Auf den Energiemix kommt es an
Seit ihrer Gründung setzt die Volksrepublik China auf möglichst große Unabhängigkeit
Von Merle Groneweg
Als 2022 russische Panzer in Richtung Kiew rollten, bezog die Bundesrepublik mehr als 50 Prozent ihres Erdgases aus Russland. In China hätte und hat man sich nicht auf eine derartige Abhängigkeit von einem einzelnen Energielieferanten eingelassen. Seit Gründung der Volksrepublik unter Mao Zedong setzt die Kommunistische Partei Chinas auf größtmögliche Unabhängigkeit und Selbstversorgung, gerade auch hinsichtlich der Energieversorgung. Auch aus diesem Grund gelingt es der chinesischen Regierung, die Folgen der Blockade der Straße von Hormus besser abzufedern.
Die Straße von Hormus ist eine der zentralen Arterien des fossilen Kapitalismus. Der Iran, Irak, Kuwait, Bahrain, Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) lassen einen großen Teil ihrer Güter, darunter auch Flüssiggas (LNG), Düngemittel und andere Produkte, normalerweise über diesen Engpass transportieren. Damit ist die Straße von Hormus ein Paradebeispiel für einen strategischen »Chokepoint« (wörtlich: Würgepunkt), den ein Staat – in diesem Fall der Iran – nutzen kann, um Druck auf andere auszuüben. Denn wer die Knotenpunkte globaler Wertschöpfungsketten und Transportwege kontrolliert, kann andere von Rohstoffen, Technologien oder Informationsflüssen abschneiden. So haben es Daniel W. Drezner, Henry Farrell und Abraham L. Newman 2021 in ihrem viel beachteten Buch »The Uses and Abuses of Weaponized Interdependence« beschrieben, bevor der ehemalige US-Regierungsbeamte Edward Fishman 2025 mit »Chokepoints. How the Global Economy Became a Weapon of War« nachlegte.
Die 1949 gegründete Volksrepublik China (VRC) war – ähnlich wie es die 1979 ausgerufene Islamische Republik Iran bis heute ist – vom westlich dominierten internationalen System ausgeschlossen. Unmittelbar nach Gründung des »neuen Chinas« unter Mao Zedong belegten die USA das Land mit Sanktionen und einem Handelsembargo, das nach dem Beginn des Koreakriegs 1950 noch verschärft wurde. Erst 1971, als die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) die Volksrepublik anerkannte (und die sich im Exil auf Taiwan befindende Regierung der Republik China den UN-Sitz verlor), entspannte sich das wirtschaftliche Verhältnis.
Größter Importeur von Rohöl
Seit Anbeginn der Volksrepublik setzt die Kommunistische Partei Chinas deshalb auf Eigenständigkeit und Autarkie, gerade auch hinsichtlich der Energieversorgung. Das Anfang der 1960er Jahre erschienene Musikalbum »Öl für das Vaterland fördern« glorifiziert die Ölförderung mit zwölf Liedern. So heißt es in einem Lied, das den gleichen Titel wie das Album trägt: »Der revolutionäre Kurs des Vorsitzenden Mao führt uns dazu, die Selbstständigkeit unseres Landes aufzubauen (…) Das Öl fließt, und mein Herz erfüllt sich mit Freude.«
Heute produziert China etwas mehr als vier Millionen Barrel Öl pro Tag – das ist nicht wenig, deckt aufgrund der Größe und Wirtschaftsleistung des Landes dennoch nur knapp ein Drittel der heimischen Ölnachfrage ab. Damit ist die Volksrepublik alles andere als autark. Im Gegenteil: Sie ist der größte Importeur von Rohöl weltweit. Rund 20 Prozent der Importe nach China entfallen auf Russland – und damit einen einzelnen Lieferanten, mit dem China eine mehr als 4.000 Kilometer lange Grenze teilt und durchaus ambivalente politische Beziehungen pflegt. Eine größere Abhängigkeit möchte die chinesische Regierung vermeiden, das gilt auch für Gasimporte aus Russland. Gleichzeitig profitiert sie davon, russisches Öl und Gas aufgrund der internationalen Sanktionen infolge des Ukraine-Kriegs zu vergünstigten Preisen beziehen zu können.
Der Schwenk zu E-Autos hat die Nachfrage nach Öl in China bereits gedämpft.
Das gilt auch für Öl aus dem Iran: Hier ist China mit Abstand der wichtigste Abnehmer. Zwischen 80 und 90 Prozent der iranischen Ölexporte gehen in die Volksrepublik, vor allem an kleinere Ölraffinerien in der Provinz Shandong, die nicht in das internationale, dollarbasierte Finanzsystem eingebunden sind und deshalb keine US-Sanktionen fürchten. Ohnehin werden viele dieser Transaktionen inzwischen mit chinesischen Renminbi (RMB) abgewickelt – und laufen nicht über das in Belgien angesiedelte internationale Zahlungssystem SWIFT (Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication), sondern über das chinesische CIPS (Cross-Border Interbank Payment System). Während es für die Islamische Republik Iran und ihre Unternehmen aufgrund der US-geführten Sanktionen schwer bis unmöglich ist, ihr Rohöl international zu handeln, profitieren chinesische Unternehmen von den vergünstigten Preisen, zu denen sie es deshalb kaufen können. Zugleich trägt der iranisch-chinesische Ölhandel zur Internationalisierung der RMB als Handelswährung bei.
