Narben der verbrannten Erde
Heute tummeln sich Tourist*innen in Schützengräben an der schwedisch-finnischen Grenze, im Zweiten Weltkrieg wurde die Region von den Deutschen verwüstet
Von Roland Aspviken und Gabriel Kuhn
Die schwedische Landstraße 99 verläuft im hohen Norden über 360 Kilometer von der Grenzstadt Haparanda am Botnischen Meerbusen bis nach Karesuando, der nördlichsten Gemeinde des Landes. Die ersten 200 Kilometer folgen dem Fluss Torneälven, der die Grenze zwischen Schweden und Finnland bildet. Mit Ausnahme der wenigen Gemeinden, an denen man vorbeikommt, ist vornehmlich Wald zu sehen. In der Nähe des Ortes Kaalama, 50 Kilometer nördlich von Pajala, gibt es allerdings eine Sehenswürdigkeit der besonderen Art.
Kaalama besteht aus wenig mehr als ein paar Häusern. Um zu besagter Sehenswürdigkeit zu gelangen, ist zunächst ein unscheinbarer Schotterparkplatz am Rande der Landstraße ausfindig zu machen. Von diesem führt ein Pfad in den Wald. Um dem Pfad zu folgen, muss man unter einem Zaun durchsteigen, der die Rentiere davon abhalten soll, auf die Straße zu gelangen. Nach dieser Übung bedarf es nur noch eines kurzen Fußwegs, um ein einzigartiges internationalistisches Monument zu erreichen. Zwischen den Bäumen kommt ein beachtliches Denkmal in Sichtweite, das auf einem Sockel in Form eines roten Sterns steht und die Inschrift »Kolmilan: Proletär Internationalism« trägt. Der zweite Teil der Inschrift ist auch für deutsche Leser*innen verständlich. »Kolminal« bedeutet Kohlenmeiler, also eine Vorrichtung, um Holzkohle herzustellen. Unter einer solchen hielten sich 1942 im Wald um Kaalama neun finnische »Waldgardisten« versteckt, bis sie von schwedischen Sicherheitskräften aufgegriffen wurden. Einige wurden in Schweden eingesperrt, andere nach Finnland deportiert.
Bei den »Waldgardisten« handelte es sich um junge Männer aus Finnland, die sich weigerten, gegen die Rote Armee in den Krieg zu ziehen. Rund 200.000 deutsche Soldaten waren zu jener Zeit im Norden Finnlands stationiert. Die finnische Regierung kollaborierte mit dem Nazi-Regime. Finn*innen, die sich für diese Allianz nicht hergeben wollten, hatten dafür meist politische Gründe. Viele von ihnen waren Kommunist*innen. Etwa 5.000 flohen auf die schwedische Seite des Torneälven. Einige unterstützten von dort aktiv die Widerstandsbewegung in Finnland. Das Beispiel der Waldgardisten von Kaalama ist eines der wenigen, das gut dokumentiert ist. Das Monument zu ihren Ehren wurde 1979 von der Ortsgruppe der Kommunistischen Partei (heute Linkspartei) aus der nahegelegenen Gemeinde Kaunisvaara errichtet.
Vergessene Verheerungen
Die schwedisch-finnische Grenze wird oft vergessen, wenn es um die verheerenden Auswirkungen der deutschen Kriegspolitik im Norden Europas geht. Über die Besatzung von Dänemark und Norwegen ist einiges bekannt, auch dass die Wehrmacht 1944 mit der Taktik der verbrannten Erde ganz Finnmark, die nördlichste Provinz Norwegens, in Schutt und Asche legte – teils aus Rache, teils um das Nachrücken der Roten Armee zu verhindern. Die gesamte Bevölkerung der Provinz, in etwa so groß wie die Schweiz, wurde evakuiert. Nur ein paar sture samische Rentierhalter*innen weigerten sich, die Provinz zu verlassen, und harrten im Landesinneren aus.
