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Wir erzählen den Leuten, wie kompliziert alles ist

Die Journalistin Lina Attalah über die ägyptische Onlinezeitung Mada Masr

Interview: Ilka Eickhof

Mitte 2013 gründete eine Gruppe von JournalistInnen die ägyptische Onlinezeitung Mada Masr, die vor allem durch ihre (militär-)kritische Berichterstattung auffällt. Anlässlich des einjährigen Bestehens sprach ak mit der Chefredakteurin Lina Attalah.

Es ist jetzt ein Jahr her, dass ihr Mada Masr gegründet habt. Was war eure Motivation, wie kam es dazu?

Lina Attalah: Wir alle haben zusammen für eine andere Zeitung gearbeitet, Egypt Independent, die englische Fassung einer großen, privaten arabischen Zeitung in Ägypten. Es war eigentlich eine recht progressive Zeitung, aber dann beschloss das Management im April 2013, die spezielle Edition, für die wir arbeiteten, angeblich aufgrund finanzieller Schwierigkeiten einzustellen. 24 Journalistinnen und Journalisten wurden von einem Tag auf den nächsten entlassen. Ich habe die ganze Zeit vermutet, dass es eine politische Entscheidung war. Wir hatten viel Zwist mit der Zeitung, sie haben uns oft zensiert, wenn es zum Beispiel einen kritischen Beitrag über das Militär gab. Nach unserer Entlassung nahmen sie die Zeitungsedition wieder in Betrieb, allerdings mit einem neuen Team, das größtenteils Pro-Militär eingestellt war. Sie hatten also nur unser Team loswerden wollen. Wir verbrachten danach viel Zeit zusammen, es war eine schwierige Zeit, politisch gesehen und ohne Job, das brachte uns enger zusammen. Die Gründung einer neuen Zeitung war da quasi zwangsläufig der nächste Schritt. Insofern ist Mada Masr ein Kind der Krise.

Schwarzweißporträt von Lina Attalah
Foto: privat

Lina Attalah

hat in Kairo Journalismus studiert und arbeitete für diverse ägyptische Zeitungen sowie für den BBC World Service Trust in Darfur. Die Onlinezeitung Mada Masr findet sich unter www.madamasr.com.

Wie habt ihr euch am Anfang finanziert?

Unser Plan war, bei Institutionen anzufragen, ob sie uns und unsere Arbeit finanziell unterstützen. Aber wir wollten auch schon vorher anfangen, vor allem vor dem ersten Jahrestag von Mursis Präsidentschaft am 30. Juni 2013, denn wir wussten, dass da etwas Größeres passieren würde und dass es in den Medien wenig Alternativen zum dominanten Narrativ geben würde. Wir hatten aber noch kein Geld, um uns oder andere zu bezahlen, so haben wir erstmal eigenes Erspartes verwendet, bis wir von irgendwo Zuwendungen erhalten würden. Mittlerweile haben wir zumindest genug Geld, um unsere Gehälter zu zahlen.

Die Zuschüsse, mit denen ihr euch jetzt finanziert, kommen von internationalen Institutionen. Wie geht ihr damit um?

Ja, es gibt gerade keine lokalen Zuschüsse und kein lokales Interesse, uns zu finanzieren. Wir kennen die Kritik daran, dass wir von ausländischen Institutionen finanziert werden, aber zum einen haben wir ja keine andere Wahl, zum anderen finde ich es nicht sinnvoll, hier offenkundig nationalistisch zu argumentieren. Die Zeitung, für die wir vorher gearbeitet haben, wurde von privaten Geschäftsleuten finanziert, was meiner Meinung nach viel dubioser ist. Viele dieser Leute waren an zwielichtigen Geschäften etwa im Waffenhandel beteiligt. Politisch sind wir mit den Geldern jetzt sehr viel besser dran – so lange wir damit transparent umgehen und uns nicht davor scheuen, darüber zu sprechen.

Ich versuche, die Paranoia zu bekämpfen, denn der Staat will ja genau das erreichen.

Lina Attalah

Was waren im letzten Jahr die größten Herausforderungen für euch? Fühlt ihr euch bedroht?

Für mich persönlich ist es so, dass ich gerade meinen Beruf als Journalistin hintenan stelle und mich mehrheitlich mit der Organisation und Leitung der Zeitung beschäftige. Das ist die größte Herausforderung für mich, dass ich gerade nicht schreiben kann. Es fühlt sich so an, als ob ich etwas verpasse. Was die Bedrohung angeht, variiert das ehrlich gesagt sehr stark. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich mich umsehe, wenn ich auf der Straße laufe, weil ich denke, dass mich jemand verfolgt. Manchmal habe ich einfach nur Albträume, vor allem nach besonders tragischen Vorfällen wie der Verhaftung von Freunden, die für uns schreiben oder geschrieben haben. Aber ich versuche ganz aktiv, die aufsteigende Paranoia zu bekämpfen, denn ich denke, der Staat will genau das erreichen. Die ganze Situation ist definitiv gefährlicher geworden nach dem 30. Juni, vorher war ich nicht im Entferntesten paranoid, in den gesamten zwölf Jahren meiner journalistischen Tätigkeit. Jetzt ist das anders.

Wie ist eure Regelung bezüglich der englischsprachigen und arabischsprachigen Beiträge? Warum seid ihr mehrheitlich englischsprachig ausgerichtet?

Es gibt tatsächlich mehr englische als arabische Beiträge. Nachrichten sind eher auf Englisch, das Feuilleton eher auf Arabisch. Aber es ist ungefähr 50:50. Wir wollen die arabischsprachige Sektion in Zukunft stärker entwickeln, um für eine größere Öffentlichkeit zugänglich zu werden. Wir fokussieren inzwischen auch mehr auf das Zielpublikum und denken darüber nach, was die Leute gerne lesen wollen – neben den Dingen, die wir für richtig und interessant halten. Ich halte wenig davon, den Leserinnen und Lesern unterkomplexe Artikel zu liefern, die Dinge sind komplizierter, und wir erzählen den Leuten, wie kompliziert es ist. Was Selbstzensur angeht, gehen wir meistens das Risiko ein. Selbstzensur als solche hat noch nicht stattgefunden. Wir denken schon darüber nach, was passieren könnte, aber wir kommen ja auch nicht weiter, ohne die rote Linie ab und an zu provozieren. Wir reizen die Grenzen aus, auf jeden Fall. Hinzu kommt, dass wir zumindest bisher unter dem Radar fliegen. Ich bin mir sicher, dass einige unserer Beiträge in den jeweiligen Ministerien gelesen werden. Ich weiß nicht, warum sie uns einfach machen lassen. Vielleicht ist es einfach unmöglich, wirklich alle zu beobachten?