Der Staat als Gigafabrik
Quinn Slobodian und Ben Tarnoff zeichnen in »Muskismus« den Weg eines Tech-CEOs zum faschistischen Meme-Lord nach
Von Thore Freitag
Ideologie und Praxis des Silicon Valley waren des Faschismus lange Zeit eher unverdächtig: Die Start-up-Mentalität mit ihrem Innovationsgeist und scheinbar flachen Hierarchien ließ sich eher als Phänomen des noch von sich selbst berauschten Neoliberalismus verstehen. Doch diese Ära ist zu Ende. Große Tech-Unternehmen, die ihre Zeit als Start-ups lange hinter sich haben, konnten sich ökonomische und so auch politische Macht sichern. Big Tech wurde zur Marktgewalt und greift zunehmend unkontrolliert in das gesellschaftliche Leben ein.
Elon Musk, reichster Mensch der Welt und Besitzer eines Tech-Firmenimperiums, das vom Raumfahrtkonzern SpaceX mit seinem Satellitennetzwerk Starlink über den E-Auto-Hersteller Tesla und das Gehirnimplantat-Unternehmen Neuralink bis zum Kurznachrichtendienst X (einst Twitter) und dem KI-Unternehmen xAI mit dem Chatbot Grok reicht, hat sich zuletzt besonders für einen Platz auf dem Podest der schillerndsten Faschist*innen empfohlen. Musk fällt regelmäßig durch Verschwörungserzählungen, rassistische und sexistische Äußerungen und narzisstische Prahlereien auf. Als CEO bekämpft er Gewerkschaften und terrorisiert seine Angestellten. Musks gespenstische ökonomische Macht wie auch sein immer groteskerer Werdegang lassen Beobachter*innen wie Kund*innen zunehmend verwirrt zurück.
Die Gedankenwelt und Herrschaftsansprüche des Multimilliardärs bringen der Historiker Quinn Slobodian und der Tech-Journalist Ben Tarnoff nun auf einen Begriff: Muskismus. Im gleichnamigen Buch – im Original mit dem treffenden Untertitel »A Guide for the Perplexed« (Ein Ratgeber für Ratlose) – widmen sie sich dem Tech-Giganten und seiner Machtakkumulation, die 2025 durch die Ernennung Musks zum Berater Trumps ihren bisherigen Höhepunkt erreichte. Die Autoren erklären das Phänomen Musk nicht bloß im Lichte der jüngsten Ereignisse, sondern führen die Leser*innen zu seiner Jugend im südafrikanischen Pretoria und den Wurzeln seines Unternehmertums im kalifornischen Palo Alto zurück. Die Falle der Psychologisierung Musks anhand biografischer Meilensteine umschiffen die Autoren, indem sie den Fokus auf das Ökonomische legen.
Faschismustheorien
Die faschistische Dynamik wirft Fragen auf. Was treibt sie an? Ist das schon Faschismus? Was beschreibt der Begriff, was trifft ein anderer besser? Es gibt viel zu lesen, auch über die linke Publizistik hinaus. Thore Freitag sichtet und diskutiert in ak faschismustheoretische Neuerscheinungen.
Slobodian und Tarnoff entwickeln den Begriff Muskismus in Anlehnung an den Fordismus, das durch den Autofabrikanten Henry Ford nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte Produktionsmodell, das mit Fließband und Massenproduktion den Kapitalismus revolutionierte. Auch Musk schwebte unter dem Namen Gigafabrik ein eigenes Produktionsmodell vor: schlanke Produktion bei maximaler vertikaler Integration (also Eigenfertigung möglichst vieler Produktbestandteile). Er begann damit, Souveränität und Sicherheit an Staaten zu verkaufen, und zwar mittels Technologie. Zuerst musste der amerikanische Staat im neoliberalen Eifer der frühen Internet-Ära dafür Unternehmern wie Musk seine Infrastruktur anvertrauen. Heute befördert SpaceX statt des Militärs Satelliten ins All und stellt mit Starlink die Infrastruktur des Satelliteninternets. Nur durch solche Aufträge konnte Musk groß werden: Beinahe jedes Musk-Unternehmen baut auf großzügigen externen Investitionen und staatlicher Förderung auf. Selbst Trump fühlte sich zu der Aussage hingerissen, Musk bekomme »möglicherweise mehr Subventionen als jeder andere Mensch in der Geschichte«. Ohne sie müsse Musk »wahrscheinlich seinen Laden dichtmachen«. Musk ist kein klassischer staatsferner Libertärer, das machen Slobodian und Tarnoff deutlich.
Wirklich gefährlich wurde Musk für die US-Gesellschaft als Leiter der Behörde für Regierungseffizienz (DOGE). In der kurzen Zeit seiner Tätigkeit im Frühjahr 2025 wurde deutlich, welches faschistische Potenzial im radikalisierten, mit Macht ausgestatteten »Cyborg-Konservatismus« (Slobodian/Tarnoff) liegt. So leitete er massive Kürzungen am Sozialstaat und die Umstrukturierung der US-Behörden in die Wege, um einen Plattformstaat zu schaffen. Ein solches Gebilde sollte über zentralisierte Datenflüsse sämtliche Arbeitsprozesse einsehen und steuern können, um einer »KI-Regierung« den Weg zu ebnen.
Daran, sein Produktionsmodell auf den Staat zu übertragen, scheiterte Musk. Er ist eben nicht der »Technoking«, als den ihn auch das Buchcover darstellt: Ähnlich dem Hobbes’schen Leviathan posiert er darauf mit Schwert, Raketen-Zepter und einem Körper, der sich aus Tesla-Limousinen zusammensetzt. Springender Punkt bei Slobodian und Tarnoff ist aber, dass sich Musk gerade nicht zum alleinigen Souverän aufschwingen kann. Er lebt vom Staat, den er so gut als Ressource und Auftraggeber seiner Unternehmungen zu nutzen weiß.
Doch aus Musks rechtem Technikwahn und seinem Produktionsmodell eine zeitgenössische Form technofaschistischer Herrschaft zu destillieren, gelingt den Autoren nicht. Der Muskismus bleibt ein weiteres Wortungetüm, das sich für die politische Auseinandersetzung kaum eignet. Trotzdem präsentieren die Autoren ein anschauliches, gut lesbares Buch über die Verbindung von kalifornischer Ideologie, staatsnahem Unternehmertum und rechtsfuturistischem Denken, für die Musk wie kein Zweiter steht.
Dem Fabulisten Musk sind, so ist zu fürchten, vorerst keine Grenzen gesetzt. Daher lohnt es sich, die Frage weiterzudenken, wie der Techno-Faschismus des 21. Jahrhunderts aussieht und wie die Macht eines Elon Musk und seiner Tech-Bros über die gesellschaftlichen Infrastrukturen herausgefordert werden kann.
Quinn Slobodian, Ben Tarnoff: Muskismus. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 281 Seiten, 22 EUR.