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|ak 725 | Alltag |Reihe: Motherhoods

Toxic Boy Mom

Von Jacinta Nandi

Derzeit sehr präsent in der Diskussion: die Toxic-Boy-Mom. Foto: onnola / Flickr, CC BY-SA 4.0

Ich habe bei dem Kleinen im Bett geschlafen. Ich weiß, dass manche Leser*innen das verurteilen. Und ich glaube auch, dass die Kritik ein bisschen, ein kleines bisschen gerechtfertigt ist. Aber sein neues Bett ist so bequem! Die Matratze so gut! Und es sind ja Ferien … und außerdem: Meine Hippie-Freundin Wiebke sagt, alle Säugetiere schlafen bei ihren Kindern, und ich bin ein Säugetier. Ich kenne keine Alleinerziehende, die nicht im Bett des Kindes schläft. 

Ach, Jacinta, das klingt nach etwas, das eine TOXIC BOY MOM sagen würde!

Die Wahrheit ist, ich fühle mich hin- und hergerissen bei der TOXIC-BOY-MOM-Diskussion. Ich glaube total, dass David und Victoria Beckham ein paar große Fehler gemacht haben, und dass ihr inzwischen erwachsener Sohn Brooklyn Beckham das Recht hat, klare Grenzen zu setzen. Und vor allem finde ich ihre Reaktionen auf diesen Versuch, Grenzen zu setzen, sehr, sehr unhilfreich und problematisch. Aber dass seine größte Wut auf Victoria zielt, kommt mir unfair vor; dass in der Öffentlichkeit Victoria die Schuld an Davids angeblichen Affären zugeschoben wird, manchmal sogar von feministischen Meinungsschreiberinnen, scheint mir ein bisschen misogyn zu sein. Und dass niemand sich daran erinnern kann, dass, während David seine Fußballkarriere auf anderen Kontinenten unbekümmert weiterführte, Posh immer den Löwenanteil der Kindererziehung übernahm (okay, zugegebenermaßen, mithilfe von Nannys), na ja, das ist einfach unfair UND misogyn, oder?

Bei der TOXIC-BOY-MOM-DEBATTE wird es schnell unfair und misogyn.

Bei der TOXIC-BOY-MOM-DEBATTE wird es sowieso schnell unfair und misogyn, finde ich. Zwar haben Eltern viel Macht über ihre Kinder, besonders, wenn sie noch Kinder sind. ABER Mütter haben meistens keine oder wenig Macht über ihre gewalttätigen (oder auch nicht gewalttätigen) Partner. Manchmal sehen Jungs dabei zu, wie ihre Mutter jahrelang von ihrem Vater vernachlässigt wird, emotional misshandelt, oder wie ihr sogar körperliche Gewalt angetan wird – und sie spiegeln diese Gewalt weiter. Als ich die Statistik las, dass 2025 eine von zehn Frauen, die von einem Mann ermordet worden sind, von ihrem erwachsenen Sohn getötet wurde, schauderte es mich.

TOXIC BOY MOMS gibt es sicherlich. Cersei bei »Game of Thrones«, Posh Spice bei Brooklyns Hochzeit … Man wirft ihnen vor, ihre Söhne zu sehr zu lieben, zu sehr zu beschützen, aber auch zu sehr zu brauchen. Bei der Manosphere-Doku von Louis Theroux war es bezeichnend, wie die Mama von Internet-Star HS-Tikkytokky wegschaute bei seiner Frauenfeindlichkeit, aber darauf bestand, dass er höflich sprechen sollte. Sie erinnerte mich an eine Ostlondon-Gangstermama aus den 1960ern, die stolz war, dass ihr Sohn saubere Schuhe anhatte, die aber gerne das mit Gewalt und Verbrechen gemachte Geld ausgab, das er nach Hause brachte. Ein Auge zudrücken – und weiter geht’s. Es gibt auch Mütter, die sich nie Sorgen machen, dass ihr Sohn vergewaltigt werden könnte. Dabei ist es 270 Mal wahrscheinlicher, dass ein Mann selbst vergewaltigt wird, als dass er falsch beschuldigt wird, aber das ist den TOXIC BOY MOMS egal. 

Wie kann es diese Mütter geben? Wie können wir sie erklären oder verstehen?

Es ist schwer, Kinder zu erziehen in dieser frauenfeindlichen, mutterfeindlichen UND kinderfeindlichen Welt. Mütter, die allein erziehen, werden ein bisschen mehr bemitleidet, wenn sie Töchter haben, finde ich. Die alleinerziehende Mutter von Söhnen dagegen ist in den Augen der Gesellschaft eine gefährliche Figur geworden: Entweder hat sie einen Vater des Sohnes beraubt oder ist so promisk, dass sie sich einfach schwängern ließ. (Kann es sein, dass die Gesellschaft nicht glaubt, dass ein Mann einen Sohn verlassen würde?)

Ich glaube, dass diese Mischung aus Frauenfeindlichkeit, Mutterfeindlichkeit, Skepsis gegenüber Alleinerziehenden und Angst (oder sogar Paranoia) vor dem Fehlverhalten »vaterloser« Söhne manchmal dazu führt, dass TOXIC BOY MOMS sich angegriffen fühlen, wenn ihre Söhne sich in der Schule zu laut, zu aggressiv, zu männlich verhalten. Ich glaube sogar, dass ein Sohn mit zwei weißen gebildeten Eltern auch mal schlagen oder boxen kann und die Lehrer*innen oder Erzieher*innen es einfach nicht merken – aber es ihnen sofort auffällt, wenn ein Sohn mit getrennten Eltern oder einer alleinerziehenden Mutter dasselbe tut; dann wird es problematisiert und er wird in eine Schublade gesteckt. 

Aber nicht jede TOXIC BOY MOM ist Alleinerziehende, und nicht jede Alleinerziehende von Söhnen ist toxisch.

Was will ich eigentlich? Ich will die TOXIC BOY MOM nicht verteidigen, ich will sie nicht verteidigen müssen. Ich denke, statt sich so viele Sorgen zu machen über Mütter, die nachts im Bett ihres Sohnes schlafen, sollen wir uns darüber Sorgen machen, dass die WBS-Wohnung kein Extra-Schlafzimmer für die Alleinerziehende vorsieht.

Und: Es ist vielleicht paradox, aber es gibt auch Frauen, die für Patriarchat und sogar Vergewaltigungskultur kämpfen. Nicht alle von ihnen haben männliche Kinder, aber ja, es gibt auch TOXIC BOY MOMS, die den Status ihrer Söhne ausnutzen, um mehr Macht auszuüben. Gleichzeitig ist TOXIC BOY MOM ein misogyner Begriff, weil er Frauenhass als strukturelle Unterdrückung ignoriert. Jetzt werde ich kitschig: Wir sollen unsere Söhne mehr lieben, nicht weniger, und für eine Gesellschaft kämpfen, die insgesamt weniger toxisch ist.

Jacinta Nandi

ist Schriftstellerin und ak-Kolumnistin. Ihr Roman »Single Mom Supper Club« war für den Deutschen Buchpreis nominiert.

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