Universalismus mit tödlichen Nebenwirkungen
Islamismus und Salafismus als faschistisch zu bezeichnen, greift zu kurz
Von Jean Rokbelle
Für kurze Zeit schien die nur allzu oft rassistisch aufgeladene deutsche »Islamdebatte« etwas entschärft. Der antimuslimisch motivierte Massenmord des Anders B. Breivik in Norwegen, die zunächst vielversprechenden Proteste im Zuge der arabischen und nordafrikanischen Protestbewegungen und nicht zuletzt die NSU-Mordserie hatten vielen erklärten »IslamkritikerInnen« das Wasser abgegraben. Diese Entwicklung scheint sich momentan umzukehren. Mit dem teils katastrophalen Ausgang des Arabischen Frühlings, einer Diskussion über eine salafistische »Scharia-Polizei« in deutschen Städten und dem unerbittlichen Fortschreiten der dschihadistischen Gruppe Islamischer Staat (IS) in immer mehr Ländern des Nahen Ostens werden die Stimmen der »IslamkritikerInnen« und antimuslimischen RassistInnen wieder lauter.
In diesem Zusammenhang erlebt auch der Begriff des Islamfaschismus (oder auch Islamofaschismus) neue Popularität. Die Medien stellen einen Zusammenhang von Hamas und IS her und letzterer wird wiederum mit dem Nationalsozialismus verglichen. Die Zeitschrift Cicero fragte auf dem Deckblatt ihrer Juliausgabe beinahe unschuldig: »Ist der Islam böse?« Zuletzt hatte auch der deutsch-ägyptische Autor Hamed Abdel Samad mit seinem Bestseller »Der islamische Faschismus« die Debatte um die Verwandtschaft von Faschismus und Islam befeuert und dafür vom linken Magazin konkret bis zur neurechten Zeitung Junge Freiheit Beifall geerntet.
Islamismus als Wiedergänger des Faschismus
Aufgrund einer angeblichen Verwandtschaft von Islam und Faschismus wird eine enge Zusammenarbeit oder zumindest Sympathie zwischen muslimischen AraberInnen und europäischen FaschistInnen unterstellt. So kommt heute kaum eine Diskussion über den Nahostkonflikt und die Geschichte des Islamismus ohne den Verweis auf den »Mufti« von Jerusalem aus, Mohammed Amin al-Husaini. Dieser hatte mit dem Nationalsozialismus kollaboriert, was für viele bereits als Beweis für die Begeisterung der PalästinenserInnen für den Nationalsozialismus gilt. Als weiterer Beleg dient zudem die speziell auf die muslimischen AraberInnen zugeschnittene NS-Propaganda, die in den 1940ern per Zeitungen, Flugblättern und Radioprogrammen im Nahen Osten verbreitet wurde. Wieder andere HistorikerInnen versuchten, der für islamistische Bewegungen äußerst einflussreichen, ägyptischen Muslimbruderschaft Sympathien für die Nazis nachzuweisen, womit zugleich Überschneidungen zwischen faschistischen und islamistischen Ideen belegt werden sollen. Der Islamismus sei der gegenwärtige Wiedergänger des Faschismus, so die VertreterInnen des Islamfaschismus-Begriffs.
All diese Untersuchungen kranken jedoch ausnahmslos daran, dass sie von HistorikerInnen verfasst wurden, deren Fachgebiet zwar der europäische Faschismus, nicht aber die arabische und islamische Geschichte ist. Da häufig auch die nötigen Sprachkenntnisse fehlen, sind diese Arbeiten durch eine Fixierung auf deutsche und englische Quellen geprägt, während arabische Originalquellen und neuere Forschung unbeachtet bleiben, ebenso die vielen arabischen Stimmen liberaler, islamistischer und kommunistischer FaschismusgegnerInnen. Die NS-Propaganda im Nahen Osten wurde durchaus von vielen AraberInnen kritisch rezipiert.
