Mehr als eine Insel der Unordnung
Kultur Zum dritten Geburtstag schenkt sich das Hamburger Gängeviertel ein Buch
Von Nicole Vrenegor
Alles begann mit einem roten Punkt in der Größe eines Handballens, der plötzlich massenhaft in der Stadt auftauchte. Eine zufällige Markierung, eine geheime Spur oder gar der Vorbote eines kommenden Aufstands? Vielleicht von allem ein bisschen, kündigten doch die roten Punkte eine Aneignung an, die kurz darauf mitten in der Hamburger Innenstadt erfolgen sollte. Am 22. August 2009 wurden auf einen Schlag ein Dutzend Häuser im Rahmen eines harmlosen Hoffestes gekapert. »Komm in die Gänge« lautete der Slogan, der sich auf der zweiten Version des roten Aufklebers befand.
Bereits am ersten Tag folgten über Tausend Menschen dieser Aufforderung und besuchten das frisch besetzte Gängeviertel, um dort jede Menge Kunst und das historisch bedeutende, vom Abriss bedrohte Häuserensemble zu bewundern. Nach und nach öffneten und füllten sich alle Häuser mit aufgeregt euphorischen Menschen. »Eine magische Stimmung im Viertel. Und mittendrin diejenigen, die einen Plan hatten, der bislang aufgegangen ist. Die sich leise zublinzeln, wenn sie sich begegnen, die sich fühlen wie Verschwörer unter Verschwörern - was ein gutes Gefühl ist, manchmal auch ein einsames«, so beschreibt Sven Stillich die besondere Stimmung des Anfangs in dem von der Initiative Komm in die Gänge herausgegebenen Buch »Mehr als ein Viertel«.
An diesem Tag im August 2009 kam Leben in ein Viertel, dessen trauriges Schicksal eigentlich schon besiegelt schien. 80 Prozent der Häuser sollten abgerissen, der denkmalgeschützte Rest luxussaniert werden. Das städtische Wohnungsunternehmen Saga/GWG hatte die Gebäude jahrzehntelang verfallen lassen und so den kostengünstigen Wohnraum konsequent entmietet. Schließlich hatte die Finanzbehörde diese letzten noch bestehenden Reste der historischen Altstadt Hamburgs an den Höchstbietenden verkauft. Eigentlich wollte der niederländische Investor Hanzevast im Herbst mit den Sanierungs- bzw. Abrissarbeiten beginnen.
Der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt: Die Stadt Hamburg sah sich aufgrund des öffentlichen Drucks gezwungen, die Flächen vom Investor zurückzukaufen und mit der Initiative über die weitere Nutzung zu verhandeln. Anfang 2010 wurde der erste Rahmenvertrag unterzeichnet, damals noch mit dem schwarz-grünen Senat. Nach äußerst zähen Verhandlungen schließt das Gängeviertel am 8. September 2011 einen Kooperationsvertrag mit der mittlerweile von der SPD alleinregierten Stadt. Nun, kurz nach der dreijährigen Geburtstagsfeier, kann die dringend erforderliche Sanierung mit zu erwartenden Kosten von rund 20 Millionen Euro angegangen werden. An dessen Ende sollen 73 bezahlbare Wohnungen für rund 250 Menschen und jede Menge nichtkommerzieller Kultur- und Arbeitsflächen entstehen.
Momente des Werdens und des Scheiterns
»Wir haben die letzten drei Jahre einen Ort produziert, aber selten Texte. Und nachdem so viel über uns geschrieben wurde, wollten wir zurückschreiben: Wir schreiben über uns«, erklärt die Theatermacherin Hannah Kowalski die Motivation für das Buchprojekt. Und wer nun einen nostalgisch-verklärten Rückblick erwartet, der wird enttäuscht werden. Hier wird sich nicht einseitig abgefeiert, sondern es findet eine äußerst selbstkritische Reflexion statt, was das Buch zu einem wertvollen Schatz für kommende Bewegungsgenerationen macht. Der Anspruch sei, »Momente des Werdens und des Scheiterns einzufangen«, schreibt das Redaktionsteam im Vorwort und nimmt diesen selbstgestellten Auftrag ernst.
