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ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 536 / 20.2.2009

Die Krise im Lebenszyklus des Kapitalismus

Eine Analyse aus weltsystemtheoretischer Sicht

Dass sich der Kapitalismus schon immer krisenhaft entwickelt hat, ist eine Banalität. Aus jeder Krise ist er gestärkt und als noch umfassenderes Weltsystem hervorgegangen. Aber so wie der Kapitalismus haben auch seine Krisen eine Geschichte. In was für eine Krise bewegen wir uns aktuell hinein und welchen Abschnitt markiert sie im Lebenszyklus des Kapitalismus? Rein empirisch gesehen deutet vieles darauf hin, dass diese Krise schwerer und tiefer werden wird, als wir es uns zurzeit vorstellen können. Vielleicht ist die von Mike Davis angeführte Anekdote von den ersten EuropäerInnen, die sich keine Vorstellung von der Tiefe des Grand Canyons machen konnten und verwirrt zurückschreckten, tatsächlich die einzige Möglichkeit, das begrenzte historische Vorstellungsvermögen zu umschreiben. (1)

Wenn wir versuchen, die aktuelle Krise in die gut 500-jährige Geschichte des Kapitalismus einzuordnen, dann stehen wir heute am Ende eines langen systemischen Akkumulationszyklus. Seine Grundlagen wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Aufstieg der USA zur industriellen, militärischen und politischen Weltmacht gelegt.

Seine Geburtswehen waren die Verwüstungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit industriell betriebener Menschenschlächterei in Weltkriegen und Faschismus, und seine Blüte entfaltete dieser Zyklus zunächst industriell in den 1950er und 1960er Jahren und nach der Krise der 1970er Jahre noch einmal in der Finanzialisierung und Globalisierung der 1980er und 1990er Jahre. (2)

So wie das "lange 19. Jahrhundert" (Hobsbawm), ein vom Britischen Empire ermöglichter Akkumulations- und Expansionszyklus, zu Beginn des 20. Jahrhunderts an sein Ende kam, was sich in der Weltwirtschaftskrise von 1929-1941 manifestierte, so stehen wir heute am Anfang vom Ende des "langen 20. Jahrhunderts" (Arrighi) eines von den USA geführten ökonomischen Zyklus.

Wenn diese Einordnung zutrifft, sind die Perspektiven für die nächsten 30 oder 40 Jahre nicht sehr ermutigend. Alle vergleichbaren Übergangsphasen in der Geschichte des Kapitalismus waren mit lang andauernden Systemkrisen, zunehmender Konkurrenz, dem Zerfall des globalen Staatensystems und seiner kriegerischen Neuordnung verbunden. Soziale Revolten, Kriege, Revolutionen zogen sich über ein halbes Jahrhundert hin, bevor es zu einem neuen stabilen Ordnungsrahmen für eine Expansion des kapitalistischen Systems auf höherer Stufe kommen konnte.

Historische Analogien können helfen, uns die Bedeutung und Dimension von Situationen klarzumachen, zu denen uns der zeitliche Abstand fehlt. Gleichzeitig liegt darin die Gefahr, uns selbst nur in altertümliche Kostüme zu kleiden oder in den Albträumen der Vergangenheit gefangen zu bleiben. In jeder seiner Systemkrisen schien die kapitalistische Entwicklung an einen definitiven Endpunkt gelangt zu sein: ökonomisch, ökologisch, sozial und politisch. Der Kapitalismus konnte sich bisher jedes Mal nach langen Phasen der Instabilität und Kriege wieder entwickeln - und jedes Mal in noch größeren, noch weiter globalisierten Dimensionen.

Die historische Analogie bietet uns keine rosigen Aussichten. Aber wie jede Analogie ist sie auch falsch. Die Chancen, dass proletarische Kämpfe, Revolten und Revolutionen Einfluss auf den Verlauf und den Ausgang der jetzigen Krise nehmen, sind heute größer denn je. Das hat damit zu tun, was das Kapital ist und wie es sich durch seine Krisen hindurch entwickelt hat.

