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Verein fuer politische Bildung, Analyse und Kritik e.V.

ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 598 / 14.10.2014

Des Teufels großer Haufen

Diskussion Der französische Ökonom Thomas Piketty plädiert für mehr Leistungsgerechtigkeit

Von Ingo Stützle

Der Volksmund weiß: Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen. Was man wahlweise als Verdacht oder als Erfahrungswissen deuten kann, das hat der französische Ökonom Thomas Piketty nachgewiesen. Zumindest wollte er das. In einem dicken Buch (1) mit viel statistischem Material legt er dar, wie, wann und warum die Vermögensverteilung immer ungleicher wurde und wird. Piketty zeigt, dass die Ungleichheit immer dann zunimmt, wenn die Kapitalrendite (r) das Wirtschaftswachstum (g) übersteigen. Auf eine Formel gebracht: r > g. Die Ungleichheit habe in den letzten Jahrzehnten zugenommen, und zwar derart, dass sie die kapitalistische Wirtschaftsweise selbst untergrabe: Nicht mehr Arbeitsleistung, sondern vor allem Erbschaften würden sich lohnen, d.h. dazu beitragen, Vermögen aufzubauen.

Damit bewegten sich die westlichen Industriegesellschaften wieder hin zu Verhältnissen, wie sie im 19. Jahrhundert herrschten. So hätte Piketty den mittellosen Karl Marx zitieren können, der 1852 an seinen Freund Friedrich Engels uber seinen Onkel schrieb: »Stirbt der Hund jetzt, so bin ich aus der Patsche heraus. « Marx erhoffte sich eine Erbschaft, nachdem er beim Tod seines Vaters »leer« ausgegangen war. Engels antwortet Marx: »Zu der Nachricht von der Krankheit des alten Braunschweiger Erbschaftsverhinderers gratuliere ich und hoffe, dass die Katastrophe endlich eintreten wird.«

»Das wichtigste Buch des Jahres«

Als Pikettys Buch »Das Kapital im 21. Jahrhundert« 2013 in Frankreich erschien, wurde es zwar freundlich aufgenommen. Allzu viel Aufmerksamkeit erhielt es jedoch nicht. Der Hype begann erst mit der US-amerikanischen Ausgabe im März 2014, als Paul Krugman, Träger des Wirtschaftsnobelpreises von 2008, Pikettys Werk als »das wichtigste Buch des Jahres, vielleicht des Jahrzehnts« feierte. Nun ist es auf Deutsch erschienen und bewegt auch hierzulande den Blätterwald. Das Schweizer Institut Mediatenor fand heraus, dass die Diskussion um sein Buch Piketty erstmals auf Platz drei der am meisten zitierten ÖkonomInnen gebracht hat. Mediatenor-Forschungsdirektor Tobias Thomas kommentierte: »Ökonomen lassen das Thema Ungleichheit und Gerechtigkeit gerne links liegen. So verpassen sie eine Chance, sich Gehör zu verschaffen und zu einer Versachlichung der Debatte beizutragen.« Versachlichen meint hier: politisch und sozial einhegen. Genau diesen Effekt wird auch die Diskussion um Piketty haben, wenn sein Buch nicht angemessen kritisiert wird.

Der Hype um Piketty ist erklärungsbedürftig, denn neben dem Lob wurde gleichzeitig festgehalten, Piketty vertrete eine denkbar schlichte These. Auch war bereits vor Pikettys Buch das Thema »Ungleichheit« im Mainstream der Ökonomie angekommen, zig Studien waren von EZB über OECD bis IWF dazu erschienen, allerdings mit folgender Argumentationslinie: Ungleichheit und Armut gelten nicht mehr so sehr als Folge des kapitalistischen Wirtschaftswachstums, sondern vor allem als Bremse dieses Wachstums. »Es gibt die Tendenz, das Thema Ungleichheit unter moralischen Kategorien zu besprechen«, so die Ratingagentur Standard and Poor's zur wirtschaftlichen Lage der USA. »Viel wichtiger aber wäre die Frage: Ginge es der US-Wirtschaft mit geringeren Einkommensunterschieden besser?« Im Zentrum stehen demnach nicht die Probleme, die die Armen mit dem Kapitalismus haben, sondern die Probleme, die die Armen dem Kapitalismus beim Wachstum bereiten.

