Titelseite ak
Linksnet.de
ak und Fantômas sind Partner von Linksnet.de
ak bei facebook

ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 555 / 19.11.2010

Stein auf Stein

Ein Tag in der Westbank zwischen erbosten SiedlerInnen, organisierten Bauern und desorientiertem Militär

Nach Ablauf des Ultimatums wurde der auf zehn Monate befristete Baustopp in den Siedlungen der Westbank von der Regierung Netanjahu bislang nicht verlängert. Doch nicht erst seither weiten sich die Siedleraktivitäten massiv aus und wird palästinensisches Land enteignet. Nur selten bekommen PalästinenserInnen dieses Land vom Obersten israelischen Gerichtshof im Nachhinein wieder zugesprochen. Und wenn es passiert, dann stehen einer Nutzung dieses Landes vielfältige Hürden im Weg. Wie in der ländlichen Region South Mount Hebron. Die israelisch-palästinensische Gruppe Ta'ayush hat ihre eigene Strategie, sich die Felder wieder anzueignen. Zumindest vorübergehend. Ein Tag in der Westbank auf Obstfeldern.

Viele PalästinenserInnen sind durch den Verlauf der Mauer und die Lage der Siedlungen von Feldern, Verwandten oder Infrastruktur abgeschnitten. Ihnen ist nicht gestattet, Gebiete zu betreten, die als sicherheitsrelevante closed military zones gelten. Im Zuge der voranschreitenden Zerstückelung der Westbank wurden zahlreiche LandbesitzerInnen vom israelischen Staat de facto enteignet und vom Militär aus ihren Dörfern vertrieben. Wer dies juristisch anficht, hat selten genug Erfolg. Nach einem umfangreichen rechtlichen Hürdenlauf hat der Oberste Gerichtshof im Fall der ländlichen Region South Mount Hebron nun allerdings entschieden: Die rechtmäßigen EigentümerInnen der gegenüber dem Dorf Susya liegenden Felder sind die palästinensischen Bauern, und somit darf prinzipiell keine militärische Anweisung sie vom Zugang zu ihren Feldern abhalten. Doch vor Ort sind die Realitäten von vielen Faktoren bestimmt, nicht zuletzt von den lokalen Kräfteverhältnissen zwischen Argument, Waffe, Befehlskette und Rechtsdokument. AktivistInnen der israelisch-palästinensischen Gruppe Ta'ayush begleiten die Bauern seit vielen Jahren physisch und juristisch.

Die Felder bearbeiten und damit Fakten schaffen

Erste Sonnenstrahlen lugen hinter den Hügeln hervor, eine frische Brise kündigt den mediterranen Winter an. Die aus Jerusalem mitgebrachten Latte Macchiato to go sind unsere erste Begegnung mit dem frühen Morgen. Die zweite ist das Militär. Natürlich sind die graugrünen Jeeps schon da und warten auf uns. Raschid (1) bremst unseren Kleinbus abrupt ab und parkt am Rand der leeren Landstraße hinter Hebron. Wir sind da. Woher das Militär von unserer Ankunft wusste? "Wir agieren offen, es ist kein Geheimnis, dass wir jeden Samstag hierher kommen und die Bauern begleiten", meint Daniel lakonisch und gähnt. Auch Mahmud, Ahmad und Rushdi und etwa 15 weitere Palästinenser warten bereits auf uns. Amiel wiederholt die mit ihnen getroffenen Absprachen noch einmal für uns alle: "Wir werden heute die Bauern auf ihre Felder begleiten, die sie zum ersten Mal seit zehn Jahren betreten. Die rechtliche Grundlage ist durchgefochten, aber wir wissen nicht, ob das schon bis zur örtlichen Militäreinheit durchgedrungen ist. Sollte es zu Schwierigkeiten kommen und die Situation eskalieren, werden wir gemeinsam die Felder wieder verlassen, keinen Widerstand leisten und uns nicht verhaften lassen, heute nicht."

Ta'ayush verfolgt eine Strategie der kleinen, aber wirkungsvollen Schritte: Erst einmal nur Präsenz zeigen, die Felder so lange wie möglich bearbeiten und somit Fakten schaffen. Fakten schaffen, heißt konkret: Schäfer mit ihren Herden zum Grasen auf Weiden eskortieren, von denen sie im Zuge des Siedlungsbaus vertrieben wurden, Begleitschutz bieten gegen die aggressiven Drangsalierungen durch ortsansässige SiedlerInnen, gemeinsam eine verschüttete Wasserquelle freilegen oder einen Brunnen renovieren. Oder eben wie heute in Susya, nach langem juristischen Tauziehen durch alle Instanzen, die EigentümerInnen der Ländereien darin unterstützen, ihre Felder zu bestellen.

