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Kleine Epsteins

Wie zwei Texaner eine haitianische Insel überfallen wollten und was das mit bekannteren Missbrauchsverbrechen zu tun hat

Von Johannes Reutzel

Man sieht ein kleines Haus mit ein paar Menschen davor.
Flugzeugterminal auf der haitianischen Insel Gonave, die zwei Texaner überfallen wollten. Foto: LeslieGHarris / Wikimedia Commons, CC BY SA 3.0 DE

Das US Attorney’s Office, die Staatsanwaltschaft also, des östlichen Distrikts von Texas berichtete am 20. November vergangenen Jahres über eine Anklage zweier Texaner, die nur kurz in den amerikanischen Zeitungen besprochen wurde und in Europa so gut wie keinerlei Beachtung fand. Dies verwundert nicht nur angesichts des menschenverachtenden Plans, dessen Aufdeckung zu der Anklage geführt hatte. Sondern auch, weil sich unweigerlich Parallelen zu weit besser bekannten Gewalt- und Missbrauchsverbrechen auftun, allen voran zu dem Fall um Jeffrey Epstein. Diese Parallelen wie auch die Unterschiede zwischen den Fällen zu betrachten, kann zu einem besseren analytischen Verständnis der Gräueltaten und den ihnen zugrunde liegenden Mechanismen beitragen. 

Um was ging es nun? Wie das Office berichtete, planten die beiden 20 und 21 Jahre alten Männer Gavin Rivers Weisenburg und Tanner Christoph Thomas, die kleine Insel Gonave – Teil der Republik Haiti – zu überfallen, die männliche Bevölkerung zu ermorden und Vergewaltigungsfantasien an den Frauen und Kindern auszuleben. Diese sollten den beiden Männern als Sklav*innen dienen. Es handelte sich somit um einen Invasionsplan gegen eine souveräne Nation, einen Plan zum Massenmord und den Versuch, ein auf geschlechtsspezifischer Sklaverei basierendes Vergewaltigungsregime zu errichten. Aufgrund der Schwere der geplanten Vergehen, gekoppelt mit einer weiteren Anklage wegen Produktion von Kindermissbrauchsdarstellungen, droht beiden eine lebenslange Haftstrafe.

Haiti? Kein Zufall

Die Ungeheuerlichkeit des Vorhabens sollte nicht dazu verleiten, es einzig als absurde Fantasie abzutun. Im Gegenteil waren die Planungen zum Zeitpunkt der Verhaftung bereits im vollen Gange. Beide lernten haitianisches Kreyol, bildeten sich in verschiedenen (militärischen und logistischen) Feldern und Thomas trat sogar der U.S. Air Force bei, um militärische Fähigkeiten zu erlangen, die für eine Invasion Gonaves nützlich sein könnten. Geplant war zudem der Ankauf von Booten, Waffen und Munition. Da sie sich scheinbar im Klaren darüber waren, dass eine Zwei-Mann-Invasion unrealistisch ist, versuchten sie, Teile der obdachlosen Bevölkerung im District of Columbia (Washington) als Mittäter zu rekrutieren. Inwiefern dies erfolgreich war, ist nicht bekannt.

Die größte Empörung über all das kam aus der haitianischen Community, die online sogleich Parallelen zu ihrer kolonialen Vergangenheit und der Zeit der US-Okkupation zog. Zwischen 1915 und 1934 besetzten die USA die Inselnation, die sich ein Jahrhundert zuvor als erste Schwarze Republik der Geschichte von der französischen Kolonialherrschaft befreit hatte. Anlass dazu gab die Restrukturierung des haitianischen Bankenwesens, das die Vereinigten Staaten zu ihrem Vorteil nutzen wollten, wogegen sich jedoch sowohl die haitianische Regierung als auch französische und deutsche Merchant Banker in Port-au-Prince wehrten. Zudem wurde die starke Präsenz deutscher Kaufleute in Haiti und der kaiserlichen Marine in der Karibik als Sicherheitsrisiko gewertet. Die von den USA eingerichtete brutale Militärdiktatur kann als Kulminationspunkt einer langen, die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts umspannenden Geschichte imperialer Eingriffe in Haiti seitens amerikanischer, französischer und nicht zuletzt deutscher Akteure gelesen werden. Gekennzeichnet durch den Einsatz von Zwangsarbeit und Erschießungen friedlicher Demonstrant*innen, etwa bei dem Massaker von Les Cayes am 6. Dezember 1929, verschärfte die Okkupation die Aversion der Haitianer*innen gegen die USA und umgekehrt den Rassismus gegen die Republik. 

Der Fall offenbart eine aufs Äußerste verschärfte, rassistisch unterlegte Misogynie. Den Angeklagten fehlte das Kapital, um ihre angestrebte Alleinherrschaft durchzusetzen, und so wollten sie zur Waffe greifen.