Karl Marx hat das Wesen des Kapitals als die Herrschaft der toten Arbeit über die lebendige Arbeit entziffert. Was uns im Kapital und in seiner Macht, seiner Herrschaft, seiner Gewalt entgegentritt und uns knechtet, das sind die geronnenen, versteinerten und uns entfremdeten Potenzen unserer eigenen und in zunehmendem Maße gesellschaftlichen Produktivität und Kreativität. Es ist eine ver-rückte Verkehrung - aber seit dem 16. Jahrhundert hat eben diese Verkehrung, das Kapital in seinem Siegeszug, der Weltgeschichte ihren Stempel aufgedrückt. Indem sich diese Verkehrung als Kapital darstellt, erscheint sie als eine ökonomische Kategorie - aber sie ist ein gesellschaftliches Verhältnis.

Das Problem der meisten "marxistischen" Krisentheorien ist, dass sie den kritischen und entmystifizierenden Anspruch von Marx, stets die gesellschaftlichen Produktions- und Klassenverhältnisse hinter den geronnenen ökonomischen Formen zu dechiffrieren, im Laufe ihrer Analyse vergessen und wie jederR bürgerliche ÖkonomIn hemdsärmlig-mathematisch mit Wertgrößen und Mechanismen herumrechnen - wie beim tendenziellen Fall der Profitrate. Marx hat das auch getan, um strukturellen Tendenzen auf die Spur zu kommen, war sich aber stets der qualitativen gesellschaftlichen Dimension bewusst. So nennt er das "Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate" durch die quantitativ übermächtig werdende tote Arbeit nur die bornierte Form, in der den Ökonomen dämmert, dass der Kapitalismus immer wieder an seinen eigenen Erfolgen zu ersticken droht.

Ein krisenhaftes Produktionsverhältnis

Durch die ständige Erhöhung der produktiven Kräfte der gesellschaftlichen Arbeit wird es immer absurder, den tatsächlichen Reichtum an geronnener abstrakter Arbeitszeit, an Geld, zu messen. Für herkömmliche "marxistische" Krisentheorie wird daraus nur deshalb eine Krise des Kapitals, weil der Drang nach ständiger Umwälzung der Produktionsweise aus der Konkurrenz der KapitalistInnen untereinander entwickelt wird. So macht ihr es euch zu leicht, schimpfte Marx: "Das Hereinkommen der Maschinerie zu entwickeln aus der Konkurrenz und dem von ihr ausgelösten Gesetz der Reduktion der Produktionskosten ist leicht. Es handelt sich hier darum, sie aus dem Verhältnis des Kapitals zur lebendigen Arbeit, ohne Rücksicht auf andres Kapital zu entwickeln." (MEW 42, 668)

Ausgangspunkt der im Kapitalverhältnis eingebauten Dynamik ist für ihn das antagonistische, täglich umkämpfte Verhältnis zwischen toter und lebendiger Arbeit. Sowohl als dingliche Beherrschungsform als auch zur ständigen Verbilligung der Reproduktionskosten muss sich das Kapital in einem permanenten Enteignungsprozess immer wieder neu als Macht der toten Arbeit setzen. Dieses marxsche Programm bedeutet gerade nicht, Kämpfe und Kapital als zwei getrennte Subjekte gegenüberzustellen, wie es im Spät- und Postoperaismus geschieht. (3)

Das Kapital ist selbst der Prozess eines antagonistischen, von Konflikten und Kämpfen durchzogenen Produktionsverhältnisses. Als versteinerte Verkehrung der zunehmend gesellschaftlichen globalen Arbeit ist es einerseits eine ständig steigende Macht gegenüber den einzelnen, den Ausgebeuteten. Andererseits liegt damit in seinen Produktionsstrukturen und globalen Produktionsketten eine zunehmende Macht der kollektiv handelnden Produzenten. Wie sich dieses Verhältnis von fetischhaften Formen und kollektiven Prozessen der diese Formen naturwüchsig Produzierenden entwickelt, muss historisch untersucht werden.

