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»Eine neue Zimmerwald­konferenz war meine fixe Idee«

Der Youtuber und Gewerkschafter Andrei Rudoi über die Aussichten der russischen Linken im Exil

Interview: Ewgeniy Kasakow

Eine vergilbte Schwarzweißpostkarte, auf der mehrere Fotos eines älteren Hauses und eine Alpenlandschaft zu sehen sind, außerdem eine gestempelte Schweizer Briefmarke und die Aufschrift "Gruß aus Zimmerwald"
Postkarte des Hotels Beau Séjour in ebenjenem Schweizer Örtchen, wo 1915 die Zimmerwalder Konferenz der in Opposition zum Krieg stehenden Sozialist*innen Europas stattfand. Foto: gemeinfrei

Russlands Exil-Linke muss sich auf die Zeit nach Putin vorbereiten, meint Andrei Rudoi. Er betreibt den marxistischen Youtube-Kanal Westnik Buri. Wie sich die Arbeit der russischen Linken im Exil gestaltet, warum es wenig Kontakte mit der ukrainischen Diaspora gibt, und wieso er manchmal fälschlich als Stalinist bezeichnet wird, erklärt er im Interview.

Andrei, du wohnst seit 2022 im Ausland, hauptsächlich in Frankreich. Wie organisieren sich russische Linke im erzwungenen Exil?

Andrei Rudoi: In Berlin wurde kürzlich ein neues Projekt vorgestellt: die Plattform Radikalnaja Demokratija, Radikale Demokratie, eine Art Dachverband. Irgendwann war klar geworden, dass die Antikriegsbewegung in Russland zerfallen ist, gleichzeitig entstehen zahlreiche Gruppen und Initiativen, vor allem im Exil. Das sind Gruppen von Intellektuellen, Aktivist*innen, Medienprojekte, Menschenrechtsorganisationen, Projekte, die sich mit Arbeitskämpfen und Ökologie beschäftigen, und so weiter. Wir fassten die Entscheidung, diese Projekte zu vernetzen, sie in eine Struktur zu fassen und mit organisatorischen, medialen, finanziellen Ressourcen zu helfen. Radikale Demokratie ist ein Versuch, das linke Antikriegsmilieu, das quasi wildwüchsig entstanden ist, etwas mehr zu koordinieren.

In wie vielen Ländern habt ihr bereits Anhänger*innen?

In sieben oder acht Staaten. Eine genaue Zahl der aktiven Menschen lässt sich schwer nennen, manchmal haben Projekte keine stabilen Mitgliedschaften. Aber Dutzende Menschen arbeiten in unserer Struktur konstant mit, und insgesamt sind über hundert Menschen in der Umlaufbahn der Plattform.

Andrej Rudoi
Foto: privat

Andrei Rudoi

Jahrgang 1990, ist Lehrer und Gewerkschaftsaktivist. Er betreibt den marxistischen Youtube-Kanal Westnik Buri mit fast 350.000 Abonnent*innen und kam im Winter nach Berlin, um mit anderen Exil-Linken aus Russland über neue politische Plattformen zu diskutieren.

Du hast in Berlin von der Notwendigkeit gesprochen, ein Minimal- und ein Maximalprogramm für eine zukünftige linke Organisation in Russland zu schreiben.

Die linke Bewegung, wie es sie vor 2022 in Russland gab, existiert in ihrer alten Form nicht mehr. Wir müssen aber nicht nur Slogans und Parolen anbieten, sondern ein linkes Programm für die Überwindung der aktuellen Lage. Demokratisierung sollte nicht nur den politischen Bereich, sondern auch die Wirtschaft umfassen.

Ihr glaubt, dass, sagen wir, nach dem Ableben von Wladimir Putin eine Umsetzung davon in den Bereich des Möglichen rückt?

Es sind verschiedene Szenarien möglich: die Fortsetzung des Autoritarismus, eine kontrollierte Liberalisierung wie in Spanien nach dem Tod von Franco, eine turbulente Übergangszeit, in der sich die Konflikte zuspitzen. Wir müssen auf alle diese Varianten vorbereitet sein.

Du bist seit über 15 Jahren in der radikalen Linken in Russland aktiv. Dein Weg begann in stalinistischen Organisationen, heute bist du deutlich kritischer gegenüber der Sowjetunion. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Streng genommen war ich nie Stalinist. Seit 2011 oder 2012 war ich stark am westlichen Marxismus interessiert, ich las die Frankfurter Schule, Antonio Gramsci, auch viel von Boris Kagarlitzki. Stalins Werke erschienen mir im Vergleich intellektuell eher arm. Der Mythos, Westnik Buri sei stalinistisch, kam ab 2018 auf, als von liberalen und rechten Kräften eine Welle von Propaganda gegen Linke und die Sowjetunion kam. Als jemand, der die Sowjetunion kritisch sieht, aber sowohl die Bedeutung von 1917, als auch die Errungenschaften der Sowjetunion sieht, habe ich viel und hart gegen solche Propaganda argumentiert. Aber wenn man systematisch falsche Kritik an der Sowjetunion entkräftet, kippt man leicht in Apologetische. Das ist mir selbst aufgefallen.

