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Verein fuer politische Bildung, Analyse und Kritik e.V.

ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 591 / 18.2.2014

Neue Wohnformen für den neuen Menschen

Care Feministische Wohnutopien des 20. Jahrhunderts

Von Felicita Reuschling

Das Bild der Revolution war in der Arbeiterbewegung traditionell auf Öffentlichkeit und die Aneignung von zuvor privatisierten industriellen Produktionsmitteln gerichtet. Der Organisation der Lebensform wurde weniger Beachtung geschenkt. Demgegenüber wird dieser Text - anknüpfend an die Ausstellung »Domestic Utopias« (1) - Konzepte aus dem 20. Jahrhundert für eine »Grand domestic revolution« vorstellen. (2) Aus welchem Kontext kamen die Impulse für eine andere Organisation von Reproduktionsarbeit, und welche Grenzen hatten diese Ansätze aus heutiger Sicht?

Die Wohnutopien der klassischen Moderne reagierten einerseits auf das kapitalistisch produzierte Elend proletarischer Lebensformen, andererseits auf das Idealbild bürgerlich-familiärer Häuslichkeit. Dem stellten sie eine nicht privat-familiäre, sondern gemeinschaftlich-öffentliche Organisation von Reproduktionsarbeit gegenüber sowie eine egalitäre geschlechtliche Arbeitsteilung und die Ermöglichung pluraler Lebens- und Gemeinschaftsformen.

Die Arbeiterbewegung um 1900, die sich auf Marx' Ideen bezog, hatte ein schwieriges Verhältnis zu frühsozialistischen Utopisten wie Fourier und Owen. Diesen wurde ein mangelndes Verständnis des Kapitalismus bescheinigt und folglich auch deren Vorstellung von der befreiten Gesellschaft als unwissenschaftlich abgewertet. Richtungsweisend für die Sowjetunion wurden hingegen August Bebels Schrift »Die Frau und der Sozialismus« aus dem Jahr 1923 und Alexandra Kollontais »Communism and the Family« (1920). Gleichzeitig gab es eine wesentlich breitere europäische Strömung von LebensreformerInnen, die über den »neuen Menschen«, die »neue Frau« und den »neuen Juden« nachdachten. In diesem Kontext wurden Bodenreformgemeinschaften, Konsum- und Baugenossenschaften sowie Kibbuzim erschaffen.

Schematisch vereinfacht lassen sich die feministisch inspirierten (Wohn-)Utopien des 20. Jahrhunderts in zwei Phasen unterscheiden, die in etwa mit den jeweiligen Frauen- und sozialen Bewegungen nach 1900 und ab 1968 korrespondieren.

Plan-Haus-Wirtschaft

Im Kontext der Frage des Wohnungsbaus für die proletarisierten Massen in Großstädten wie Berlin und Wien wurden nach 1918 verstärkt Konzepte zur Einrichtung von Gemeinschaftsküchen, Kantinen, Kindertagesstätten und vereinzelt auch »Einküchenhäuser« diskutiert. Häusliche Arbeitsabläufe sollten nach dem Vorbild industrieller Arbeit rationalisiert werden. Durch die Zentralisierung und Professionalisierung sollte häusliche Arbeitszeit eingespart und damit weibliche Erwerbsarbeit ermöglicht werden.

Das utopische Potenzial dieser »Plan-Haus-Wirtschaft« liegt in der Anerkennung reproduktiver Arbeit als gesellschaftliche Notwendigkeit und der formellen Gleichstellung mit anderen Tätigkeiten, die in bezahlter Form stattfinden. Die Zentralisierung von Pflegearbeiten z.B. in Kindergärten und Horten wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorwiegend in den realsozialistischen Staaten angestrebt.

Kollektive Lebens- und Wohnformen

Eine Besonderheit stellt das Modell des israelischen Kibbuz dar, wo von den 1930er bis in die 1980er Jahre hinein eine weltweit einzigartige Gemeinschaftserziehung von Kindern praktiziert wurde. Kinder lebten in Kinderhäusern und wurden dort von einer »Metapelet« (Pflegerin) umfassend gepflegt und erzogen.

Die Grenzen dieser Modelle bestehen aus heutiger Sicht darin, dass die reproduktiven Arbeiten weiterhin hauptsächlich von Frauen geleistet wurden, wenn auch in bezahlter Form. Zudem entsteht durch die Einsparung von Arbeitszeit bei Haus- und Pflegearbeiten nicht automatisch freie Zeit für diejenigen, die sie machen. Das gilt für Fabriken und Kantinen ebenso wie für den Haushalt. Frauen wurde auf diese Weise eine Integration in die Erwerbsarbeit bei gleichzeitiger Fortsetzung ihrer Hausarbeit ermöglicht - sprich: mehr Lohnarbeit durch weniger Hausarbeit.

Das sowjetische Kommunehaus und der israelische Kibbuz verdeutlichen als Architekturmodelle exemplarisch die Konzepte des frühen 20. Jahrhunderts, mit denen kollektive Lebensformen für den »neuen Menschen« verwirklicht werden sollten. Das Leben in einer patriarchal-kapitalistischen Familie sollte durch die Gemeinschaft in einer egalitären sozialistischen Gruppe abgelöst werden. Beide Konzepte ähneln sich in Bezug auf Größenordnung (ca. 400 bis 2.000 BewohnerInnen), Elementarisierung und stark segregierte funktionale Raumordnung in private Räume, Kantine, Gemeinschaftsbereich, Kinderbereich.

Da Kommunehäuser in der Sowjetunion um 1930 zum einen kaum fertiggestellt waren und zum anderen der neuen Stalin'schen Leitlinie der »Festigung der Familie« widersprachen, verblieben sie - von einigen wenigen Beispielen abgesehen - im Planungsstadium. Über ihre Grenzen und ihr utopisches Potenzial kann daher nur spekuliert werden.

