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ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 437 / 13.4.2000

Vor Dimitroff war Zetkin

Einige kommunistische Faschismus-Analysen sind besser als ihr Ruf

Zu den düstersten Kapiteln in der Geschichte der kommunistischen Bewegung gehört ihre Niederlage im Kampf gegen den Faschismus. An Mut hat es in diesem Kampf nicht gefehlt, wohl aber an einer klaren Analyse, mit was für einem Feind man es zu tun hatte. Vor allem gab es keine Erfolg versprechende Strategie, wie der antifaschistische Kampf zu führen sei. Dabei hätte man es in den Jahren vor 1933 besser wissen können - wenn die frühen marxistischen Analysen des italienischen Faschismus weiter entwickelt worden wären.

Ob der Sieg des Faschismus in Italien und des Nationalsozialismus in Deutschland zu verhindern gewesen wäre, wenn die Linken auf der Höhe ihrer Aufgaben gewesen wären, bleibt natürlich Spekulation. Der Feind, dem sie gegenüber standen, war stark. Da war eine wachsende, gewalttätige Massenbewegung, die auch proletarische Schichten erfasste; ein bürgerlicher Staat, der die Faschisten allzu oft gewähren ließ oder direkt unterstützte und stattdessen die Linken verfolgte; schließlich die alten "Eliten", die - in Italien wie später in Deutschland - dem rechtsterroristischen Regime den Weg bereiteten: Industrielle, Großgrundbesitzer, Militärs, Staatsdiener und Intellektuelle.

Dennoch ist eine Mitverantwortung der kommunistischen und anderen Organisationen der radikalen Linken nicht zu leugnen (die ungleich größere Verantwortung der Sozialdemokratie ist ausdrücklich nicht Thema dieses Artikels.) Die Kommunistische Internationale (Komintern) hat ihre Mitverantwortung für den Sieg des Faschismus immerhin Mitte der 30er Jahre eingestanden. In seinem berühmten Bericht an den 7. Weltkongress der Komintern (2. August 1935) räumte Georgi Dimitroff ein, es habe "in unseren Reihen ... eine unzulässige Unterschätzung der faschistischen Gefahr gegeben". Gleichzeitig setzte er selbst diese Unterschätzung fort: Durch den "tiefen Hass", den der Faschismus bei den Massen hervorrufe, begünstige er "deren Revolutionierung", behauptete Dimitroff und zitierte Stalin, der den Sieg der Nazis "auch als Zeichen der Schwäche der Bourgeoisie" betrachtet wissen wollte.

Die übrigen Fehleinschätzungen Dimitroffs und der Komintern können hier nur am Rande erwähnt werden: die groteske Definition des Faschismus als "die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals"; das rein instrumentelle Verständnis der "antifaschistischen proletarischen Einheitsfront", welche die verräterischen Führer der Sozialdemokratie zwingen müsse, "die wiederholten Angebote der Kommunistischen Partei über die Aktionseinheit gegen den Faschismus anzunehmen"; schließlich die Kritik an der KPD, sie habe "das gekränkte Nationalgefühl und die Empörung der Massen gegen den Versailler Friedensvertrag nicht genügend in Rechnung gestellt" - zu vermuten ist, dass die "nationale Befreiung" zentrales Thema der von Dimitroff geforderten Bündnispolitik gegenüber den Bauern und dem Kleinbürgertum hätte sein sollen.

Dennoch war die Politik der "antifaschistischen Einheitsfront" ein Fortschritt in der Politik der Komintern. Noch am 1. April 1933, zwei Monate nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, hatte das Exekutivkomitee der Komintern sehr viel einseitiger die durch den Sieg des Nationalsozialismus angeblich offenbarte "Schwäche" der Bourgeoisie hervorgehoben: "Die Errichtung der offenen faschistischen Diktatur, die alle demokratischen Illusionen zunichte macht und die Massen aus dem Einfluss der Sozialdemokratie befreit, beschleunigt das Tempo zur proletarischen Revolution." Und noch kurz vor dem Sieg des Nationalsozialismus hatte die "Sozialfaschismusthese" jede Verständigung von Kommunisten und Sozialdemokraten unmöglich gemacht, weil selbst die viel beschworenen "einfachen Mitglieder" der SPD durch die allzu grobschlächtige "Entlarvung" ihrer Führer vor den Kopf gestoßen wurden.

Das verhalten positive Urteil über den Schwenk der Komintern von 1935 relativiert sich allerdings nicht nur wegen der nach wie vor fehlerhaften Analyse des Faschismus. Eine Katastrophe im Wortsinne ist vor allem der Zeitraum, der für diesen - beschränkten - Erkenntnisprozess notwendig war: Seit der Machterschleichung der italienischen Faschisten waren fast 13 Jahre vergangen! Hinzu kommt, dass die ersten Analysen des Faschismus an der Macht vergleichsweise hohes Niveau hatten, während danach eher eine Verflachung zu beobachten ist.

