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Verein fuer politische Bildung, Analyse und Kritik e.V.

ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 605 / 19.5.2015

La Resistenza continua

Geschichte Eine Begegnung mit dem antifaschistischen Widerstand - 70 Jahre nach der Befreiung Italiens

Von Lucia Rossi und Andreas Sommer

Geschichte muss zu Fuß erlebt werden. Deswegen, so schreibt Sergio Luzzatto in seinem Buch »Partigia«, dürfe Geschichte eben nicht nur gelesen, sondern auch »vor Ort« gesucht werden. Diesem Gedanken fühlt sich auch das Institut Istoreco Reggio Emilia verpflichtet. Seit mittlerweile 23 Jahren organisiert es die Sentieri Partigiani, die Wanderungen entlang der Orte des italienischen Widerstandes in der Provinz Reggio Emilia zwischen Po und Apennin.

In Italien wird traditionell am 25. April der Festtag zur Erinnerung an Faschismus, deutsche Besatzung und Befreiung begangen. Im Zuge des diesjährigen 70. Anniversario della Liberazione fand eine besondere Wanderung statt. Üblicherweise basieren die mehrtägigen Reisen vorrangig auf dem gemeinsamen Wandern entlang der Orte der Resistenza und den Gesprächen mit Zeitzeug_innen des Widerstands. Diese zentralen Standbeine wurden dieses Mal erweitert um Einblicke in die antifaschistische Erinnerungskultur Italiens um den 25. April, die mit der Würdigung der Partisan_innen fest verwoben ist.

Um die Organisierung der Resistenza nachvollziehen zu können, ist es unumgänglich, einen Blick in die politische Geschichte Italiens vor dem Zweiten Weltkrieg zu werfen. Anders als in Deutschland bildet sich hier das faschistische Regime unter der Führung Benito Mussolinis bereits Anfang der 1920er Jahre aus. Nach dem formell mit-gewonnenen Ersten Weltkrieg gerät Italien in eine tiefe wirtschaftliche und politische Krise. Die sich zuspitzenden sozialen Kämpfe gipfeln in Streiks, Fabrik- und Landbesetzungen. Eben diesem zunehmenden Druck des sogenannten Biennio rosso - der zwei roten Jahre 1919/20, in denen sozialistische Kräfte von Turin ausgehend zunehmend gesellschaftlichen Einfluss entwickeln - folgen die Jahre faschistischer Reaktion und organisierten Terrors der Squadristen, der faschistischen Miliz. Sie münden 1922 in dem weniger militärischen als symbolischen Marsch auf Rom und die durch König Viktor Emanuel III. vollzogene Ernennung Mussolinis zum Ministerpräsidenten.

Die von nun an folgende Transformation des italienischen Faschismus - von einer auf das Innere konzentrierten Kraft zu Beginn der 1920er Jahre hin zu einer von aggressiver expansionistischer Außenpolitik gekennzeichneten staatlichen Macht Ende der 1930er Jahre - kennzeichnen den Weg zum Bündnis mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Am 10. April 1940 erklärt Italien Frankreich und Großbritannien den Krieg und bekräftigt damit die zwischen 1936 und 1939 etappenweise besiegelte Achse Berlin-Rom.

Eine »Armee ohne alles«

Am Denkmal der Frauen der Resistenza in Castelnovo Monti treffen wir die 1925 geborene Giacomina Castagnetti. Die faschistische Parole »glauben, gehorchen, kämpfen« erfährt Giacomina schon in frühster Kindheit als alles vereinnahmenden Leitsatz einer militarisierten und uniformierten Gesellschaft, welche bereits in der Schule Gehorsam und Kampf als Norm setzt. Gerade diese auf Überlegenheit basierende Denkweise, so erzählt Giacomina, wies den Frauen eine politisch passive, auf Reproduktionsarbeit reduzierte Rolle zu. Wie absurd dieses autoritäre Modell ist, zeigt sich in der Realität des Krieges, in der die italienischen Frauen nun weit über die ihnen zugesprochenen Bereiche funktionieren müssen. Giacomina sammelt ab 1940 verdeckt Gelder zur Unterstützung verfolgter Antifaschist_innen und gehört ab 1943 zu den sogenannten Frauenverteidigungsgruppen, welche als »Armee ohne alles«, wie Giacomina sie nennt, die kämpfenden Partisan_innen unterstützen.

Dieser bewaffnete Widerstand bildet sich erst in einer 1943 entstehenden Gemengelage aus: Während die fortlaufenden Niederlagen der italienischen Armee, alliierte Bombardements italienischer Städte und die Geringschätzung durch den deutschen Bündnispartner die Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung verstärken, erreicht am 10. Juli mit der Landung alliierter Streitkräfte auf Sizilien der Krieg italienischen Boden. Am 25. Juli 1943 wird Mussolini schließlich durch eine Palastrevolte von König und Regimefunktionären aus dem Amt geputscht und verhaftet.

