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|ak 642 | Alltag

Wie ein Gebet

Zum Gedenken an den in Athen ermordeten Zak Kostopoulos

Von Dimitris Alexakis

Der junge Mann auf den Bildern hat zunächst keinen Namen. Wir sehen zu, wie er ermordet wird, bevor wir wissen, wer er ist. Er ist einfach jeder. Er ist niemand. Das Geschehen wird von einer Kamera oder einem Handy von oben aus kurzer Entfernung aufgenommen.

Die Bilder sind unscharf. Nach ein paar Stunden bekommt die Silhouette, die zwei Männer am helllichten Tag im Zentrum Athens angegriffen haben, einen Namen. Die Nachricht trifft uns mitten ins Herz: Der junge Mann ist Zak. Zak ist auch Zackie oder Zackie Oh! und hat eine wöchentliche Drag Show in einem kleinen Club in Athen. Zak ist ein Aktivist, der sich für die Rechte von Menschen mit HIV und für die LGBTQI-Community einsetzt. Zak hat auch den Namen einer Frau und kennt ihre Ängste. In den Sozialen Medien oder in der Zeitschrift Antivirus lesen Hunderte Jugendliche seine Texte. Er weiß, wo er steht, in welcher Welt und Gesellschaft er lebt, welche Reaktionen allein die Anwesenheit eines offen schwulen Mannes und, viel schlimmer, eines Mannes, der als Frau gekleidet ist und eine Perücke trägt, immer noch hervorruft.

Die ihn angreifen, hätten ihm helfen sollen

Es ist Freitag, der 21. September: Im Stadtteil Omónoia von Athen wird eine Person offenbar vom Besitzer eines Juwelierladens in dessen Geschäft eingeschlossen. Das Video setzt ein, als ein junger, großer, verwirrt wirkender Mann gegen die verschlossene Ladentür taumelt und versucht, einen Feuerlöscher anzuheben, mit dem er offensichtlich die Glastür zerschlagen will, um aus dem Laden rauszukommen. Schließlich versucht er, durch das unterste Schaufenster nach draußen zu kriechen.

Zwei Männer, die vor dem Geschäft stehen, treten wie entfesselt auf ihn ein. Der eine ist der Besitzer des Ladens, der andere ein Immobilienmakler, über den später bekannt wird, dass er außerdem Pressesprecher der Patriotischen Front ist, einer rechtsextremen Formation, die der Neonazipartei Goldenen Morgenröte nahe steht. Sie lassen erst von ihm ab, als sich eine größere Menge Zuschauer_innen gebildet hat und zwei Personen einschreiten. Das Video bricht ab, scheinbar kommen Sanitäter und die Polizei dazu.

Einige Minuten nach dem Angriff sieht man auf Aufnahmen, wie Zak wieder aufsteht. Er hat einen Kopfverband und kann sich nur schwer auf den Beinen halten. Er wird in den Rücken getreten, taumelt weg, stolpert gegen die Tische eines Cafés, fällt auf den Boden, bevor sich die Polizeibeamten auf ihn stürzen. Zak liegt im Sterben. Sein Gesicht ist blau, acht Polizisten lassen nicht von ihm ab, legen ihm Handschellen an – es ist wahrscheinlich, dass diese Handlungen den Tod durch Ersticken verursachen.

Nachdem er ihn zuvor fast tot getreten hat, verlässt der Immobilienmakler das Gelände und schreibt einen Tweet, in dem er behauptet, dass Zak sich mit dem Glasstück, das er zu dem Zeitpunkt des Polizeiangriffs gar nicht mehr in der Hand hielt, das Leben genommen hätte. Er soll den Laden überfallen haben. Immer mehr Zeugenaussagen stehen bereits zu diesem Zeitpunkt im Gegensatz zur Überfallthese. Wahrscheinlich betrat Zak den Juwelierladen in erster Linie, um Zuflucht zu suchen.

Polizeibeamte handeln, wie sie es immer tun

Und Diebstahl oder nicht: Das Video zeigt einen schwer verletzten Menschen, der Hilfe braucht und stattdessen von der Polizei weiter misshandelt wird. Es ist unerträglich, weil diejenigen, die ihn schließlich töten, diejenigen sind, die ihm hätten helfen sollen.