Während viele Versuche "marxistischer" Krisentheorie in modelltheoretischen Überlegungen zur organischen Zusammensetzung des Kapitals (Grossmann, Mattick) oder zu Disproportionalitäten (Luxemburg) stecken bleiben, die jeweils für sich durchaus wichtige Krisenmomente beleuchten können, bietet die Forschung der Weltsystemtheorie (Wallerstein, Arrighi, Minqi Li usw.) den Vorteil, das marxsche Programm einer historisch-materialistischen Kritik des Kapitalverhältnisses als sich globalisierender Totalität weiterführen zu können. Das Kapital erscheint als ökonomische Kategorie, aber als gesellschaftliches Verhältnis umfasst es all die im bürgerlichen Bewusstsein fein säuberlich getrennten Ebenen der Politik, des Staates, der Ökonomie, der Produktion, des Alltagslebens und der Kultur.

Diese Trennungen sind selbst Ausdruck und Form einer Verkehrung. In seiner historischen Entwicklung ist das Kapital, die Verwertung und Akkumulation von Geld im banal ökonomischen Sinne, immer mit staatlichen und institutionellen Strukturen verbunden. Diese sind auf der Ebene bedeutsam, auf der sich das Kapital von Anfang an entwickelt - als Weltmarkt, der gleichermaßen Voraussetzung wie Produkt des Kapitals ist.

Jede neue Expansionsphase des Kapitals brauchte ein stabiles Staatensystem, das diesen Weltmarkt herstellen und absichern konnte. Das gelang immer nur für einen begrenzten Zeitraum von hundert bis zweihundert Jahren und endete in Krisen, Krieg und Zusammenbrüchen von Staaten. Für die Expansionsphasen bedurfte es zur Stabilisierung hegemonialer Weltmächte, die wir uns nicht als einzelne Nationalstaaten vorstellen dürfen, sondern als militärisch-finanziell-industrielle Komplexe und Netzwerke: das Habsburger Reich in Spanien vom 15. bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts, die Vereinigten Provinzen (Niederlande) vom Ende des 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, das Britische Empire von der Mitte des 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts - und schließlich die Weltordnungsrolle der USA, die sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts abzeichnet, nach dem Zweiten Weltkrieg als stabile Ordnung des Kalten Kriegs etabliert und bis heute andauert.

Weltsystem als Kritik der Ökonomie

Um einen neuen Zyklus kapitalistischer Expansion und Akkumulation einzuleiten und hegemonial werden zu lassen, musste jeder neue Machtkomplex die im vorausgehenden Zyklus aufgetretenen Widersprüche und Grenzen kapitalistischer Entwicklung überwinden können. Er musste den geografischen Rahmen des kapitalistischen Systems ausweiten. Er musste eine neue Produktionsweise entwickeln, die sowohl eine Steigerung der Produktion als auch einen neuen Umgang mit natürlichen Ressourcen ermöglichte. Denn in jedem Zyklus stieß die Ausweitung der Produktion auch auf mehr oder weniger von der kapitalistischen Dynamik selbst hervorgerufene ökologische Probleme. (4)

Die neue Produktionsweise schuf wiederum die Basis für die militärische Überlegenheit der neuen hegemonialen Macht. Unter diesen Voraussetzungen konnte jedes Mal ein zunehmend globales Finanzsystem, eine Form von Weltgeld, geschaffen werden, um den Welthandel und die internationale Arbeitsteilung auszudehnen. Und schließlich musste jede neue Hegemonialmacht auf die sozialen Forderungen und den sozialen Druck von unten eingehen und stabile Sozialpakte organisieren.