Trotz dieser Niederlage des faschistischen Staates führen die Kosequenzen der am 8. September erfolgten Unterzeichnung des Waffenstillstandes mit den angloamerikanischen Alliierten zu einem Desaster: Die fehlende Information der italienischen Streitkräfte in den unterschiedlichen Teilen Europas und Nordafrikas endet in ungeordneten Auflösungen und Truppenbewegungen. Vereinzelt wird Widerstand gegen die Deutschen geleistet, wer ansonsten nicht fliehen kann, gerät in Kriegsgefangenschaft und wird vor die Wahl der Kollaboration gestellt. Wer nicht kooperiert - und nicht wenige entscheiden sich dagegen - ist der Willkür der ehemaligen Verbündeten ausgesetzt. Zwangsarbeit, Folter und Ermordung gehören zu den gängigen Praxen im Umgang mit den italienischen Soldaten. Zeitgleich ermöglicht die vorhersehbare Loslösung Italiens nach der Absetzung Mussolinis den deutschen Militärs ein schnelles Reagieren; die italienische Halbinsel wird innerhalb weniger Tage durch deutsche Einheiten besetzt, der Freudentaumel des bereits gefeierten vermeintlichen Kriegsendes löst sich auf im Terror der Okkupation deutscher Truppen.

Doch gerade im Zuge des Zusammenbruchs des faschistischen Staates können sich die seit den 1920er Jahren klandestin arbeitenden antifaschistischen Kräfte reorganisieren. Mit der Besetzung Italiens und der Aussicht einer Frontverschiebung nach Norden verbindet sich eine Vielzahl gesellschaftlicher Fraktionen zur antifaschistischen Einheitsfront. Bei aller Pluralität ist der nationale Befreiungskampf gegen die deutsche Besatzungsmacht der Konsens des geeinten Widerstandes, auch wenn die Interessen der beteiligten Gruppen darüber hinausgehen.

Auch nach der abenteuerlichen Befreiung Mussolinis durch deutsche Fallschirmspringer und die Einsetzung eines Marionettenregimes unter dessen Führung geht die Organisierung des Widerstandes weiter. Gerade der Versuch Mussolinis, nun im durch deutsche Truppen besetzten Norditalien Männer zur Aufstellung neuer Einheiten zwangszurekrutieren, treibt Teile der Bevölkerung in die schwer zu kontrollierenden Regionen und Gebirge, um so den Maßnahmen zu entgehen oder sich gar den wachsenden Partisanengruppen anzuschließen. Dort treffen sie auf desertierte Italiener und zum Teil auch Deutsche, versteckte Soldaten anderer Nationen und geflüchtete Kriegsgefangene. Möglich wird diese erste Organisierung des Widerstandes dabei nur durch die »Massen-Maternage«, die Deckung durch Frauen, welche die Flüchtenden unterstützen.

Der Weg in den Widerstand

Die Wege der Männer und Frauen zu den Partisan_innen waren riskant, und die Gefahr, von deutschen Einheiten oder italienischen Faschisten entdeckt zu werden, permanent. Welche schweren Bedingungen dabei herrschten, veranschaulicht Francesco Bertacchini, der 1944 den Kampfnamen »Volpe« (Fuchs) annahm. Wir treffen den 89-Jährigen in Succiso, einem heute fast ausgestorbenen Bergdorf. Hier schloss er sich zum ersten Mal kämpfenden Partisanen an. Bis Succiso jedoch war es ein komplizierter Weg, den Volpe mit seinem Freund Armando beging, nachdem er beschlossen hatte, der Resistenza beizutreten. Im Partisanengebiet geraten sie in eine der zahlreichen Durchkämmungsaktionen der Deutschen und verstecken sich auf dem örtlichen Friedhof.

Als ihnen am nächsten Tag niemand im Ort helfen kann, ziehen sie sechs Tage lang weiter, bis sie sich einer ersten gut versorgten, jedoch schwach organisierten Einheit anschließen. Diese werden sie wenig später auf den Wunsch Armandos verlassen. Er will zur Brigade Garibaldi, wie sich die kommunistischen Partisan_innen in Anlehnung an den italienischen Revolutionär Giuseppe Garibaldi nennen. Ihr Weg führt die beiden weiter nach Succiso, das 1944 mehr als eine Stunde Fußweg von jeglicher befahrbaren Straße entfernt ist. Dort werden die der Resignation nahen Freunde nach einer Nacht auf dem Dorfplatz von einem aus dem Wald kommenden Partisanen begrüßt.

