Funktioniert das? Feministische Rache
Von Lotte Laloire
Männer morden, vergewaltigen, schlagen, demütigen, intrigieren oder vernachlässigen. Andere Menschen leiden darunter, seit Jahrhunderten. Vor allem Frauen. Eine der schlimmsten Folgen von Männergewalt ist die Ohnmacht, die sie bei Betroffenen auslöst. Der Körper ist unfähig zur Bewegung, die Gedanken rasen. Es fühlt sich an, als ob man langsam erstickt. Dieses quälende Gefühl speist bei manchen die Sehnsucht nach Rache.
Welche Frau hat noch nie davon geträumt! Den arschigen Kollegen vor dem Chef auflaufen lassen. Den gewalttätigen Ex im Internet outen. Dem bewusstlosen Peiniger das Wort »Vergewaltiger« auf den Bauch tätowieren. Moralisch ist das genauso vertretbar wie Vergeltungsschläge der RAF gegen SS-Männer oder wie die Propaganda der Tat, also das direkte Aufbegehren von Arbeiter*innen gegen ihre Ausbeuter. Die spannendere Frage lautet: Funktioniert es auch?
Klar ist: Feministische Rache kann erlittene Gewalt nicht ungeschehen machen, Schmerz nicht dauerhaft lindern. Auch das Patriarchat hat sie bislang nicht gestürzt. Dennoch hat sie eine Wirkung: Frauen, die sich rächen, brechen mit dem Bild des weiblichen Opfers. Sie handeln aktiv und erlangen die Kontrolle über ihre eigene Geschichte zurück. Ihre Rache ist eine Metapher für Selbstermächtigung.
Während die Mainstream-Gesellschaft Frauen bis heute keine Gewalt zugesteht, ist die Nachfrage nach blutrünstigen Rachegeschichten konstant, das Genre »Female Revenge« gedeiht seit Jahrzehnten – seien es Filme wie »I Spit on Your Grave« (1978) oder »Promising Young Woman« (2020), Romane wie »Männer töten« von Eva Reisinger oder Popsongs wie »Giftmord« von Ikkimel.
Solche Erzählungen sprechen Menschen an, die sich nach Gerechtigkeit sehnen. Aber nicht nur die. Sie gefallen auch Männern, die auf sogenannte starke Frauen stehen. Oft erfüllen die Hollywood-Rächerinnen zudem klassische Schönheitsnormen – man denke an Uma Thurman in »Kill Bill«. Das spricht nicht per se gegen die Filme. Allerdings sind sie eben Produkte einer Kulturindustrie, die auch Männerfantasien befriedigt.
Wer schon mal Rache ausgeübt hat, weiß: Der Moment der Vergeltung kann sich verdammt befreiend anfühlen. Nur leider hält er oft nicht lang.
Während es manchmal schon reichen kann, so einen Film zu schauen, sich Racheszenarien auszumalen oder mit Friends über Männer zu lästern – was als Bewältigungsstrategie nicht unterschätzt werden sollte –, wollen andere Frauen mehr. Wer schon mal Rache ausgeübt hat, weiß: Der Moment der Vergeltung kann sich verdammt befreiend anfühlen.
Nur leider hält er oft nicht lang. Psychologische Studien wie von Kevin M. Carlsmith zeigen, dass Menschen, die Rache ausgeübt haben, danach häufiger über das Geschehene grübeln als Menschen, die nicht zurückgeschlagen haben. Die Rache hält das Ereignis präsent, statt einen Abschluss zu schaffen. Therapeut*innen raten deshalb eher zu Tätigkeiten wie Sport, um Ohnmacht zu vertreiben und Selbstwirksamkeit zu fördern. Das hilft zwar, um über schlimme Erlebnisse hinwegzukommen, doch es ist unpolitisch und belässt die Bewältigung auf einer individuellen Ebene.
Eine weitere Gefahr ist die der Endlosspirale: Rächen sich Frauen an Männern, beauftragen die gern Anwält*innen und stellen Strafanzeigen. Bei linken Männern, die den Staat sonst vehement ablehnen, ist das besonders lächerlich. Das Risiko kann eine in Kauf nehmen, wenn ihr eine Verurteilung egal ist oder sie genug Geld hat, sich selbst eine Anwältin zu leisten. Doch das haben bekanntermaßen die wenigsten Frauen. Nach Männergewalt haben viele zudem schon genug andere Probleme: Knochenbrüche, Liebeskummer, Wohnungssuche, Sorgerechtsstreits und vieles mehr.
Wer sich rächen und dabei neuen Ärger vermeiden will, sollte also kreativ werden. Zum Beispiel hat eine Frau ak berichtet, dass sie ihrem Ex Unmengen französische Blutwurst in den Briefkasten gestopft hat. »Das war eine Anspielung. Der hat mich ständig runtergemacht, zum Beispiel, dass ich zu teuer einkaufen würde«, erzählt sie. Bei ihr hat die Rache funktioniert: Sie hat ihr Spaß gebracht.
Eine andere, mit der ak gesprochen hat, setzt auf die Frauen im Umfeld der Täter: Als sie auf schmerzhafteste Weise betrogen worden sei, habe sie das der Mutter ihres Ex erzählt. »Die hat ihren Sohn vergöttert. Aber als sie erfahren hat, was ihr ›Engelchen‹ einer Frau angetan hat, hat das einiges in der Familie aufgewirbelt«. Ihr habe es gutgetan, zu wissen, dass der Betrüger nicht einfach so davonkommt.
Sei es Blutwurst, sei es die Mutter, all diese Racheformen haben einen Nachteil gemeinsam: Sie alle beziehen sich auf den Täter. Er wird adressiert, erhält Aufmerksamkeit – wenn auch negative. Das kann seinem Ego schmeicheln, besonders bei Narzissten. Das Schlimmste, was man denen antun kann, ist Nichtbeachtung. Eine Frau, die häusliche Gewalt überlebt hat, wählte deshalb einen anderen Weg. »Ich habe nicht eingesehen, meine Energie dafür zu verwenden, meinem Ex zu schaden. Stattdessen wollte ich lieber mir selbst etwas Gutes zu tun.« Also hat sie aufgehört zu rauchen und sich einen teuren Urlaub gegönnt. Letztlich muss jede selbst entscheiden, ob und wie die Vergeltung für sie funktionieren kann. Wichtig ist: Rache kann Backlash-Effekte auslösen und ist kein Allheilmittel. Sie sollte zusammen mit Verbündeten, gut durchdacht und kalt serviert werden.
