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Von Dahieh nach Gaza und zurück

Über die Ursprünge der israelischen Militärstrategie im Libanon 

Von Justus Könneker

Man sieht eine Katze inmitten von Trümmern.
Die Folgen eines israelischen Luftangriffs in der Bekaa-Ebene, bei dem die dort lebende Familie, darunter drei Kinder, ums Leben kam. Foto: Justus Könneker

Kurz nach der Verkündung eines Waffenstillstands im Iran-Krieg am 8. April 2026 führte Israel innerhalb von nur zehn Minuten über 100 Luftangriffe im Libanon durch, bei denen mehr als 380 Menschen ums Leben kamen. Wohnviertel im Herzen Beiruts, die von den Menschen als sicher angesehen wurden und in denen die Hisbollah historisch nicht vertreten ist, wurden während der Hauptverkehrszeit ohne Vorwarnung bombardiert. 

In Tyros, einer Großstadt im Süden des Landes, wurde das Hiram-Krankenhaus von israelischen Streitkräften getroffen, wobei mehrere Mitarbeiter*innen des Gesundheitswesens verletzt wurden. Bei separaten israelischen Angriffen kamen Ghada Dayekh, ein Moderator bei Sawt Al-Farah, und Suzanne Khalil, ein Reporter und Moderator bei Al-Manar TV und Al-Nour Radio, ums Leben. Im Bekaa-Tal griff das israelische Militär eine Beerdigung an und tötete die Anwesenden.

Der Angriff überraschte durch Ausmaß und Geschwindigkeit, war jedoch nicht beispiellos. Bereits seit Beginn des jüngsten Krieges zwischen der Hisbollah und Israel hat das israelische Militär konsequent ein Muster gezeigt, auch medizinisches Personal, Journalist*innen und zivile Infrastruktur unter offener Missachtung des humanitären Völkerrechts anzugreifen. 

Israelische Beamt*innen haben zudem gedroht, das »Gaza-Modell« im Libanon zu wiederholen und den gesamten Süden des Libanon in eine »sterile« Zone zu verwandeln, indem sie alle Häuser, Dörfer und Städte zerstören, die als zu nah an der Grenze zu Israel liegend gelten. Bezalel Smotrich, Israels Finanzminister, erklärte an der Grenze zum Libanon, er wolle die Vororte von Beirut »wie Khan Younis aussehen lassen«. 

Rechtsexpert*innen von Human Rights Watch warnen, dass Gaza einen gefährlichen Präzedenzfall geschaffen habe, bei dem Israel für sein Verhalten international nicht zur Rechenschaft gezogen werde. Doch während Gaza den Kontext dafür bietet, dass potenzielle Kriegsverbrechen ungestraft fortgesetzt werden können, begann die moderne israelische Strategie der unverhältnismäßigen Gewaltanwendung und gezielten Angriffe auf Zivilist*innen und zivile Infrastruktur bereits früher – wiederum im Libanon. 

Der Libanonkrieg von 2006

In den drei Kriegen, die in den vergangenen 20 Jahren zwischen der Hisbollah und Israel ausgetragen wurden, gibt es wiederkehrende Themen. Im Krieg von 2006 richteten sich die Bombardements gegen die Brücken, die den Südlibanon mit dem Norden verbinden, gegen Fernseh- und Radiosender hisbollahfreundlicher Medien, gegen die Straße nach Syrien, den Flughafen und die südlichen Vororte von Beirut. 

In den zurückliegenden Wochen hat Israel im Libanon dieselben Fernseh- und Radiosender, Brücken und Vororte bombardiert wie vor 20 Jahren. Die Straße nach Syrien, eine wichtige Handelsverbindung, wurde zwar noch nicht bombardiert, stand jedoch Anfang April unter einer sofortigen Evakuierungsanordnung. Der Flughafen, der in diesem Krieg (bis zum Redaktionsschluss) noch nicht bombardiert wurde, wurde während des Krieges 2024 angegriffen, und israelische Beamt*innen haben wiederholt angekündigt, dass dies auch in diesem Krieg geschehen werde. 

Israels Finanzminister Smotrich erklärte an der Grenze zum Libanon, er wolle die Vororte von Beirut wie Khan Younis aussehen lassen. 

Damals wie heute konzentriert sich die Kriegsgewalt im Libanon auf bestimmte geografische Gebiete. Dahieh, der Vorort von Beirut, dessen Name zum Synonym für Krieg geworden ist, existierte vor dem libanesischen Bürgerkrieg (1975 bis 1990) nicht. Früher war es Ackerland, dessen Zitrusplantagen für den Duft ihrer Blüten im Frühling bekannt waren. Doch als der Bürgerkrieg eskalierte, begannen Menschen, die durch die Kämpfe im Süden vertrieben worden waren, das Gebiet zu besiedeln. »Dahieh« ist wörtlich übersetzt ein umgangssprachlicher Begriff für einen Vorstadtslum. Auf der Flucht vor der israelischen Invasion und der folgenden 18-jährigen Besetzung des Libanon im Jahr 1982 ließen sich 400.000 Menschen südlich der Hauptstadt nieder, von denen 90 Prozent Schiit*innen waren.