Die Beziehung ist asymmetrisch: Während die Ölexporte Irans fast vollständig nach China fließen, macht iranisches Öl nur elf bis 13 Prozent der Ölimporte Chinas aus. Einen ähnlichen Anteil an Chinas Ölimporten verzeichnen Saudi-Arabien und Irak; insgesamt kommt rund die Hälfte der Öllieferungen nach China aus dem Nahen Osten, gefolgt von zwanzig Prozent aus Russland sowie zahlreichen Lieferanten aus Nord-/Südamerika und Afrika. In Anbetracht der immer deutlicheren Drohungen der US-Regierung Richtung Teheran hat sich die chinesische Regierung laut eines Berichts des britischen Thinktanks Bruegel auf die Krise vorbereitet: Im Januar und Februar 2026 sind die chinesischen Ölimporte rasant angestiegen, um die Vorräte noch weiter aufzufüllen.
Wie groß die Reserven Chinas insgesamt sind, ist unbekannt; Schätzungen gehen von 1,2 bis 1,4 Milliarden Barrel Öl aus – genug, um etwa vier Monate ohne jegliche Importe zu überstehen. Unmittelbar nach Kriegsbeginn Ende Februar wies die chinesische Regierung darüber hinaus alle Raffinerien an, keine Treibstoffe mehr zu exportieren, um die inländische Versorgung zu sichern. Regierungsnahe Staatsmedien betonen die strategische Ausrichtung, lange Vorausplanung und Handlungsfähigkeit der Kommunistischen Partei. So heißt es in einem Anfang April bei Chinas Global Times erschienenen Artikel mit Verweis auf u.a. einen Reuters-Bericht: »Ausländische Medien sind beeindruckt von Chinas Widerstandsfähigkeit angesichts globaler Störungen der Ölversorgung.«
Ausbau von Kohle- und Solarstrom
Doch diese »Widerstandsfähigkeit« beruht nicht primär auf den Ölreserven oder der Frage, ob und wie viele Öllieferungen nach China weiterhin die Straße von Hormus passieren, sondern auf Chinas Energiemix selbst. Die Abhängigkeit der chinesischen Energieversorgung von Öl ist vergleichsweise gering. Laut der Website Our World in Data machte Öl nur 18,5 Prozent des Primärenergieverbrauchs 2024 aus; bei Gas waren es knapp neun Prozent. Aufgrund des Fokus auf Energiesicherheit als zentralem Bestandteil von nationaler Sicherheit priorisiert die chinesische Regierung seit Langem die Förderung und Verbrennung von Kohle sowie den Ausbau der erneuerbaren Energien im Land. Der Anteil von Strom am gesamten Primärenergieverbrauch liegt in China bei ca. 30 Prozent und ist damit höher als in Deutschland. Ein Grund dafür ist die Verkehrswende: In keinem Land auf der ganzen Welt werden so viele E-Autos produziert, gekauft und gefahren, und zwar nicht nur in absoluten Zahlen, sondern auch relativ betrachtet. Diese Entwicklung hat die Nachfrage nach Öl in China bereits gedämpft.
Der Strommix ist freilich alles andere als »grün«, sondern basiert zu mehr als 60 Prozent auf Kohleverbrennung. Allein 2024 genehmigte China neue Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von 66,7 Gigawatt, begann den Bau von 94,5 Gigawatt – so viel wie seit 2015 nicht mehr – und reaktivierte 3,3 Gigawatt zuvor gestoppter Projekte. Die Gründe dafür sind vielfältig. Kohle ist reichlich vorhanden und ihr Abbau aufgrund verhältnismäßig niedriger Umwelt- und Arbeitsstandards günstig. Die Kohleverbrennung hat Chinas Industrialisierung befeuert und gleichzeitig die Energiesicherheit des Landes gewährleistet. Tatsächlich kam es 2021 und besonders 2022 in mehreren Regionen Chinas zu Stromengpässen, weil extreme Hitze und anhaltende Dürre die Wasserkrafterzeugung einbrechen ließen. Die Engpässe machten deutlich, wie verwundbar Chinas Energiesystem gegenüber klimabedingten Wetterschwankungen ist. Chinas Kohlekonzerne fördern das Narrativ der »Energiesicherheit« aktiv, indem sie ihre kohlebasierten Kraftwerkskapazitäten als unverzichtbares Rückgrat eines stabilen und steuerbaren Stromsystems darstellen. Der Ausbau und Erhalt von Kohlekraft werden dabei als notwendig für die »nationale Sicherheit« dargestellt.
Gleichzeitig stammt ein wachsender Teil der Stromproduktion aus erneuerbaren Energien. Auch Chinas neuer Fünfjahresplan, verabschiedet vom Nationalen Volkskongress Mitte März, setzt weiterhin stark auf den Ausbau von Wind- und Solarkraft in großen Energieanlagen. Lkws sollen künftig nicht mehr mit Öl, sondern mit Wasserstoff fahren – und neue Stromnetze und -speicher die Elektrifizierung von Industrieprozessen vorantreiben. Diese Transformation ist nicht nur klimapolitisch relevant, sondern, wie sich in diesen Tagen wieder zeigt, auch geopolitisch und ökonomisch. Der Krieg zwischen den USA, Israel und Iran könnte dabei noch einen weiteren Nebeneffekt haben: Steigende Öl- und Gaspreise erhöhen weltweit den Druck zur Elektrifizierung – ein Vorteil für China als führenden Produzenten »grüner« Technologien.