundlage für den Antifaschismus heute.

Immer wieder wird in den Büchern auf die Kontinuitäten zwischen dem faschistischen und post-faschistischen Spanien verwiesen. Zwangsläufig fühlt man sich an linke Literatur der 1960er und 70er Jahre in Deutschland erinnert, als das Erbe des Nationalsozialismus unter der demokratischen Fassade betont wurde. Miquel Ramos fasst die Situation in Spanien im Vorwort für die deutsche Ausgabe von »Antifascistas« wie folgt zusammen:

»Die spanische Gesellschaft sah sich einer neuen Art des Faschismus gegenüber, ganz anders als der, gegen den unsere Eltern in den 70er Jahren gekämpft hatten. Die Fußball-Ultras, die RAC Musik (Rock against Communism), die Boneheads (Fascho-Skinheads) und die rechtsradikalen Parteien kamen im Vergleich zu anderen Ländern Europas später in Spanien an. Aber sie etablierten sich mit Stärke, viel Gewalt und unfassbarer Straflosigkeit, dank der vererbten Strukturen der Diktatur, die seit der Implementierung der Demokratie keinerlei Veränderungen unterlagen: die gleichen Richter, die gleichen Polizist*innen, die gleichen Generäle und die gleichen franquistischen Oligarchen.«

Entsprechend agiert der Repressionsapparat. An grausamer Folter durch Polizei und Gefängnispersonal mangelt es nach dem Ende der Diktatur in Spanien nicht. Die faschistische Gewalt auf der Straße ist das Pendant dazu im Alltag. »Antifascistas« beginnt mit der Geschichte des 1993 in Valencia von Neonazis ermordeten Jugendlichen Guillem Agulló i Salvador, der dieselbe Schule wie Autor Miquel Ramos besuchte.

Ramos’ Bericht ist etwas persönlicher gehalten, sein Ton ist dem von Joni D. in »Grupos autonomos« jedoch sehr nahe. Die Autoren eint Biografisches. Sie kommen aus der autonomen Linken, setzen sich für die Unabhängigkeit Kataloniens ein und haben sich als Musiker einen Namen gemacht: Ramos als Mitglied der Ska-Band Obrint Pas, Joni D. als schillernde Figur des katalanischen Anarcho-Punks.

Bezüge zu Deutschland gibt es bei beiden. Die deutsche Stadtguerilla ist unter den militanten Gruppen Spaniens in den 1970er Jahren ein wichtiger Referenzpunkt, und in »Antifascistas« widmet Ramos der Pogromstimmung im wiedervereinten Deutschland der 1990er Jahre ein eigenes Kapitel.

Viele weitere Spezialinteressen werden bedient. Neben der Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien sind auch jene in Galizien und (wenig überraschend) im Baskenland Thema. Ramos erläutert soziale und kulturelle Bewegungen, die mit antifaschistischen Kämpfen verbunden sind: die LGBTI-Bewegung, Hip-Hop, Skateboarden. Auch über die Geschichte der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT, einst zentrale Kraft in der Spanischen Revolution von 1936, erfahren wir einiges. Während sie in den 1970er Jahren noch eine wichtige Rolle für den militanten Widerstand gegen die staatlichen Obrigkeiten spielte, schwächte sie sich später durch Spaltungen selbst.

In »Antifascistas« wird auch dem Fußball viel Platz eingeräumt, obwohl Ramos meint, sich nie wirklich für den Sport interessiert zu haben. Doch als Rekrutierungsort für faschistische Gruppierungen sind die Stadien von großer Bedeutung. Joni D. wiederum schreibt in »Grupos autonomos« ausführlich über die verheerenden Wirkungen, die die Drogenkultur in den 1980er Jahren auf das linke Milieu in Spanien hatte: »Es war das Heroin, das den gesamten Widerstand dieser Generation junger Menschen brechen konnte.«

Bedauerlicherweise beschränkt sich die Bedeutung von »Grupos autonomos« und »Antifascistas« nicht auf historische Dokumentation. Angesichts der politischen Realitäten, denen wir uns gegenwärtig gegenübersehen, werden die Bücher zu einer wichtigen Diskussionsgrundlage für antifaschistischen Widerstand heute – auch militanten. Dieser wird die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in den kommenden Jahre prägen, weit über Spanien hinaus.

Gabriel Kuhn

ist Gewerkschaftssekretär und lebt in Stockholm.

Joni D.: Grupos autonomos. Eine bewaffnete Chronik der Transition in Spanien, 1974–1984. Immergrün, Berlin 2025. 448 Seiten, 22 EUR; Miquel Ramos: Antifascistas. Wie die spanische extreme Rechte seit den 1990er Jahren bekämpft wird. Bahoe Books, Wien 2025. 544 Seiten, 26 EUR.