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Vom Was zum Wie 

Rückblick auf eine Feuilleton-Debatte über den Faschismusbegriff

Von Morten Paul

Demonstrant hält eiin Plakat mit der Aufschrift "Nie wieder Faschismus" hoch
Nie wieder, schön und gut. Aber wovon sprechen wir überhaupt, wenn wir heute von Faschismus sprechen? Darüber wurde die letzten Wochen viel gestritten. Foto: Dominik Türk / Pexels

Nachdem zuletzt eine Reihe vielbeachteter Bücher den Faschismusbegriff zur Gegenwartsdeutung in Stellung gebracht haben, ist diese Begriffsverwendung nun Gegenstand einer Feuilleton-Debatte geworden. Der Literaturwissenschaftler und Gewaltforscher Jan Philipp Reemtsma fragte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, was man lerne, wenn man z. B. im Hinblick auf Donald Trump die Frage »Ist es Faschismus?« stelle. Reemtsmas apodiktische Antwort: nichts. Stattdessen diene der Gebrauch des aufgeladenen Worts der Stiftung von Zugehörigkeit. Er verschaffe das gute, aber falsche Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. 

Auf diesen Rundumschlag reagierten zahlreiche Wissenschaftler*innen, die zuletzt mit dem Faschismusbegriff gearbeitet hatten. Kurz darauf bot eine Interview-Aussage des Linken-Vorsitzenden Luigi Pantisano zum Verhältnis von CDU-Politik und AfD die nächste Gelegenheit, über die Angemessenheit des Begriffs zu streiten. Und schließlich war durch die Absage der Performance des neuen Liedes von Danger Dan in der Satiresendung Die Anstalt durch die ZDF-Intendanz die Frage nach dem Verhältnis von Kunst, Gegenwartsbeschreibung und politisch-aktivistischen Schlussfolgerungen aufgerufen.

So unterschiedlich die drei Debatten sind, auffällig sind ihre enge Taktung und ihre Schärfe. Das berührt sich mit Reemtsmas Beobachtung, dass Begriffsgebräuche eine affektive Seite haben. Das gilt für diejenigen, die eine Verwendung öffentlich zurückweisen, allerdings auch. 

Begriffskonjunkturen und Debattengeschichte

Begriffsgeschichtlich zeichnet sich Faschismus zunächst durch eine große Offenheit und Unbestimmtheit aus: fascio meinte im 19. Jahrhundert nicht mehr als Bündel oder Bund. Es war wohl auch diese Unbestimmtheit, die es als Name für Mussolinis neue politische Bewegung attraktiv machte, zumal sich mit den fasces, dem Liktorenbündel, das altrömische Autoritätssymbol aufrufen ließ. Die Bezeichnung verbreitete sich dann schnell als verbindende Gegnerbestimmung in der Zwischenkriegs- und Kriegszeit und wurde ab 1945 im Grunde kaum noch affirmativ gebraucht. Das prädestinierte die Frage nach Ausdehnung und Grenzen des Faschismusbegriffs dazu, in nachfaschistischen Gesellschaften zum Anlass von Selbstverständigungen zu werden. Eine solche Selbstverständigung drängt sich wohl immer dann auf, wenn sich gesellschaftliche Veränderungen vollziehen.

So kann es nicht verwundern, dass die derzeitigen keineswegs die ersten Faschismusdebatten sind. Entlang dieser Debatten ließe sich vielmehr gut eine politische Kulturgeschichte Deutschlands nach 1945 erzählen. Dann fiele außerdem auf, dass sich die heutige Diskussion vergleichsweise harmlos ausnimmt, obwohl ihr Hintergrund – eine mögliche Regierungsübernahme der AfD auf Landesebene – von großer Tragweite ist.

Als Suchbegriff eröffnet Faschismus ein überreiches Archiv.