Einer der wichtigsten Unterschiede liegt im universalen Anspruch des Islams begründet, der wenig mit dem auf Blut und Boden, Volk oder Rasse beschränkten Faschismus gemein hat. Der Islamismus kennt keine Nation im herkömmlichen Sinn.
Mittlerweile haben auf den Nahen Osten spezialisierte HistorikerInnen und IslamwissenschaftlerInnen – etwa Israel Gershoni, Götz Nordbruch oder René Wildangel – einen Großteil der genannten Behauptungen durch die Auswertung arabischer Quellen relativiert oder widerlegt. Demnach stießen besonders die rassistischen Vorstellungen der Nazis bei vielen AraberInnen auf entschiedene Ablehnung. Selbst die Muslimbrüder sahen in Nazi-Deutschland und dem faschistischen Italien die Repräsentanten eines rassistischen, nationalistischen und imperialistischen Angriffs Europas auf den Islam und den gesamten Nahen Osten. Das zeigt Israel Gershoni, der in seinen Arbeiten die Schriften der Gruppe analysierte.
Der von der britischen Mandatsmacht ohne nennenswerte theologische Ausbildung zum Mufti erklärte al-Husaini war zwar ein glühender Antisemit und Nazi-Kollaborateur, seine Rolle für die palästinensische Nationalbewegung und den Islamismus wird jedoch stark übertrieben. Ein israelischer Biograph des »Muftis« erklärte, dass dieser nach seinem Tod aus dem öffentlichen Bewusstsein der PalästinenserInnen verschwunden sei – ohne nennenswerte Spuren zu hinterlassen.
Fehlende analytische Trennschärfe
Das größte Defizit des Islamfaschismus-Begriffs ist allerdings, dass er die Vielschichtigkeit des Islamismus übersieht. Die unterschiedlichsten arabischen und muslimischen Organisationen werden nur unter das Schlagwort subsumiert, ganz unabhängig davon, wie viel sie nun mit dem Islam zu tun haben. Angesichts dieser fehlenden analytischen Trennschärfe überrascht es nicht, dass viele der Bücher über den sogenannten Islamfaschismus eher pseudowissenschaftliche Abhandlungen oder politische Streitschriften sind.
Die ideologischen und institutionellen Unterschiede zum Faschismus sind bisweilen eklatant. Für faschistische Bewegungen sind beispielsweise charismatische Führerfiguren charakteristisch. Diese finden sich bei den meisten islamistischen Gruppen nicht. Einen derartigen Kult um einen Menschen würde nicht zuletzt den religiösen Überzeugungen von IslamistInnen widersprechen. So wird gerade unter SalafistInnen eine übersteigerte Fixierung auf eine menschliche Führerfigur als eine Form der Vergöttlichung gesehen und ist damit die wohl schlimmste Sünde, die sich ein Muslim zuschulden kommen lassen kann.
Einer der wichtigsten Unterschiede liegt aber im universalen Anspruch des Islams begründet, der wenig mit dem auf Blut & Boden, Volk oder Rasse beschränkten Faschismus gemein hat. Der Salafismus und ähnliche Formen des Islamismus kennen keine Nation im herkömmlichen Sinn. Die Muslime sind nach dieser Auffassung nämlich weder durch ihre ethnische oder gar »rassische« Herkunft noch durch territoriale Faktoren miteinander verbunden, sondern einzig über das gemeinsame Glaubensbekenntnis. Gruppen wie der IS machen sich diese Überzeugung zunutze, wenn sie weltweit um AnhängerInnen werben. Stolz präsentiert der IS in Propagandavideos nicht nur AnhängerInnen aus unterschiedlichsten Herkunftsländern, sondern vereinzelt auch blinde, kleinwüchsige und andere Menschen, die nicht der nichtbehinderten Norm entsprechen.
