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Verein fuer politische Bildung, Analyse und Kritik e.V.

ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 632 / 14.11.2017

Aufgeblättert

Staatskritik

Das Verhältnis der Linken zum Staat ist kompliziert. Während manche ihn reformieren wollen, fordern andere seine vollständige Abschaffung. In seinem Sammelband zur materialistischen Staatskritik referiert und kritisiert Moritz Zeiler verschiedene linke Analysen und Positionen. Das Spektrum reicht von Marx und Engels über Lenin, den westlichen Marxismus bis hin zu anarchistischen Positionen. Der Autor verliert sich dabei nicht in Details, sondern stellt sehr stringent und nachvollziehbar die verschiedenen Theoriemodelle vor. Neben der kompakten Zusammenfassung liefert er zugleich eine historische Einbettung der Werke. Das ermöglicht es, die zeitliche Verhaftung der verschiedenen Theorien zu erkennen und ihre historischen Implikationen und Wirkungen zu verstehen. Dadurch bekommen die Leser_innen zugleich eine gut verständliche Einführung in verschiedene Elemente des Marxschen Werks und dessen Rezeption durch unterschiedliche Vertreter_innen der Linken. Zeiler orientiert sich dabei an zentralen Elementen der Marxschen Gesellschaftstheorie - Analyse, Kritik und Subversion - und lädt zum Weiterdenken beispielsweise über das Verhältnis von Ökonomie und Politik ein. Insbesondere der Rekurs auf verschiedene Erklärungsmodelle faschistischer Herrschaft liefert für die Gegenwart erhellende Impulse. Wer eine fundierte Einführung in die Kritik des Staates sucht, welche die wichtigsten Ansätze bespricht und eine umfangreiche Literaturliste enthält, sollte zu diesem Buch greifen.

Moritz Strickert

Moritz Zeiler: Materialistische Staatskritik. Eine Einführung. Reihe theorie.org, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2017. 186 Seiten, 10 EUR.

Neoliberalismus

Der Neoliberalismus ist bekanntlich nicht nur ein Wirtschaftskonzept, er prägt auch unser Denken und Handeln. In den vergangenen Jahren erschienen einige Bücher, die sich dem Alltag in einer vom Neoliberalismus geprägten Gesellschaft widmen. Dazu gehört seit Frühjahr 2016 das mittlerweile mehrfach aufgelegte Buch »Unterwerfung als Freiheit« von Patrick Schreiner. Der Publizist hat nun darauf aufbauend ein neues Buch veröffentlicht. Darin widmet er sich weniger der Beschreibung des Lebens im Neoliberalismus als vielmehr der Frage, »warum Menschen sowas mitmachen«. Er beantwortet diese aber nicht selbst, sondern mit Hilfe ganz unterschiedlicher Theoretiker_innen. Es geht etwa um die Liebe (Eva Illouz), die Demokratie (Wendy Brown), die Köpfe der Bevölkerung (Antonio Gramsci), den Kapitalismus im Allgemeinen (Karl Marx), die Kulturindustrie (Theodor W. Adorno und Max Horkheimer) oder um das Denken und die Gefühle jeder Einzelnen (Michel Foucault). Schreiner stellt präzise die jeweiligen Theorien vor und erklärt, ausgehend von diesen Theorien, warum sich Menschen den gesellschaftlichen Zwängen des Neoliberalismus unterwerfen. Die Kapitel eignen sich hervorragend als erste Einführung in die jeweilige Theorie. Sie sind verständlich geschrieben, trotz der Dichte nicht allzu schwer verdaulich und regen bestens zur eigenen Reflexion an. Jetzt fehlt eigentlich nur noch ein drittes Buch, das die Frage beantwortet, wie wir dem Neoliberalismus ein Ende machen.

Theo Schuster

Patrick Schreiner: Warum Menschen sowas mitmachen. Achtzehn Sichtweisen auf das Leben im Neoliberalismus. PapyRossa Verlag, Köln 2017. 168 Seiten, 13,90 EUR.