Tatsächlich hatte sich schon mit der ersten Wahl Trumps das Genre »Ist das Faschismus?« zum journalistischen Dauerbrenner gemausert. Auf seine Wiederwahl scheint das wenig Einfluss gehabt zu haben. Reemtsmas Skepsis ist also nicht unbegründet. Die jüngsten Begriffskritiken verfehlen jedoch den Stand der Forschung, wenn sie sich an einer Identitätsbehauptung aufhängen, die AfD oder CDU umstandslos mit dem historischen Faschismus gleichsetzt, um dann zu erklären, die AfD habe keine SA und die CDU plane keine Konzentrationslager. Schon die Vielzahl der Begriffsabwandlungen in den Fachbeiträgen verdeutlicht, dass hier niemand von so einer Identität ausgeht: Ob Spätfaschismus, demokratischer Faschismus, Postfaschismus, Tech- oder digitaler Faschismus oder Faschisierung, sie alle markieren den Versuch, in der Analyse Ähnlichkeiten nicht zu ignorieren und doch Unterschieden Rechnung zu tragen.

Was leistet der Faschismusbegriff?

Einige (Jaeggi/Celikates, Amlinger/Nachtwey, Lessenich/Reichardt) reagierten auf Reemtsmas Einwurf, wo er getätigt wurde: in der bürgerlichen Zeitungsöffentlichkeit. Andere (Demirović, Köppert, Eichhorn, Strick) nahmen Reemtsmas Artikel zum Anlass, um in linken Publikationen über die Funktion des Faschismusbegriffs nachzudenken. In beiden Fällen ist es wichtig, die Reichweite solcher Diskussionen nicht zu überschätzen. Dass Debatten außerdem einer Eigenlogik folgen, die immer droht, die Absichten der Autor*innen zu unterlaufen, gewinnt im Zeitalter von Plattformkapitalismus und Sozialen Medien noch Brisanz, wenn man, wie Reemtsma, die mediale Revolution als Teil des aktuellen gesellschaftlichen Umbruchs oder, wie eine Reihe medienwissenschaftlicher Untersuchungen, sogar als Treiberin der Faschisierung betrachtet. 

Das heißt aber nicht, dass hier nichts zu holen wäre. Welche anderen Antworten auf Reemtsmas Frage nach dem Mehrwert der Verwendung des Faschismusbegriffs geben die Repliken? Zunächst deutet der Begriff im Vergleich zu dem zuvor verbreiteten »Rechtspopulismus« wie gegenüber der Formel von der illiberalen Demokratie eine verschärfte Situationseinschätzung an. Diese Situation zeichnet aus, dass man den Aufstieg von Kräften feststellt, die die liberaldemokratische Nachkriegsordnung grundlegend von rechts infrage stellen. Dafür ist Faschismus, wie der Philosoph Ivo Eichhorn vorgeschlagen hat, zunächst ein vorläufiges Vergleichs- und damit Orientierungsangebot, das immer wieder der Überprüfung und Korrektur bedarf. 

Podiumsdiskussion: Antifaschismus im Herbst

Welche Strategien funktionieren noch, wenn die faschistische Rechte in der Mehrheit ist? Mit Noa Sander (Widersetzen), Aljoscha Hartmann (Radio Corax Halle) und Bafta Sarbo (Autorin und politische Bildnerin). 23. August, 17 Uhr, Metropolis Kino, Hamburg.

Zweitens wird mit dieser Begriffsverwendung eine Aufgabenteilung zurückgenommen, die sich in den 1990er Jahren durchgesetzt hatte, als manche schon glaubten, das Ende der Geschichte verkünden zu können. In ihr sah sich die Geschichtswissenschaft für den Faschismus zuständig, der ausschließlich als historischer Gegenstand begriffen wurde. Politikwissenschaftliche und soziologische Extremismusforschung waren dagegen für den Neofaschismus zuständig. Ihn verstand man zumeist als bedrohliches, aber randständiges Phänomen.

Die Zusammenführung der Erkenntnisse beider Felder verspricht nicht nur eine Bereicherung der jeweiligen Disziplinen. Den Faschismus nicht mehr nur als Vergangenheit, höchstens als Randerscheinung zu fassen, stellt außerdem vor die Herausforderung, ihn erneut im Rahmen einer umfassenden Gesellschaftstheorie zu verorten. 