Fährt man heute durch Dahieh, sieht man überall Bilder von gefallenen Kämpfern sowie von politischen und militärischen Führern der Hisbollah und des sie unterstützenden Iran. Bis 2006 hatte sich die Hisbollah als Volksbewegung in der Bevölkerung etabliert. Über ihre militärischen Fähigkeiten hinaus fungiert die Miliz auch als politische Partei und wirtschaftliche Lebensader, die Banken, Gesundheitseinrichtungen, Wohltätigkeitsorganisationen und Wiederaufbauhilfe bereitstellt: ein »Staat im Staat«.

Während des Krieges 2006 flog die israelische Luftwaffe dann in nur 34 Tagen mehr als 12.000 Kampfeinsätze, die Marine feuerte 2.500 Granaten ab, und die Armee verschoss über 100.000 Granaten, wodurch mehr als 1.100 Libanes*inen getötet und rund eine Million Menschen vertrieben wurden. Was die zivile Infrastruktur betrifft, werden die Verluste auf 2,8 bis 3,6 Milliarden Dollar geschätzt, wobei 30.000 Häuser und 100 Brücken zerstört sowie 342 Schulen beschädigt wurden. Von den 30.000 zerstörten Häusern befand sich ein Viertel in Dahieh. 

Die Zivilbevölkerung bestrafen und demütigen

Es war das, was General Gadi Eizenkot, der ehemalige Kommandeur des israelischen Nordkommandos, später als die Dahieh-Doktrin formulierte: »Was 2006 im Stadtteil Dahieh in Beirut geschah, wird in jedem Dorf geschehen, von dem aus Schüsse auf Israel abgefeuert werden. Wir werden unverhältnismäßige Gewalt anwenden und immensen Schaden und Zerstörung anrichten. Aus unserer Sicht handelt es sich dabei um Militärstützpunkte.«  

In einem 2010 veröffentlichten Artikel führte er seine Position weiter aus und beschrieb die Strategie als eine Form der Abschreckung. Indem man in den Gebieten, in denen die Hisbollah präsent ist, innerhalb kurzer Zeit maximalen Schaden anrichtet, würde die lokale Bevölkerung ihre Unterstützung für die Miliz überdenken. 

Nur zwei Jahre nach dem Ende des 2006er-Krieges im Libanon war Israel 2008 erneut in einen Krieg mit seinen Nachbarn verwickelt, diesmal in Gaza. Nach dessen Ende wurde eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen eingerichtet, um alle Verstöße gegen das internationale Menschenrecht und das humanitäre Völkerrecht zu untersuchen. 

Mit Verweis auf Eisenkots Aussage zur Umsetzung der Dahiyeh-Doktrin im Libanon sah der Bericht darin eine Wiederholung dieser Strategie im Gazastreifen. Die UN kamen zu dem Schluss, dass die israelische Strategie darauf ausgerichtet gewesen sei, »die Zivilbevölkerung zu bestrafen, zu demütigen und zu terrorisieren«, und zwar durch »weitreichende Zerstörung als Abschreckungsmittel« sowie »die Anwendung unverhältnismäßiger Gewalt und die Verursachung großer Schäden und Zerstörungen an zivilem Eigentum und Infrastruktur sowie das Zufügen von Leid an der Zivilbevölkerung«.

Unter dem behaupteten Ziel, künftige Konflikte zu verhindern und die lokale Bevölkerung gegen die herrschenden Milizen zu mobilisieren, hat die Dahieh-Doktrin in den letzten 20 Jahren die israelische militärische Strategie in vier Kriegen im Gazastreifen und drei im Libanon geleitet. Nach drei Jahren des Blutvergießens im Gazastreifen geht der israelische Geheimdienst heute davon aus, dass die Hamas über eine ähnliche Anzahl an Kämpfern verfügt wie vor dem 7. Oktober – trotz des erklärten Ziels, die Hamas zu »zerstören«. Und im Libanon, zwei Jahrzehnte nachdem Israel dort die »Dahieh-Doktrin« entwickelt und erstmals angewandt hatte, um die Hisbollah zu entwaffnen, marschiert es erneut im Süden ein, greift mit unverhältnismäßiger Gewalt an und tötet Zivilist*innen.

Justus Könneker

ist freiberuflicher Journalist mit Sitz im Libanon.

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