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Lust auf Faschismus

Die Historikerin Dagmar Herzog schreibt über Eugenik und den »sexy Rassismus« der Rechten

Von Thore Freitag

verpixeltes Video zweier Partygäste, einer hebt den rechten Arm und zeigt einen Hitlerbart
Naziparolen als Partyhit: Wohlstandsjugend in Sylt im Sommer 2024. Bildquelle: X

Verkrampft-bissige Politiker*innen, die vor schlumpfblauem Hintergrund für völkische Politik werben: Trotz ihres ungebrochenen Erfolgs gilt die AfD gemeinhin eher nicht als sexy. Die US-Historikerin Dagmar Herzog schlägt einen anderen Blick vor. Bei ihr rückt der Körper ins Zentrum faschistischer Politik, denn über ihn lässt sich auf affektiver wie auf sexueller Ebene mobilisieren. Zwei ihrer Vorträge sind nun als Essay-Büchlein mit dem Titel »Der neue faschistische Körper« erschienen.

Die Vorstellung, dass der historische wie gegenwärtige Faschismus prüde, konservativ und lustfeindlich sei, lehnt Herzog ab. Körperliche Begehren, Ängste und Affekte dienten vielmehr als Verstärker des Rassismus’ der AfD, so die Historikerin. Ein hierfür häufig genutztes Bild ist das der weißen Frau, die durch den »Fremden« gefährdet werde: Ihr Körper und ihre Reinheit müssten geschützt werden. Rechte Parteien wollen das durch die »Befreiung« der Bevölkerung und idealerweise des ganzen Territoriums von den »Gefährdern« erreichen, rassifizierte Menschen werden zum Fremdkörper erklärt. Herzog illustriert das am Beispiel eines KI-generierten Wahlkampfvideos der AfD Brandenburg von 2024. In diesem wird ein bekanntes Lied der Rap-Combo Die Atzen zum »Remigration Hit« umgedichtet und mit einer feiernden Crew knapp bekleideter Flugbegleiterinnen eines Abschiebeflugs visuell unterlegt. Die rechte Song-Adaption steht in einer Reihe mit dem Sylt-Skandal um den zur Ausländer-raus-Hymne umfunktionierten Partyhit »L’amour toujours« im selben Jahr und veranschaulicht nach Herzog den »sexy Rassismus« der AfD. Das Musikvideo verknüpft die Ablehnung von Migration mit einer lustvollen, exzessiven Hingabe zur Gewalt. Die AfD eröffnet dadurch Handlungsräume, die sich in einem Parteiprogramm nicht festhalten ließen, und beweist wieder mal ihr Gespür für Provokation und die Klaviatur der Diskursverschiebung.

Faschismustheorie

ist zurück. Kein Wunder, der Faschismus ist ja auch zurück. Die faschistische Dynamik wirft Fragen auf. Was treibt sie an? Ist das schon Faschismus? Was beschreibt der Begriff, was trifft ein anderer besser? Es gibt viel zu lesen, auch über die linke Publizistik hinaus. Thore Freitag sichtet und diskutiert in den nächsten Ausgaben faschismustheoretische Neuerscheinungen.

Mittlerweile ist »Remigration« als strategischer Richtungsanker der internationalen Rechten in aller Munde, selbst die Trump-Administration verwendet den Begriff. Herzog sieht in den Aufrufen zu Gewalt und Säuberung einen zentralen Pfeiler des historischen wie des »postmodernen« Faschismus. Gewalt dient dabei der Ermächtigung: Die Bevölkerung erhält Freibriefe, sie wird zur aktiven Teilnahme an der Gewalt mobilisiert.

Auch in der Behindertenpolitik strebt die Rechte – im NS wie im postmodernen Faschismus – eine »Re-Hierarchisierung« der Gesellschaft an. Dabei geht es faschistischen Kräften, so Herzog, um die vollständige Umkehrung jeglicher Inklusion. Wie diese Ideen wirken, zeigt sie anhand des gar nicht mal so inklusiven deutschen Bildungssystems auf äußerst erhellende Weise. Deutschland werden bei der Inklusion im Schulwesen seit Jahren Defizite und Verfehlungen nachgewiesen. Nicht zuletzt scheitert das zumindest im Anspruch progressive Bundesteilhabegesetz auch am »kompetitiv-selektionistischen, dreigliedrigen Schulsystem« (Herzog) und dem gesellschaftlich fest verankerten Glauben an die Ungleichheit von Körpern mit Dis/ability.

Herzog sieht das als Ausdruck einer behindertenfeindlichen Kontinuität, die sich von der Eugenik des 19. Jahrhunderts bis zur obsessiven Behindertenfeindlichkeit der AfD zieht. Auch hier zeige sich das faschistische Körperbild, das auf dem Leistungsgedanken und dem Phantasma vom gesunden »Volkskörper« gründe. Auf dieser Grundlage beschwört die Rechte den Ekel vor behinderten Menschen, um schließlich ihr Lebensrecht in Frage zu stellen. Das pseudo-rationale Argumentieren mit ökonomischen Kosten soll, wie schon beim Euthanasieprogramm des NS, die Ausgrenzung oder sogar Auslöschung behinderter Menschen rechtfertigen.

Kenntnisreich verwebt Dagmar Herzog das zu einem Essay von gerade einmal 60 Seiten. Auch wenn vertiefende Ausführungen und Beispiele zur Körperpolitik von Nationalsozialismus und AfD hilfreich gewesen wären (gerade weil faschistische Körperpolitik auf oft uneindeutige Weise Rassismus, Sexualität, Antisemitismus und Eugenik vermengt): Am Ende sind es jene Verknüpfungen, die Herzogs Text zu einer wichtigen und auch kurzweiligen Bildungslektüre in Sachen Faschismustheorie machen.

Die nationalsozialistische Euthanasie wie auch der lustvoll und narzisstisch aufgeladene Rassismus und Ableismus der AfD sind eher selten ergründete Felder in der theoretischen Analyse des Faschismus. Und man muss ergänzen: auch in der antifaschistischen Praxis. Der Faschismusforscher Alberto Toscano stellt im Nachwort die naheliegende Frage, wie eine pädagogisch inklusive, antifaschistische Körperpolitik auszusehen hätte. So viel wird bei der Lektüre klar: Sie müsste uns alle zu Gleichheit, Empathie und Solidarität befähigen und dem Faschismus auf der sozialen und auf der affektiven Ebene den Boden entziehen.

Thore Freitag

ist in Leipzig bewegungspolitisch aktiv und sichtet für ak Literatur zum Faschismus.

Dagmar Herzog: Der neue faschistische Körper. Wirklichkeit Books, Berlin 2025. 124 Seiten (dt./eng.), 18 EUR.

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