Der 4. Weltkongress der Kommunistischen Internationale begann am 2. November 1922, wenige Tage nach Mussolinis Ernennung zum italienischen Ministerpräsidenten. Während der Führer der italienischen KP, Amadeo Bordiga, beschwichtigend erklärte, der Machtantritt der Faschisten sei "nicht so tragisch, wie mancher denkt", schätzten führende Vertreter der KPdSU - darunter Stalins spätere Opfer Bucharin, Radek und Sinowjew - die Bedrohung durch den Faschismus realistischer ein. Komintern-Präsident Sinowjew - der allerdings wenig später wieder in unbegründeten Optimismus verfiel - warnte die versammelten Kommunistinnen und Kommunisten aus 58 Ländern: "Wenn die Faschisten in Italien sich behaupten - und das ist für die nächste Zeit wahrscheinlich -, dann ist es sogar absolut sicher, dass ähnliche Erscheinungen wahrscheinlich auch in Deutschland, vielleicht in ganz Mitteleuropa auftreten werden."

Und Lenin? In seinen Gesammelten Werken finden sich unter dem Stichwort Faschismus genau vier Eintragungen. Seine letzte öffentliche Erklärung zum Thema, die einzige nach dem Oktober 1922, ist von besonderer Brisanz. Am 13. November 1922 sagte Lenin, ebenfalls auf dem 4. Weltkongress der Komintern: "Vielleicht werden uns zum Beispiel die Faschisten in Italien gute Dienste leisten, indem sie den Italienern klar machen, dass sie noch nicht genügend aufgeklärt sind und dass ihr Land noch nicht gegen Schwarzhunderterbanden gefeit ist. Vielleicht wird das sehr nützlich sein." Dimitroff, der Held der "Einheitsfrontpolitik", wiederholte diese grob fahrlässige Äußerung noch auf dem 7. Weltkongress im August 1935, überdies in verballhornter Kurzfassung.

Immerhin widmete die Komintern der italienischen Entwicklung seit 1921 große Aufmerksamkeit. Auch die führenden Kader der KPD waren - nach dem Sieg des Faschismus - über die Situation in Italien bemerkenswert gut informiert und auch in der Lage, daraus politische Schlüsse zu ziehen - wenn man Clara Zetkin zum Maßstab nimmt. In ihrer Rede auf dem Frankfurter Anti-Faschismus-Kongress im März 1923 warnte sie vor:

- der faschistischen Gefahr auch in anderen Ländern, insbesondere Deutschland;

- der damit verbundenen Gefahr eines neuen Weltkriegs, "noch umfangreicher und barbarischer" als der erste;

- der Anfälligkeit auch des Proletariats für "nationalistische Losungen";

- dem Fehler, im Faschismus nur eine "Erscheinung des weißen Terrors" zu sehen.

Der italienischen Sozialistischen Partei warf sie zu Recht vor, sie habe, "statt der Gewalt Gewalt entgegenzusetzen, dem Faschismus mit süßen Flötentönen und Moralpredigten beikommen" wollen. Nun müssten in allen Ländern "Komitees aus Proletarier aller Richtungen für den planmäßigen Kampf gegen den Faschismus" organisiert werden. Ein internationales Aktionskomitee habe die Kampagne gegen den Faschismus zu leiten. Als Forderungen nennt sie die Freilassung der politischen Gefangenen und den Boykott Italiens.

In ihrem Bericht auf dem Erweiterten Plenum des Exekutivkomitees der Komintern (20.6.1923) nahm Clara Zetkin einen Gedanken auf, den Radek ähnlich schon im November 1922 geäußert hatte: "dass der Faschismus in Italien, ehe er durch Akte des Terrors das Proletariat niederschlug, einen ideologischen und politischen Sieg über die Arbeiterbewegung errungen hatte". Zwar dürfe der "Selbstschutz" des Proletariats, "seine Selbstverteidigung gegen den faschistischen Terror ... nicht eine Minute vernachlässigt werden". Daneben aber gelte die Losung "Heran an die Massen!" Als Massenbasis des Faschismus sieht Zetkin "politisch Obdachlose, sozial Entwurzelte, Existenzlose und Enttäuschte". Den "vom Sozialismus Enttäuschten", die sich den Faschisten zugewandt hätten, müsse die Verlogenheit des Faschismus bewiesen werden, der Antagonismus von pseudo-revolutionären Versprechungen und reaktionärer imperialistischer Praxis.

