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ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 546 / 22.1.2010

Zuerst die Politik

Siebenundzwanzig Thesen für eine andere Krisenanalyse

Der globale Kapitalismus befindet sich einer tiefgreifenden Krise. Überall ist ein Donnergrollen zu vernehmen. "Vorerst geschieht die Aufrüstung nur verbal, aber etwas liegt in der Luft", schreibt Die Zeit. Trotzdem herrscht ein routinierter Umgang mit der Krise vor: Unvorstellbare Summen werden in das Finanzsystem gepumpt, klientelistische Wahlgeschenke verteilt, die Industrie mit Abwrackprämien bedient. Ansonsten hofft man auf das Anspringen des "Wachstumsmotors". Nur die Überflüssigen dieser Welt werden wie bei der letzten FAO-Konferenz abgeschrieben: der herrschende Zynismus eben. Die Krise ist etwas Be- und Verrechenbares geworden. Thomas Seibert, Mitarbeiter beimedico international sowie aktiv bei attac und der IL, legt nun seinen Vorschlag zur Krisenanalyse vor.

Eine der zentralen Thesen in Seiberts neuem Buch lautet: Die aktuelle Krise geht in der politischen Ökonomie nicht auf. Der ökonomischen Krise entspricht noch lange keine ethisch-politische Krise. Dies verweist auf die Krise des subjektiven Faktors. Genau dies ist der Einsatzpunkt von Seiberts Buch. Seine Problemstellung lautet: Warum ist der postmoderne Zynismus die herrschende Ideologie? Warum wissen im Prinzip alle, dass es so nicht mehr weiter geht, aber machen trotzdem weiter wie bisher? Seine Antwort: Es gibt keine Idee von links, die über den herrschenden Horizont hinausgeht, da niemand den herrschenden Liberalismus (im weiten Sinne) universell herausfordert. Die diversen religiösen Fundamentalismen sind für ihn kein Gegensatz, sondern sie ergänzen in ihrem jeweiligen Widerspiel den Liberalismus wunderbar.

Den absehbaren Gang der Dinge durchbrechen

Die Krise ist vor allem Krise des subjektiven Faktors: der fehlende Glaube an die Möglichkeit, etwas ändern zu können. Erst wenn es so etwas gibt, kann von einer Krise im wörtlichen Sinne gesprochen werden: Krise als die Zeit der Entscheidung, Wendepunkt, Möglichkeit der Kehre. Erst dann eröffnet sie die Möglichkeit für ein neues Wahrheitsereignis, wie es u.a. die Französische Revolution, die Pariser Kommune und zuletzt der Mai 68 waren. Für das Verständnis der Krise des subjektiven Faktors, die sich im Fehlen eines den Liberalismus transzendierenden Versprechens ausdrückt, ist die auf den Mai 68 folgende Rekuperation entscheidend. Für Seibert handelt es sich um eine Konterrevolution, die aus dem unhintergehbaren Ende des Einheits- und Ursprungsdenkens (Nietzsches "Gott ist tot"), verstanden auch als Ende eines vorausgesetzten revolutionären Subjekts und der privilegierten Stellung einer Partei, das Ende der Politik und somit das Ende der Geschichte behauptet.

Notwendig für einen Krisenbegriff auf der Höhe der Zeit ist Seibert zufolge die Rückkehr an den Punkt, an dem diese Rekuperation stattgefunden hat. Nur dann ist ein neuer, anderer Anfang möglich. Die produktiven Elemente des Mai 68 können nicht einfach übersprungen werden. Die Tiefe der Krise zeigt sich auch darin, dass die Vermittlung der Erfahrungen und der Debatten durch die postfordistische Mobilmachung des Liberalismus abgebrochen ist. Die produktiven Elemente, die den Mai 68 getragen haben, sieht Seibert in der Konstellation des Marxismus mit dem Existenzialismus und somit in der Konstellation der beiden mächtigen seinsgeschichtlichen Strömungen: globaler Kapitalismus bzw. Empire und Nihilismus. Marx und Nietzsche/Heidegger sind die Namen, die diese Strömungen signiert haben. Seibert macht deutlich, warum die Engführung des Marxismus mit Nietzsches Nihilismus und Heideggers Existenzial- und Fundamentalontologie auch heute noch unverzichtbar für eine Krisenanalyse auf der Höhe der Zeit ist. Der Bezug auf Nietzsche und Heidegger mag verwundern, waren sie doch politisch Vertreter der Reaktion. Dennoch geht deren Philosophie nicht in deren Politik auf. Und für weitsichtige VertreterInnen einer Linken war ein Bezug auf Nietzsche und Heidegger unabdingbar. Für Nietzsche seien nur erwähnt: Bloch, Brecht, Bataille, Deleuze, Foucault. Für Heidegger: Marcuse, Anders, Arendt, Derrida, Lyotard, Levinas, Butler und wiederum Foucault. "Herr Heidegger" und "Herr Nietzsche" interessieren Seibert wenig.

