Nichts davon ist wahr
Ernst Thälmanns Leben war lange begraben unter zahlreichen Mythen – nun liegt erstmals eine umfassend recherchierte Biografie vor
Von Susanne Lang
Die erste historisch ernsthaft recherchierte Biografie von Ernst Thälmann ist erschienen. Während dieser Satz bei all meinen Bekannten aus dem Gebiet der ehemaligen DDR mit großem Staunen und Interesse aufgenommen wird, kratzen sich einige meiner westdeutsch- oder gesamtdeutsch sozialisierten Freund*innen am Kopf: Wer war das nochmal?
Wer vor 1980 auf dem Gebiet der ehemaligen DDR groß geworden ist, kennt den Namen. Denn das Leben von Schüler*innen in der DDR wurde wesentlich durch die Mitgliedschaft in der Pionierorganisation geprägt, in der Schüler*innen der 4. bis 7. Klasse als »Thälmannpioniere« darauf eingeschworen wurden, das Erbe des Namensgebers zu leben.
Wesentlicher Bestandteil des Aufnahmerituals in die Thälmannpioniere war eine umfassende Schulung der Kinder über das Leben Thälmanns. Wir lernten, wie dieser angeblich seine Schulbrote teilte; dass er im Ersten Weltkrieg die Parole »Dreht die Gewehre um!« gerufen haben soll, wie er den Hamburger Aufstand anführte und vieles mehr. Dank der von Ronald Friedmann nun vorgelegten Biografie wissen wir jetzt: Nichts davon ist wahr. Was stimmt: Thälmann war ein einfacher Arbeiter, der offensichtlich für die Idee der Weltrevolution brannte und von großer Gestalt mit authentischer Ausstrahlung war. Er war von 1925 bis zu seiner Verhaftung im März 1933 im Führungskreis der Kommunistischen Partei Deutschlands und wurde bis August 1944 über elf Jahre lang in Einzelhaft gefangen gehalten und schließlich auf direkten Befehl Hitlers erschossen. Spätestens mit seinem Tod setzte eine Heroisierung seiner Person durch die KPD und die spätere SED ein, denn aus naheliegenden Gründen sind tote Helden viel besser zu instrumentalisieren als lebende Personen.
Tote Helden sind besser zu instrumentalisieren als lebende Personen.
Ronald Friedmann räumt mit diesem Heroismus auf und liefert mit der Biografie, die unter dem Titel »Wenn Moskau das so will …« im Berliner trafo Wissenschaftsverlag erschienen ist, ein in vielen Teilen erstaunliches Werk. Neben der Entwicklung der Person wird die Entwicklung der KPD in dieser Zeit im Detail geschildert. Die Partei wurde damals ganz zentral durch Thälmann nach den Vorgaben Stalins umgestaltet: Unter dem Begriff »Bolschewisierung« wurde die innerparteiliche Demokratie abgeschafft und durch einen aus Moskau gesteuerten Zentralismus ersetzt. Thälmann bekämpfte erst die rechte und dann die linke innerparteiliche Opposition. Inhaltlich nahm die KPD unter ihm mit der Sozialfaschismusthese die SPD (statt der NSDAP) als zentralen politischen Gegner in den Fokus – was sich schnell als katastrophale Fehleinschätzung herausstellte. Dank Friedmann können wir diesen Wandel, den er spannend wie in einem Krimi erzählt, nachvollziehen.
So erfahren die Leser*innen, dass Thälmann im Ersten Weltkrieg zwar auf Grund seiner Gewerkschaftsaktivitäten recht früh, wie andere politisch Aktive, in die Armee eingezogen worden war, allerdings sind keine politischen Aktivitäten während dieses Kriegsdiensts von ihm bekannt. Auch seine Rolle im Hamburger Aufstand 1923 war gänzlich anders, als die Pioniere in der DDR es lernten: Weder war Thälmann ein Barrikadenkämpfer, noch war er überhaupt in die militärische Führung der Kämpfe involviert. Er hatte vielmehr vermutlich die Aufgabe, für die Mobilisierung in der Hamburger Arbeiter*innenschaft zu sorgen – und das mit wenig Erfolg. Seine größte »Leistung« bestand nach Datenlage der historischen Dokumente offenbar darin, den Aufstand hinterher als heroisch erscheinen zu lassen, obwohl Planung und Durchführung mindestens mangelhaft liefen.
Fast schon tragisch war sein Verhältnis zu Stalin. Thälmann sah Stalin – wie viele andere seiner Zeit – als Leit- und Orientierungsfigur, der er sich treu ergab. Während Thälmann innerhalb der KPD durchsetzte, was Stalin an Direktiven anordnete – von der desaströsen Gewerkschaftspolitik, die darauf zielte, die Arbeiter*innen in Opposition zu den Gewerkschaften in der KPD zu organisieren bis zur Sozialfaschismustheorie, die jede Bemühung um eine Einheitsfront gegen den Faschismus verhinderte – ließ dieser ihn einfach fallen, sobald er in Haft war. Weder geplante Befreiungs- noch Verhandlungsversuche fanden Stalins Zustimmung – ein inhaftierter Thälmann war ihm allemal lieber, und so überließ er seinen Genossen der elfjährigen Einzelhaft und schließlich dem Tod.
Dass diese Biografie so spät erscheint, liegt einerseits daran, dass einige Quellen erst Mitte der 1990er Jahre veröffentlicht oder erst 2018 in einem vergessenen Panzerschrank in der ehemaligen Zentrale der KPD gefunden wurden. Anderseits musste auf Grund der jahrzehntelangen Geschichtsfälschung jede Information bis zur Originalquelle zurückverfolgt und mühsam neu rekonstruiert werden, um ein umfassendes Bild des Menschen Thälmann zu zeichnen, das ihm gerecht wird.
Ronald Friedmann: »Wenn Moskau das so will …« Eine Ernst Thälmann Biografie. 2025, trafo Wissenschaftsverlag Berlin. 517 Seiten, 44,80 EUR.