Auf Schweden richtet sich kein großes Augenmerk, was die Kriegszeit anbelangt, da die schwedische Sammlungsregierung, die während des Zweiten Weltkriegs im Amt war (nur die Kommunistische Partei war nicht in ihr vertreten), die Beziehungen zu Nazi-Deutschland diplomatisch löste. Schweden lieferte Eisenerz für die deutsche Kriegsindustrie und erlaubte deutsche Truppentransporte nach Norwegen. Die Nazis nahmen dafür Abstand davon, das Land zu besetzen. Die Erinnerungen an den Krieg sind in den Grenzregionen trotzdem stark. Das Gebiet entlang des Torneälven trägt den Namen Tornedalen. Die dort lebenden Menschen, die Tornedalingar, sind eine der offiziellen nationalen Minderheiten Schwedens. Sie sprechen Meänkieli, einen finnischen Dialekt, der als Minderheitensprache anerkannt ist. Die kulturellen Verbindungen zur finnischen Seite sind stark.
Scheinbar gibt es Bewohner*innen, die sich bis heute weigern, in Autos aus deutscher Produktion einzusteigen.
Gut 100 Kilometer südlich von Kaalama, in der kleinen Gemeinde Kassa, wohnt Bengt Pohjanen, einer der bekanntesten Schriftsteller Tornedalens. Pohjanen hat zahlreiche Gedichtbände, Theaterstücke und Romane verfasst, sowohl auf Meänkieli als auch auf Schwedisch. Er empfängt uns in seinem Heim, das direkt am Torneälven liegt und seit Generationen in Familienbesitz ist. Pohjanen meint, dass während des Zweiten Weltkriegs kein Heim entlang des Flusses so viele Flüchtlinge aufnahm wie dieses. Das lässt sich nicht verifizieren, doch Pohjanen zeigt uns Axthiebe, die an einer der Türen zu den Scheunen deutlich sichtbar sind. Er meint, dass sie von einem finnischen Soldaten stammen würden, der während des Krieges geflüchtet war und Zugang zur Scheune suchte.
Es waren unterschiedliche Gruppen, die den Torneälven überquerten: finnische Wehrdienstverweigerer wie die Waldgardisten, finnische Soldaten auf der Flucht vor der Roten Armee, aber auch Deserteure der Wehrmacht. Pohjanen berichtet von einer Luger-Pistole, die im Garten des Familienheims gefunden wurde. Er meint, sie hätte nur von einem deutschen Deserteur stammen können.
Das Heim der Familie Pohjanen war nicht nur aufgrund seiner Lage Anlaufstelle für Geflüchtete und Deserteure. Pohjanens Vater war ein erfahrener Schmuggler. Die Schmuggelei war ein lukratives Geschäft entlang des Flusses und für viele Anwohner*innen ein wichtiges Zusatzeinkommen. Pohjanens Vater wusste, wie man mit einem Boot auf dem Fluss unentdeckt blieb – und wurde er doch entdeckt, wusste er die Grenzbeamten dazu zu bringen, ein Auge zuzudrücken. Während des Krieges nutzte er dies, um zahlreichen Menschen über den Fluss zu helfen. Andere versuchten, diesen schwimmend zu überqueren, nicht alle überlebten. Politische Ideologien waren Pohjanens Vater egal. »Er half allen. Er sagte immer: ›Alle sind Menschen.‹«
Pohjanen hat sich in mehreren Romanen mit der Kriegszeit beschäftigt. Dafür forschte er ausgiebig. So machte er Werner Herbrechtsmeier ausfindig, der während des Krieges als Kommandant der Wehrmacht in Tornio stationiert war, der finnischen Zwillingsstadt Haparandas. Pohjanen besuchte Herbrechtsmeier 2010 in der Nähe Hamburgs. Groll hegte er gegen den Wehrmachtskommandanten keinen. »Der Mann war 15 Jahre lang in Therapie.«
Unaufgearbeiteter Lapplandkrieg
Nicht alle Tornedalingar zeigen sich so nachsichtig. Der heute 90-jährige Enok Eriksson wohnt in Muodoslompolo, im Norden des Gebiets. Als Kind sah er vom höchsten Hügel des Ortes aus, wie die Wehrmacht die finnische Gemeinde Muonio auf der anderen Seite des Flusses niederbrannte. Die finnische Regierung hatte kurz zuvor mit der Sowjetunion einen Waffenstillstand abgeschlossen, der sie verpflichtete, die deutschen Truppen des Landes zu verweisen. Es folgte der sogenannte Lapplandkrieg. Auch in diesem wandte die Wehrmacht die Taktik der verbrannten Erde an, und genauso wie in Norwegen wurden auch in Finnland Hunderttausende Menschen evakuiert. Die Geschichte wurde im Land selbst lange nicht aufgearbeitet. Einige Diskussionen gab es jedoch anlässlich des 80-jährigen Gedenkens an das Kriegsende im Jahr 2025. Für den Herbst dieses Jahres ist die Premiere einer großen finnischen Filmproduktion angekündigt, die die Ereignisse cineastisch aufarbeitet. Der Titel: »Lapin sota«, »Lapplandskrieg«.
