Antikolonialismus zum Nachspielen
Als eines von wenigen Videospielen will sich »Relooted« von kolonialen Narrativen lösen
Von Martin Seng
Die Kulturgüter ehemaliger Kolonien liegen überall verteilt in den Museen westlicher Industrieländer. Allein das Britische Museum nennt tausende Raubgüter sein Eigen, darunter Artefakte aus Ägypten, Äthiopien, Nigeria, Griechenland und China. Die Diskussion um eine Rückführung in ihre Ursprungsländer ist bekannt, dass die Raubgüter von den Beraubten auch »zurückgestohlen« werden könnten, ist dagegen ein neues Szenario. Genau das passiert jedoch im Videospiel »Relooted« des südafrikanischen Entwicklungsstudio Nyamakop. Die Erfinder*innen nennen es ein »afrikanisch-futuristisches Diebstahl-Spiel«, und selten war eine Beschreibung treffender. Denn im Jahr 2099 nimmt hier ein multinationales Team aus Hacker*innen und Athlet*innen die Rückführung des Diebesguts selbst in die Hand.
Hauptfigur Nomali springt, rutscht, klettert und rätselt sich durch die bunten Level von »Relooted«, unterstützt von ihrer Großmutter und einer Gruppe von Aktivist*innen. Ihr gemeinsames Ziel: über 70 afrikanische Kulturgüter aus westlichen Museen zurückstehlen. Die virtuellen Artefakte orientieren sich an realen Vorbildern, und Spieler*innen können in Hintergründen nachlesen, um welche Art von Kunst- oder Kulturgut es sich handelt, von wo es entwendet wurde und welche kulturelle Bedeutung es hat. Doch für den erfolgreichen Einbruch muss die Umgebung zuerst nach Wachen und Kameras ausgekundschaftet werden, bevor Nomali sich in einer leicht versetzten, zweidimensionalen Perspektive über die Dächer schwingt und an Ziplines entlang hangelt.
Hetze im Netz
Dass das Spiel de jure Diebstahl befürwortet, wird auch in seiner Handlung thematisiert. Und die Charaktere haben einen festen, nachvollziehbaren Standpunkt: Es ist die Rückeroberung der eigenen Kultur, die gewaltsam gestohlen wurde. In »Relooted« stiehlt man kein Kapital im klassischen Sinne. Es werden weder Goldbarren noch Geldscheine geraubt, sondern Sammel- und Ausstellungsstücke, denen erst durch den westlichen Kolonialismus ein physischer Wert zugeschrieben wurde. Trotzdem haben sich rassistische, reichweitenstarke Streamer wie Asmongold über das Spiel lustig gemacht. Die Kommentarspalten unter den Videos und Trailern des Spiels strotzen vor Rassismus und Kritik an einer vermeintlichen Wokeness.
Und tatsächlich hatte »Relooted« bei seiner Veröffentlichung Anfang Februar nicht den gewünschten Erfolg. Das liegt sicherlich auch an der Hetze im Netz, aber zum Teil auch am Spiel selbst. So hat das rund sechseinhalbstündige Abenteuer durchaus Längen und in seiner Spielmechanik Ecken und Kanten, die in der Entwicklung mehr Feinschliff gebraucht hätten. Was bleibt, ist ein solides, unterhaltsames Grundgerüst, in dem besonders die Sprung- und Kletterpassagen den Spielspaß bringen.
Westliche Studios scheuen sich davor, eine kritische Perspektive auf den Kolonialismus zu werfen.
Dazu versteht es sich von selbst, dass die Hauptzielgruppe für das Spiel im afrikanischen Raum liegt, was nicht heißt, dass nicht auch westliche Spieler*innen Gefallen daran finden können. Und es ist gerade diese Gruppe, die einen genauen Blick auf das Spiel werfen sollte, scheuen sich doch westliche Studios davor, eine kritische Perspektive auf den Kolonialismus und seine anhaltenden Folgen zu werfen.
Im beliebten »Assassin’s Creed IV: Black Flag« von 2013, das demnächst auch ein umfassendes Remake bekommt, spielt man zum Beispiel den britischen Piraten Edward Kenway. Das Spiel nutzt die Karibik als historischen Schauplatz, einen Knotenpunkt für den atlantischen Sklavenhandel. Doch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus gibt es kaum, dafür aber repetitive Action und eine Romantisierung der Epoche. Auch Aufbau- und Strategiespiele wie »Anno 117: Pax Romana« und »Age of Empires« erlauben in ihren Spielprinzipien die Assimilierung, Ausbeutung oder Auslöschung anderer Kulturen. Und das Zombie-Spiel »Resident Evil 5« versetzt weiße Soldaten in ein fiktives afrikanisches Land, nur um die Bewohner*innen als rückständige, verarmte Agrarkultur darzustellen.
White-Savior-Narrativ
Das White-Savior-Narrativ ist auch längst in der Gaming-Kultur etabliert. In »Far Cry 3« ist es der weiße Tourist, der eine pazifische Insel rettet, in »Indiana Jones und der Große Kreis« möchte der bekannteste Archäologe der Welt die westlichen Museen bereichern, und die »Tomb Raider«-Reihe ändert mit Lara Croft nur das Geschlecht, nicht aber das Narrativ.
Wenn Spiele Kolonialismus zum Inhalt haben, dann meist nur als Nebenprodukt und mit einer despektierlichen Perspektive. Ein reflektierter Blick wird als Wokeness- und Diversity-Agenda verschrien, und Studios fürchten Boykotte und rote Umsatzzahlen. In einer hochkompetitiven Branche wie der Gaming-Industrie bedeuten oft schon kleine Misserfolge das Aus. »Relooted« ist ein kleiner, dafür aber umso bedeutenderer Beitrag, um eine antikoloniale Perspektive in eine noch immer westlich dominierte Branche zu bringen.