Damit Pikettys wirtschaftspolitischer Vorschlag - progressive Besteuerung von hohen Vermögen und Einkommen - nicht ernsthaft in Erwägung gezogen wird, sahen sich die Protagonisten der Eliten zum Reagieren gezwungen. Das Phänomen der Ungleichheit, das sie durchaus einräumen, dürfe nicht von »den Falschen« thematisiert werden. Sonst werde der gleiche Fehler gemacht wie in den 1960er Jahren, als die Debatte über Gerechtigkeit »falschen Propheten« überlassen wurde, denen dann große Teile der BürgerInnen in ein »sozialistisches Schlaraffenland« nachlaufen wollten. So formuliert es etwa Stephan Werhahn, Bundesvorstand der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU sowie Delegierter des Bundes Katholischer Unternehmer. (2)

Piketty bewundert den Kapitalismus

Selbst KritikerInnen gestehen Piketty zu, er habe mit seinem Buch eine wichtige Diskussion angestoßen. Dabei macht er es dem bürgerlichen Lager auch nicht schwer. Seine Forderungen sind so radikal wie illusorisch, wie er selbst betont. Zudem steht er dem Kapitalismus alles andere als ablehnend gegenüber: »Ich bewundere den Kapitalismus, ich bewundere das Privateigentum und ich bewundere die Marktwirtschaft.« Das schlägt sich auch in seinen wirtschaftstheoretischen Grundlagen nieder. Piketty stützt seine Erkenntnisse auf umfangreiches statistisches Material. Er gibt sich demnach weniger als Theoretiker, sondern als quasi neutraler Statistiker, der die Zahlen für sich sprechen lässt.

Doch sprechen Zahlen niemals für sich, sie müssen gedeutet werden. Und das passiert auch in Pikettys Buch. Ihm zugrunde liegt eine bestimmte Deutung des gesamten Wirtschaftsgeschehens: die sogenannte Neoklassik, die die Universitäten und Lehrbücher beherrscht, der zufolge die freien Kräfte des Marktes zu einem Gleichgewicht tendieren. Dieses stellt dem wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream zufolge ein gesellschaftliches Optimum dar, einen Zustand der größtmöglichen Bedürfnisbefriedigung. Dass sein aufbereitetes statistisches Material dem widerspricht, erkennt Piketty durchaus, zieht daraus aber keine theoretischen Konsequenzen. Piketty ist demnach theoretisch nicht einmal mit John Maynard Keynes vergleichbar, der zumindest einen Bruch mit den theoretischen Grundlagen des neoklassischen Mainstreams vollzog.

Aus einer marxschen Perspektive lässt sich noch ein ganz anderer Widerspruch kritisieren. Piketty erklärt die wachsende Ungleichheit auf Grundlage bereits existierender Ungleichheit. Woher diese jedoch kommt und welche spezifische soziale Qualität sie hat, darüber schweigt er sich aus. Bei aller Bewunderung für den Kapitalismus interessiert sich Piketty nämlich nicht für die Besonderheiten dieser Wirtschaftsform, fragt sich nicht, was das ist: Kapitalismus. Auch hat er keinen Begriff von Kapital, setzt er doch Vermögen und Kapital gleich. Ein Stück Land, eine Immobilie, ein Geldbetrag oder eine Produktionsanlage sind für ihn einfach »Besitz« oder »Eigentum«. Dabei spielt es für ihn auch keine Rolle, in welcher Wirtschaftsform dieses Eigentum existiert und in welcher Weise es die gesellschaftliche Reproduktion organisiert. Seine Formel r > g soll immer gelten, im Feudalismus genauso wie im Kapitalismus. Aber genau diese Borniertheit gegenüber dem spezifischen sozialen Charakter des Vermögens führt dazu, dass Piketty zwar die Entwicklung von Ungleichheit historisch nachzeichnen kann, aber immer nur auf bereits vorausgesetzter Ungleichheit, die für ihn »einfach existiert«.

Weil Piketty Marx nicht ernsthaft zur Kenntnis nimmt, geht ihm einiges verloren - und zwar das Wesentliche dessen, was er eigentlich erklären will. Das Marx'sche »Kapital« ist Piketty nach eigenen Aussagen zu kompliziert: »Ich habe es nicht geschafft, das jemals wirklich zu lesen.« So bewegt er sich vor einem beschränkt aufgeklärten, d.h. bürgerlichen Horizont. Vor dem Kapitalismus, da würde Piketty wohl noch zustimmen, schien Ungleichheit von Gott gegeben, entsprach einer »natürlichen« Gesellschaftsordnung - nicht einmal die Menschen waren gleich. In einer »aufgeklärten« Gesellschaft haben es hingegen derartige Legitimationsmuster schwer. An deren Stelle sind jedoch andere getreten, so etwa, dass Arbeit Eigentum begründet und damit das Vermögen - das gilt als Norm, als »allgemeines Gesetz« (Marx). Das Theorem findet sich seitdem bis heute nicht nur in der ökonomischen Theorie, sondern ist auch im Alltagsverstand tief verankert - wenn auch nicht widerspruchsfrei.

