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Erkenntnisse und Melancholie

Der Roman »Das Narrenschiff« und die Dokumentation »Mein Land will nicht verschwinden« erkunden Scheitern und Ende der DDR

Von Elfriede Müller

Eine Gruppe Menschen hinter einem Transparent.
Das Ende der DDR war auch eine Zeit der Arbeiter*innenproteste: Berliner Stahlwerker gegen die Treuhand, Dezember 1990. Foto: Klaus Franke / Bundesarchiv / Wikimedia , CC-BY-SA 3.0 DE

Zwischen dem Schriftsteller Christoph Hein und dem Filmregisseur Andreas Goldstein liegt eine Generation. Beide sind Chronisten der DDR, ohne den Westen als Alternative zu sehen. Beide haben jüngst zwei sehr unterschiedliche Zeugnisse über diesen verschwundenen Staat veröffentlicht: Hein, der ältere der beiden, den Roman »Das Narrenschiff« und Goldstein den Dokumentarfilm »Mein Land will nicht verschwinden«. Buch und Film stecken voller Erkenntnisse und Melancholie in ihrem Begreifenwollen, warum ein besserer deutscher Staat gescheitert ist – und einer blieb, der außer einem Angriff auf das gute Leben nichts mehr verspricht. 

Heins bisher umfangreichster Roman ist eine Suche nach jenem historischen Moment, an dem noch alles hätte gut werden können, an dem die 500 Kommunist*innen es hätten schaffen können, aus den Trümmern des Nationalsozialismus etwas Menschliches, gar Sozialistisches zu erschaffen – ohne Große Oktoberrevolution, denn die stalinistische Konterrevolution hatte ihr Erbe bereits weitgehend zerstört. Auch die Befreiung vom Nationalsozialismus war nicht durch die deutsche Bevölkerung, sondern den militärischen Sieg der Alliierten erfolgt. Die Anfänge einer besseren Gesellschaft ergeben sich aus konkreten historischen Chancen, die meist so unerwartet kommen, dass sie häufig verpasst werden. 

Beide Autoren rufen in finsteren Zeiten die Erinnerung an einen demokratischen Sozialismus hervor.

Hein beginnt chronologisch mit dem 1. Mai 1945, als die Gruppe Ulbricht mit zehn Antifaschisten und einem militärischen Befehl im Gepäck auf dem polnischen Flughafen Calau landet. Die Exilkommunisten sollen ein neues Land aufbauen. Ob andere Akteur*innen wie die oppositionellen Kommunist*innen, die aus dem KZ Buchenwald kamen, es hätten anders oder besser machen können, steht im Roman nicht zur Debatte. Zwölf Jahre zuvor waren die zehn knapp dem KZ oder Tod entkommen und im Moskauer Exil gelandet. Auch die stalinistischen Schauprozesse hatten sie überlebt. Nun sollen sie den sowjetischen Militärbehörden beim Wiederaufbau behilflich sein. 

In Heins Roman steht indes eine andere Gruppe im Mittelpunkt: Um den Intellektuellen Karsten Emser, einen Ökonomen und Mitglied des Zentralkomitees, wird ein Kammerspiel von sieben weiteren Akteur*innen erzählt, deren Schicksal auf verschiedene Art mit dem der neuen Gesellschaft eng verbunden ist und die sich regelmäßig zum Essen treffen. Ihre Vergangenheit im faschistischen Deutschland spiegelt sich in ihren Erwartungen und Haltungen wider. Den widersprüchlich, aber positiv gezeichneten Figuren Emser und seiner Frau Rita steht das unsympathische Gegenpaar Goretzka gegenüber: ein ehemaliger kriegsversehrter Nazi, der sich zum humorlos-beflissenen Parteisoldaten wandelt, und seine nicht weniger konformistisch und literarisch großartig gezeichnete Gattin Yvonne Goretzka, die die Tochter eines verschwundenen jüdischen Chemikers, Kathinka, mit in die Ehe bringt. Verheiratet aus Versorgungsgründen, führen beide eine lieblose und emotionsfreie Ehe, in der sie immer mehr verhärten. Kathinka entwickelt sich dennoch zur klugen und engagierten Philosophin, die sich auch noch in den Mathematiker und Pfarrersohn Rudolf Kaczamarek verliebt. Beide engagieren sich im Demokratischen Aufbruch, einer Gruppe, die in den bewegten Jahren zum Ende der DDR Teil der bürgerlichen Opposition war. Der schwule jüdische Shakespeare-Spezialist Benaja Kuckuck kehrt aus dem englischen Exil zurück und richtet sich zunächst mehr schlecht als recht im neuen Staat ein.