Zu unterfüttern wäre sie dafür mit Wissensbeständen, die parallel zur, aber unabhängig von der skizzierten Aufgabenteilung erarbeitet wurden. Sie geraten teilweise aus dem Blick, weil sie ohne Faschismus- oder Rechtsextremismus-Begriff auskommen, obwohl ihre Themen für gegenwärtige Mobilisierungen von zentraler Bedeutung sind: Das ist die Forschung zur sogenannten Neuen Rechten, die man als Untersuchung des Formwandels des Faschismus unter Bedingung seiner Tabuisierung als politischer Option betrachten kann; außerdem Analysen von Rassismus und Sexismus, die sie in ihrer gesamtgesellschaftlichen Funktion in den Blick nehmen, sowie die wichtigen Ergebnisse der Antisemitismus- und Holocaustforschung.

Faschismus als Politikmodus 

Als Suchbegriff eröffnet Faschismus ein überreiches Archiv. Dieses Archiv enthält die von Reemtsma angemahnten dichten Beschreibungen, Zusammenschauen genauso wie Differenzierungen, Kontroversen und Überlegungen dazu, welche politischen Schlüsse aus ihnen zu ziehen sind und wie sich das Verhältnis von antifaschistischer Praxis und Faschismustheorie denken lässt, gerade weil es oft misslang. 

Mit dem Öffnen des Archivs gehen aber auch Probleme einher: zunächst dessen Anlage selbst, die ihre eigene Geschichte hat. Ihre Grenzziehungen produzieren Ausschlüsse. Das hat weitreichende Folgen, wenn man bestimmte Traditionslinien fortschreibt, ohne deren Zeitgebundenheit zu berücksichtigen. So entsteht ein allzu schlichtes Bild auch des historischen Faschismus. Vanessa E. Thompson erinnert deswegen etwa an die faschismustheoretischen Überlegungen von Militanten antikolonialer Kämpfe und der Civil-Rights-Bewegung. Das lenkt den Blick auf einen Umstand, der auch für die Betrachtung des europäischen Migrationsregimes hilfreich ist: dass gegenüber einzelnen Bevölkerungsgruppen faschistische Politiken eingesetzt werden können, während andernorts die Mechanismen der liberalen Demokratie intakt bleiben.

Folge ich der Weise, wie Katrin Köppert, Simon Strick und andere sich im Archiv umblicken, dann scheinen Ansätze heute besonders produktiv, die Faschismus nicht so sehr als ein Was – Person, Bewegung, Staat – verstehen, sondern als ein Wie beschreiben, als eine bestimmte Art, Politik zu machen: Wo die Massendemokratie ihr Partizipationsversprechen enttäuscht, ermöglicht Faschismus mitreißende Vergemeinschaftung durch lustvolle Ausgrenzung. 

Ein Vorzug dieser Umstellung auf das Wie ist, dass sich verschiedene Denktraditionen kombinieren lassen. Sie berührt sich außerdem mit einem Umstand, der schon frühe Beobachter*innen des Faschismus irritierte: dass er sich so wenig auf eine Doktrin festlegen ließ, sogar selbstbewusst den Verzicht auf eine solche verkündete. Auch darum scheint es angezeigt, nicht so sehr auf das Vorliegen einzelner Elemente zu blicken, sondern ihre Verknüpfung zum fascio, dem Rutenbündel, in den Blick zu nehmen.

Jedenfalls erlaubt es diese Perspektive, sich nicht zu sehr an der Frage »Ist es?« aufzuhängen, sondern konkrete Sprechweisen, Handlungsmuster und politische Manöver in den Blick zu nehmen. Auch dort, wo sie nicht den politischen Raum bestimmt, zeichnet faschistische Politik nämlich ein Radikalisierungsvektor aus, der das Spielfeld verändert.

Eine Schlussfolgerung ist, dass Aufklärung nicht ausreicht. Die Sogkraft des Faschismus kann jede*r leicht in einer x-beliebigen Onlinediskussion an sich selbst überprüfen. Von hier aus betrachtet ist das Problem der aktuellen Faschismusdiskussion nicht, dass sie zu unvorsichtig mit dem Begriff hantiert, sondern dass sie insgesamt zu vorsichtig ist, um die faschistische Schwungkraft richtig zu fassen und dagegen andere, befreiende Leidenschaften freizusetzen.

Morten Paul

ist Literatur- und Kulturwissenschaftler und arbeitet an der Ruhr-Universität Bochum.

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