Die 2019 gegründete Union der Marxisten (Sojuz Marksistov), wo du von Anfang an dabei warst, sollte keine »stalinistische« oder »trotzkistische« Organisation sein, sondern ein Neuanfang der radikalen Linken, die Lesekreise und Betriebsarbeit vereint. Warum ist sie heute fast zerfallen?

Es ist nicht an Ideologie gescheitert. Die Union der Marxisten hatte einen guten Start, es wurde Arbeit in Gewerkschaften, bei ökologischen und in Stadtteilinitiativen gemacht. Aber bald nach der Gründung kam die Pandemie und danach der Krieg. Wie fast alle linksradikalen Organisationen wurde die Union durch den Krieg begraben. Auf die Arbeit in der Illegalität, im Exil war man nicht vorbereitet. Daher ist die Organisation heute faktisch tot.

Du bist Lehrer und Aktivist der Gewerkschaft Utschitel, organisiert in der Konföderation der Arbeit Russlands (KTR). Kannst du heute deine Arbeit dort fortsetzen?

Seit ich zum »ausländischen Agenten« erklärt wurde, darf ich nicht mehr als Lehrer arbeiten, überhaupt nicht im Bildungssektor. Das ist ein faktisches Berufsverbot. Meine gewerkschaftliche Arbeit ist davon natürlich auch betroffen.

Ich bin von Anfang an gegen Russlands Krieg, gegen die Vernichtung von Ukrainer*innen aufgetreten. Doch gegenüber der Kiewer Regierung habe ich keinerlei Pietät.

Andrei Rudoi

War es nach 2022 möglich, Kontakte zu Antikriegslinken in der Ukraine aufzunehmen?

Eine neue Zimmerwaldkonferenz war meine fixe Idee, aber es war schwer, die Kontakte in die Ukraine zu finden und zu halten. Die ukrainische Linke ist organisatorisch sehr geschwächt seit der Regierungszeit von Petro Poroschenko 2014–2019, die auf die Maidan-Proteste, die Annexion der Krim durch Russland und den Krieg im Donbass folgte. Aktuell wären offene Kontakte zwischen Organisationen in beiden Staaten eine Straftat. Erst jetzt fangen die Kontakte zwischen den Aktivist*innen in der Diaspora an, aber es ist ein zäher Prozess.

In der Bundesrepublik argumentiert ein Teil der Linken, Russland habe doch eine starke kommunistische Partei, die KPRF.

Die KPRF ist keine kommunistische, nicht einmal eine linke Partei. Es ist ein seltsames Hybrid aus sowjetischer Symbolik, sozialer Agenda und Konservatismus. Eine sehr postmoderne Partei, wenn man so will. Sie haben zwar Kriegsgegner*innen in ihren Reihen, aber die wurden inzwischen neutralisiert. Ja, es gab einzelne linke Parteiorganisationen und Abgeordnete, es gab bei den Protestwellen gegen Sozialabbau 2005, nach Putins Rückkehr ins Präsidentenamt 2011/12 und – mit Einschränkungen – 2018 bei den Protesten gegen die Erhöhung des Rentenalters deutliche Schwenker der Partei nach links. Aber heute verdanken alle linken politischen Gefangenen ihre Lage auch der KPRF. Ihre Fraktion hat in der Duma allen repressiven Gesetzen zugestimmt. Wer in der Partei bleiben möchte, muss zum Krieg zumindest schweigen. Die Methodik des Erkennens und Rauswerfens von Radikalen hat die KPRF immer weiter perfektioniert.

Andere Linke vergleichen den Kampf der Ukraine mit dem antikolonialen Kampf von Algerien und Vietnam. Internationale Solidarität hieße heute, für Waffenlieferungen zu sein. Was sagst du dazu?

Ich bin von Anfang an gegen den Krieg Russlands, gegen die Vernichtung von ukrainischen Menschen aufgetreten. Doch gegenüber der Kiewer Regierung habe ich keinerlei Pietät. Es ist ein Kompradorenregime, das das Land dem europäischen und US-Kapital zum Kauf anbietet. Das Problem der dortigen herrschenden Klasse besteht darin, dass sie das Land lieber als Satellit des Westens als Russlands sehen will. Es ist eine ziemlich rechte Regierung. Linke Gegenwehr ist faktisch unmöglich. Und militante Neonazis in der Ukraine sind auch nicht einfach eine Erfindung der russischen Propaganda, sie sind präsent und haben Handlungsspielraum. Es gibt keine Gründe für Solidarität mit der ukrainischen Regierung, doch die ukrainische Gesellschaft ist Opfer einer militärischen Aggression.

Ewgeniy Kasakow

ist Historiker und Herausgeber des Buches »Spezialoperation und Frieden« (Unrast Verlag) über Antikriegspositionen in der russischen Linken.

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