Die beiden Männer wurden zuvor aus dem Hinterhalt von der gesamten Einheit beobachtet. Weil viele der Kämpfer sie aus ihrem Heimatort kennen, werden sie letztlich aufgenommen. Ende 1944 stirbt Armando, als seine Einheit verraten und umzingelt wird. Sechs Partisanen, darunter er, wurden gefangen genommen, gefoltert und getötet oder starben noch in der Schießerei. Volpe, der zu einer anderen Einheit versetzt worden war, übersteht den Krieg unversehrt und sieht am 23. April 1945 die ersten alliierten Soldaten der aus 24 Nationen bestehenden internationalen Armee.

Die große Gefahr, der sich die Partisan_innen aussetzten, wird in den Schilderungen des 1927 geborenen Giacomo Notari (»Willi«) und der 1928 geborenen Giovanna Quadreri (»Libertà«) deutlich. Giacomo treffen wir in Talada, einer kleinen Ortschaft unmittelbar am Fluss Secchia. Er gerät zu den Partisan_innen, als diese junge Männer suchen, die sich freiwillig bei den Faschisten melden. Sie sollen in den Kasernen verdeckte Agitation betreiben, um die dort stationierten jungen Männer zum Überlaufen zu bewegen. Giacomo, dessen Onkel bereits 1943 als Kommunist getötet wurde, meldet sich gegen den Willen seines Vaters freiwillig für diese riskante Aufgabe. Nachdem er diesen Auftrags erledigt hat, geht er zu den kämpfenden Partisan_innen und ist in den letzten Tagen der militärischen Auseinandersetzungen unter anderem an der Verteidigung des Wasserkraftwerks im nahegelegenen Ligonchio beteiligt. Üblicherweise waren die Partisan_innen zu kurzen Kommandoaktionen gezwungen, um sich der militärischen Übermacht der Deutschen so wenig wie möglich auszusetzen. In Ligonchio konnte jedoch die im Rahmen des deutschen Abzugs übliche Politik der verbrannten Erde verhindert werden.

Die Resistenza war mehr als die kämpfenden Einheiten

Zum Aktionsfeld der Partisan_innen gehörten das Sprengen von Brücken, Überfälle auf Militärkonvois, die Beschaffung von Waffen, Material und Verpflegung wie auch das Schleusen gesuchter und verfolgter Personen. Derlei organisatorisch hoch komplexe Operationen erforderten ein Maß an Planungsstruktur und Organisierung, das weit über die Einheiten der kämpfenden Gruppen hinausreichte. Kernstück des organisierten Widerstandes war das auf Initiative der italienischen Kommunistischen Partei (PCI) aus dem Komitee der antifaschistischen Strömungen hervorgegangene Nationale Befreiungskomitee (CLN).

Dieser Stab, in dem alle Fraktionen des Widerstandes vertreten waren, steuerte das Vorgehen der verschiedenen Verbände. Die dafür erforderliche Kommunikation war das Rückgrat der Resistenza. Sie wurde nahezu ausschließlich durch Partisaninnen durchgeführt, da sie sich als Frauen im besetzten Italien freier bewegen konnten. Giovanna, die als Botin der Gruppe Gufo Nero tätig war, überbrachte Befehle und Anweisungen und schmuggelte Waffen. Zwar waren auch in den kämpfenden Gruppen Frauen organisiert, doch wurden sie vorrangig im Botendienst eingesetzt - auch aus diesem Grund mussten Partisaninnen nach dem Krieg lange um die Würdigung ihrer bedeutenden Arbeit kämpfen. Es ist ein Kampf, der in einzelnen Punkten bis heute andauert. Trotzdem zeigen die Feierlichkeiten des 25. April, dass die Resistenza zentral im Narrativ der Befreiung vom Faschismus verankert ist.

In vielen Spektren antifaschistischer Erinnerungskultur und Bildungsarbeit bieten Zeitzeug_innen einen zentralen und unersetzlichen Zugang zum Thema Nationalsozialismus. Bereits in wenigen Jahren werden die Sentieri Partigiani nicht mehr in der heutigen Form möglich sein. Einem langjährigen Begleiter der Sentieri Partigiani - Fernando »Toni« Cavazzini - war es bereits in diesem April aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich teilzunehmen. Seinen Erinnerungen setzt der durch Matthias Durchfeld produzierte und in diesen Tagen veröffentlichte Dokumentarfilm »Sabotatori« ein bildstarkes Denkmal.

Lucia Rossi und Andreas Sommer sind antifaschistisch aktiv, leben in Hamburg und waren zum dritten Mal bei einer Partisanenwanderung vom Istoreco dabei.