Wenn wir den Verlauf dieser langen Zyklen seit dem 16. Jahrhundert genauer analysieren, stoßen wir auf überraschende Parallelen zur heutigen Situation. Auch in den vergangenen Zyklen kam es zunächst zu einer Überakkumulationskrise in Produktion und Handel, die eine verstärkte Flucht des Kapitals in den Finanzsektor auslöste. Diese Phasen sind die eigentlichen Blütezeiten der hegemonialen Mächte. Aufgrund ihrer zentralen Stellung im Staatensystem und ihrer Rolle als Stifter und Verwalter des Weltgeldes profitieren sie am stärksten von der Wende zur Finanzialisierung und können trotz der bereits sichtbar gewordenen Grenzen der Akkumulation ihre Vormachtstellung ausbauen. Genau dieses Muster haben wir mit dem Wiederauftauchen der Weltwirtschaftskrise in den 1970er Jahren, dem von den USA ausgehenden Schwenk zur Finanzialisierung und dem Niederrüsten der Sowjetunion bis hin zum scheinbaren Triumph des Kapitalismus als "das Ende der Geschichte" 1989 erlebt.

Die Menschen machen ihre Geschichte auch ohne Staat

Diese systemischen Zyklen der Akkumulation, die Arrighi ausmacht, sind nicht nur Wiederholungen eines Musters, sondern auch Stufen einer expansiven Entwicklung. Damit wir uns die heutige Situation nicht einfach in Analogie zu früheren Krisen verdeutlichen und deshalb missdeuten, sind die Verschiebungen in den bisherigen Zyklen zu beachten. Zwei fallen besonders auf:

Erstens werden die Zyklen kürzer - HistorikerInnen sprechen von einer "Beschleunigung der Sozialgeschichte". Das ist darauf zurückzuführen, dass die Welt kleiner geworden ist, wenn wir sie nicht in abstrakten Kilometerangaben, sondern in Reisezeiten und Kommunikationsgeschwindigkeiten vermessen. Da sich zudem die Weltbevölkerung im kapitalistischen Zeitalter in einmaliger Weise vermehrt hat und zunehmend in Städten lebt, sind auch die physischen Entfernungen zwischen den Menschen geringer geworden.

Zweitens ist der Einfluss der subalternen Klassen auf den Verlauf der Kapitalakkumulation und ihrer Krisen in der Abfolge dieser Zyklen größer geworden. Mit jedem Übergang zu einer neuen, produktiveren Produktionsweise sind die Arbeitsteilung vertieft und der Technikeinsatz, also das Verhältnis der toten zur lebendigen Arbeit, erhöht worden. Gegenüber den einzelnen Menschen ist damit die Macht des Kapitals, die Herrschaft der toten Arbeit und die Ohnmacht des Individuums gesteigert worden.

Im Klassenverhältnis aber wurde so die Macht zugunsten der Produzierenden verschoben, weil das Kapital für seine Verwertung immer abhängiger vom reibungslosen Funktionieren der Produktionsmaschine und der Arbeitskräfte geworden ist. Das Störpotenzial und die Macht der ArbeiterInnen in der Produktion haben aufgrund ihrer Rolle in dem komplexen Gesamtgefüge, auf dem die Kapitalverwertung beruht, zugenommen: im Transport, in der Kommunikation, in den sozialen Versorgungseinrichtungen.

In den Übergangsphasen hat sich dies darin ausgedrückt, dass die Unruhe, die Aufsässigkeit, die Kämpfe der Subalternen die neue Weltordnung geprägt haben. Um hegemonial zu werden, konnten die USA nicht zu den Formen der Repression gegen Arbeiterkämpfe und kolonialer Unterdrückung zurückkehren, wie sie das 19. Jahrhundert des Britischen Empires geprägt hatten. Erst das Versprechen von staatlicher Krisenvermeidung, die Anerkennung von Gewerkschaften und die Einführung des Sozialstaats im Norden, das Programm der Dekolonialisierung und nachholenden Industrialisierung für den globalen Süden schufen die soziale Basis für einen erneuten Boom der Kapitalakkumulation.

