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Verein fuer politische Bildung, Analyse und Kritik e.V.

ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 660 / 19.5.2020

Aufgeblättert

Kolonialismus

Das neueste Buch des Migrationsforschers Mark Terkessidis gibt einen guten Überblick über koloniale Bestrebungen aus deutschsprachigen Territorien seit dem 16. Jahrhundert, den deutschen Kolonialismus sowie über die Debatten um Erinnerungskultur in Deutschland. Auf sehr zugängliche Art führt er in wichtige - und oft von der offiziellen Geschichtsschreibung vergessene - Kapitel deutscher Geschichte ein; so zeigt er, dass zwei bayerische Handelshäuser ab dem 16. Jahrhundert in die Vertreibung und Ausrottung der lokalen Bevölkerung im heutigen Venezuela involviert waren. Er erweitert die Diskussion auch um die Frage, warum eigentlich die Kolonialpolitik Preußens und später des Deutschen Reiches in Osteuropa und Südosteuropa - hier vor allem Griechenland - nicht als solche verhandelt wird. Die Territorialpolitik Preußens im heutigen Polen reicht z.B. ins 17. Jahrhundert zurück und steht in Systematik, Zielsetzung und rassistischer Zuschreibung der Kolonialpolitik auf dem afrikanischen Kontinent oder in Ozeanien nichts nach. Terkessidis beleuchtet auch die gesellschaftliche Repräsentation dieser Epochen in Museen, Schulbüchern und Wissenschaft und zeigt immer wieder auf, wie die Relativierung deutscher Täterschaft und Verantwortung konstant unter dem Deckmantel der »Zivilisationsmission« heruntergespielt wird. Und er kritisiert, dass die Stimmen der Kolonisierten und ihren Nachfahren kaum öffentlich Gehör finden, geschweige denn, dass sie Entscheidungsmacht erhalten.

Eleonora Roldán Mendívil

Mark Terkessidis: Wessen Erinnerung zählt? Koloniale Vergangenheit und Rassismus heute. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 2019. 222 Seiten, 22 EUR.

Afrodeutscher Krimi

Fatou Fall ist Hamburger Kaufhausdetektivin, Mutter der elfjährigen Yesim, seit kurzem getrennt und gerade echt urlaubsreif. In den Sommerferien fährt sie mit Yesim in ihre oberbayerische Heimat, um Abstand vom Alltagstrubel zu bekommen und Yesim mit ihren Wurzeln vertraut zu machen. Was als Urlaubstrip beginnt wird bald zum Politkrimi inmitten des lokalen Wahlkampfspektakels. Als die beiden zufällig beobachten, wie in der Wallfahrtskapelle vandaliert wird, werden sie in politische Verstrickungen hineingezogen, die weit in die Parallelgesellschaften weißer Traditionsvereine und bayerischer Lokalpolitik reichen. Ein weiteres Verbrechen geschieht. Wie zu erwarten, verläuft die regionale Polizeiermittlung im Sande. Zum Glück kann Fatou sich auf ihre scharfe Beobachtungsgabe, Intuition und die Solidarität von einigen Dorfbewohner*innen verlassen. Abseits der weißen Normalität rassistischer Institutionen ermittelt sie auf eigene Faust. Dabei wird die Detektivin weder zur Superwoman stilisiert noch verlieren sich die Charaktere in den üblichen Klischees der normativen Krimilandschaft einsamer weißer Helden - im Gegenteil: Die Protagonist*innen sind so vielschichtig wie liebenswert und begleiten die Leser*innen mit viel Humor durch brisante Ermittlungen. Hier und da hätte der Lesefluss von einem noch genaueren Lektorat profitiert. Davon abgesehen fällt es schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Bleibt also nur noch eine Frage: Wann erscheint Fatou Falls zweiter Fall?

Natalie Wagner

Noah Sow: Die Schwarze Madonna - Fatou Falls erster Fall. Afrodeutscher Heimatkrimi. Books on Demand, Norderstedt 2019. 396 Seiten, 13 EUR.

