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ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 575 / 21.9.2012

Und täglich grüßt das Sommermärchen

Geschichte Deutschland postpolitisch: Ein Imagefilm des Bundestages lädt zum Wohlfühlen ein

Von Cornelia Siebeck

»Dem deutschen Volke. Eine parlamentarische Spurensuche vom Reichstag zum Bundestag« - unter diesem Motto lädt der Bundestag derzeit jeden Abend zu einer halbstündigen Historienshow. »Erleben Sie einen bewegenden Film über unvergessliche Momente deutscher Geschichte«, wirbt ein von der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit, Referat Veranstaltungsmanagement und Sonderprojekte, herausgegebener Flyer.

In lauen Sommernächten ungezwungen auf den Stufen am Ufer der Spree hockend, im Rücken den erleuchteten Reichstag, sollen ZuschauerInnen sich auf eine »Licht- und Klangreise durch unsere Geschichte« begeben und das Reichstagsgebäude als »Spiegelbild der demokratischen Entwicklung in Deutschland« erkennen lernen.

Bis 1989/90 verlief an diesem Ort die Grenze. Heute tuckern hier tagtäglich hunderte Touristenboote vorbei, auf denen StadtbilderklärerInnen die Repräsentationsarchitektur der »Berliner Republik« erläutern: »Wo sonst darf das Volk dem Parlament aufs Dach steigen?«, fragen sie angesichts der gläsernen Reichstagskuppel rhetorisch, denn die Antwort heißt: Nirgends! So demokratisch ist es eben nur in Deutschland.

Rückkehr in die Geschichte

Die Verlegung der Bundeshauptstadt nach Berlin und der begleitende Prozess des »Nation Branding« im Sinne einer offensiven »Rückkehr in die Geschichte« ist abgeschlossen. Galt die symbolische Hauptstadtwerdung Berlins in den 1990er Jahren vor allem mit Blick auf den Umgang mit der NS-Vergangenheit noch als symbolische Gratwanderung, die von allerlei gedächtnispolitischen Debatten begleitet war, so scheint der Diskurs über die nationale Meistererzählung mittlerweile weitgehend befriedet.

Mitsamt diverser Mahnmale kündet die Berliner Hauptstadtarchitektur heute vom Geschichtsbewusstsein einer »erwachsenen Nation, (...) die sich der Geschichte und ihrer Verantwortung stellt, aber bei aller Bereitschaft, sich damit auseinander zu setzen, doch nach vorne blickt«, wie Gerhard Schröder es 1998 zusammenfasste. Den vorläufigen Abschluss dieser Gedächtnislandschaft bildet das künftige Freiheits- und Einheitsdenkmal als »Mahnmal des historischen Glücks« (Wolfgang Thierse im Jahr 2007).

In diesen ideologischen Kontext fügt sich der neue Imagefilm des Bundestages nicht nur nahtlos ein, er kann auch als eine Art Zusammenfassung des derzeit staatlich erwünschten deutschen Geschichtsbildes gelesen werden. Und das ist es auch, was ihn bemerkenswert macht.

Die Show beginnt mit einem Medley prominenter Zitate: Wir stehen vor der Wahl zwischen Freiheit und Sklaverei; Mr. Gorbachev, tear down this wall; Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten; Freiheit - Freiheit - Freiheit; Wir sind das Volk! usw. Dann ertönt Peter Heppners Pop-Hymne »Wir sind wir (ein Deutschlandlied)«: »Doch ich frag / Ich frag mich wer wir sind / Wir sind wir. Wir stehn hier / Aufgeteilt, besiegt und doch / Schließlich leben wir ja noch ...«

Der anschließende Film lässt deutsche Nationalgeschichte schlaglichtartig Revue passieren: »Bürgerliches Selbstbewusstsein« erkämpfte sich im Kaiserreich ein nationales Parlament. Dann der »Ausbruch« des Ersten Weltkrieges, die Weimarer Republik als zäher Kampf zwischen »Demokraten« und »Extremisten von links und rechts«.

Es kommt, wie es angesichts des grassierenden »Extremismus« kommen musste: »Der Größenwahn Hitlers reißt Europa in den Abgrund.« Die Hauptstadt in Trümmern, Berlinblockade, Grundgesetz. Gründung eines demokratischen Staates und eines diktatorischen »Gegenmodells«. Niederschlagung des Aufstandes in der DDR 1953. Mauerbau.

Danach passiert gar nichts mehr, bis in der DDR eine »Bürgerbewegung« entsteht, die Freiheit und Einheit erkämpft. Der Mauerfall dauert über zwei Minuten und ist untermalt mit dem Lied »Tage wie diese« von den Toten Hosen. Im Bonner Bundestag schmettert man die Nationalhymne, Wahlen in der DDR, die Volkskammer beschließt den Beitritt, große Feier, schwierige Hauptstadtentscheidung.

Die Verhüllung des Reichstags 1995 gerät dann vollends zum Sommermärchen, das - so suggeriert der Film - seither gar nicht mehr aufhören will: PolitikerInnen aller Fraktionen lachen, streiten, votieren und umarmen sich auch mal, BesucherInnen loben die tolle Atmosphäre im Reichstagsgebäude, der derzeitige Bundestagspräsident Norbert Lammert beschwört wortreich die politische Macht des Parlaments.

Einfach mal zufrieden sein

Der Film setzt primär auf emotional-identitäre, mitunter auch auf sozialkundlich-didaktische Momente. Seine Moral ist schlicht: Freiheit siegt über Diktatur, Demokratie über Totalitarismus, heute ist es besser als früher. Da sollte man von »stillem Stolz und lautem Dank« erfüllt sein, wie Norbert Lammert anlässlich des 20. Jahrestages der Vereinigung formulierte, oder zumindest einfach mal zufrieden sein. Ist doch letztendlich gut gelaufen bisher, zumindest ist deutsche Geschichte an ein glückliches Ende gelangt. Alternativen zum Bestehenden gibt es nicht - man hat ja gesehen, was dabei rauskommt: Diktatur.

Unterm Strich ist es diese Botschaft, die der Bundestag dem Publikum mit seiner angeblichen »Spurensuche« vermittelt. Appelliert wird an Wohlfühl- und Identifikationsbedürfnisse weit jenseits des Politischen, wobei implizit eine ebenso posthistorische wie postpolitische Schicksalsgemeinschaft konstruiert wird. Erschreckend ist, dass es jenseits des Bundes der Steuerzahler offenbar keinerlei kritische Stimmen zu diesem Film gibt - das wäre vor nicht allzu langer Zeit noch undenkbar gewesen.

Cornelia Siebeck ist Historikerin. Sie forscht und schreibt zu gedächtnispolitischen Themen.

Der Film ist bis zum 3. Oktober täglich bei Einbruch der Dunkelheit zu sehen. Infos und Mitschnitt unter www.bundestag.de/kulturundgeschichte/ausstellungen/grossbildprojektion/index.jsp.