Ein paar Tage, nachdem er im Oktober 1944 die Brände in Muonio beobachtet hatte, wagte sich Enok zusammen mit anderen Bewohner*innen Muodoslompolos über die Grenze. »Die Kirche stand noch, dazu vielleicht zwei Häuser. Alles andere war dem Erdboden gleichgemacht worden.« Die Frage, was das für den Ruf der Deutschen im Ort bedeutete, entlockt ihm ein verschmitztes Lächeln: »Nichts Gutes.« Anscheinend gibt es Bewohner*innen, die sich bis heute weigern, in Autos aus deutscher Produktion einzusteigen.
Nicht nur für die Bewohner*innen des Grenzgebiets ist die Kriegsgeschichte bis heute von Bedeutung. Finnische Universitäten betreiben archäologische Forschungen, um all die Gefangenenlager zu rekonstruieren, die die Wehrmacht eingerichtet hatte. Historiker*innen versuchen, die Namen und Schicksale der Insass*innen zu erfassen.
Auch für den Tourismus spielt die Kriegsgeschichte eine Rolle. So wurde die »Sturmbock-Stellung Järämä« in der Nähe Karesuandos restauriert. Hier tollen sich jetzt im Sommer Wohnmobiltourist*innen – viele von ihnen aus Deutschland – in Schützengräben, Artillerieanlagen und Bunkern.
Für Linke interessant ist der Ort Kummavuopio am Dreiländereck Schweden-Norwegen-Finnland. Weiter nördlich kommt man in Schweden nicht. Kummavuopio ist ein abgelegener Hof, den im Jahr 1904 Olga Raattamaa zusammen mit ihrem Mann übernahm. Der Hof war eine Zwischenstation für Handelsreisende und samische Rentierhalter*innen. Es gab ein paar Kühe, ansonsten lebte das Ehepaar Raattamaa von der Jagd und dem Fischfang. Olga war es gewohnt, Fremde aufzunehmen, und bei Flüchtlingen machte sie keine Ausnahme. Während des Zweiten Weltkriegs fanden so viele Menschen aus Norwegen und Finnland in Kummavuopio Zuflucht, dass Olga Raatamaa vom norwegischen König eine Medaille verliehen wurde. Diese schenkte sie angeblich einem Priester, der sie gerne haben wollte. Ihr bedeutete sie wenig. Vor den Herrschenden hatte sie wenig Respekt. Als ihr von den Behörden vorgeworfen wurde, Geflüchtete mit geschmuggelten Waren zu versorgen, meinte sie: »Dann bringt mich doch vor Gericht! Soll ich Menschen verhungern lassen, nur weil Mächtige irgendwo da unten im Süden meinen, ihre Gesetze seien mehr wert als unser Leben?«
Dem hohen Norden Europas kommt bis heute eine große militärische Bedeutung zu. Hier liegen zahlreiche Militärbasen, und häufig finden Winterübungen statt. Durch den Nato-Beitritt Finnlands und Schwedens vor zwei Jahren hat die Militärpräsenz weiter zugenommen.
Die militärischen Interessen spiegeln sich auch im Straßennetz wider. Ost-West-Verbindungen sind selten. Der russischen Armee soll es bei einem eventuellen Einmarsch nicht allzu leicht gemacht werden. Als wir Parkalompolo, südlich von Muodoslompolo, besuchen, meint eine Bewohnerin, die sich noch an die Kriegszeit erinnern kann: »Ich verstehe nicht, warum alle immer nur von den Russen reden. Es waren doch die Deutschen, die auf der finnischen Seite alles niederbrannten. Und die sind auch in der Nato.«