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|ak 727 | Geschichte

Freiheit durch Kolonisation

Die Vereinigten Staaten von Amerika werden 250 – über siedlerkoloniale Mythen und die amerikanische Art der Kriegsführung

Von Marlon Lieber

Eine karge Behausung, davor zwei Erwachsene und zwei Kinder.
Sieht karg aus, ist aber der Grabstein für die indigene Bevölkerung der USA: die Besiedlung Amerikas, hier von norwegischen Siedlern in North Dakota Ende des 19. Jahrhunderts. Foto: gemeinfrei

Am 4. Juli jährt sich die Unterzeichnung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung zum 250. Mal. Der Dokumentarfilmer Ken Burns, der im vergangenen Jahr für den Sender PBS einen Sechsteiler über die amerikanische Revolution gedreht hat, gibt sich im Interview mit »Jacobin« wenig bescheiden: Diese sei das bedeutendste historische Ereignis seit Christi Geburt gewesen, da sie einen enormen Einfluss auf die Welt und das Nachdenken über Regierungsformen und Grundrechte gehabt habe.

Präsident Donald J. Trump, nie um einen waghalsigen Superlativ verlegen, scheint das »Semiquincentennial«, so die lateinische Bezeichnung für das Jubiläum, eher kalt zu lassen. Zwar preist er auf Truth Social einige Bücher zum Thema an, doch wirken seine Posts eher wie Gefälligkeiten für politisch loyale Autor*innen. Eine geplante Reihe von Konzerten in der National Mall in Washington D.C. wurde abgesagt, nachdem die meisten Musiker*innen ihre Teilnahme zurückgezogen hatten. Immerhin: Am 14. Juni soll ein »Ultimate Fighting Championship«-Event auf dem Südrasen des Weißen Hauses stattfinden.

Sicher, wenn Trump davon sprach, Amerika »great again« machen zu wollen, ging es nie um die Ideen von 1776. Vielmehr wurde ein phantasmatisches Bild des 20. Jahrhunderts beschworen, als der Zugang zu billigen fossilen Brennstoffen noch die Hegemonie der »Petromaskulinität« (Cara Daggett) absicherte. Zelebriert werden nicht »Leben, Freiheit und das Streben nach Glück«, sondern die weiß und männlich konnotierte Freiheit, ohne Rücksicht auf natürliche Grenzen nach materiellem Wohlstand zu streben.

Tatsächlich wird in der Geschichtsschreibung häufig gerade die Spannung zwischen den Ideen von 1776 und deren unvollständiger Umsetzung hervorgehoben. Das »amerikanische Experiment«, dessen Gründungsdokumente wie Unabhängigkeitserklärung und Verfassung zentrale Bestandteile einer tief verwurzelten Zivilreligion sind, basiere auf drei politischen Idealen: politischer Gleichheit, naturrechtlicher Tradition und Volkssouveränität. So schreibt es die Historikerin Jill Lepore in ihrem gefeierten Buch »Diese Wahrheiten«. Dieses stellt jedoch die Frage, ob die Geschichte der USA diese Ideale verkörpere oder ihnen widerspreche.

Thomas Jefferson etwa, der dritte Präsident der USA und maßgebliche Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, war Sklavenbesitzer, genau wie George Washington, der Revolutionsheld, der als erster das Präsidentenamt bekleidete. Dennoch galten die Worte der Unabhängigkeitserklärung, selbst wenn die Taten der Gründerväter diesen widersprachen, als »Versprechen«. So drückte es etwa der Bürgerrechtler Martin Luther King Jr. 1963 in seiner berühmten »I Have a Dream«-Rede beim Marsch auf Washington aus. Er träume davon, so King, dass die amerikanische Nation endlich das Versprechen einlöse, allen Amerikaner*innen gleiche Rechte zu garantieren, und so den Widerspruch zwischen Ideal und Realität aufzuheben.

Angesichts der offen zur Schau gestellten Grausamkeit der zweiten Trump-Regierung stellt sich aber die Frage, ob diese Perspektive noch überzeugt. Hat der Präsident, der nach Beginn des völkerrechtswidrigen, amerikanisch-israelischen Angriffs auf den Iran, damit drohte, dass »eine ganze Zivilisation sterben« werde, wenn sie seine Forderung nicht erfülle, endgültig das Versprechen von 1776 abgewickelt? Endet die unvollendete Geschichte des Strebens nach Freiheit und gleichen Rechten mit einer Prügelei auf dem Außengelände des Weißen Hauses?

This Land is My Land

Vielleicht ist es aufschlussreich, das Neue der Ideen von 1776, das nicht geleugnet werden muss, für einen Moment hintanzustellen und stattdessen einen Blick auf Kontinuitäten zu werfen. Denn werden die Ereignisse dieses Jahres primär als antikoloniale Revolte gegen die britische Krone betrachtet, gerät in Vergessenheit, dass die Geschichte der USA, von der Kolonialzeit bis in die Gegenwart, die einer Siedlerkolonie ist.