Nach und nach passt er sich den Verhältnissen an und führt ein gutes Leben. Hein beschreibt einen kleinen Kreis von Intellektuellen, die in der DDR eine gewisse Rolle spielten und in ihr die bessere Gesellschaft erkannten. Diejenigen allerdings, deren Staat sie repräsentierten, die Arbeiter*innen und Bäuer*innen, kommen bei Hein weniger vor, dafür stehen sie im Zentrum von Goldsteins Film.

Andreas Goldsteins Film beginnt da, wo der Roman von Christoph Hein aufhört: mit dem Ende der DDR. Der Essayfilm konfrontiert die Erzählung des Regisseurs, in deren Zentrum die Arbeiter*innen stehen, mit der Bebilderung der politischen Ereignisse durch das Ost- und das Westfernsehen in den 1990er Jahren. In diesem klugen Film, in dem nichts an der Oberfläche verharrt, blitzt der kurze Moment auf, in dem die Arbeiter*innen auch politisch im Mittelpunkt standen, ihre Meinung zählte und sie hätten vielleicht das Schiff in eine andere Richtung lenken können und endlich den Sozialismus gestalten, den es noch nicht gab. Es wird kommentarlos gezeigt, wie die westdeutschen Kolleg*innen offen anerkannten, wie entspannter doch die Arbeitsbedingungen im Osten waren. 

Auch bei Hein spielen Alltag und Arbeitsbedingungen eine große Rolle, etwa die politische Drangsalierung der einfachen Leute und die häufig unsinnigen kontraproduktiven Direktiven. Ebenso finden große historische Ereignisse der Weltgeschichte wie der Ungarn-Aufstand 1956, der berühmt-berüchtigte XX. Parteitag in der Sowjetunion, der Stalins Verbrechen öffentlich anklagte, der militärisch unterdrückte Prager Frühling 1968 und schließlich das banale Ende durch die neue Reisegesetzgebung Platz in Heins Erzählung. Und unbekanntere Details, wie die Frage nach den polnischen, ehemals deutschen Gebieten, die Walter Ulbricht für die DDR beanspruchte, um den Wiederaufbau zu vereinfachen, was aber von der Sowjetunion als Revanchismus sofort zurückgewiesen wurde. 

Bei Hein und Goldstein steht die Frage des Eigentums im Zentrum: Wer verfügt über die Fabriken, Grundstücke und Häuser? Diese nach der Wende häufig unter den Tisch gekehrte, alles entscheidende Frage, die das Leben der Menschen bis heute prägt wie kaum eine andere, war der entscheidende Unterschied zwischen DDR und BRD. Bei Goldstein liegt der Schwerpunkt bei den Fabriken, bei Hein im Daseinsrecht des Wohnens. Beides entscheidet überall auf der Welt über Würde, Lebensplanung und ökonomischen Auf- und Abstieg. 

Beide Künstler sind keine DDR-Nostalgiker, dafür erkennen sie zu genau, dass die DDR von innen gescheitert ist. Aber sie sehen beide in einem immer autoritärer werdenden Kapitalismus heute die größere Gefahr und warnen vor seiner Apologie. Beide Autoren rufen in finsteren Zeiten die Erinnerung an einen demokratischen Sozialismus hervor. 

Elfriede Müller

ist Mitglied der jour fixe initiative berlin und der Partei Die Linke, Veröffentlichungen zur linken Ideen- und Revolutionsgeschichte, zur Kritischen Theorie und Literatur.

Christoph Hein: Das Narrenschiff. Suhrkamp, Berlin 2025. 750 Seiten, 28 EUR.

Mein Land will nicht verschwinden. Deutschland 2025. 92 Minuten. Regie: Andreas Goldstein. Abrufbar in der 3sat-Mediathek bis zum 4. Januar 2026.