Und schneller als in den vorangegangenen Zyklen ist die Dynamik der Akkumulation im 20. Jahrhundert daran zerbrochen, dass diese Versprechen nicht gehalten werden konnten, dass die Sozialpakte von unten infrage gestellt wurden. Das historische Besondere an der Krise in den 1970er Jahren ist die Tatsache, dass die Kämpfe in den 1960er Jahren dieser Krise vorausgingen und sie verschärften - und nicht erst, wie früher, als Reaktion auf die Krisenfolgen auftauchten. Zusätzlich zu dem Mechanismus des Profitratenverfalls lasteten die explosiven Lohnforderungen und der strukturell gestiegene Kostendruck der sozialen Absicherung auf den Verwertungsbedingungen und beschleunigten den Übergang in die Finanzialisierung. (5)

Wer regiert sieben Milliarden und rettet die Welt?

Die globale Revolte von 1968, wie wir sie heute nennen, war zugleich eine welthistorische Abkehr der sozialen Kämpfe von ihrem bisherigen Bezugspunkt - dem Staat. Seit der Revolution von 1848 bestand das geheime Einverständnis zwischen den drei großen politischen Strömungen - Konservativen, Liberalen und SozialistInnen -, dass der Staat in seiner modernen Form als Nationalstaat Subjekt und Organisator von gesellschaftlicher Veränderung sei. Daher orientierten sich auch die gesellschaftskritischen Kräfte darauf, an die Regierung zu kommen oder die Staatsmacht zu übernehmen.

Die Einsicht, dass die Form des Staates als entfremdetes, verdoppeltes und die Menschen beherrschendes Gemeinwesen nur die Kehrseite der kapitalistischen Vergesellschaftung ist, ging in den Arbeiterbewegungen verloren. 1968 war ein Bruch mit diesem Etatismus, weil es auch ein Bruch mit der "alten" Linken war. Diese Abkehr lässt sich an drei Forderungen festmachen, die spontan aus sozialen Bewegungen hervorgehen und die von den alten Oppositionskräften als "infantil" und "Kinderkrankheiten" abgetan und ihren gesellschaftlichen Projekten untergeordnet wurden:

- die sofortige Gleichheit, überall auf der Welt;

- das Recht auf totales Anderssein, die Ablehnung jeglicher Normierung;

- der Anspruch auf eigene, alltägliche Macht, auf Selbstermächtigung statt Repräsentanz, statt dem Vertretenwerden durch irgendwelche Organisationen. (6)

Trotz der 40 Jahre, die zwischen diesem Aufbruch und heute liegen, ist dieser neue Impuls in den sozialen Bewegungen nicht verschwunden. Überall, wo heute auf der Welt wieder soziale Kämpfe aufflammen, finden wir diesen Bruch wieder: Der Staat hat seine Rolle als Utopieträger verloren. Darin liegt auch das Unattraktive an den Versuchen, linkssozialdemokratische Parteien wiederzubeleben, deren geringe Erfolge wenig über das Potenzial neuer Sozialbewegungen aussagen. Auch der aus der bürgerlichen Öffentlichkeit kommende panikartige Ruf nach dem Staat angesichts einer monströsen Finanzkrise trägt faktisch zu seiner weiteren Delegitimierung bei, weil er an der ihm gestellten Aufgabe scheitern muss.

