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|ak 729 | Kultur

»Vater war Müllmann, Mutter bei der Post«

Von Arbeit, über Befreiungskampf bis lesbischen Sex: Rapperin Ebow behandelt auf ihrem neuen Album Themen, die ihr Leben prägen

Interview: Ilo Toerkell

Man sieht die Rapperin Ebow mit langen offenen Haaren und weißen Shirt vor blauem Hintergrund.
Foto: Johanna Legid

Auf ihrem sechsten Album »Typologie eines Lebens« analysiert die Rapperin Ebow in 14 Songs Themen, die ihr Leben beeinflusst haben – vom kurdischen Widerstandskampf, über Queerness bis hin zu Klassenfragen. Im Interview spricht sie über ihr neues Album, Klasse im Deutschrap und die Ambivalenzen des politischen Musikmachens.

Auf deinem sechsten Album »Typologie eines Lebens« geht es, dem Titel entsprechend, um Dinge, die dein Leben geprägt haben. »ARBAYT«, zum Beispiel, thematisiert die kapitalistische Ausbeutung vor allem von migrantischen Arbeiter*innen. Welchen Bezug hast du dazu? 

Ebow: Ich komme aus einer sehr linken Familie und war schon als Kind auf Demos wie der Ersten-Mai-Demo. In der Türkei politisch aktiv oder überhaupt sichtbar zu sein, war für meine Familie als Kurd*innen und Alevit*innen mit viel Gewalt verbunden, die meine Mutter schon als Kind miterlebt hat. In Deutschland war sie deswegen immer politisch aktiv. Mein Opa kam als Gastarbeiter nach Deutschland. Mein Vater war Müllmann, meine Mutter bei der Post. Ich bin mütterlicherseits die erste Frau, die finanziell komplett unabhängig ist und so frei leben kann. Ich muss in keinem Job arbeiten, den ich nicht mag, muss nicht so viel Care-Arbeit leisten. Ich mache Geld mit dem, was ich liebe. Aber ich komme aus anderen Verhältnissen, und ihre Geschichten und Perspektiven sind Teil meiner Biografie. Diese Themen waren schon seit meiner Kindheit einfach Teil meines Alltags.

Wie siehst du das Thema Klasse im Deutschrap, einem Genre, in dem es oft um Themen wie Geld geht, widergespiegelt? 

Es wäre schön, wenn dadurch Fragen zum Kapitalismus aufgemacht werden würden. Einige machen das natürlich und ich versuche das auch mit Songs wie »ARBAYT«. Aber ich glaube, das Thema Geld im Deutschrap allgemein ist komplexer als das. Als nicht-weiße Person in Deutschland wird man als Mensch zweiter Klasse wahrgenommen und Armut fördert diese Wahrnehmung. Viel von dieser Inszenierung von Reichtum im Rap hängt mit dem Wunsch zusammen, anders wahrgenommen und respektiert zu werden. Im Deutschrap ist dieses Denken stark verankert und es ist schwierig, das zu verändern, solange wir in einer Gesellschaft leben, die nicht-weißen Personen weniger Wert zumisst. 

Ebow

ist kurdisch-deutsche Rapperin, 1990 in München geboren, und bereits seit ihrem Debütalbum »Komplexität« (2017) eine feste Größe in der queeren Musikszene Deutschlands. In ihren Texten rappt sie über gesellschaftliche Machtstrukturen, queere Liebe und ihre Lebensrealität als Kurdin in der Diaspora. 

Foto: Klara Johanna Michel

Wenn wir zurück auf die Wurzeln von Rap in der Schwarzen Community in den USA blicken, ging es in den Lyrics oft um Armut, Rassismus, strukturelle Ungerechtigkeit und Gewalt durch den Staat und die Polizei. Glaubst du, mit der Kommerzialisierung des Genres mussten sich diese Narrative ändern, damit es für die Massen vermarktbar wurde und weniger politischen Zündstoff bot?  

Ja, ich glaube, da kommen mehrere Dinge zusammen. Leute hören lieber Geschichten über Gewinner. Die klassische Story aus den USA ist vom Tellerwäscher zum Millionär – eine Lüge, die so natürlich nicht funktioniert. Große Labels finanzieren Musik, die sie an ein breites Publikum verkaufen können, und das sind selten gesellschaftskritische Inhalte. Das wiederum vermittelt den Artists, welche Geschichten sie erzählen dürfen und welche nicht, wenn sie Erfolg haben wollen. Gibt es Deutschrap von Leuten, die einfach nur arm sind und diesen Aufstieg nicht schaffen? Vielleicht, aber diese Geschichten werden wir nicht hören – ich glaube auch, weil die meisten Leute sie nicht hören wollen. 

Wenn es um Klassenaufstieg geht, berichten Personen oft über Schuldgefühle, sich ein anderes Leben leisten zu können als die Eltern. Im Deutschrap gibt es aber eher einen Stolz darauf sowie einen starken Rückbezug zur Herkunftsfamilie à la »Ich kauf meiner Mutter ein Haus«.  

