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Soziale Monster, perfekt integriert

Organisierte Kriminalität ist längst Teil der italienischen Mehrheitsgesellschaft geworden, meint der Noir-Autor Massimo Carlotto

Interview: Sebastiano Palamara

Faschist*innen an der Regierung und eine Gesellschaft, in der Ausbeutung und illegale Ökonomien weitestgehend normalisiert sind: Straßenszene in Rom. Foto: Freysteinn G. Jonsson/Unsplash, Unsplash Lizenz

Massimo Carlotto gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen Noir-Autoren Italiens. In seinen Romanen wird das Verbrechen zum Brennglas, durch das die »Schattenzonen« der Gesellschaft sichtbar werden: Verflechtungen von legaler Wirtschaft und Illegalität, Ausbeutung, Korruption, Mafia und Staatsverbrechen. Im Interview erzählt Carlotto von seiner Sicht auf das Italien der Gegenwart und warum die Erzählform des Noir mit einem klassischen Krimi wenig gemein hat.

Wie wählst du die sozialen und kriminellen Dynamiken aus, um die du die Handlung deiner Romane aufbaust?

Massimo Carlotto: Mein Ausgangspunkt ist die wirtschaftliche Situation und die Beziehung zwischen Wirtschaft und Kriminalität. Denn heute sind legales und illegales Geld praktisch nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Neu ist daran vor allem die Verbreitung von Schwarzarbeit und von ausbeuterischen Rekrutierungssystemen als strukturelle Mechanismen der Ökonomie. Es findet aber auch eine anthropologische Veränderung statt. Das hängt mit dem Auftreten von Personen zusammen, deren illegales Verhalten vollständig toleriert und normalisiert wird, die vollkommen in die Gesellschaft integriert sind, einen makellosen Leumund haben. Das ist eine wirkliche Transformation. Schließlich leben wir heute in einer Gesellschaft, in der die Armen die Reichen verteidigen, in der man eines Morgens aufwacht und feststellt, dass Faschisten an der Regierung sind, während viele gesellschaftliche Territorien zunehmend geplündert werden und verarmen. Der Noir dient dazu, diese verdrängten Geschichten zu erzählen.

In deinen Romanen tauchen auch gesellschaftlich integrierte Figuren auf, die systematisch Gesetze brechen, ohne sich selbst als kriminell wahrzunehmen. Welche Bedeutung hat das für deinen Blick auf die Gegenwart?

Eine sehr große, weil das damit zu tun hat, wie eine Gesellschaft neu definiert, was sie für akzeptabel hält. Heute gibt es eine Schicht von Menschen, die vollkommen in das ökonomische System integriert sind und die zugleich in Steuerhinterziehung, Ausbeutung oder andere irreguläre Praktiken involviert sind – ohne irgendeinen moralischen Bruch zu empfinden. Sie sehen sich nicht als Kriminelle, und oft werden sie auch von anderen nicht so wahrgenommen. Das Problem ist nicht nur die Illegalität an sich, sondern ihre kulturelle Normalisierung. Wenn Verhaltensweisen, die die Gesellschaft als Ganze schwächen, als weitgehend legitim betrachtet werden, bedeutet das, dass sich der Blick auf die Welt verändert hat. Betrachtet man dann die Menge an Ressourcen, die der Allgemeinheit entzogen wird, versteht man, wie sehr diese Akzeptanz Ungleichheit und Prekarität erzeugt. Auch deshalb bleibt der Noir ein wichtiges Instrument: Er macht Bereiche der Realität sichtbar, die der öffentliche Diskurs auszublenden versucht.

Mafiöse Kulturen werden nur noch am Rande bekämpft und damit faktisch die Verflechtung von legaler und illegaler Wirtschaft akzeptiert.

Massimo Carlotto

Womit hast du dich in deinen letzten Arbeiten beschäftigt?

In meinen letzten Arbeiten habe ich mich vor allem damit beschäftigt, wie organisierte Kriminalität in Europa nicht nur toleriert, sondern auch nutzbar gemacht wird, um das politische und sicherheitspolitische Gleichgewicht zu stabilisieren. Ich beschreibe ein System, in dem Waffen-, Drogen- und Menschenhandel dank der Deckung von und Absprachen zwischen staatlichen Apparaten florieren – Phänomene, die aus der öffentlichen Berichterstattung vollständig verschwinden. Mich interessiert auch die Veränderung des staatlichen Handelns: Es ist nicht mehr darauf ausgerichtet, strukturelle kriminelle Systeme zu bekämpfen, sondern benutzt Kleinkriminalität und Marginalität als Schreckgespenst, um sicherheitspolitische Maßnahmen und soziale Kontrollmechanismen zu legitimieren. In Italien hat sich in den letzten Jahren eine klare politische Entscheidung durchgesetzt: mafiöse Kulturen nur noch am Rande zu bekämpfen und damit faktisch die Verflechtung von legaler und illegaler Wirtschaft zu akzeptieren. Parallel dazu wurde eine permanente Erzählung urbaner Unsicherheit aufgebaut, die die Ausweitung der Kontrolle des öffentlichen Raums und die Verschärfung repressiver Maßnahmen rechtfertigt. Dahinter steht vor allem politische Angst vor der Zukunft und vor möglichem sozialen Konflikt. Im Zentrum meiner Romane steht jedoch weiterhin die Arbeit: Ausbeutung, Schwarzarbeit, eine illegale Ökonomie, die in die legale integriert ist.