Der Krankenwagen, der seinen Körper wegbringt, fährt los, ohne die Sirene anzumachen, was nahelegt, dass Zak schon tot ist. Er ist in jedem Fall tot, als er im Krankenhaus ankommt – dennoch ist er immer noch in Handschellen gefesselt. Die Ärztegewerkschaft des Krankenhauses spricht von einer regelrechten Verachtung gegenüber dem Toten. Derweil lässt die Polizei den Besitzer sein Geschäft reinigen, anstatt den Tatort abzusperren. Der Juwelier wird vor dem beleuchteten Fenster fotografiert und fegt die Scherben wie ein gewissenhafter Arbeiter am Ende eines normalen Arbeitstages.

Nachdem der Krankenwagen abgefahren ist, gibt er einem privaten Fernsehsender ein Interview, in dem er erklärt, dass er im Angesicht eines bewaffneten Raubüberfalls aus Verzweiflung gehandelt habe, um sein Eigentum zu verteidigen. Seine Version wird von fast allen Medien übernommen. Ein prominenter Moderator wird die Zuschauer_innen fragen, ob sie die »Reaktionen des Juweliers« auf »einen Dieb mit einem Messer« verstehen können.

Ein bis zwei Tage später widerspricht der Juwelier seinen ersten Aussagen und gibt zu, dass kein bewaffneter Raubüberfall stattgefunden hat. Aber die Lüge hat ihre Wirkung entfaltet: Mehr als zehn Tage nach den Ereignissen glauben viele immer noch, dass der Juwelier in Notwehr gehandelt habe.

Die »Fahrlässigkeit« der Polizei ist leicht erklärbar: Drogenabhängige oder Einwanderer_innen, die nach dieser gewalttätigen Art von »Erster Hilfe« noch weiter verprügelt werden, bleiben in der Regel anonym, fast niemand fragt nach ihnen, niemand versucht, mit ihnen Kontakt aufzunehmen, oder kommt, um ihren Leichnam einzufordern. Der Einsatz der acht Polizisten wird von ihrem Gewerkschaftsvertreter mit den Worten verteidigt: »Das sind unsere Methoden, ob es euch gefällt oder nicht«. Seine Haltung und Rhetorik lässt unweigerlich den alten Begriff »Parakrátos« aufkommen, der sich auf die rechtsextremen Kräfte im Herzen des Staates, der Polizei und der Justiz bezieht: »tiefer Staat«, »Staat im Staat«, »parastaatliche Kräfte«. Dieser Beamte nutzt auch das Narrativ der »Angst vor AIDS«, indem er vorschlägt, dass die Polizisten es so weit wie möglich vermieden hätten, Zak zu berühren, um eine Kontamination zu vermeiden, mit der sie »ihre Kinder« verseuchen würden.

Der Vertreter der Gewerkschaft der Polizeibeamten hat Recht: Die Beamten haben so gehandelt, wie sie es immer tun, wenn es um die Schwächsten geht – diesmal allerdings ohne zu ahnen, dass das Opfer Hunderte von Freund_innen und Follower_innen in den Sozialen Medien hatte.

Alles, wovor ihr euch fürchtet

Von der Beerdigung im kleinen Ort Itèa, aus dem Zaks Eltern kommen, erzählt A., dass die Freund_innen Zaks als Drag erschienen. Er erzählt von dem goldenen Glitter, der über dem Sarg in die Luft geworfen wird, den Pailletten auf den Gesichtern der Großmütter, von verlegenen Blicken. C. sagt: »Wir waren auch, auf eine andere Weise, seine Familie.« Am Schaufenster des jetzt geschlossen Juweliergeschäfts klebt T. einen Text: »Sie haben Angst vor uns und töten uns / Angst vor dem Himmel, den wir betrachten / Angst vor der Wand / an die wir uns lehnen / Angst vor den Worten, die wir sagen / wir beide, mit leiser Stimme / Angst vor den Worten, die wir morgen zusammen sagen werden / Angst vor uns, Zak, meine Liebe / und wenn sie uns töten / fürchten sie uns noch mehr / tot.« Odyssèas veröffentlichte ein Gedicht, das ein Jahr zuvor für ihn geschrieben wurde: »Ich bin alles, wovor ihr euch fürchtet / alles, was ihr bekämpft / (….) alles, wovor ihr Angst habt / euch zu verlieben.«

Langsam ändert sich die Bedeutung der Initialen R.I.P., von Rest In Peace, über Rest In Power hin zu Rest In Pride. Vielleicht ist das der Ausdruck, der am besten zu Zak passt. Das Wort Power schwebt über ihm im Sinn der Passage aus »Eine Zeit in der Hölle« des Dichters Arthur Rimbaud: »Schwäche oder Stärke: Da bist du, das ist Stärke.«

Zaks Stärke kommt aus seiner Fragilität, einer Fragilität, die er so stark annimmt, dass sie von den »normalen Menschen« als Bedrohung empfunden wird. Eine Normalität, die nun erneut in einem monströsen Licht erscheint.