Neben schön geschriebenen Reportagen über den Tag und die Vorgeschichte der Besetzung finden sich kritische Berichte von ProjektausteigerInnen und Diskussionen über die »prekäre Einheit von Kunst und Leben«, die intern äußerst kontrovers geführt werden. »Ziel des Gängeviertels könnte es sein, durch ästhetisch-kritische Bildung alle politischen, gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Verhältnisse zu hinterfragen, die als unveränderlich erscheinen und in denen die Menschen entfremdet leben und arbeiten, und so zu einer befreiten Gesellschaft zu gelangen«, umschreibt Kevin Kahn den großen, utopischen Rahmen, in dem sich das Viertel - bei aller Alltagspragmatik - verortet.
Gleichzeitig ist vielen Texten die Angst anzumerken, im Zuge der anstehenden Sanierungen und Projektentwicklung nun selbst »unveränderlich« zu werden und somit zur Institution zu erstarren. Wie kann das, was das Viertel nach wie vor ausmacht - der»temporäre autonome Zustand«, der von Zufälligkeit, Impulsivität, Unordnung und Aneignung geprägt ist - in einen sanierten Zustand überführt werden? Dies ist eine Schlüsselfrage, die eigentlich jedes Projekt begleitet, das mal emanzipativ-idealistisch gestartet ist.
Der flüssige Ort Gängeviertel
»Das Projekt Gängeviertel wäre gescheitert, wenn es unauffällig integriert im Hamburger Kulturbetrieb lediglich Bedürfnisse ästhetischer Kontemplation bedienen und als Touristenmagnet den Standortvorteil Hamburgs optimieren würde«, so skizzieren Hannah Kowalski und Margaux Weiß in ihrem Artikel »Insel der Unordnung« die interne Messlatte für Misserfolg. Und die Gefahr der Vereinnahmung und Verfestigung ist groß. Da sich die Gängeviertel-Initiative von Anfang an auf eine Kooperation mit der Stadt eingelassen hat, ist sie immer schon mit deren spezifischen Logiken konfrontiert. Das heißt: ein »Rattenschwanz an Bürokratie«, um die behördlichen Auflagen für einen Wohn- und Arbeitsbetrieb zu erfüllen, und materielle Zwänge, in die sich das Projekt nach der Sanierungsphase begibt, wenn Mieten, Steuern und Verwaltungskosten etc. anfallen. »Wir wünschen uns, dass das Gängeviertel ein flüssiger Ort bleibt, in welchem permanent Räume verändert und erfunden werden können«, schreiben die Autorinnen.
Dass der Ort bisher flüssig geblieben ist, spricht für das schlaue Agieren der AkteurInnen, die in den Verhandlungen die Stadt immer wieder herausforderten. Dies geschah klar im Rahmen eines »Reformweges«, in dem nicht die Radikalpositionierung einer Besetzung, sondern die einer Verhandlung hegemonial war. Dass das subkulturelle Gängeviertel nun, ähnlich wie die Rote Flora oder wie der von AnwohnerInnen in St. Pauli erkämpfte Park Fiction, von der Stadt benutzt wird, um die Marke Hamburg imagemäßig zu polieren, ist eine Vereinnahmung, die mehr als nervt. Wer dies jedoch einseitig dem Gängeviertel zum Vorwurf zu macht, wie es die lokale taz in ihrem verseuchten Geburtstagsständchen »Schluss mit Schulterklopfen« macht, der verkennt, dass solche Projekte nicht mit, sondern gegen den Willen der Stadt erkämpft wurden. Und wenn heute offiziell alle glücklich sind mit dem Gängeviertel, dann zeugt dies nur von dem allzu offensichtlichen Versuch der städtischen Elite, die eigene politische Niederlage in einen Erfolg umzulabeln.