Anders als der Ausbeutungskolonialismus, der die Kolonisierten mit einer Mischung aus Militärmacht, kolonialer Verwaltung und lokalen Kollaborateuren beherrscht, streben Siedlerkolonien danach, ein dauerhaftes Heimatland für Siedler zu schaffen. Das führt unweigerlich zum Konflikt mit indigenen Bevölkerungen, die manchmal zwar ausgebeutet, meist aber vertrieben und/oder vernichtet werden. In ihrem Buch »An Indigenous Peoples’ History of the United States« stellt die Historikerin Roxanne Dunbar-Ortiz daher den Kampf um das Land ins Zentrum. Narrative, welche die »Begegnung« zwischen englischen Siedlern und Indigenen in den Vordergrund stellen oder letzte zu ethnischen Gemeinschaften, die Teil der »nation of immigrants« seien, erklären, würden dieses siedlerkoloniale Gewaltverhältnis leugnen. Die USA stünden, so der Politikwissenschaftler Michael Rogin, auf einem »Indianerfriedhof«.

Endet die unvollendete Geschichte des Strebens nach Freiheit und gleichen Rechten mit einer Prügelei auf dem Außengelände des Weißen Hauses?

Wenn jedoch das Streben nach Land und nicht das Streben nach Freiheit die Antriebskraft der amerikanischen Geschichte war, stellt sich auch 1776 anders dar. Oder präziser: Vielleicht wurde das Streben nach Freiheit unweigerlich in Form des Strebens nach Land gedacht.

Jefferson argumentierte 1774, dass eine Bedingung der Freiheit sei, sich uneingeschränkt bewegen zu können und »freies« Land in Besitz zu nehmen, wenn die eigene Freiheit bedroht sei. »Freiheit wurde ermöglicht durch das Recht zu kolonisieren«, fasst der Historiker Greg Grandin Jeffersons Argument in seinem 2020 mit dem Pulitzer Preis prämierten Buch »The End of the Myth« zusammen. Und dieses Freiheitsverständnis habe die USA tief geprägt.

Die Unabhängigkeitserklärung von 1776 deutet Grandin daher als Antwort auf die von George III. verfasste Königliche Proklamation von 1763. Diese teilte nach Ende des Siebenjährigen Krieges die britischen Gebiete in Nordamerika auf und erklärte, dass das Gebiet westlich der Allegheny Mountains nicht länger von Privatpersonen besiedelt werden dürfe. Das verärgerte aber die Siedler in den nordamerikanischen Kolonien, die ihre Freiheit als »Recht, in den Westen zu gehen« definierten. Die Proklamation wurde daher ignoriert und Siedler begannen, die indigene Bevölkerung jenseits des Gebirgszugs zu terrorisieren.

Uneingeschränkt und irregulär

Auch wenn George III. in der Unabhängigkeitserklärung beschuldigt wird, dass er »die unbarmherzigen wilden Indianer«, die im Krieg »ohne Unterschied von Alter, Geschlecht und Stand« morden, auf »unsere Grenz-Einwohner« losgelassen habe, treffen diese Vorwürfe viel mehr auf die Praktiken der Siedler zu. Schon während der Siebenjährige Krieg noch in Nordamerika tobte, massakrierten Einheiten von nicht-professionellen Kämpfern regelmäßig indigene Männer, Frauen und Kinder. Laut Grandin hatte die Grausamkeit der Siedler eine psychologische Funktion: Sie handelten so erbarmungslos, wie sie es in ihrer Vorstellung den »Indianern« zuschrieben, und legitimierten damit das erbarmungslose Morden. Heute hieße es wohl: »Every accusation is a confession.«

Tatsächlich hatte sich bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts in den britischen Kolonien eine spezifische Art der Kriegsführung herausgebildet. Diese, so die Pointe des Buchs »The First Way of War« des Militärhistorikers John Grenier, prägte auch postrevolutionäre Kriege, als bereits ein professionelles stehendes Heer geschaffen worden war. Und ihr Einfluss reicht bis in die Gegenwart. US-Militärs bezeichnen etwa das Feindesgebiet, ob in Korea, Vietnam, Irak oder Afghanistan, regelmäßig als »Indian Country«, auch wenn es in diesen Kriegen nicht mehr darum ging, Land zur Besiedelung anzueignen.

Laut Grenier waren die siedlerkolonialen Kriege uneingeschränkt und irregulär. Neben der regulären Armee sind nicht-professionelle Kämpfer beteiligt, die »gegnerische Dörfer niederreißen und zerstören; gegnerische Frauen und Kinder töten; Überfälle auf Ansiedelungen durchführen, um Gefangene zu nehmen; gegnerische Nichtkombatanten einschüchtern und brutal behandeln; und Attentate auf gegnerische Anführer verüben

Regeneration durch Gewalt

In den American Studies, der akademischen Disziplin, welche die US-Literatur und -Kultur erforscht, wird schon lange auf den Beitrag hingewiesen, den die »Frontier«, also die bewegliche Grenze, die für die Siedler die Trennung zwischen »Wildnis« und »Zivilisation« markierte, auf die Ausbildung einer US-amerikanischen Nationalidentität hatte. In einer Reihe von bahnbrechenden Studien hat der Amerikanist Richard Slotkin den »Mythos der Frontier« untersucht, der seit dem späten 17. Jahrhundert die Geschichten strukturiert, die Siedler über sich, ihren Platz in der Welt und ihr Verhältnis zu den »Indianern« erzählen.