L. sagt zu uns: »Sprecht über Zak, redet weiter, sprecht über den Tanz und die Tränen, die ihr geteilt habt, sprecht über sein schönes Haar, seine Taille, seine Liebe für Madonna, sprecht über Zak, bis eure Zunge trocken ist, sprecht endlos, mit Raunen oder Schreien, sprecht über den Zak, den wir kennen, sprecht über die griechische Gesellschaft, die Zak ermordet hat, sprecht über seine Mörder, sprecht.«

Die Gesellschaft, die du wolltest

Die erste Demonstration nach Zaks Ermordung, organisiert von seinen Freund_innen aus der Queer Community, endet in Omónoia mit dem Song »Like a Prayer« der Sängerin Madonna. Einige Anarchist_innen, die an der Versammlung nach der Demo teilnehmen, sehen in Mitgliedern der LGBTQI-Community »unpolitische« Subjekte. Die Lautstärksten, die Dümmsten, und jene unter ihnen, die es verstehen, das Wort zu monopolisieren und andere zum Schweigen zu bringen, schlagen vor, »Nachhilfe in ordentlichem revolutionären Verhalten« zu geben. Außer sich vor Wut reißt G. plötzlich seinen Hut ab und erklärt vor der Vollversammlung, dass Transvestiten, Schwule, Lesben und Transpersonen in Griechenland in ihrem täglichen Leben wirkliche Anarchie leben. Die Versammlung versinkt im Chaos, zwischen den beiden Welten gibt es so gut wie keine Berührungspunkte.

Der Ruf »Macker raus!« gegen einige jugendliche Männer, die entlang der Demo ein paar Bankautomaten zerschlagen wollten, wird von diesen ebenso wenig akzeptiert wie von LGBTQI-Aktivist_innen die Tatsache, dass einige Anarchist_innen die Begriffe »Hure«, »Schwuchtel« und »Homos« als Beleidigungen verwenden.

M. erinnert sich, dass ein junger Mann den Transleuten vorwarf, »sentimental zu werden«. »Als ob wir nicht in Trauer wären, und als ob die Gefühle nicht politisch wären. Wir ändern nichts ohne Wut, ohne Tränen, ohne Gelächter, ohne Freude, ohne Humor, ohne Angst, mein Schatz.« antwortet F., eine Transperson mit blonden Haaren, die sich in Rage redet, bis sie schreit.

»Ich habe Angst vor dem Faschismus, der an Fahrt aufnimmt«, schreibt C. »Ich habe Angst, dass wir vielleicht nie erfahren, was mit dir passiert ist. (…) Ich habe Angst vor ihrem Hass, aber ich erinnere mich, dass man alles, was einen terrorisiert, in ein Motiv zum Handeln umwandeln könnte. Und ich verspreche dir, dass deine Mörder verurteilt werden. Ich gebe mein Wort, unser Wort an euch alle. Die Gesellschaft, die du wolltest, sind wir, die sie aufbauen werden, auch wenn es das Letzte ist, was wir jemals tun werden.«

Zaks Tod bringt alle Ängste der LGBTQI-Community an die Oberfläche und all den Hass der griechischen Mehrheitsgesellschaft. Kommentare, die unter Artikeln, Facebookposts oder Tweets veröffentlicht werden, sind manchmal fast so gewalttätig wie die Bilder des Mordes. »Er zappelt immer noch«, bemerkt ein Leser unter einem Artikel, der das Lynchen beschreibt.

Der letzte Song, den Zak am Tag vor seinem Tod twittert, ist »The Trick is to keep breathing« – der Trick ist, weiter zu atmen.

Dimitris Alexakis

Dimitris Alexakis leitet den KET (»Television Repair Shop«), einen kreativen Raum im Stadtteil Kypseli von Athen, und arbeitet mit anderen daran, Zaks Geschichte bekannt zu machen.

Auf der Facebookseite »Justice For Zak/Zackie« gibt es mehr Informationen.

Eine Langfassung des Textes (»Comme une prière: à la mémoire de Zak Kostopoulos«) erschien am 4. Oktober auf vacarme.org. Übersetzung aus dem Französischen: David Doell, Solène Zozime.