Ein falsches Bild
In Mexiko organisieren sich Teile der Gesellschaft gegen die Gewalt der Kartelle
Von Anne Haas
Als am 22. Februar mexikanische Streitkräfte den meistgesuchten Kartellchef Mexikos, Nemesio Rubén Oseguera Cervantes, besser bekannt als »El Mencho«, bei einer Militäroperation tödlich verletzten, zeichnete sich auch in Deutschland schnell ein bekanntes Bild ab: »Mexiko im Würgegriff der Kartelle und Gewalt«. Hiesige Medien verbreiteten Bilder von brennenden Bussen, Rauchschwaden über Städten und bewaffneten Männern. Die Tagesschau zeigte Handyvideos verschreckter Tourist*innen und die Bild fragte, ob unsere »elf Jungs« bei der anstehenden Fußballweltmeisterschaft der Männer denn sicher seien. Das Video eines brennenden Flugzeugs entpuppte sich, wie viele andere Aufnahmen, später als Fake oder KI-generiert.
Doch so spektakulär wie beunruhigend diese Bilder sind, sagen sie nur begrenzt etwas über die Realität des Landes aus. Sie reproduzieren ein Narrativ, das in vielen Medien seit Jahren zirkuliert. Außerhalb der Folklore der Tourist*innenressorts wird Mexiko als ein Raum der Unsicherheit und Gewalt dargestellt. In einer Welle der Empathielosigkeit dreht sich die Berichterstattung neben Kopfgeldern und der Heroisierung von Mafiabossen vor allem um Reisewarnungen, Fußball und die Sicherheit deutscher Angestellter im Land. Kaum ein Wort fällt über die Menschen vor Ort. Weder wird die Auswirkung dieser immer wieder aufkeimenden Gewalt auf den Alltag der Mexikaner*innen thematisiert, noch versteht man hierzulande, dass der Alltag in Mexiko aus so viel mehr als Leid und Gewalt allein besteht.
In einer koordinierten Aktion blockierten Mitglieder der kriminellen Organisation 252 Straßen in 20 Bundesstaaten des Landes.
Tatsächlich reagierte das Cártel de Jalisco Nueva Generación (CJNG) auf den Tod seines Gründers Oseguera noch am selben Sonntag mit einer Machtdemonstration eines für Mexiko bisher unbekannten Ausmaßes. In einer koordinierten Aktion blockierten Mitglieder der kriminellen Organisation 252 Straßen in 20 Bundesstaaten des Landes. Geschäfte, Schulen und sogar Kirchen blieben vielerorts auch am Montag geschlossen, der öffentliche Nahverkehr kam erst am Dienstag wieder ins Rollen.
Kriminelle Telenovela
Der mexikanische Journalist Heriberto Paredes beobachtet seit vielen Jahren die Dynamik zwischen Gewalt, Medien und der öffentlichen Wahrnehmung. Für ihn liegt das Problem nicht nur in der Gewalt, sondern auch in ihrer Erzählung. »Auch die mexikanische Presse konzentriert sich sehr auf die Figur von El Mencho«, erzählt er gegenüber ak. »Was hat seine Tochter zuletzt gegessen, mit wem ist sie verheiratet? Eine reine Telenovela.« Der kriminelle Apparat dahinter bliebe unsichtbar.
Nachdem sich die Unruhen gelegt haben, operiert das CJNG weiterhin ungestört. Das kriminelle Netzwerk ist erst 2010 entstanden, hat sich aber in kürzester Zeit zu einem der mächtigsten Lateinamerikas entwickelt, mit Ablegern in Afrika, Asien und Europa. Anders als die alten Kartelle funktioniert es weniger als streng hierarchische Organisation, sondern eher als »Brand«. Wie unter einer Marke können lokale Gruppen der organisierten Kriminalität unter dem Schutz der »vier Buchstaben« in relativer Autonomie ihre illegalen und zum Teil brutalen Geschäfte verfolgen – solange die Abgaben gezahlt und gewisse rote Linien nicht überschritten werden. Der Tod Osegueras verändert diese Struktur kaum. »Die Rolle des Mencho ist nun vorbei«, so Paredes, »aber die Organisation arbeitet weiter.«
Für die Menschen in den betroffenen Gebieten war der 22. Februar vor allem eine weitere Episode in einem fast zwei Jahrzehnte andauernden Konflikt. Seit 2006 gehen die verschiedenen mexikanischen Regierungen überwiegend militärisch gegen die organisierte Kriminalität vor. Kriminolog*innen und Stimmen aus der Zivilgesellschaft betonen seither, dass diese Strategie nicht zielführend ist, wenn nicht auch die Finanzwege der Kartelle lahmgelegt, die profitierende Wirtschaft zur Verantwortung gezogen und die Korruption des politischen Apparats unterbunden werden. Doch daran scheint auch die Administration unter Präsidentin Claudia Sheinbaum kein Interesse zu haben.
