The future is unwritten
Über das nahende Ende der Schrift im Kapitalismus
Von Slave Cubela
Wenn der*die Leser*in auf dieses Blatt Papier blickt, erscheint es ihm*ihr vertraut. Wieder ein Autor, der in einem geordneten Schriftbild in einem durchkorrigierten Aufsatz einen Gedankengang entwickelt. Was unspektakulär daherkommt, ist allerdings eine riesige Menschheitsleistung. Es brauchte Jahrtausende, um Sprache in diese Form zu bringen. Um sie also zu verschriftlichen. Um die Schrift zu verregeln. Um Schreiben und Lesen zu demokratisieren. Um die Handschrift zur typographischen Schrift zu machen. Um die typographische Schrift in Massenauflagen zu vervielfachen. Um die typographische Schrift zu digitalisieren.
Wichtig bei alledem: Dieser Prozess ist wie alle technologischen Entwicklungsprozesse keineswegs neutral, er beeinflusst die Menschen. Am Anfang der Entwicklung wurden Manuskripte geschrieben, damit man sie vorlesen konnte. Denken war ein lauter und kollektiver Prozess. Menschen, die irgendwann begannen, leise zu lesen, wurden im Mittelalter bewundert für diese damals meditativ anmutende Konzentrationsleistung. Erst durch Schrift konnte man komplexe Gedanken fixieren, und erst diese fixierten Gedanken machten gedanklichen Vergleich, Kritik, Wissenschaft möglich. Durch die damit zunehmende Reflexionstiefe wurden überdies viele neue Begriffe geprägt, die wie Kapitalismus, Ideologie, Arbeiter*innenklasse, Gender usw. bis heute auch für die Linke wichtig sind. Und hätte man ohne Schrift und Bücher eine Idee wie die des Kommunismus entwickeln können? Wohl kaum.
Die Rückkehr des mündlichen Menschen
Doch die Welt der Schrift scheint ihre große Zeit hinter sich zu haben. Es gibt haufenweise aktuelle Studien, die zeigen, dass Menschen weniger und oberflächlicher lesen. Und ebenso wenig wie die Etablierung des Schriftwissens neutral war, ist es dessen langsames Verschwinden. Mit der Marginalisierung des Schriftwissens kommt es nämlich nicht nur zur digitalen Rückkehr erheblicher Teile der Menschheit in eine Kultur der mündlich-visuellen Kommunikation. Die Menschen dieser oralen Kultur sind anders als textverhaftete Menschen.
Oral geprägte Menschen verlieren etwa oft die Fähigkeit, längere Aufmerksamkeitsspannen auszuhalten, weil sie dies kaum mit Lesen und Schreiben trainieren. Wenn diese Menschen wissen wollen, was um sie herum geschieht, müssen sie das ohne begriffliche Abstraktionen tun, weil diese erst mit regelmäßiger Schriftarbeit verstehbar werden. Zudem verinnerlichen mündlich geprägte Menschen nur das, was laut, stereotyp oder formelhaft daherkommt, weil nur das in der mündlichen Kakophonie hervorsticht. Ohne Schrift fehlt ihnen ein Speichermedium, um relevante von irrelevanten Informationen auszusieben und aufzubewahren.
In den USA, wo die Abwendung vom Schriftwissen weit fortgeschritten ist, ist einer dieser textfernen Menschen inzwischen sogar Präsident geworden. Und obgleich orale Menschen rechts oder links, gut oder böse usw. sein können, hat die Publizistin Anne Applebaum die radikale Situationsbezogenheit dieses Menschenschlags gut auf den Punkt gebracht, als sie über den US-Präsidenten schrieb: »Donald Trump denkt nicht strategisch. Er denkt auch nicht historisch, geografisch oder gar rational. Er stellt keinen Zusammenhang her zwischen den Maßnahmen, die er an einem Tag ergreift, und den Ereignissen, die Wochen später eintreten. Er denkt nicht darüber nach, wie sein Verhalten an einem Ort das Verhalten anderer Menschen an anderen Orten beeinflussen wird. Er berücksichtigt nicht die weiterreichenden Auswirkungen seiner Entscheidungen. Er übernimmt keine Verantwortung, wenn diese Entscheidungen schiefgehen. Stattdessen handelt er aus einer Laune heraus und impulsiv, und wenn er seine Meinung ändert – wenn er neue Launen und neue Impulse verspürt –, lügt er einfach über das, was er zuvor gesagt oder getan hat.«
Der Kapitalismus schuf das Massenmedium Schrift …
Allein, an diesem Punkt werden sich Leser*innen ungläubig fragen: Wie kann denn ein gering literalisierter Mensch Präsident der USA werden? Zunächst: Gering literalisierte Menschen sind keine reinen Analphabet*innen. Nur bereitet ihnen Lesen und Schreiben derart viel Unlust, dass sie schnell zu konsumierende Medien bevorzugen und damit von diesen geprägt werden. Zudem ist geringe Literalität zwar unter bildungsfernen, zumeist körperlich arbeitenden Menschen deutlich verbreiteter, weil harte Arbeit oft die Muße für das Lesen raubt. Das bedeutet aber nicht, dass wohlhabende Individuen Literalität nicht auch meiden können, zumal ihr Reichtum ihnen die Beschäftigung von Anwält*innen für den ganzen Schreibkram leicht macht. Und schließlich sollten wir nicht übersehen, dass Menschen, die ihr ganzes Leben im Modus der Mündlichkeit verbringen, tendenziell wie Trump über eine intuitive Redegewandtheit verfügen, die in einem Land wie den USA, in dem nach Schätzungen bis zu 60 Prozent der Erwachsenen als gering literalisiert zu gelten haben, eine wirksame politische Waffe ist.