Aus heutiger Sicht lässt sich etliches an Zetkins Bericht kritisieren: ihre Hoffnung auf eine baldige "innere Zersetzung" des Faschismus (die in Italien erst 1942/43 und im Deutschen Reich, wenn überhaupt, erst kurz vor der Kapitulation Wirklichkeit wurde); ihr Glaube an die Mission der Partei, den "Suchenden", auch unter den Sympathisanten der extremen Rechten, die "frohe Botschaft von dem erlösenden Kommunismus (zu) bringen"; ihre Zuversicht, "in jedem einzelnen Arbeiter das revolutionäre Klassenbewusstsein entzünden und zur Flamme des Klassenwillens anblasen" zu können. Zugute halten muss man ihr, dass Mitte 1923 die Hoffnung auf eine bevorstehende revolutionäre Entscheidungsschlacht in Deutschland weniger unrealistisch erscheinen musste als 1926 oder 1932.

Die halblegale Kommunistische Partei Italiens konnte Zetkins Losung von der Hinwendung zu den Massen zeitweise relativ erfolgreich umsetzen. Nach der Ermordung des sozialistischen Abgeordneten Giacomo Matteotti durch Faschisten aus der direkten Umgebung Mussolinis (10.6.1924) geriet das Regime schwer unter Druck. Der PCI schlug ein Gegenparlament vor, um "mit rückständigen Massen Kontakt aufzunehmen", wie Antonio Gramsci zwei Jahre später schrieb. Erst in der "Matteotti-Krise" sei der PCI wirklich zur Massenpartei, sein Zentralorgan L'Unità zum Forum des antifaschistischen Widerstandes geworden.

Unter dem Eindruck der Matteotti-Krise fiel die Komintern in den alten Optimismus zurück. In der Resolution über den Faschismus, verabschiedet vom 5. Weltkongress der Komintern (16.9.1924), erschien der Faschismus als letzter Versuch der Bourgeoisie, ihren Untergang hinauszuzögern: "Der Faschismus ist das Kampfinstrument der Großbourgeoisie gegen das Proletariat, zu dessen Niederwurf die legalen staatlichen Machtmittel nicht mehr ausreichen"; durch die inneren Widersprüche des Regimes - "Interessengegensätze zwischen der Großbourgeoisie einerseits und den kleinbürgerlichen und proletarischen Elementen andererseits" - gerate der Faschismus "nach seinem Siege in einen politischen Bankrott, der zu seiner inneren Zersetzung führt".

Hinzu kommt ein Vorgriff auf die verhängnisvolle These vom "Sozialfaschismus": "Bei fortschreitendem Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft nehmen alle bürgerlichen Parteien, insbesondere (!) die Sozialdemokratie, einen mehr oder weniger faschistischen Charakter an." Mit diesen Thesen waren die besseren Einsichten Clara Zetkins vorerst vom Tisch, von einer internationalen Kampagne überparteilicher antifaschistischer Komitees gar nicht zu reden.

(wird fortgesetzt)

Js.

Literatur:

- Georgi Dimitroff: Arbeiterklasse gegen Faschismus. Bericht an den VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale (2.8.1935); Regensburg 1975, S. 5-109

- W.I. Lenin: Fünf Jahre russische Revolution und die Perspektiven der Weltrevolution. Referat auf dem 4. Kongress der Komintern (13.11.1922); in ders.: Ausgewählte Werke, Band III; Berlin/DDR 1970, S. 811-826

- Leonid Luks: Entstehung der kommunistischen Faschismustheorie. Die Auseinandersetzung der Komintern mit Faschismus und Nationalsozialismus 1921-1935; Stuttgart (DVA) 1985

- Theo Pirker (Hg.): Komintern und Faschismus. Dokumente zur Geschichte und Theorie des Faschismus; Stuttgart (DVA) 1965

- Gert Schäfer: Der Faschismus und die Kommunistische Internationale; in Theodor Bergmann/ Mario Keßler (Hg.): Aufstieg und Zerfall der Komintern. Studien zur Geschichte ihrer Transformation (1919-1943); Mainz 1992, S. 167-201

- Clara Zetkin: Rede auf dem Internationalen Anti-Faschismus-Kongress, Frankfurt am Main, 23.3.1923; dokumentiert bei Theo Pirker, S. 115-118

- Clara Zetkin: Der Kampf gegen den Faschismus. Bericht auf dem Erweiterten Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (20.6.1923); in dies.: Ausgewählte Reden und Schriften II, Berlin/DDR 1960, S. 689-729

Der politischen Niederlage folgt die militärische Lenin und
die "nützlichen" Faschisten Clara Zetkin und die "Wendung
zu den Massen"