Neonazis

Der Titel »Etikettenschwindel. Die Autonomen zwischen Pop und Antimoderne« führt ein wenig in die Irre. Denn eigentlich geht es weder um Schwindelei noch ausschließlich um sogenannte Autonome Nationalisten (AN). »AN sind Neonazis, die eine Strömung in den Freien Kameradschaften darstellen« - diese Feststellung führt zu weiterreichenden Fragen: Was genau ist unter deutschem Neonazismus zu verstehen? Wie und warum ist das Spektrum der Freien Kameradschaften entstanden? Welche Einflüsse haben den Neonazismus in den letzten Jahrzehnten geprägt? Geboten wird daher eher ein Überblick über die Entstehungsgeschichte des Neonazismus - parteiförmig, nicht-parteiförmig, kulturell. Immer wieder wird der Vergleich mit dem historischen Faschismus und Nationalsozialismus gezogen. Dadurch bleibt »Etikettenschwindel« nicht auf einer rein deskriptiven Ebene, sondern hilft, die Grundlagen des Neonazismus zu begreifen. Bezugnehmend auf Ernst Bloch zeigt Christoph Schulze, dass Übernahmen von Symbolen, Ritualen oder politischen Formen weniger Schwindel als vielmehr eine Strategie sind, die zum einen bereits im Nationalsozialismus ein historisches Vorbild findet und zum anderen durch eine kulturelle Öffnung des Neonazismus begründet ist, der dabei keineswegs seinen ideologischen Kern zu verschleiern versucht. Interessant wäre es gewesen zu erfahren, ob die AN eine ausschließlich deutsche Spielart des Neonazismus sind oder sich deren Strategien auch in anderen Ländern beobachten lassen.

Maike Zimmermann

Christoph Schulze: Etikettenschwindel. Die Autonomen zwischen Pop und Antimoderne. Tectum Verlag, Baden-Baden 2017. 566 Seiten, 44,95 EUR.

Superreiche

Vielleicht sind sie privat ganz nett, die Superreichen. Unerträglich dagegen erscheinen die vergleichsweise schäbig bezahlten Propagandist_innen einer Gesellschaftsordnung, die »märchenhaft wachsende Vermögen« erst möglich macht. Die Märchenerzähler_innen des in Hamburg erscheinenden manager magazins (»Wirtschaft aus erster Hand«) haben jetzt ein Sonderheft herausgegeben, das eine Liste der 1001 reichsten Deutschen enthält. Früher war man auf der »Reichstenliste« mit 500 Namen ausgekommen. Jetzt hat sich die Redaktion für doppelt so viele entschieden, weil in Deutschland »die Anzahl der Multimillionäre und Milliardäre sprunghaft zunimmt« - sprunghaft und zugleich märchenhaft, so das im gesamten Heft mit Vorliebe verwendete Adjektiv. Chefredakteur Steffen Klusmann nennt in seinem Editorial auch die Gründe für dieses Wachstum: Das Kapital »vermehrt sich in Immobilien, Ländereien und vor allem Unternehmen«. So könnten die Superreichen ihren »Besitztümern beim Wachsen regelrecht zugucken«. Diese »sich selbst nährenden Vermögen« findet Klusmann nicht anstößig. Denn viele Superreiche engagieren sich für die Allgemeinheit, besonders in Afrika: » Einige der reichsten Männer der Welt haben ihr Herz an den ärmsten Kontinent verloren und betreiben dort Reservate und exklusive Lodges«. Exklusiv auch die Reportage über eine »Safari der Extraklasse« im »Zoo der Alphatiere«. Ein tolles Heft, dem massenhafte Verbreitung zu wünschen wäre, besonders in den unteren Klassen.

Daniel Ernst

manager magazin Sonderheft: Märchenhaft wachsende Vermögen. Die 1001 reichsten Deutschen. Hamburg, Oktober 2017. 122 Seiten, 9 EUR.