Dies vor Augen gilt es sogar festzustellen: Ein tendenziell illiteraler Mensch kann nicht nur US-Präsident werden, es gibt sogar Anzeichen dafür, dass diese Präsidentschaft im kapitalistischsten Land der Welt kein Ausrutscher ist. Denn die Entwicklung hin zu einer post-literalen Gesellschaft, die gegenwärtig im US-Feuilleton vermehrt thematisiert wird, ist keine Medien-, Kultur- oder gar Zivilisationskrise, wie gerade liberale Beobachter meinen. In dieser Entwicklung beginnt sich der Kapitalismus vielmehr gegen eine seiner großen Errungenschaften zu kehren, d.h., wenn der Kapitalismus einst das Schriftwissen demokratisierte, dann hat er längst angefangen, es wieder zu zerstören.
Die Entwicklung der Schrift zum Massenmedium ist auf das Engste mit der Herrschaftsgeschichte des modernen Bürgertums verbunden.
Um das zu verdeutlichen, ist es im ersten Schritt geboten, sich die Entwicklung der Schrift zum Massenmedium zu vergegenwärtigen. Diese ist nämlich auf das Engste mit der Herrschaftsgeschichte des modernen Bürgertums verbunden. Indem das frühe Bürgertum beispielsweise im Handel seine ersten Berufsfelder hatte, hatte es seit jeher ein enges Verhältnis zur Literalität, denn im Handel galt es, Verträge zu verstehen und aufzusetzen. Mit der phonetischen Schrift lag in Europa seit der griechischen Antike zudem eine Schriftform vor, die allein schon wegen ihrer überschaubaren Menge an Zeichen bestens geeignet war für die Aneignung durch breitere Bevölkerungsgruppen. Der Siegeszug des Buchdrucks half, die phonetische Schrift wiederum zu demokratisieren, und durch den Buchdruck entstand parallel dazu ein lukratives bürgerliches Geschäftsfeld. Bemerkenswert ist überdies, dass die kapitalistische Produktivkraftentwicklung ohne Schrift spätestens ab dem späten 19. Jahrhundert undenkbar wird. Komplexe technische Systeme basieren auf der Schriftkenntnis von Ingenieur*innen ebenso wie ihr Betreiben lesefähige Arbeiter*innen braucht. Und auch wenn es Teile des Bürgertums ängstlich stimmt – es gelingt dem Bürgertum, den Arbeiter*innen in öffentlichen Schulen so viel Lese-Wissen mitzugeben, wie nötig, aber eben auch nicht so viel, damit sie auf dumme Gedanken kommen.
… und er zerstört das Massenmedium Schrift
Wenn das Bürgertum weltgeschichtlich die literale Klasse par excellence war, dann begann sich die enge Bindung von Schrift und Kapital ab den 1970er Jahren zu ändern, da der Kapitalismus in eine Überakkumulationskrise geriet, die bis heute anhält. Die Folgen dieses Einschnitts für das Schriftwissen seien an drei Beispielen umrissen. Erstens: In diesem krisenhaften Umfeld sorgten hohe Profitraten von neuen Medien- und Tech-Unternehmen ab den 1970er Jahren für eine mediengeschichtliche Zäsur. Konnten sich Zeitung und Buch bis dahin als Schriftmedien noch gut behaupten, indem sie lediglich audiovisuelle Konkurrenz von Schallplatte, Radio und Kino hatten, so änderte sich das. Fernsehgeräte standen von nun an in allen Wohnzimmern. Das Privatfernsehen begann seinen Siegeszug, Der Personalcomputer legte den Grundstein für die heutige Tech-Branche. Das hat im 21. Jahrhundert dazu geführt, dass viele Menschen durch Smartphones, Gaming-Plattformen, Social Media usw. in einer schriftfernen Welt leben, in der Kurznachrichten, Klicks und Bilderströme den Text als Wissensmedium ersetzen und die Lesefähigkeit untergraben.