Gerade der vermeintliche Universalismus übt auf Jugendliche weltweit enorme Anziehungskraft aus. Das Weltbild des Salafismus liefert eine klare Trennung der Welt in Gut und Böse und bietet so Orientierung, die viele perspektivlose Jugendliche suchen.
Diese Diversität gilt als Beweis für die Universalität der islamischen Heilsbotschaft. Alle anderen, also auch diejenigen Muslime, die nicht die salafistische Auffassung vom Islam teilen, werden hingegen als Ungläubige betrachtet. Im Kriegsfall bleibt diesen GegnerInnen des salafistischen Islams im besten Falle die Zahlung einer Schutzsteuer und damit ein Leben als diskriminierte Minderheit, die »Wahl« zwischen der Konversion zum Islam oder als Feind betrachtet und bis auf den Tod bekämpft zu werden. Grundsätzlich aber steht jedem Menschen die Möglichkeit offen, Teil der muslimischen (d.h. salafistischen) Gemeinschaft zu werden – dieser Anspruch der islamistischen Bewegungen ist also universal.
Universalismus bietet Orientierung
Gerade dieser vermeintliche Universalismus übt auf Jugendliche weltweit enorme Anziehungskraft aus. Hierzulande sind es gerade die SalafistInnen, die ihre Predigten auf Deutsch halten und dadurch ein breites Publikum von Muslimen und Muslima mit den unterschiedlichsten Migrationsgeschichten ansprechen, während sich viele in Moscheen, wo auf türkisch gepredigt wird, fremd fühlen.
Das eng strukturierte Weltbild des Salafismus liefert eine dichotome Trennung der Welt in Gut und Böse und bietet so Orientierung, die viele perspektivlose Jugendliche suchen. Gerade dann, wenn sie sich als Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse erachten, sei es durch schlechte, schlecht bezahlte oder keine Arbeit, oft aber auch durch Ausgrenzungserfahrungen in einer rassistischen Mehrheitsgesellschaft. Eine Konversion zum salafistischen Islam bietet vor diesem Hintergrund die Umdeutung dieser »Opferrolle«. Auf der »guten Seite« stehen die »rechtgeleiteten« salafistischen Muslime, die der »materialistischen« Welt der Ungläubigen (Kuffar) diametral gegenübergestellt sind, die trotz ihrer Verkommenheit die »Rechtschaffenen« unterdrücken. Diese Opferrolle bietet jedoch die Genugtuung, auf der »richtigen Seite« zu stehen, und die Zusicherung auf ultimative Rache an ihren GegnerInnen am »Ende der Zeit«.
Die Komplexität sozialer und politischer Zusammenhänge wird durch ein solches Weltbild enorm reduziert. Durch die Identifizierung mit der islamischen, »guten Seite« und der damit verbundenen Einbindung in einen angeblich göttlichen Heilsplan, wirkt der Salafismus enorm identitätsstiftend und dies nach eigenem Anspruch abseits »materialistischer« und konsumistischer Pfade. All dies hat den Salafismus heute zu einer relativ erfolgreichen Jugendbewegung gemacht und selbst viele Deutsche ohne familiären Bezug zum Islam fühlen sich von der zelebrierten Gemeinschaft salafistischer Gruppen angezogen.
Auch wenn sich schlussendlich durchaus erhebliche Unterschiede zwischen dem Faschismus und den verschiedenen Formen des Islamismus finden lassen, so bedeutet das keinesfalls, dass die islamistischen Bewegungen wie der Salafismus harmlos seien – ganz im Gegenteil. Gerade die Formen des Salafismus zeichnen sich durch Judenhass, Chauvinismus, Militarismus und andere menschenfeindliche Ideologien aus, die häufig mit Faschismus in Verbindung gebracht werden. Daran jedoch eine Wesensverwandtschaft mit dem Faschismus abzulesen greift angesichts der Unterschiede zu kurz – wie auch immer man diese letzten Endes bewerten mag.