Kleinbusse statt Kampfpanzer
Das Zukunftswerk Osnabrück möchte verhindern, dass im dortigen VW-Werk künftig fürs Militär produziert wird
Von Nico Graack
Das vielleicht wichtigste Zugpferd des bisherigen Wirtschaftsmodells Deutschland schwächelt schon länger: die Automobilindustrie. So machte Volkswagen im ersten Halbjahr 2024 etwa zehn Milliarden Euro Gewinn, im ersten Halbjahr 2025 waren es weniger, aber immerhin noch 6,7 Milliarden. Kaufkrafteinbrüche und Unsicherheiten führen zu schwacher Nachfrage, die Konkurrenz aus China wird immer stärker, US-Zölle belasten den Atlantikmarkt, und hohe Energiekosten tun ihr Übriges. Doch es gibt Rekordinvestitionen in einem Bereich, der Hoffnung macht. Nein, nicht der öffentliche Nahverkehr – sondern Rüstung.
So will zumindest VW das Werk in Osnabrück retten: Ab Sommer 2027 werden dort keine Volkswagenprodukte mehr hergestellt. Die Zukunft soll in der Rüstung liegen. Dazu gibt es verschiedene Gespräche und Gerüchte. Letztes Jahr hatte noch Rheinmetall Interesse, zuletzt der niederländische Panzer-, Artillerie- und Munitionshersteller KNDS. Aktuellen Gerüchten zufolge soll ein Joint Venture mit dem staatlichen, israelischen Rüstungsunternehmen Rafael gegründet werden, um Militär-Lkw für mobile Raketenabwehr zu produzieren.
Dagegen stellt sich die Kampagne »Zukunftswerk Osnabrück«. Sie verfolgt drei Ziele: erstens den Stopp der Rüstungspläne, zweitens den Erhalt des Werkes und der Arbeitsplätze und drittens eine zivile Konversion der Produktion für den ÖPNV sowie eine Vergesellschaftung des Werkes.
Arbeitskampf ohne Arbeiter*innen?
Die Kampagne entstand aus einer Protestaktion der Naturschutzorganisation Robin Wood im Mai 2025: »ÖPNV statt Panzer. Jobs nicht auf Krieg aufbauen« prangte auf einem Banner vor dem Osnabrücker Werkstor. Das klingt erst einmal nicht nach Arbeitskampf, sondern nach klassischer Klimabewegung. Und in der Tat kommen viele der Aktiven aus dem Klimakontext. Dazu gesellen sich Friedensbewegte, besorgte Osnabrücker*innen und Gewerkschafter*innen – unter anderem von der Plattform: »SAGT NEIN! Gewerkschafter:innen gegen Krieg, Militarismus und Burgfrieden«. Aber leider keine Gewerkschafter*innen aus Osnabrück. Denn die fürs Werk zuständige IG Metall hält sich bedeckt. Kontakte ins Werk selbst sind also schwer zu knüpfen.
Die Kampagne setzt dafür auf Aktionen am Werk und in der Innenstadt: Flyer verteilen beim Schichtwechsel, Infostände, ein offenes Winterfest. »Vielen können wir nur einen Flyer in die Hand drücken. Einige halten auch für ein kurzes Gespräch an und stehen uns und unseren Forderungen offen gegenüber«, berichtet Tarek von der Kampagne gegenüber ak. »Aber es gibt natürlich auch Vorbehalte. Wenn wir da um sechs Uhr morgens zum Schichtwechsel stehen, kommt auch schon mal ein: ›Geht doch lieber arbeiten!‹«
Die Gräben zwischen Aktivist*innen und Arbeiter*innen sind also nach wie vor breit – zumal mittlerweile einige aus der Belegschaft, die die Rüstungsproduktion ablehnen, bereits gekündigt haben. »Je länger sich diese Phase der Unsicherheit zieht, desto schwieriger wird es für uns«, sagt Tarek.
Bei der Gewerkschaft sieht es nicht besser aus. Die IG Metall schreibt zwar in ihrer Satzung, dass sie für eine »Demokratisierung der Wirtschaft« unter Fernhaltung von »militaristischen Elementen« steht. Und letztes Jahr errang die IG Metall bei einem Autozulieferer in Simmern, Rheinland-Pfalz, einen Transformationserfolg: Ein zur Schließung vorgesehenes Werk soll nun Eisenbahnteile herstellen.
Im Fall Osnabrück aber setzt die IG Metall auf die Pläne der Konzernleitung: VW-Betriebsratschefin und IG‑Metall-Mitglied Daniela Cavallo zeigte sich offen für die Rüstungspläne – Hauptsache, das Werk wird nicht geschlossen. Eigene Vorschläge zur zivilen Transformation des Werkes sind aus Gewerkschaftskreisen bisher nicht bekannt. Mit der Zukunftswerk-Kampagne will die Gewerkschaft nichts zu tun haben.