Zweitens: Die Krise der 1970er Jahre änderte das Rollenbild des Kapitalisten. Bis dahin waren Unternehmer häufig zähe Selfmade-Männer wie etwa Henry Ford oder aber studierte Ingenieur*innen, die bis in die soziale Welt hinein technische Expertise für sich reklamierten. In der Überakkumulationskrise aber wurde indes eine weitere Figur immens aufgewertet, der*die Verkäufer*in. Diese*r lebt im Gegensatz zu anderen Kapitalist*innen maßgeblich vom Gespräch. Im Verkaufsgespräch verhökert er*sie Waren, für die der Markt gesättigt ist. Im Kreditgespräch sorgt er*sie für Konsumentenkredite, um den Markt künstlich zu weiten. Im Börsengespräch verkauft er*sie Aktien und diverse Finanzprodukte. Wie sehr diese Figur den Kapitalismus zu prägen begann, zeigt sich ab den 1980er Jahren auch in den medialen Bilderwelten. Man denke nur an Gordon Gekko aus »Wall Street«, Jordan Belfort aus »Wolf of Wall Street« oder den Immobilien- und Selbstverkäufer Donald Trump in »The Apprentice«.
Drittens: In jeder Krise träumt das Kapital von technologischer Innovation als rettendem Ausweg. Seit einiger Zeit umfasst dieser Traum die Automatisierung der technischen Innovation qua KI. Indem Innovation bisher nämlich von der Symbiose aus Text und menschlichem Geist abhängt, ist Innovation kaum kalkulierbar, weil gewichtige Einsichten sich in dieser Symbiose oft nur sprunghaft einstellen. Wenn man jedoch, so die KI-Hoffnung, den Faktor Mensch eliminieren könnte, indem an seine Stelle ein maschinenbasiertes Schriftwissen tritt, das nicht nur alle bisherigen menschlichen Schrifterkenntnisse aufsaugt, sondern diese fortan wie ein digital-reflexives Perpetuum mobile per Algorithmus fortentwickelt, dann würde der Fortschritt nie wieder stocken. An die Stelle von Bildungs- und Forschungseinrichtungen könnten Rechenzentren treten und eine transhumanistische Welt wäre nah.
Auf dem Weg in einen Naturzustand?
Aber selbst, wenn diese Dystopie eines menschenlos fortschreitenden Schriftwissens scheitert, wirft die zeitgleich fortdauernde Zerstörung des menschlichen Schriftwissens tiefgreifende Fragen auf. Welche Folgen hätte ein anhaltender Verlust dieses Schriftwissens für eine Welt, in der sehr viel auf Schriftwissen basiert? Welchen Sinn haben Ideale, Werte oder Gesetze, wenn immer mehr Menschen mit schriftbasierten Normen, die unseren aktuellen Gesellschaftsvertrag etablieren, kaum etwas anfangen können? Wird sich dieser Vertrag womöglich auflösen, so dass uns der aktuelle Mediendschungel in einen selbstgemachten Naturzustand führt? Einen Naturzustand, in dem Recht zu einem situativen Aushandlungsprozess wird, bei dem List und Gewalt kaum mehr geahndet werden?
Eines steht immerhin fest: Die Linke sollte mit Freude angesichts dieser Entwicklung vorsichtig sein. Denn die politischen Aussichten der Linken in einem Naturzustand wären bescheiden, weil sie eine extrem schriftwissensbasierte Strömung ist, wie allein schon dieser Text zeigt. Wenn die Linke also einseitig an dieser Ausrichtung festhält, dann wird sie bald noch mehr als heute auf jene (noch) lesenden Mittelschichten beschränkt bleiben, die schon jetzt in Deutschland den Mitglieder- und Wähler*innenstamm etwa der Linkspartei darstellen. Und wenn die Linke denkt, sie könnte ihrer Mittelschichtsverankerung entkommen, wenn sie nur lang und kompliziert genug über Klassenpolitik schreibt, dann ist dies auch deshalb ein Irrweg, weil diejenigen, die die Linke so gern »Klasse« nennt, als überwiegend gering literalisierte Menschen von all dem kaum Notiz nehmen können.
Letztlich gibt es nur zwei Auswege aus dem schriftbasierten, linken Mittelschichtsghetto. Der deutlich schwerere besteht in der Literalisierung der arbeitenden Klassen im massenmedialen Spektakel unserer Gegenwart. Der Einfachere wiederum zeigt sich dort, wo die Linke eine Politik der Nähe etabliert. Ob die KPÖ in Graz, Mamdani in New York oder die Hausbesuchswellen der Linkspartei – immer da, wo Linke in die oralen Welten der unteren Klassen hineingehen, wo sie unablässig mit diesen Menschen auf Augenhöhe reden, wo sie sinnfällig-spürbare politische Verbesserungen mit diesen Menschen erarbeiten, können sie punkten.
Wenn man den Faktor Oralität berücksichtigt, ist das alles leicht erklärbar. Denn jede Politik, ob von rechts oder links, wird in einer zunehmend post-literalen Welt schlicht zu einer Frage der politischen Präsenz im Hier und Jetzt. Anders formuliert: Die linken Träume vom lesenden Arbeiter, der nach der Lektüre kritische Fragen stellt, sind ausgeträumt, weil die »Gutenberg-Galaxis« (McLuhan) nicht mehr wächst, sondern stirbt. Umso wichtiger ist es also, dass alle Linken verinnerlichen: The future is unwritten!