Was die Initiative Komm in die Gänge erreicht hat, ist, dass sie die sonst so reibungslos erfolgte Privatisierung städtischen Gemeinguts zumindest an dieser Stelle verhindern konnte - was allerhand ist. So wurde der neoliberalen Stadt mit viel Engagement etwas abgetrotzt, und gleichzeitig setzt sich die verheerende städtische Politik der Enteignung, des Sozialabbaus und der Segregation fort: Business as usal eben.
»Ein extrem schneller Beat schlägt durch unsere Gassen und es gibt kaum Zeit, mal innezuhalten«, so beschreibt die Künstlerin Christine Ebeling die letzten drei Jahre. Und dieser schnelle Beat zeigt sich auch in einer charmant gestalteten Statistik, die sich im Buch wiederfindet: 70.000 BesucherInnen, 500 Konzerte, 300 Ausstellungen und 140 Stunden Bücherlesungen hat das Gängeviertel zu verzeichnen, dabei sind 50.000 Liter Alkohol und 400 kg Nikotin geflossen bzw. inhaliert worden. Andere Zahlen verweisen jedoch auf den hohen individuellen»Preis«, der mit diesem enormen Output verbunden ist: 280.000 Stunden ehrenamtliche Arbeitsstunden sind im Projekt geleistet worden, allein 350 Stunden wurde mit der Stadt verhandelt, 189 Vollversammlungen fanden statt, 43 unterbrochene Studienarbeiten, 44 ernsthafte Zusammenbrüche und fünf Platzverweise gab es, die Anzahl der Ausstiege - visualisiert durch eine knallende Tür - haben die GängeviertlerInnen nicht beziffert.
Der hohe Beat fordert viele Kompromisse und Opfer persönlicher Art, die neben Streit auch Erschöpfung mit sich bringen. »Schöner Wohnen im falschen Leben?« ist denn auch ein Artikel von Marzena Chilewski überschrieben, der mögliche Fallstricke einer Instrumentalisierung skizziert. Die Zukunft könne sich nicht in der Verlängerung der Gegenwart erschöpfen, da sich eine zukünftige Stadt erst durch eine veränderte Praxis bilden müsse.
Auch das Konzept »Recht auf Stadt«, das ist den 1960ern vom französischen Philosophen Henri Lefebvre entwickelt wurde, fußt auf dieser Perspektive des über das Bestehende Hinausweisenden. »Es gibt kein Denken ohne Utopie, ohne Erforschung des Möglichen, des Anderswo«, schreibt Lefebvre in»La révolution urbaine«. Trotz und gerade wegen aller Widersprüchlichkeit, die sich ganz konkret im Gängeviertel aus den Mühen der Ebenen ergibt, wird sich die Lebendigkeit des Projektes auch an dessen utopischem Gehalt messen lassen.
Dabei geht es darum, ganz grundlegende Fragen anzugehen, die sich städtische soziale Bewegungen weltweit stellen: Welche Gegenstrategien und Alternativen gibt es zur ausgrenzenden neoliberalen Stadt? Wie kann sich das Recht auf Stadt genommen werden? Wie könnten transnationale Räume aussehen, die nicht-hierarchisch und basisorganisiert funktionieren? Wie können städtische Ressourcen und Gemeingüter gerecht verteilt und auch für nächste Generationen gesichert werden? Große Fragen, die mehr als eine Insel der Unordnung und mehr als ein äußerst anregendes Buch brauchen, um beantwortet werden zu können.
Nicole Vrenegor ist aktiv bei Recht auf Stadt und Gängeviertelsympathisantin der ersten Stunde.
Gängeviertel e.V. (Hg.): Mehr als ein Viertel. Ansichten und Absichten aus dem Hamburger Gängeviertel. Assoziation A, Hamburg/Berlin 2012. 240 Seiten, 18 EUR.
ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis
/ Nr. 575 / 21.9.2012