Ja, es gibt ein Community-Denken. Das beobachte ich aber auch bei allen Leuten, die ich kenne, die in ärmeren Verhältnissen aufgewachsen sind und jetzt Geld verdienen. Sie supporten ihre Familie, darum geht’s auch im Deutschrap. Es wird nicht nur gezeigt, ich habe es geschafft, sondern es wird gezeigt, meine Freunde und Familie tragen auch Gold-Chains und es geht uns allen gut. Da gibt es keine Scham, weil klar ist: Wenn ich Geld verdiene, dann sorge ich für die Leute um mich herum, die auch wie ich aufgewachsen sind. Andererseits ist das Geld auch schnell weg, besonders, wenn du nie gelernt hast, wie man damit umgeht und wie diese Strukturen, sowas wie Einkommenssteuerabrechnung zum Beispiel, funktionieren. Darüber wird auch zu selten gesprochen.

Mit der Zeile »Das geht straight an Merz diesen Bastard« sprichst du den Bundeskanzler, der gerade den Abbau von Arbeitnehmer*innenrechten vorantreibt, direkt an. Wieso war dir das wichtig?

Ausbeuterische Systeme werden immer auch von einzelnen Leuten aufrechterhalten, die von ihnen profitieren. Und die sollten wir auch beim Namen nennen. Es gibt so viele Länder, Türkei oder Libanon zum Beispiel, wo es viel zu gefährlich wäre, sich politisch überhaupt so zu positionieren. Deswegen finde ich es umso wichtiger, hier in Deutschland nicht so eine Angst davor zu haben. Gerade, wenn man durch so was wie Musik eine Plattform und eine Bühne hat. 

In »Heval« (feat. Savo) geht es um kurdische Geschichte. Du singst über Massaker, Unterdrückung und Widerstandskämpfe von Kurd*innen bis heute. Was bedeutet dir der Song?

Meine kurdische und meine alevitische Seite sind sehr wichtig in meinem Leben. Mit dem Song erinnere ich an unsere Leidensgeschichte, aber auch an all diejenigen, die im Widerstand waren und sind. Die Ursprungsidee war es, den Song »Haydar, Haydar« für die Hook zu nehmen. Er greift die Geschichte des »Kırkların Cemi« – »der Cem der 40« auf. In dieser Erzählung besucht der Prophet Mohammed den Cem (den Gottesdienst im Alevitentum, Anm. d. Red.) der 40 Heiligen – Männer und Frauen – und stellt ihnen Fragen, um ihre Rangordnung herauszufinden, und wofür sie stehen. Die Antworten der Heiligen zielen immer darauf ab, zu zeigen, dass es unter ihnen keine Hierarchien gibt. Das ist zentral im Alevitentum. Der Originalsong ist aber auf Türkisch, was die Sprache der Unterdrücker und für Kurd*innen mit viel Gewalt verbunden ist. Deswegen wollte ich das bewusst ändern, sodass Savo die Hook auf Kurdisch singt. 

Viele Leute feiern kurdische Geschichte und Musik, ohne wirklich zu verstehen, dass das Realitäten sind und nicht nur politische Konzepte.

Wie wird deiner Meinung nach aktuell mit kurdischer Geschichte und Kultur in Deutschland umgegangen? 

In Deutschland werden wir oft, vor allem in linken Kreisen, dafür gefeiert, wie politisch wir sind, unsere Widerstandskämpfe, Rojava und so weiter. Viele Leute feiern unsere Geschichte und Musik, ohne wirklich zu verstehen, dass das Realitäten sind und nicht nur politische Konzepte. Es wird nicht verstanden, was wir durchlebt haben, wie unterschiedlich unsere Geschichten sind, und dass all das hier in Deutschland immer noch präsent ist. 

Auf »Typologie eines Lebens« gibt es Songs, in denen es um gesellschaftliche Kämpfe und Politik geht, aber auch Liebeslieder wie »Für immer« und »BUTCH IM TANK« über lesbischen Sex. Wie passen all diese Themen auf ein Album? 

Das Album heißt »Typologie eines Lebens«, weil es alle Themen behandelt, die in meinem Leben wichtig sind oder waren. Das sind nicht nur politische und sozialkritische Sachen, sondern auch sowas wie Liebe und Friends. Wenn du über politische Dinge sprichst, eine politische Figur bist oder dich so inszenierst, besteht, vor allem an Frauen, die Erwartung, dass du nur das bist. Liebe oder sexuelle Lust haben da keinen Platz mehr. Aber über lesbischen Sex und queere Liebe zu rappen, wenn queeres Leben immer noch so gefährdet ist, ist politisch, und diese Songs dürfen gleichzeitig auch einfach Spaß machen. Leute, die »ARBAYT« hören, sind danach vielleicht überrascht von »BUTCH IM TANK«. Aber mir geht es nicht darum, anderen etwas konform zu machen. Diese Songs nebeneinander entsprechen genau meiner Realität und erzählen meine Geschichte.

Ilo Toerkell

schreibt als freiberufliche*r Journalist*in über Musik- und Kulturthemen.

»Typologie eines Lebens« ist beim Label Garip Werkstätten erschienen. Vinyl LP, 32,99 Euro. 


Ohne Abos, keine ak

In ak diskutieren Linke die besten Strategien gegen Krieg, Kapitalismus und Faschismus – mit internationalen Perspektiven, strömungsübergreifend, solidarisch. 

Doch ohne dich geht’s nicht.