Netanjahu wurde gewarnt
Zwischen Israel und Hamas gab es vor dem 7. Oktober lange Verhandlungen, wie eine Haaretz-Recherche aufdeckt
Von Yossi Bartal
Shlomi Eldar und Ruth Yuval gehören zu den renommiertesten Journalisten Israels. Am 8. September präsentierten sie in der Zeitung Haaretz Ergebnisse aus ihrem Buch mit dem Titel »Entführt: 843 Tage im Stich gelassen«, das auf Interviews mit Hunderten Entscheidungsträger*innen aus zahlreichen Ländern – darunter Hamas-Vertreter – basiert. Der Fokus ihrer ausführlichen Recherche lag auf den Verhandlungen über die Freilassung der ca. 250 nach Gaza verschleppten Geiseln, vornehmlich israelischer Zivilisten, die von der Netanjahu-Regierung bis Ende 2025 wiederholt torpediert wurden. Doch ausgerechnet eine ihrer Enthüllungen, die die Vorgeschichte des Hamas-Überfalls am 7. Oktober 2023 betrifft, erschüttert Israel.
Eine ausdrückliche Warnung des mittlerweile getöteten Hamas-Chefs in Gaza, Yahya Sinwar, vor einem Angriff bislang unbekannten Ausmaßes – »die Mutter aller Überraschungen« und ein »Erdbeben« – soll Netanjahu nur zehn Tage vor dem Überfall erreicht haben, übermittelt durch den Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate. Diese sei aber vom Premierminister eigenmächtig abgewiegelt und nicht, wie vorgesehen, an die Militär- und Geheimdienstchefs kommuniziert worden.
Für Netanjahu, der bis heute die Berufung eines Untersuchungsausschusses zum 7. Oktober verhindert und jegliche Verantwortung für das kolossale Scheitern am Tag des Angriffs von sich weist, kommt der Haaretz-Artikel ungünstig. Die kommende Wahl ist Ende Oktober, die Umfragewerte seiner Likud-Partei sind schlecht, und seine wiederholte Schutzbehauptung, er wurde vom Militär und Geheimdienst nicht rechtzeitig und konkret vorgewarnt, scheint damit noch weniger plausibel.
Auch deshalb dementieren derzeit Netanjahu und seine Anhänger die Existenz eines solchen Anrufs aggressiv – Haaretz wird sogar mit einer Diffamierungsklage bedroht. Doch andere führende Journalist*innen konnten inzwischen Details der Geschichte bestätigen. Die Emirate bestreiten zudem nicht, dass der besagte Anruf stattgefunden hat.
Abgesehen von der brisanten Frage, wer wann vorgewarnt wurde, rekonstruiert die Recherche die intensiven und bis heute wenig bekannten Verhandlungen zwischen Israel und der Hamas in den Jahren und Monaten vor dem Überfall. Das Bild, das die beiden israelischen Journalist*innen von der Hamas zeichnen, widerspricht vielen heutigen Vorstellungen über die Organisation. Hamas versuchte immer wieder, Zugeständnisse von Israel zur Verbesserung der Lebenssituation im belagerten Gazastreifen zu erreichen – die Verhandlungen wurden aber wiederholt von Netanjahu hinausgezögert. Die Entscheidung der Hamas, letztlich militärisch gegen Israel vorzugehen, fiel erst, nachdem alle Versuche, Netanjahu zu einem Abkommen zu bewegen, gescheitert waren. Die Warnung von Sinwar, die Netanjahu ignorierte, scheint der letzte Versuch gewesen zu sein.
Nacherzählt haben die Journalist*innen auch die mehrmals signalisierte Bereitschaft der Hamas, alle zivilen Geiseln in den Stunden und Tagen nach dem Angriff freizulassen. Im Gegenzug forderte die Organisation nicht mal eine Waffenruhe, sondern nur die Eröffnung von Verhandlungen. Blamiert und erniedrigt durch den Angriff, verweigerte sich Netanjahu auch diesem Angebot – was mit zum Tod zahlreicher Geiseln in den folgenden Monaten führte.
Dass diese Enthüllungen auch das herrschende Narrativ in Deutschland infrage stellen, zeigte sich in der Berichterstattung. Viele Medien berichteten falsch über die Warnung, als habe sie von den Emiraten und nicht von der Hamas selbst gestammt. Wie die Journalistin Kristin Helberg online kommentierte, liege eine Erklärung für diese falsche Darstellung womöglich darin, dass die von Haaretz präsentierten Fakten die Hamas nicht als irre Terrorbande, sondern »als militärisch und politisch rational handelnde Organisation« erscheinen lassen. Sie fügte hinzu, dies bedeute keinesfalls, die Hamas, mitsamt der von ihnen begangenen Kriegsverbrechen, »zu verharmlosen, sondern ganz im Gegenteil: sie ernst zu nehmen«.
Sinwar ist, wie fast alle anderen Hamas-Mitglieder, die die Entscheidung trafen, Israel militärisch zu konfrontieren, mittlerweile tot. Ihre Rechnung, Massengewalt begleitet von zahlreichen Geiselnahmen würde die Israelis zu Zugeständnissen bewegen, ging nicht auf – sie führte stattdessen zu einer genozidalen Kriegsführung der Besatzungsmacht. Gegenüber einer totalen Übermacht, die sich weder mit Gewaltfreiheit noch mit Gewalt zu Kompromissen bewegen lässt, bleibt die Frage, welche Optionen noch existieren. Eine Antwort darauf hat derzeit keine politische Kraft in Palästina.
