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|ak 727 | Kultur

Irish Rebel Techno

Mit Huartan startet nach Kneecap eine weitere irische und dezidiert politische Band durch

Von Yosina Koster

Eine Person mit Maske und Umhang auf einer Bühne, dahinte eine Person in weißem Gewand vor einem Mikrofon
Große Maske, viel Bass dahinter: Huartan verbinden Techno und Folklore. Foto: Huartan is grand

Wer nach Dublin reist und am Flughafen ankommt, erhält an der »Music Wall« direkt einen Überblick über das beeindruckende musikalische Vermächtnis der irischen Insel: Hozier, U2, Thin Lizzy, Sinéad O’Connor, Christy Moore. Es ist die Musik, mit der in Irland mühelos Folklore, Geschichte, Widerstand, Lyrik und Gegenwart zusammengebracht werden. Zuletzt machte das Rap-Trio Kneecap von sich reden, das den Kulturbetrieb in Irland und dem Vereinigten Königreich mit seinen widerständigen und provozierenden Texten auf Irisch-Gälisch durcheinanderwirbelte.

Nun startet eine weitere irisch-gälische Band durch: Huartan wurde 2023 gegründet und verbindet traditionell irischen Folk mit elektronischer Musik, sie nennen es »tradtronica«. Auf Irisch-Gälisch schreiben sie eigene Lieder oder interpretieren alte Weisen der gälischsprachigen Inseln neu. Auf der Bühne liefern sie eindrückliche Shows mit aufwendigen Bühnenbildern, Kostümen und heidnischen Masken. Huartan veröffentlichte 2025 ihr gleichnamiges Debütalbum. Im Mai spielten sie auf Belfasts größtem Musikfestival, AVA, neben Kneecap als erste irisch-gälischsprachige Artists – ein riesiger Moment für die Band, die in einem kleinen Pub in West Belfast entstand.

Huartan nennen es »tradtronica«.

The Hawthorn Bar – »An Teach Beag« oder The Wee House, wie das Viertel ihn nennt – ist ein wichtiger Ort, um zu verstehen, woher dieser neue, frische und doch so traditionelle Wind der irischen Musik kommt. Denn sowohl Kneecap als auch Huartan haben ihre Wurzeln in diesem schummrigen, aber charmanten Pub und dem katholischen Viertel drumherum. Auf der Wand in der Nähe des Pubs prangt ein riesiges Kneecap Mural: »England get out of Ireland!«. Wer hier einkehrt, versteht sich unmissverständlich auf irischen Boden und das Vereinigte Königreich als besetzende Kolonialmacht. Das Viertel West Belfast entlang der Falls Road ist ein Neo-Gaeltacht, einer der beiden einzigen irisch-gälischsprachigen Viertel im Norden Irlands. »Every word of Irish spoken is a bullet for Irish freedom« war das kulturelle Paradigma der republikanischen Partei Sinn Féin, des legalen Arms der IRA während des Nordirlandkonflikts, genannt Troubles. Im »Wee House« gehört die Musik genauso zum Inventar wie die Glücksspielautomaten am Eingang. Immer donnerstags findet im Wee House, wie in vielen irischen Pubs die »Traditional Session« statt. Musiker*innen aus losen Zusammenhängen bringen ihre traditionellen Instrumente wie das Akkordeon oder die Bodhrán mit, setzen sich um einen Tisch und stimmen ihre Lieder an. Liedwünsche werden eingebracht, Instrumente herumgereicht, und wer möchte, stimmt ungeniert mit ein. 

Zum Repertoire in den Pubs gehören Klassiker wie »The Foggy Dew«, eine Ballade, die an den Osteraufstand von 1916 gegen das britische Empire erinnert und 1995 von Sinéad O’Connor & the Chieftains prominent gecovert wurde. Männer, die die Wunden der Troubles seit den 1980ern mit Guinness zu heilen versuchen, tippen zu diesem Lied gedankenverloren den Takt an ihrem Pint mit. Auch Huartan hat »The Foggy Dew« neu interpretiert: als Protest gegen den Gazakrieg. Tanzbare Bässe werden unterlegt von der träumerischen Melodie von »The Foggy Dew« und einer Ansprache von Bernadette Devlin McAliskey, einer nordirischen, sozialistischen und republikanischen Bürgerrechtlerin.

Auf »Huartan« nehmen uns Catriona Ní Ghribín, Múlú und Stiofán Ó Luachráin mit auf eine Reise durch mystische Welten, ohne sich dabei in der Vergangenheit zu verlieren. Mit verträumten Flötenklängen, schnellen Bässen und eindringlichem Gesang haben sie ein eigenes Klangprofil entwickelt, das genauso widersprüchlich wie harmonisch klingt. Irish Folk trifft auf Techno und den berühmten Hungerstreik der IRA-Kämpfer. Die Band wendet sich aber auch gegen Umweltverschmutzung in ihrer Heimat oder gegen die erstarkenden rechten, zunehmend fremdenfeindlichen Tendenzen in Irland. Huartan sind ein Technomix, der sich lohnt.

Yosina Koster

lebt in der Schweiz, schreibt über Rap und seine gesellschaftlichen sowie politischen Facetten.