Was bedeuten diese historischen Tendenzen, die strukturell größere Macht der subalternen Klassen und die Abkehr vom Staat, für die globale Krise, die gerade erst begonnen hat? Wenn die hier skizzierte historische Einordnung zutrifft, dann werden wir in den nächsten Jahren oder vielleicht schon Monaten den Zusammenbruch des Weltwährungssystems erleben, einen dramatischen Anstieg von Arbeitslosigkeit und Elend, wachsende Konkurrenz und Rivalität im Staatensystem, den Zusammenbruch ganzer Staaten; damit verbunden wird die Gefahr steigen, dass die Herrschenden in Kriege als letzte Ablenkungsmanöver flüchten oder dass selbst kleine Konflikte gewollt oder ungewollt zum Flächenbrand eskalieren; und wenn diese Phase globaler Instabilität wie in der Vergangenheit 20 oder 30 Jahre andauert, dann wird sich mit oder ohne atomare Verseuchung durch Kriege die ökologische Katastrophe weiter zuspitzen.

China ist keine Lösung für das Weltsystem

Es gibt einen gewichtigen Unterschied zu allen früheren Übergangsphasen des kapitalistischen Weltsystems: Damals waren schon während der Niedergangsphasen der alten Hegemonialmacht neue Mächte aufgetreten, in deren Entwicklung sich neuartige Lösungen für die Probleme der Kapitalakkumulation abzeichneten. Heute ist solch ein Machtkomplex nicht in Sicht. Auch China, das sich in den letzten 30 Jahren rasant entwickelt hat, stellt für das Weltsystem keine Lösung dar. (7)

Der Kapitalismus steht vor einer gigantischen Überakkumulation, das System müsste noch einmal deutlich ausgeweitet werden. Dabei ist es mit mittlerweile fast sieben Milliarden Menschen konfrontiert (8), die zunehmend in Städten leben und die sich heute ganz anders gegen den Hunger wehren können; die besser als ihre Eltern über die Welt Bescheid wissen, deren Alphabetisierungsgrad in den letzten 30 Jahren überall auf der Welt gestiegen ist (9), und die mit der Krise noch massiver an andere Orte wandern werden.

Die Verwertung des Kapitals ist global von einer halben Milliarde IndustriearbeiterInnen und insgesamt drei Milliarden Arbeitskräften abhängig. Im Zuge der Aus- und Verlagerungen hat das Kapital versucht, seine Profite durch Billiglohnarbeit zu erhöhen, aber durch die Ausbreitung der Industrie über die Welt haben sich die Phasen verkürzt, in denen auch die Angleichung der Löhne gefordert wird, wie wir in China, in Rumänien und anderswo sehen können.

Im Kapitalismus wird immer gekämpft; seine ganze Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen. Das hat in den letzten 500 Jahren seine weitere Entwicklung nicht verhindert. Sie haben Einfluss auf seine Entwicklung genommen, und dieser Einfluss ist über die Jahrhunderte gestiegen. Aber die meisten Kämpfe blieben isoliert, weil sie gleichzeitig und an verschiedenen Orten stattfanden und somit einzeln verarbeitet und integriert werden konnten. Die jetzige globale Krise wird dazu führen, dass wir eine Gleichzeitigkeit von Kämpfen auf der ganzen Welt erleben werden, wie es sie das letzte Mal 1917/1918 gegeben hat. Damals war das welthistorische Ereignis, das zu dieser Gleichzeitigkeit führte, der Erste Weltkrieg.

Als die USA 2003 ankündigten, den Irak anzugreifen, haben wir am 15. Februar 2003 die erste weltweite Demonstration der Geschichte erlebt, als in etwa 800 Städten auf dem ganzen Globus Millionen Menschen gegen den Krieg demonstrierten. Wir haben den Krieg nicht verhindern können, aber es war vielleicht ein Hinweis darauf, wie sich eine globale Bewegung entwickeln könnte. Viel wird davon abhängen, dass sich die sozialen Kämpfe diesmal nicht wie 1917 erst am Ende des Krieges, sondern vor den Kriegen entwickeln.