»Die finden uns unseriös«, stellt Tarek fest, »aber an anderer Stelle regt sich auch Protest von Beschäftigten, zum Beispiel in Köln bei Ford oder in einem Brief von VW-Beschäftigten. Hier sehen wir, dass Zivilgesellschaft und Kolleg*innen in den Werken durchaus ähnliche politische Interessen haben – und diese Verbindungen wollen wir nun stärken!« Eine Presseanfrage von ak ließ die Gewerkschaft unbeantwortet.
ÖPNV mit langfristigem Bedarf
Aber die Kampagne gibt nicht auf. Unseriös oder nicht, ihr Punkt ist völlig berechtigt: Das Werk und die Fähigkeiten der Beschäftigten werden dringend gebraucht, das gilt es zu bewahren. Aber sie für einen überdimensionierten Rüstungsboom einzusetzen – von dem ja auch gar nicht abzusehen ist, wie lange er anhält – wäre eine Verschwendung. Der ÖPNV hingegen hat einen riesigen, langfristigen Bedarf.
Im Rahmen der Generalsanierung der Bahn werden große Mengen an Ersatzbussen benötigt, alleine für die Strecke Hamburg-Berlin rund 200 Stück. Ende letzten Jahres vergab die Deutsche Bahn ihre bisher größte Busbestellung: 3.000 Stück sollen geliefert werden. Im Schienenverkehr werden vielerorts dringend Ersatzteile benötigt – in Dresden mussten beispielsweise vor wenigen Jahren aufgrund des Ersatzteilmangels die tschechischen Tatra-Straßenbahnen aus DDR-Zeiten wieder in Betrieb genommen werden.
Konkret für Osnabrück schlägt das Zukunftswerk den Bau von elektrischen Kleinbussen vor, die zur Ausweitung des ÖPNV-Angebots vor allem im ländlichen Raum dringend benötigt würden. »Dazu haben wir uns letztens mit einem Kleinbus vor das Werk gestellt, um klarzumachen: Wäre es nicht viel schöner, so etwas zu produzieren anstatt Kampfpanzer oder Militärfahrzeuge?«
Es müssen alle Optionen auf den Tisch, bevor man sich der Rüstung als alternativlos unterwirft.
VW-Chef Oliver Blume rechnete kürzlich vor: Die weltweite Produktion des Konzerns hat etwa eine Million Fahrzeuge Überkapazität. Die zentrale Frage ist nun: Wer entscheidet, was mit diesen Produktionsanlagen passiert? Zunächst einmal natürlich der VW-Konzern – aber im Verbund mit der Politik. Aus der besonderen Unternehmensgeschichte als nationalsozialistisches Vorzeigeprojekt entstand eine Sperrminorität für die Politik. Das Land Niedersachsen hält gut 20 Prozent der Aktien und damit genug, um die notwendigen Mehrheitsentscheidungen von 80 Prozent zu blockieren.
Und die Politik setzt mit ihrem Handeln die Rahmenbedingungen: Für die Erhöhung der Rüstungsausgaben wurde von der Regierung Merz die Schuldenbremse gelockert. Das erst schafft die Bedingungen, unter denen der Umstieg auf Rüstung als der erfolgversprechendste Weg zum Erhalt der Arbeitsplätze erscheint. Politik und Konzernführung entscheiden also über die Zukunft eines Werkes, das eine ganze Region prägt. »Darauf zieht sich auch die IG Metall zurück. Von denen heißt es: ›Naja, wir entscheiden ja letztlich nicht. Wir müssen einfach schauen, wie wir die Arbeitsplätze erhalten‹«, sagt Tarek.
Die Frage ist, ob man sich damit abfinden muss. Die Kampagne fordert daher eine Vergesellschaftung des Werkes, sodass Belegschaft, Bürger*innen Osnabrücks, Wissenschaft & Co. entscheiden können, welche Produktion am sinnvollsten ist.
Dafür müssen aber erst einmal alle Optionen auf den Tisch, bevor man sich der Rüstung als alternativlos unterwirft. »Unter anderem wir haben dafür eine Machbarkeitsstudie bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung angestoßen. Darin wird die Möglichkeit der Produktion von Kleinbussen für den ländlichen Nahverkehr untersucht.« Die Studie soll am 2. Juni vorgestellt werden. Dazu lädt die Kampagne zu Aktionen und Demonstrationen nach Osnabrück.