Dieser Mythos, der als Welterklärung und Handlungsanweisung dient, sieht einen Dreischritt vor: Zunächst entfernen sich die Siedler von der bestehenden Gesellschaft, wenn sie in den Westen ziehen (Separation); dort, an der »Frontier«, müssen sie sich »primitiveren« Lebensbedingungen anpassen (Regression); schließlich überkommen die Siedler die »Wildnis« in Gestalt von unwirtlichen Natur und feindlichen »Indianern«, was zu politischer und kultureller Erneuerung führt (Regeneration durch Gewalt).

Der Mythos hat zwei essenzielle Bestandteile: den »(weißen) Mann, der die Indianer kennt« und das Motiv des »savage war«. Dieser Held ist mit der indigenen Bevölkerung vertraut und kann sie darum um so effektiver bekämpfen: »Lederstrumpf« in James Fenimore Coopers Romanen ist so einer oder der von John Wayne gespielte Protagonist von John Fords Western »Der schwarze Falke«. Der »savage war« ist beides: ein Krieg gegen die »Wilden«, aber auch ein Krieg, der mit wilden Mitteln geführt wird, weil es im Mythos keine Versöhnung zwischen den Parteien geben kann – wobei Slotkin hervorhebt, dass der Angst vor der Vernichtung der eigene Vernichtungswunsch zugrunde liegt, den die Siedler auf die indigene Bevölkerung projizieren. Sie lassen sich »in die Verzweiflung von Verfolgten versetzen, die zuschlagen müssen« (Horkheimer und Adorno).

In der Apokalypse nichts Neues

Zwei Tage nach Beginn der Operation »Epic Fury«, eröffnete Kriegsminister Pete Hegseth eine Pressekonferenz mit der Aussage, dass der Iran seit »47 langen Jahren« einen »wilden, einseitigen Krieg« (»savage, one-sided war«) gegen die USA führe. Hegseths Prophezeiung eines schnellen militärischen Sieges hat sich nicht bewahrheitet. Doch zeigen seine Aussagen die Rhetorik des »Mythos der Frontier« in Aktion. Hegseth verweist »sogenannte internationale Institutionen« in ihre Schranken und verspricht, dass die US-Streitkräfte keinen »dummen Einsatzregeln« unterworfen seien und keinen »politisch korrekten Krieg« führten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ein US-Luftschlag bereits eine Grundschule für Mädchen in der iranischen Stadt Minab zerstört und 168 Menschen, darunter über 100 Schulkinder, getötet.

Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey deuten Hegseths Äußerungen in der »Zeit« als Beispiel eines »neuen, apokalyptischen Aktivismus«, der den Krieg »als kosmisches Drama von Vernichtung und Heilserwartung« inszeniere, als »Enthüllung eines unmittelbar nahenden Weltgerichts«, das »Erlösung« verspreche. Die Analyse von Hegseths vulgärer Apokalyptik ist zutreffend, nur ist der analysierte Gegenstand nicht neu. Hegseths Ankündigung, einen »wilden« Krieg zu führen, steht – ohne, dass ihm das bewusst sein muss – in der Tradition des »Frontier«-Mythos. Bereits 1676, während in Neuengland der »King Philips War« gegen die lokale indigene Bevölkerung tobte, deuteten puritanische Theologen wie Cotton Mather oder Samuel Norwell die Ereignisse als Vorbereitung für eine biblische Entscheidungsschlacht. Wird die amerikanische Revolution also nicht primär unter dem Gesichtspunkt betrachtet, dass die britischen Kolonis*tinnen eine historisch neue Republik gründeten, sondern als Moment in der Geschichte des nordamerikanischen Siedlerkolonialismus, kann konstatiert werden: Die zweite Trump-Regierung scheint nicht bloß den langwierigen und schmerzhaften Prozess der Verwirklichung der »unveräußerlichen Wahrheiten« der Unabhängigkeitserklärung zum Stillstand zu bringen. »The Cruelty is the Point«, auf die Grausamkeit komme es an, schrieb der Journalist Adam Serwer über die erste Trump-Regierung. Wie in einem beliebten Meme-Format müsste ergänzt werden: »Always has been« – so ist es immer schon gewesen.

Marlon Lieber

arbeitet als Amerikanist an der Goethe-Universität Frankfurt und forscht zu Figurationen der planenden Vernunft in der nordamerikanischen Literatur.