Humbled
Von Jacinta Nandi
Irgendwann mal in den letzten 20 Jahren ist es im englischsprachigen Raum Brauch geworden, zu sagen, wenn man geehrt wird, dass man sich »demütig« fühlt. Immer, wenn die Menschen das sagen, rege ich mich auf wie Bastian Sick, wenn eine Oma »Spaghettis« sagt: Nummer Eins in den Charts, Oscar gewonnen, Nobelpreis für Literatur, Nobelpreis für Weltfrieden, Medaillen, Zertifikate, I’m so humbled, I’m so humbled, I’m truly humbled, you guys, I’ve never been so humbled. Am schlimmsten war es, als die jetzt verstorbene britische Königin irgendein Jubiläum feierte: Die ganze Stadt London, das gesamte Land, war deswegen und weil sie noch nicht tot war, still geworden und stehen geblieben, und Boote sind die Themse entlang gesegelt wie in Heinrich-der-Achte-Zeiten, und sie sagte, dass sie sich humbled fühlte, und ich hörte, wie der Bastian Sick in mir schrie: »NO YOU FUCKING DON’T«.
Und manchmal denke ich, dass mich all das so sehr nervt, weil ich glaube, dass ich mich nicht demütig fühlen darf.
Ähnlich geht’s mir beim Imposter-Syndrom, wenn ich ehrlich bin: Wenn Menschen mir Fragen stellen zu diesem Hochstaplersyndrom, kriege ich ein mulmiges Gefühl, das ich nur als Imposter-Imposter-Syndrom beschreiben kann. Warum habe ich nie Imposter-Syndrom? Was ist los mit mir? Kann ich eine richtige Künstlerin sein, wenn ich nie Imposter-Syndrom habe? Soll ich vielleicht einfach lügen und den Menschen sagen, dass ich doch ständig Imposter-Syndrom habe, sonst nehmen sie mich nicht ernst?
»Ich habe eigentlich nie Imposter-Syndrom«, sage ich einer Mama aus der Eltern-WhatsApp-Gruppe. Sie ist sehr begeistert, dass ich auf der Longlist für den deutschen Buchpreis stehe, und bietet mir gerade Babysittinghilfe an, wenn ich irgendwo sein muss, um gekrönt zu werden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diese Hilfe nicht in Anspruch nehmen muss, freue mich aber, in so einer nerdigen Stadt zu leben, wo Buchpreise das schaffen, wozu in anderen (Normalo-)Städten Notsituationen wie Autounfälle oder Krankheiten notwendig sind – solidarische Kinder-Übernachtungsangebote. Ich liebe es manchmal, in dieser Revenge-of-the-Nerds-City zu leben. »Ich weiß nicht, warum«, schreibe ich ihr. »Manchmal bin ich auf einem feministischen Panel, und alle außer mir auf dem Panel sind deutsche Native Speakers und haben außerdem Doktorarbeiten über Hausarbeit und Care-Arbeit und Geschlechterrollenverteilung geschrieben, und ich denke kurz, bevor es losgeht, oh, warum haben sie mich eingeladen, ich hoffe, dass ich alles verstehe. Aber ein echtes Imposter-Syndrom habe ich nie gehabt.«
»Das klingt für mich nach Imposter-Syndrom, wenn ich ehrlich bin«, schreibt sie zurück.
»Echt?«, sage ich. »Ich dachte, Imposter-Syndrom wäre, wenn ich selbst einen PhD hätte. Man darf Zweifel haben, oder? Kurze Zweifelmomente, ist das wirklich immer Imposter-Syndrom?«
Ich habe ein Imposter-Syndrom nicht nötig, ich habe, wie Dr. Drosten, Besseres zu tun.
Die Wahrheit ist, dass ich manchmal denke, dass ich als nicht-weiße, nicht-deutsche, alleinerziehende Frau aus der Arbeiterklasse kein Imposter-Syndrom benötige. Ich habe es nicht nötig, ich habe, wie Dr. Drosten, Besseres zu tun. Weiße Frauen brauchen das, und weiße Männer aus der Arbeiterklasse vielleicht, und ab und zu nicht-weiße Männer, die so bildungsbürgermäßig sind. Die können darüber nachdenken, ob sie gut genug sind. Aber PoC aus der Arbeiterklasse? WoC aus der Arbeiterklasse? Alleinerziehende WoC aus der Arbeiterklasse? Wir haben keine Zeit für sowas, und außerdem, die Welt sieht uns sowieso als Imposter. Die Welt möchte nicht, dass wir mitmachen dürfen, die Gesellschaft denkt, dass wir eigentlich nicht teilnehmen sollen, der Literaturbetrieb sieht uns als Imposter, fake, Betrügerinnen – wir brauchen kein Syndrom in uns, das uns von der Gesellschaft trennt, die Gesellschaft wünscht uns nicht am Tisch.
Und ich finde es gar nicht so schlimm, wenn die Menschen tatsächlich ein Imposter-Syndrom haben. Ich finde, man soll manchmal zweifeln. Zwar glaube ich, dass in einer gerechten sozialistischen Welt wir alle Künstler*innen werden – sonst gäbe es keine Tätowierungen, keine American Nails, keine Strickkurse, keine Baumärkte und Blumengärtnereien, keine Fanfiction – aber ich glaube auch, dass es wichtig ist, manchmal zu fragen: »Ist das, was ich gerade mache, gut?« Oder sogar: »Warum mache ich das gerade?«
Und ich denke, es wäre nicht schlecht, wenn die weißen Männer aus dem Bildungsbürgertum sich diese Fragen manchmal stellten. Denn es gibt viele weiße Männer in dieser Welt, die das Gegenteil von Imposter-Syndrom haben: das Genie-Syndrom. Und ich finde, dieses Syndrom hilft uns gar nicht – es hilft der Gesellschaft im Allgemeinen nicht, und es hilft den individuellen weißen Männern auch nicht besonders.
Als alleinerziehende WoC kann ich mir kein Imposter-Syndrom leisten, die Welt demütigt mich genug, ich muss es nicht tief in mir »fühlen«. Nichtsdestotrotz muss ich zugeben, dass ich mich nach der Nominierung fast demütig gefühlt habe, ich ging alleine zu Pizza Hut, trank eine kleine Flasche Rotwein, aß eine Barbecue-Pizza und redete leise am Telefon mit meiner Tante. Ich fühlte mich wahrlich demütig und tatsächlich dankbar für die solidarischen nerdigen Babysitting-Angebote. I feel humbled, yo. Fast so humbled wie die Queen.
Jacinta Nandi