In deinen Romanen erscheint das Gefängnis häufig als zentrale Institution, eher strafend als resozialisierend. Welche Rolle spielt es heute deiner Meinung nach im sozialen System?

Das Gefängnis ist zu einer sozialen Müllhalde geworden. Es resozialisiert nicht, es reintegriert nicht, es produziert Vernichtung. Es ist eine immer stärker abgeschottete Institution, die wie eine echte Diktatur innerhalb der Demokratie funktioniert. Wenn von Suiziden im Gefängnis die Rede ist, wird immer das Wort »Verzweiflung« genutzt, aber so einfach ist es nicht: Oft sind das extreme Entscheidungen, um einer perspektivlosen Situation zu entfliehen, in der Hoffnung systematisch ausgelöscht wurde. Hinzu kommt der massive Einsatz von Psychopharmaka, der vor allem dazu dient, zu sedieren und zu kontrollieren. Das ist ein Strafmodell, das eine breitere Transformation widerspiegelt: die Vorrangstellung sozialer Kontrolle gegenüber jeder Idee von Gerechtigkeit. Auch deshalb erzähle ich davon in meinen Romanen weiter, denn am Gefängnis lässt sich die demokratische Qualität eines Landes wirklich messen.

Was hat sich verändert, seit du zu schreiben begonnen hast?

Vor allem die Welt hat sich verändert – sie ist schlechter geworden. Es gibt eine allgemeine Niederlage, mit der man sich abfinden muss. In einzelnen Geschichten gelingt es manchmal noch, ein Minimum an Gerechtigkeit wiederherzustellen, aber insgesamt ist das Umfeld härter geworden. Wir leben in einem immer extremeren und ungezügelten Kapitalismus, der auf Ausbeutung basiert, vor allem in der Arbeitswelt. Dieses Produktionsmodell erzeugt soziale Monster, perfekt integriert, aber zutiefst gewalttätig. Und auch der Blickwinkel hat sich verändert: Meine Figuren altern, sie tragen Erinnerung und Erfahrung in sich. Für mich ist es entscheidend, das Vergehen der Zeit zu erzählen, weil es die Leserinnen und Leser zwingt, sich mit realen gesellschaftlichen Veränderungen auseinanderzusetzen.

Das Foto zeigt ein Porttrait des italienischen Autors Massimo Carlotto
Massimo Carlotto. Foto: Andrea Caranti/Wikipedia , CC BY-SA 3.0

Massimo Carlotto

schuf 1995 mit der Alligator-Reihe einen Ermittler ohne Lizenz, am Rand der Legalität, aber geleitet von einer festen Moral. Carlotto war Mitglied der linken autonomen Basisbewegung Lotta Continua.

Wie steht es heute deiner Meinung nach um den Noir?

Es wird immer notwendiger, zwischen Kriminalroman und Noir zu unterscheiden. Der klassische Kriminalroman reproduziert fast immer dieselbe Struktur – Verbrechen, Ermittlungen, Lösung – und endet mit dem Triumph der »Guten«. Er ist zu einem vollständig integrierten und gesellschaftlich beruhigenden Genre geworden. Er ist kein politischer Roman mehr. Der Noir hingegen bleibt eine Minderheitenform und entsteht aus einem Blick auf das Negative. Das Verbrechen ist nur ein Vorwand, um davon zu erzählen, was drumherum geschieht: über eine bestimmte Zeit, einen Ort, soziale Milieus, Machtveränderungen. Er ist ein Instrument, um die Gesellschaft zu lesen. Das Problem heute ist, dass es an Analyse mangelt. Viele Romane sind formal gut gebaut, aber tröstend. Deshalb sollte der Noir wieder zu einem Instrument werden, das den gegenwärtigen Zustand untergräbt, das die Leser*innen zum Innehalten zwingt und sie dazu bringt, sich mit der Gegenwart auseinanderzusetzen.

Gibt es deiner Meinung nach einen rechten Noir?

Es gibt rechte Autor*innen, aber die Idee eines rechten Noir trägt, so wie ich diese Erzählform verstehe, nicht wirklich. Der Noir ist politische Literatur, aber auch moralische Literatur, und schwer mit einer rechten Weltsicht vereinbar. Man kann Korruption, Gewalt und Verfall erzählen, ohne eine kritische Absicht zu haben: Einfach die dunkle Seite der Gesellschaft zu zeigen reicht nicht. Wenn sich das Erzählen darauf beschränkt, Realität zu registrieren, normalisiert es sie letztlich. Für mich muss der Noir in die Institutionen eindringen, in die Arbeitswelt und in die Mechanismen des Kapitalismus, und die dominanten Vorstellungen demontieren – angefangen mit der des »inneren Feindes«, der heute wieder eine zentrale Figur ist, in Gestalt des »Verräters«, des politischen »Gegners«, des »Migranten«. Wenn das nicht geschieht, bleibt selbst eine literarisch hochwertige Schreibweise in einer tröstenden Dimension. Und das ist nicht meine Vorstellung von Noir.

Sebastiano Palamara

ist freier Journalist aus Rom und Redakteur der Website spazio70.com.

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