Dieser »Krieg« hat seither weit über 400.000 Menschen das Leben gekostet und eine der schwersten Menschenrechtskrisen der Region hervorgebracht. Gleichzeitig ist diese Gewalt weder permanent noch flächendeckend. Es gibt Orte, die über Jahre unter militärischer Belagerung standen, andernorts zeigt sich die Krise eher in punktuellen Auseinandersetzungen. Gerade deshalb ist es schwierig, aus der Ferne über diese Gewalt zu sprechen, denn man möchte sie weder relativieren noch dramatisierend zur »Single Story« über Mexiko machen.
Das Verhältnis der Gesellschaft zur Gewalt ist vielschichtiger, als es die gängigen Bilder nahelegen. Viele Menschen haben die Unsicherheit in ihren Alltag integriert. Paredes beschreibt es als eine Art »Normalisierung«, die Schutzmechanismus und Problem zugleich ist.
Das bedeutet nicht, dass die Angst verschwunden ist, doch sie äußere sich heute anders als früher. In den ersten Jahren des sogenannten Drogenkrieges reagierten viele Menschen mit Rückzug. Wer nicht direkt fliehen musste, zog sich ins Private zurück. »Heute stehen wir nicht mehr da und senken den Kopf«, erklärt der Journalist. Viele Gemeinden haben mittlerweile gelernt, sich zu schützen und die Verbrechen sichtbar zu machen. »Wir sind es leid, in diesem Land mit 140.000 verschwundenen Menschen zu leben und so zu tun, als wäre nichts gewesen.«
Auf einen Schutz durch die Polizei oder das Militär hofft derweil kaum jemand. Die spektakulären Militäroperationen gegen berühmte Kartellbosse gelten eher als ein Zeichen gegenüber den USA, die Lage unter Kontrolle zu haben.
Keine Übermacht
Vor wenigen Monaten drangen 80 bewaffnete Kartellmitglieder des CJNG in die Kleinstadt in Michoacán ein, in der Paredes lebt. Sie wollten den Neffen des Bürgermeisters kidnappen, was ihnen trotz eines stundenlangen Schusswechsels nicht gelang. Währenddessen aber koordinierten sich die Nachbarschaften. »Wir kontrollierten, dass niemand fehlte und wer was brauchte«, so Paredes im Gespräch. Am nächsten Tag traf man sich zur Auswertung und Verbesserung der Sicherheitsstrategie der Gemeinde. Die Gewalt ließ in der Stadt eine neue Form kollektiver Selbstorganisation entstehen.
Nicht nur in Michoacán haben Dörfer und Nachbarschaften begonnen, das soziale Netz in ihren Gemeinden, das einst durch die Einschüchterung und Gewalt zerstört wurde, wieder aufzubauen. International bekannte Beispiele, wie die Selbstverwaltung der Stadt Cherán oder die Autonomie der zapatistischen Gemeinden in Chiapas, inspirieren auch innerhalb Mexikos, so Paredes.
Ein funktionierendes soziales Gefüge ist die Grundvoraussetzung, um eine Infiltration der Mafia zu verhindern. Gruppen der organisierten Kriminalität überfallen neue Orte in der Regel nicht, sondern gehen punktuell vor. Sie pachten vereinzelt etwas Land, polarisieren bestehende Konflikte oder rekrutieren einzelne Personen. Ist eine Gemeinde in der Lage, sich über solcherlei Praktiken auszutauschen, macht sie sich weniger angreifbar. Es erhöht auch die Chance, dass besonders perspektivlose Jugendliche nicht in die ausgelegten Fallen der Kartelle zur Anwerbung neuer Mitglieder treten.
Diese Formen gesellschaftlicher Strategien der Verteidigung des Lebens finden jedoch kaum Eingang in die Berichterstattung, nicht einmal in Mexiko selbst. Doch angesichts der globalen Zunahme an Gewalt lohnt es sich, gerade diese Geschichten zu erzählen.