So nackt und ratlos, wie die Herrschenden heute dem Ruin des von ihnen verteidigten Systems und den sozialen Ansprüchen und der gesellschaftlichen Macht von sieben Milliarden gegenüberstehen, besteht die Chance, die Probleme der Welt heute auf eine ganz andere, nicht mehr unter dem Diktat der toten Arbeit stehende Weise zu lösen. Dafür wird es nicht so sehr auf ausgefeilte Programme ankommen, sondern auf die Entwicklung von Kämpfen, in denen sich die Menschen massenhaft und global gleichzeitig die Kreativität und Produktivität ihrer eigenen gesellschaftlichen Arbeit aneignen, die ihnen heute als Kapital gegenübertritt.

Christian Frings

Anmerkungen:

1) Mike Davis: "Kann Obama den Grand Canyon sehen?" In: lunapark21, Nr. 4

2) Diese historische und systemische Einordnung orientiert sich an der von Giovanni Arrighi entwickelten Theorie der vier großen systemischen Zyklen des historischen Kapitalismus; vgl. Ders.: The Long Twentieth Century. New York 1994. Charakter und Bedeutung der Übergangsphasen zwischen den Zyklen und hegemonialen Weltsystemen wurden von einer Arbeitsgruppe am Fernand-Braudel-Institut genauer untersucht: Giovanni Arrighi/Beverly J. Silver: Chaos and Governance in the Modern World System. Minneapolis 1999. Auf Deutsch findet sich eine kurze Darstellung dieser Zyklentheorie in Giovanni Arrighi: Adam Smith in Beijing. Hamburg 2008. Den Übergang vom britischen zum US-geführten Zyklus behandelt Beverly Silver im 4. Kapitel ihrer Globalgeschichte der Arbeiterunruhe: Dies.: Forces of Labor. Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870. Berlin 2005. Siehe ak 496 und 497.

3) Zur Kritik an dieser äußerlichen Gegenüberstellung siehe Werner Bonefeld: "Das Kapital als Subjekt und die Existenz der Arbeit", in: Wildcat-Zirkular Nr. 36/37.

4) So die Holzknappheit in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und die Grenzen des auf Kohle beruhenden britischen Industrialismus.

5) Die These Wallersteins in "Utopistik", dass der Kapitalismus aufgrund der steigenden Verhandlungsmacht der Arbeiterklassen und einer beschleunigten Ausgleichung internationaler Lohngefälle mit "einem globalen Trend eines Anstiegs der Lohnkosten" konfrontiert ist, ist durch empirische Untersuchungen zur Entwicklung der Profitrate im "langen 20. Jahrhundert" untermauert worden: Minqi Li, Feng Xiao, Andong Zhu: "Long Waves, Institutional Changes and Historical Trendes: A Study of the Long-term Movement of the Profit Rate in the Capitalist World-Economy". In: Journal of World-Systems Research, 1/2007 unter http://jwsr.ucr.edu/archive/vol13/Li_etal-vol13n1.pdf.

6) So die Thesen von Arrighi, Wallerstein und Hopkins: "1989 - die Fortsetzung von 1968", in Etienne François u.a. (Hg.): 1968 - ein europäisches Jahr. Leipzig 1997.

7) In einigen Texten von Arrighi klingt es an, um China herum könne eine neue hegemoniale Macht des Weltsystems entstehen - wobei er bewusst offen lässt, ob diese noch einen kapitalistischen Charakter haben würde. In konsequenter Fortführung der Analysen von Wallerstein und Arrighi versucht Minqi Li zu zeigen, dass gerade der Aufstieg Chinas und Indiens, die damit verbundenen Einkommensansprüche von einem guten Drittel der Menschheit und die ökologischen Probleme zum Scheitern eines kapitalistischen Neuordnungsprojektes führen werden: Minqi Li: The Rise of China and the Demise of the Capitalist World. London 2008

8) 1929 waren es erst zwei Milliarden, zu Beginn des Britischen Empires eine Milliarde Menschen.

9) Emmanuel Todd bezeichnet dies als eine "Kulturrevolution", die zur Schwächung einer globalen Weltmacht wie den USA beigetragen hat.