Almeria

Wie kann eine effektive grenzüberschreitende Zusammenarbeit aussehen? Seit über zehn Jahren versucht das Kollektiv Interbrigadas aus Berlin, diese Frage zu beantworten. Die Broschüre »Vom Anfang und Ende der Lieferkette« analysiert die Situation und Kämpfe der Arbeiter*innen im Landwirtschaftssektor Andalusiens, dem »Plastikmeer von Almeria« (ak 634, 654 und 658), einem gigantischen Komplex aus Gewächshäusern, der aus dem All sichtbar ist. Das gilt allerdings nicht für die Arbeitsbedingungen, die dort herrschen: Armut, Vergiftung durch Pestizide und rassistische Gewalt prägen das Leben für die überwiegend migrantischen Arbeiter*innen. Die Früchte ihrer Arbeit landen in deutschen Supermärkten. Auf 60 Seiten analysiert Interbrigadas Erfolge und Misserfolge der Arbeitskämpfe und grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Kritisch unter die Lupe genommen wird auch der Trend zum »ethischen« Konsum, der von der Einführung diverser Zertifikate gefördert wird. Zwar erreichten Kampagnen zur Aufklärung von Konsument*innen kleine Erfolge, doch insgesamt ist das Ergebnis ernüchternd. Nicht zuletzt wegen des Geflechts aus Agrobussiness, Supermarktketten, dem Staat und den Zertifizierern selbst. Hoffnungen setzten die Autor*innen auf das Lieferkettengesetz, dessen Inkrafttreten angesichtsder Corona-Krise weiterhin ungewiss bleibt. Doch die Autor*innen zeigen auch, wie wir in Deutschland zur Verbesserung der Situation im Plastikmeer eintreten können.

Paul Dziedzic

Interbrigadas: Vom Anfang und Ende der Lieferkette. Interbrigadas, Berlin 2020. 64 Seiten, 5 EUR.

Jacobin

Man muss schon über eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein verfügen, um ein neues linkes Magazin im an linken (Nischen)Publikationen nicht gerade armen Deutschland zu starten - und dann auch noch mit einem Schwerpunkt zur Sozialdemokratie. Das aus den USA stammende Jacobin-Magazin hat es getan und am 1. Mai die erste deutsche Ausgabe gelauncht. Das Selbstbewusstsein dürften die Beteiligten sich von jenen linken Bewegungen in Großbritannien und den USA abgeschaut haben, die um Jeremy Corbyn und Bernie Sanders herum entstanden sind. Nun sind mit Corbyn und Sanders die zwei wichtigsten Repräsentanten des politischen Projekts, mit dem Jacobin verbunden ist, schon wieder Geschichte. Das Versprechen lautet, dieses Projekt werde auch jenseits der beiden Anführer weiterleben. Davon, ob es eingelöst werden kann, wird wohl der Erfolg von Jacobin in Deutschland abhängen. Eine lesenswerte erste Ausgabe haben die Kolleg*innen so oder so vorgelegt. Wer sich vor einer Rehabilitierung der SPD von links fürchtet, sei entwarnt. Auffallend ist allerdings, dass der Schwerpunkt sich weitgehend auf die SPD beschränkt - dabei ist die Sozialdemokratie als Strömung in Deutschland ja durchaus breiter als diese Partei. Entschädigt wird die Leserin für diese Leerstelle mit einem Geständnis des früheren ak-Redakteurs Sebastian Friedrich - und einer großartigen Reportage über die Kolleg*innen der im vergangenen Jahr verstorbenen Susanne Neumann, die dafür berühmt wurde, Sigmar Gabriel öffentlich die Leviten gelesen haben.

Inci Arslan

Jacobin Nr. 1/2020: Jenseits der Sozialdemokratie. Brumaire Verlag, Berlin 2020. 130 Seiten, 10 EUR.