Doch Seibert will mehr als nur an abgebrochene Debatten anzuknüpfen. Er möchte die Möglichkeiten ausloten, die in der Krise schlummern. Dies geschieht im Rückgang auf Debatten, die im letzten Jahrzehnt geführt wurden: die von Negri und Hardt angestoßene Debatte um die Krise des Empire und die Schriften von Badiou und Zizek zu einer Politik des Wahrheitsereignisses. Ohne hier auf Einzelheiten eingehen zu können, plädiert Seibert dafür, sich voll und ganz dieser Krise auszusetzen. Dies erfordert zwingend, eine globale Perspektive einzunehmen. Auch wenn Nationalstaaten weiter wichtige Akteure sind, die Hoffnung auf sie zu setzen, ist illusionär. Er setzt vielmehr auf die Herausbildung neuer Subjektivitäten, die nur in den Kämpfen der "wirklichen Bewegung" (Marx) entstehen können. In diesem "Primat der Kämpfe" drückt sich Seiberts Vorbehalt gegenüber jeder Form von Ökonomismus aus. Ganz im Gegenteil: Er setzt auf das Ereignis - der zweite zentrale Begriff seines Buches. Darunter versteht er "die grundlose Ankunft eines ganz Neuen und ganz Anderen", also etwas, was den "absehbaren Gang der Dinge unterbricht".

Produktiver Widerspruch statt kleiner Theoriehappen

Das Ereignis ist aus den jetzigen Gegebenheiten und Kräfteverhältnissen letztlich nie ableitbar und deshalb unverfügbar. Genauso wie der Mai 68 im April 68 und all die anderen politischen Ereignisse der Geschichte unvorhersehbar waren. Es gab immer die Möglichkeit des Scheiterns und Verfehlens ihrer Möglichkeiten. Die messianische Denkfigur des Ereignisses ist für jedes linke, radikale Denken unverzichtbar. Sonst landet man bei einer liberalen zynischen Vernunft oder bestenfalls bei einem sozialdemokratischen "Immer-weiter-so! Nur-mehr!". Schon Benjamin hat in seinen Thesen "Über den Begriff der Geschichte" darauf hingewiesen, wie sehr ein linearer Fortschrittsbegriff die Sozialdemokratie hilflos gegenüber dem Faschismus gemacht hat. Auch wenn das Ereignis letztlich unverfügbar ist, betont Seibert die Bedeutung des politischen Aktivismus. Ihm fällt die Aufgabe zu, Ereignishaftigkeiten zu organisieren, wie dies in Seattle und Genua der Fall war; Horizonte zu öffnen für das unwahrscheinliche, aber nie unmögliche Ereignis. Dann kann eine neue Politik der Wahrheit die Krise emanzipatorisch wenden. Bis dahin muss getan werden, was getan werden muss. Und genau hier haben auch ökonomische Krisenanalysen ihre Bedeutung.

Seibert hat die Teleskope weit ausgefahren. Wer dieses Buch gelesen hat, wird ein anderes, besseres Verständnis von den Dimensionen der Krise haben. Allerdings stößt die Lektüre auf Probleme. Die von ihm gewählte Form von Thesen entspricht zwar dem offenen Charakter der Krise. Thesen sollen zuspitzen, Verborgenes sichtbar machen, zur Diskussion anstacheln und - ja auch das - zum produktiven Widerspruch reizen. Und das will Seibert wirklich. Andererseits erschwert die Sprunghaftigkeit der Thesen mit den zahlreichen Vor- und Rückverweisen die Lektüre des Buches. Ferner mutet er den LeserInnen mit seinen Rückgriffen auf marxistische, existentialistische, poststrukturalistische und postoperaistische Debatten einiges zu. Aber das will er auch. Seibert ist kein Pädagoge, der einem mundgerechte Theoriehappen serviert. Das Glossar am Ende des Buches ist eine erste Hilfe zum Einstieg - mehr aber auch nicht. Es handelt sich somit um ein Buch, das in immer neuen Schleifen gelesen werden muss. Und hier gilt der Rat Lacans: "Der mich befragt, weiß mich auch zu lesen."

Moe Hierlmeier

Thomas Seibert: Krise und Ereignis. Siebenundzwanzig Thesen zum Kommunismus. VSA Verlag, Hamburg 2009. 200 Seiten, 16,80 EUR