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ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 553 / 17.9.2010

Auf der Suche nach der Krise und ihrem Subjekt

Ein Roadmovie ganz ohne kämpferische Streikposten und Feuertonne

Am Ende der dokumentarisch-fiktiven Collage der Berliner Gruppe Videotext hinterlässt die Bestandsaufnahme der sogenannten Finanzkrise des Jahres 2009 nicht viel mehr als "ein Knistern". Dies ist eine präzise Beschreibung der aktuellen Erscheinungsform der Krise und ihrer Subjekte: jener Menschen, die unmittelbar betroffen sind, und jener, die sich politisch zu ihr verhalten wollen. Wenn über die Krise etwas aufzunehmen, auszusagen und zu präsentieren ist, muss schon sehr genau hingehört werden.

Um die Reise einer Tramperin montieren sich in "CrashVertrauenTeer" zahlreiche Wahrnehmungsfetzen der Krise: Interviews mit Streikenden, ZeitarbeiterInnen und Festangestellten aus dem "Krisenjahr" 2009, Zitate aus der (prekären) Erfahrungswelt der FilmemacherInnen, aus der kritischen Theoriebildung (Paulo Virilio) und der revolutionären Geschichte (Rosa Luxemburg). Den narrativen Knotenpunkt des Films bilden vier SchauspielerInnen, die die Puzzleteile der Montage präsentieren und gleichzeitig selbst Teil der Montage sind. Diese Choreografie sorgt für einen ständig wiederholten Bruch in der Repräsentation: Wir sehen keine kämpferischen Streikposten und keine Darstellung der Wirtschaftskrise vor der Feuertonne, sondern sind zurückgeworfen auf die Frage, was diese Krise eigentlich ist und wie über sie und ihre Subjekte gesprochen werden kann. Dem entspricht die Bildsprache des Films: Autobahnen, Raststätten, Mietskasernen und leere Fabrikgelände - keine Menschen, keine Aktionen, kein Geschehen. Schon nach dem Prolog ist klar: Wir, das meint vielleicht die politische Linke, sind desorientiert und müssen uns auf die Suche nach Anhaltspunkten machen.

Es folgenden drei Episoden mit konkreten Beispielen der Krise und der Reaktionen auf sie. Durch Gespräche oder eingespielte O-Töne erfahren wir von Entlassungen, LeiharbeiterInnen und Kurzarbeit, "psychologischer Kriegsführung" der Unternehmen, scharfer Kritik an der "Verzichtspolitik" der Gewerkschaften, Zusammenschluss und Streikaktionen, und werden außerdem immer wieder in die Vergangenheit verwiesen: die wilden Streiks 1973, Landvertreibungen in den USA der 1930er Jahre, der Vorabend der Revolution von 1918. Die Montage macht den Versuch deutlich, die Verstreutheit der Krisenerfahrung sowie der politischen AkteurInnen zu spiegeln. Bei aller Zustimmung stellt sich hier doch die Frage, ob die Montage von Gegenwärtigem und Vergangenem nicht teilweise zu beliebig ist und ob durch diese Nebeneinanderstellung nicht alles droht, zu Vergangenheit zu werden. Es ist sicherlich richtig, sich weder romantisierend noch paternalistisch der Krise anzunähern; muss aber alles Zitat sein?

Ein Widerstandspflänzchen in der Wüste Klassenkampf

Die zweite Episode des Films betont die Krisenwahrnehmung des akademischen Prekariats. Dem Zitieren des Aufstands in Argentinien 2001 und damit der Thematisierung der unmittelbar Kämpfenden folgt die Konfrontation mit der Realität: "Siehst du sie?" - "Nein." Wie beim Blick aus dem Autofenster ist auch hier Skepsis angesagt. Die Kritik an der Unplausibilität kapitalistischer Produktionsweise, erfahren wir, könne man "und sollte man vielleicht auch" Kommunismus nennen; wie der zu erreichen ist, sei allerdings unklar. Schließlich könne man als Prekariat nur "sich selbst bestreiken".

Auch die dritte Episode des Films ist geprägt von der Darstellung des Gegensatzes von offensichtlichem, aber unsichtbare dramatischem, Geschehen (die Krise) und dem nahezu abwesenden Geschehen (der Widerstand). Der Graben zwischen LohnarbeiterInnen und ihren Kämpfen und der politischen (akademischen) Linken geht offensichtlich so weit, dass die SchauspielerInnen am Küchentisch die Arbeitsbewegungen der Wäscherinnen nachahmen müssen. Eine sinnfällige filmische Choreografie, die klar macht, wie sehr die verschiedenen Arbeitsrealitäten überhaupt erst gegenseitig wahrgenommen werden müssen, bevor es zu gemeinsamen Kämpfen kommen kann.

Inmitten dieser Bestandsaufnahme der Wüste Klassenkampf und der zarten Pflänzchen des Widerstands in ihr überrascht uns Rosa Luxemburg, die uns grüßt, "bis wir uns als freie Menschen sehen". Ihr zur Seite gestellt ist die fiktive Figur der Autofahrerin, letzte Station des Roadmovies. Sie antwortet der Tramperin auf die Frage nach dem Sinn der bisherigen Kämpfe: "Das hatte schon 'ne Bedeutung. (...) Wir waren bereit, noch mehr zu kämpfen."

"CrashVertrauenTeer" ist ein tiefer, vielschichtiger und filmisch hervorragend gestalteter Kommentar zur Situation der Menschen und der Linken in der Krise. Er macht uns schmerzhaft darauf aufmerksam, "dass wir zu wenig Antworten haben", kehrt die Ansätze zu Organisierung, Widerstand und Sabotage aber nicht unter den Teppich. Einziger Haken: Die ab und an zu komplexe Problematisierung der (solidarischen) Repräsentation macht es notwendig, den Film mehrmals zu sehen - das allerdings ist wiederum eine Freude.

Henning Fischer

Gruppe Videotext: CrashVertrauenTeer, Deutschland 2010, 38 Min, dt. m. engl. UT