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Alternativer Medienpreis für ak-Autorin Nina Schulz

Für ihren Beitrag aus ak 546 "Spiel auf Zeit" erhielt Nina Schulz den Alternativen Medienpreis 2010. Der Preis wird jährlich an engagierte und kreative RedakteurInnen, ProduzentInnen und AutorInnen vergeben. Nina Schulz' Artikel über Ghetto-Renten prämierte die Jury mit dem 2. Preis in der Sparte Print. Wir dokumentieren die Laudation von Klaus Schrage. Der Artikel in der Druckfassung ist hier zu finden. An dieser Stelle auch von unserer Seite herzliche Glückwünsche. ak-Redaktion

Laudatio auf "Spiel auf Zeit" in der Sparte Print

"Spiel auf Zeit" von Nina Schulz, erschienen in ak - analyse und kritik, Nr. 546

"Gesetz zur Zahlbarmachung von Renten aus der Beschäftigung in einem Ghetto." Schon dieser Begriff lässt uns eher an ein "Unwort des Jahres" denn an eine Wohltat für alte Menschen denken. Abwegig ist das nicht, denn von rund 70.000 Anträgen wurden bislang über 95 Prozent abgelehnt. Bei keinem Gesetz der Wiedergutmachung nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es eine derart niederschmetternde Quote. Und noch immer kämpfen Betroffene um ihr Recht.

Diese Menschen sind sehr alt. Weshalb Nina Schulz' Artikel den treffenden Titel "Spiel auf Zeit" trägt. Sie müssen nachweisen, dass sie "aus eigenem Willensentschluss" und "gegen Entgelt" in einem Ghetto gearbeitet haben. Das unterscheidet sie von Zwangsarbeitern. Doch das Prüfen der Ansprüche dauert. Je länger das so ist, desto geringer werden die Chancen der Antragsteller, zu Lebzeiten Geld zu bekommen.

Nina Schulz hat in ihrem von Elisabeth Mena Urbitsch fotografisch illustrierten Beitrag die Betroffenen im Auge. Gleich zum Auftakt lenkt sie die volle Aufmerksamkeit auf die Antragstellerin Bat-Sheva Szwarc. Sie kommt zuallererst zu Wort - parteiisch oder einseitig wird der Text dadurch nicht. Die Autorin lässt geschickt die Fakten einfließen. Und sie schildert eine offenbar ehrlich gemeinte, aber angesichts des historischen Hintergrundes und des hohen Aufwandes absurd erscheinende Suche eines Richters nach der Wahrheit.

Die Sprache von Nina Schulz bleibt sachlich. Dank feiner Beobachtungen gelingt es ihr dennoch, die Protagonisten ihrer Geschichte sowie deren Handlungsumfeld lebendig werden zu lassen. Sie flicht keine blumigen Sprachgirlanden, sie dramatisiert nicht demonstrativ, sie bleibt immer bei den Tatsachen - und zaubert dennoch Bilder in den Kopf der Leser. Das ist journalistische Kunst.

"Spiel auf Zeit" macht mal fassungslos, mal traurig, mal wütend. Der Text macht aber auch Mut. Weil er zeigt, dass im angeblichen Zeitalter des Häppchenjournalismus ein langer Beitrag zu fesseln vermag, wenn er denn gut ist. Weil seine Verfasserin genau recherchiert und interessant formuliert hat. Aber auch, weil sie selbst dabei war und treffend beobachtet hat.

Es gibt einen weiteren Grund, warum dieser Artikel Mut macht: In etlichen Redaktionen wäre er mit dem Hinweis "viel zu spezielles Thema" an der Eingangskontrolle gescheitert. Inzwischen ist er in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen. Es gibt also auch nichtalternative Medienmacher, die Qualität kaufen.

Diese Laudatio ist nun endgültig in der Gefahr, länger als der preisgekrönte Text zu werden. Daher ganz kurz zum Schluss: Vielen Dank, Nina Schulz, für ein spannendes und anregendes Leseerlebnis.

Klaus Schrage, Nürnberg