Im Gegensatz dazu wurde der Kibbuz mit über 115.000 Mitgliedern (2001) die größte weltweit existierende kollektive Lebensform. Ab den 1980er Jahren zeigte sich jedoch eine starke Tendenz zur Re-Familiarisierung und -Privatisierung, die auch eine Veränderung der Wohnstruktur nach sich zog.

Bei den bisher dargestellten kollektiven Wohnmodellen waren die BewohnerInnen nur in genossenschaftlichen Strukturen wie dem Kibbuz an den Entscheidungen über Formen und Zugang zu Kollektivität beteiligt. Überwiegend staatlich oder betrieblich organisierte Einrichtungen wie sozialer Wohnungsbau, Kommunehäuser oder staatlich organisierte Kindergärten widersetzen sich demgegenüber einer basisdemokratischen Einflussnahme. Gemeinsam ist jedoch beiden Konzepten, dass sie Kollektivität nicht so sehr als Resultat eines gemeinsamen Prozesses begreifen, sondern vielmehr als Verwirklichung eines rationalen und funktionalen Plans, in das sich das Individuum einzufügen hat.

Neue Impulse nach 1968

In Bezug auf Zentralisierung, Rationalisierung und Kollektivierung der Lebensformen weisen die nach 1968 entstandenen Wohnutopien große Ähnlichkeiten mit ihren Vorgängerinnen auf. Der Kibbuz blieb weiterhin das Idealbild, gerade was die Erziehung von Kindern bzw. ein nicht familiär strukturiertes Leben anging. Hinzu traten aber Motive aus den neuen sozialen und feministischen Bewegungen, die eine egalitäre Arbeitsteilung von reproduktiven Tätigkeiten zwischen den Geschlechtern ermöglichen sollten sowie eine freie Gestaltbarkeit der Wohnform. Im Vergleich zu den älteren Konzepten, die vorwiegend auf »rationaler« Planung einer funktionalen Struktur basierten, stellen die neueren Utopien basisdemokratisch inspirierte Veränderbarkeit und Selbstorganisation in den Mittelpunkt der Kollektivität.

Die Unterschiede zu den älteren Vorstellungen lassen sich deshalb besser an literarischen Utopien verdeutlichen als an architektonischen Konzepten. Die bekanntesten Vertreterinnen sind hier die feministischen Autorinnen Marge Piercy und Ursula K. Le Guin. (3) Sie entwarfen in ihren Science-Fiction-Romanen eher anarchistisch bzw. undogmatisch kommunistisch geprägte Gesellschaften: Diese lehnen den Staat und andere Gewaltorgane ab, leben in größeren, nicht-familiären Gemeinschaften und haushalten nach ökologischen Prinzipien.

In »Woman on the edge of time« konzipiert Piercy zudem eine nicht-biologische Elternschaft von jeweils drei Menschen, die nicht auf einer Liebesbeziehung untereinander basiert. Die Abschaffung kapitalistischer Produktions- und Besitzformen erscheint dort als stillschweigende Voraussetzung. Verhandelt wird viel eher die Frage, wie gearbeitet wird und was nötig ist, um andere gesellschaftliche Beziehungen zueinander zu entwickeln. In Abgrenzung zum sozialistischen Fortschrittsmythos Technik beschreibt Piercy z.B. Formen von Arbeitsteilung wie Rotation und verbindliche Beteiligung an unterschiedlichen Arbeitsformen, die zur gesellschaftlichen Reproduktion notwendig sind.

Für die anarchistisch orientierte Le Guin ist die Utopie kein idyllisches Bild, sondern muss ein unabgeschlossener Prozess bleiben, der auch die Gefahr der Erstarrung von Organisation und Institution thematisiert. Hinzu treten Gedanken zur Ausbildung einer integrativen Diskussions- und Streitkultur, zum Umgang mit gesellschaftlich (nicht) erwünschtem Verhalten und nicht zuletzt eine Lebenskunst in nicht mystischer Form, z.B. als Rituale und Feste für Geburt, Erwachsenwerden und Tod.

Und heute?

In seinem Buch »Überlegungen zu einem zeitlosen Begriff« schreibt Rolf Schwendter: »Sage mir, welche Utopien in einem bestimmten Land zu einer bestimmten Zeit geschrieben worden sind, und ich sage Dir, wie, im Gegensatz dazu, die gesellschaftlichen Bedingungen damals dort gewesen sein müssen.« Von heute aus gesehen hat das Kollektiv als Reaktion auf den Horror der Kleinfamilie offenkundig an Attraktivität verloren. Die Utopie von Sorge-Gemeinschaften scheint heute stark individualisiert, was sich in der realen Pluralisierung von Lebensgemeinschaften widerspiegelt. Angesichts der zunehmenden Privatisierung sozialer Reproduktion gibt es aber eine weit verbreitete Wahrnehmung, dass in Zukunft Utopien von Sorge-Gemeinschaften erdacht werden müssen, die weder vorwiegend familiär noch sozialstaatlich getragen werden.

Felicita Reuschling arbeitete an der Ausstellung »Domestic Utopias« mit, die der Frage nachging, inwieweit Architektur mit der Aufteilung und Bewertung von Haus- und Sorgearbeiten verschränkt ist.

Anmerkungen:

1) Die Ausstellung lief 2013 in der NGBK Berlin, www.nbgk.de.

2) Siehe Dolores Hayden: The Grand Domestic Revolution. Cambridge/Massachusetts 1981.

3) Siehe das Interview »Utopistische feministische Visionen« mit Marge Piercy (2003) auf eipcp.net.