Ungleichheit soll auf Leistung beruhen

Einerseits scheint Ungleichheit nur durch unterschiedliche Arbeitsleistung erklärbar und deshalb nur durch Arbeitsleistung legitimierbar; andererseits zeigt die Realität, dass dem nicht so ist. Das ist der Hintergrund, warum sich Piketty im Kreis bewegt. So argumentiert er, dass die Ungleichheit wachse, weil Ungleichheit existiert. Er argumentiert zirkulär, ohne zu erklären, wie eine »ursprüngliche« Ungleichheit überhaupt in die Welt gekommen ist und welche gesellschaftlich spezifische Ungleichheit den Kapitalismus auszeichnet: die Trennung der unmittelbaren Produzenten von den objektiven Möglichkeiten der Produktion, die soziale Tatsache, dass sich eben nicht Arbeit gegen Arbeit tauscht, sondern der Besitz von Produktionsmitteln eben zugleich Verfügungsmacht über fremde Arbeit, mittellose Arbeitskraft darstellt.

Es ist nicht verwunderlich, dass Piketty schlussendlich bei einer bürgerlich-liberalen Forderung landet: Leistung muss sich wieder lohnen. Schließlich ist die Quintessenz von Pikettys Analyse zur Ungleichheit und ihrer Entwicklung: Mit der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft werden Erbschaften immer wichtiger, und dies werde zu einem Problem. Warum? »Unsere demokratischen Gesellschaften basieren auf einer meritokratischen Weltanschauung oder zumindest einer meritokratischen Hoffnung, womit ich einen Glauben an eine Gesellschaft meine, in der Ungleichheit eher auf Leistung und Anstrengung beruht als auf Verwandtschaft und Zinseinkommen.«

Die von Piketty beworbene Leistungsideologie bewegt sich - vor allem in Deutschland - in einem gefährlichen Kontext. Leistungsideologie geht Hand in Hand mit einem Wohlstandschauvinismus, der sich europaweit in Rassismus und einem Hass auf vermeintlich »unproduktive« Menschen ausdruckt: Griechenland ist in der Krise? Dann haben die Griechen wohl nicht hart genug gearbeitet. Wie soll ein derartiger Diskurs für linke Politik förderlich sein?

Für Piketty ist Ungleichheit auch nicht prinzipiell schlecht - sie muss nur etwa durch Leistung legitimiert sein. Die Entwicklungen der Ungleichheit sind eher Ausgangspunkt seiner Sorge um die Integrationskraft der Gesellschaft und das Wachstum der Wirtschaft. Pikettys Buch und seine Daten können daher von Linken nur fur ihre Zwecke »instrumentalisiert « werden. Piketty selbst ist politisch wie theoretisch konservativ - auch wenn er sich dem Thema Ungleichheit widmet und die progressive Besteuerung hoher Einkommen und Vermögen fordert.

Anmerkungen:

1) Thomas Piketty: Das Kapital im 21. Jahrhundert. C.H. Beck, München 2014. 816 Seiten, 29,95 EUR.

2) Ulrich Horstmann: Alles, was Sie uber »Das Kapital im 21. Jahrhundert« von Thomas Piketty wissen mussen. FinanzBuch Verlag, Munchen 2014. 112 Seiten, 6,99 EUR.

Zur Kritik an Piketty

Inhalt, Argumente und Kontroversen, die Pikettys »Bibel der Umverteilungspolitiker« (Manager-Magazin) ausgelöst hat, referieren und erörtern Stephan Kaufmann und Ingo Stützle: Kapitalismus: Die ersten 200 Jahre. Thomas Pikettys »Das Kapital im 21. Jahrhundert« - Einführung, Debatte, Kritik. Bertz+Fischer, Berlin 2014. 112 Seiten, 7,90 EUR. Das Buch ist derzeit Abo-Prämie bei ak.