Es ist daher sicherlich kein Zufall, dass sich die beiden Texaner gerade für eine haitianische Insel entschieden haben, grassiert doch der Rassismus gegen und das Bild Haitis als »failed« oder »lawless« State, weiterhin überall in den Diskursen des Westens und besonders in den USA (man denke nur an die »They’re eating the dogs«-Aussage Trumps im Wahlkampf 2024). Gegen diesen Hass nutzte die haitianische Community auf Social Media die monströse Absurdität des Plans von Weisenburg und Thomas als Moment des spöttischen Empowerments, bildlich gefasst etwa in per KI angefertigten Bildern der beiden Männer als lachhafte Nachahmer des Christoph Columbus.  Und das ist sicherlich der richtige Umgang mit den beiden Tätern: Spott, Verachtung und (an erster Stelle) rechtliche Konsequenzen.

Waffengewalt statt Geld

Kehrt man nach den jüngsten Enthüllungen rund um den Epstein-Komplex zu diesem Fall zurück, springen einem die Ähnlichkeiten förmlich ins Gesicht. Der Fall offenbart eine aufs Äußerste verschärfte, rassistisch unterlegte Misogynie, deren Repräsentanten Frauen und Kinder allein als sexuell auszubeutende, zu beherrschende und sozial zu vernichtende Untertanen betrachten. Weisenburg und Thomas hatten Epsteins Kapital nicht, um ihre Alleinherrschaft durchzusetzen, und so griffen sie zur Waffe. Sie wollten die Prekarität anderer nutzen, um ihren Plan durchzusetzen, und sahen in obdachlosen Menschen reines Verfügungsmaterial für ihre Gewaltfantasien. Damit eröffnet dieser Fall eine unheimliche, nicht zu unterschätzende Klassendynamik, in der mittellose Menschen als Zugriffsmasse für Privilegierte – und keineswegs nur der (kapitalistischen) Elite – angesehen werden. 

Anders ist an diesem Fall jedoch die Dimension gewaltsamer territorialer Aneignung, also der Versuch einer Invasion ausländischen Staatsgebiets zur Errichtung eines Vergewaltigungsregimes. Jedoch könnte man die Frage stellen, ob man es nicht mit dem Versuch zu tun hat, es Männern wie Epstein gleichzutun – nur eben ohne den Zugang zu Kapital, Elitennetzwerk und politischer Deckung. Haben die beiden Männer also einfach versucht, ihren patriarchalen Machtanspruch, statt mit Geld mit Waffengewalt durchzusetzen, um dann am Ende ebenfalls eine Insel zu »besitzen« – so wie Epstein die Karibikinsel Little Saint James besaß –, auf der sie tun und lassen können, was sie wollen? Dass Männerfantasien auch darauf hinauslaufen, sich analoge wie digitale Räume anzueignen, in denen patriarchale Strukturen »von Grund auf« und »in Reinform« errichtet und ausgelebt werden können, ist nicht neu. 

Radikalisierte Männerfantasien

Die Insel als Sehnsuchtsort ist in diesem Fall weniger mit einem »Urzustand« verknüpft, wie in der Literatur- und Kunstgeschichte so oft zu finden. Stattdessen wird die Insel als »zu leeren« verstanden, nicht im Sinne der kolonialen »Zivilisierungsmission«, sondern in deren Eroberungsanspruch. Geleert werden sollte Gonave von anderen Männern, also potenziellen Konkurrenten, und von jeglicher Staat- und Gesetzlichkeit. Kolonisiert werden, denkt man den Plan der beiden Männer weiter, sollte die Insel auf Basis von sexueller Ausbeutung: Als absolute Patriarchen, die die Figur des Souveräns wie des Familienvaters in eins bringen, setzen sich die beiden selbst als Souverän. Und damit gelangt man an einen imaginierten, zu schaffenden Sehnsuchtsort des kolonialen Patriarchats, in dem die Herrschaft des weißen Mannes unangefochten ist und in dem das Land »soweit das Auge reicht« mitsamt der Bewohner*innen zum Eigentum wird.

Der Fall zeigt, dass derartige Fantasien radikaler werden – ob in elitären Kreisen oder eben nicht. Für Erstere ist die Durchsetzung eines solchen Plans zwar wesentlich einfacher. Aber das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch extreme Formen der geschlechterbasierten Gewalt wie in diesem Fall von »normalen« jungen Männern als möglich und durchführbar angesehen werden. Ganz zu schweigen von den jährlichen unzähligen Fällen häuslicher Gewalt, von Femiziden, Vergewaltigungen und sexueller Belästigung. 

Woher die Radikalisierung im Fall der beiden Texaner rührte, lässt sich zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. Es ist jedoch sicher, dass die Zunahme von Misogynie und Rassismus in öffentlichen Räumen, Online-Foren und auf Pornowebsites, wo Vergewaltigungsfantasien geteilt und normalisiert werden, ein hohes Radikalisierungspotenzial birgt.

Johannes Reutzel

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Georg-August-Universität Göttingen und promoviert dort zur haitianischen Geschichte des 19. Jahrhunderts.

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