Das war zehn Jahre lang nicht möglich. Gegenüber dem palästinensischen Khirbe (2) Susya wurde 1983 eine gleichnamige jüdische Siedlung errichtet, der vor ca. zehn Jahren der Außenposten Mizpe Yair folgte. Die Siedlung Susya bildet zusammen mit anderen Außenposten wie Nof Nesher, Avigayil and Hill 833 strategische Punkte einer imaginären Linie parallel zur umstrittenen Separation Wall, die an zahlreichen Stellen weit über die Grüne Linie hinaus in die Westbank hineinragt und so den Grenzen von 1967 Hohn spricht.

Bevor eine neue Siedlung offiziell wird, ist ein illegaler Außenposten schon die halbe Miete: Einmal errichtet, ist das Militär verpflichtet, die SiedlerInnen zu beschützen. Dieser Schutz schließt Infrastruktur, Wasser und Elektrizität meist mit ein. Obschon seit 1996 de jure kein Außenposten mehr legalisiert worden ist (mit Ausnahme von Ostjerusalem), verwandeln sie sich de facto in Siedlungen, die sich kontinuierlich ausweiten.

Um sie herum wird dann - aus Sicherheitsgründen für die SiedlerInnen - eine Schutzzone errichtet, zu der PalästinenserInnen keinen Zutritt haben, egal ob ihre Felder dort liegen oder nicht. Die SiedlerInnen wiederum können eben dieses Land innerhalb ihrer Schutzzone bestellen. Die bittere Ironie dabei: Sobald das Land bestellt ist und de facto zur Siedlung gehört, wird erneut ein Sicherheitsring darum gezogen, in einem entsprechend weiteren Radius. Mittlerweile gibt es um die palästinensischen Städte herum auf fast jeder Erhebung eine Siedlung, die bei Konflikten oder misbehave durch die örtliche palästinensische Bevölkerung spontan in militärische Basen verwandelt werden kann.

Quer zur ethnischen Diskriminierung durch die Besatzung laufen die Klassenunterschiede. Es trifft nicht alle PalästinenserInnen gleichermaßen, sondern auf besondere Weise die Ärmeren: Die Region South Mount Hebron, etwa 20 Kilometer südlich der größten palästinensischen Stadt Hebron zwischen kargen Hügeln im Westjordanland gelegen, ist schon seit vielen Jahren ein begehrtes Objekt der Annektierungspläne der israelischen Regierung: eine große Fläche Land, aber dünn besiedelt, zudem von armen und schlecht organisierten Bauern und ein paar verstreuten BeduinInnen - Top-Kriterien für die Annektierung in israelisches Staatsgebiet.

Das Feld wird kurzerhand zur closed military zone

Während wohlhabende PalästinenserInnen in den begehrten Hügellagen Ostjerusalems, den gehobenen Vierteln Ramallahs oder in der sicheren Zweitwohnung im Ausland leben, hat ein Großteil der ländlichen palästinensischen Bevölkerung nach der Vertreibung die Qual der Wahl: Ihnen bleibt das Leben als Flüchtling im Lager oder als TagelöhnerInnen in der Stadt. Oder noch demütigender: als billige Arbeitskraft auf den Baustellen der Siedlungen selbst. In der Vergangenheit wurden die PalästinenserInnen aus den hiesigen Dörfern, wenn sie nicht "freiwillig" abwanderten, auch schon mal mit einem Militärtransporter direkt nach Yatta, der nächstgelegenen Kleinstadt, verfrachtet.

Lautstarke Diskussionen gleich am Straßenrand, als die Ersten das Feld betreten. "Keinen Schritt weiter!", versucht sich ein junger Soldat im Befehlston, weiß aber nicht so recht, ob er diesen Befehl aufrecht erhalten kann. Sicherheitshalber telefoniert er einen ranghöheren Offizier und militärische Verstärkung herbei. Mit Hinweis auf die rechtliche Lage und den Dokumenten in der Hand betreten wir dennoch gemeinsam das erste Feld, eine Phalanx leicht konfuser Militärs im Rücken. Sie sind unentschlossen, ob sie uns jetzt davon abhalten sollen oder nicht. Mal rennen sie uns voraus, um die Zone unseres Ausschwirrens zu begrenzen, mal stehen sie untätig neben uns herum. Wir räumen das Feld von überall herumliegenden Steinen frei, häufen sie zu kleinen Mauern auf, um der Bodenerosion entgegenzuwirken, beharken die brach liegende Erde. "Hier soll wieder Obst angepflanzt werden", beschließt Rushdi euphorisch. Bis dahin sind allerdings noch viele Steine aus dem Weg zu räumen.

Trotz anfänglicher Unsicherheit herrscht nach einer Stunde gemeinsamer Arbeit eine beinahe ausgelassene Stimmung, die sich noch hebt, als die Anwesenden ZeugInnen eines seltenen Zwischenfalls werden: Ein erboster Siedler kommt im zackigen Schritt den Hügel herabgelaufen, ganz in weiß gekleidet und daher schon von weitem leicht zu erkennen. Als er sich dem Feld nähert, wird er von den SoldatInnen auf freundliche, aber bestimmte Weise zur Seite genommen und am Weitergehen gehindert. Ungläubige Blicke, skeptische Kommentare, dann leise Freude. "Das habe ich in all den Jahren noch nicht gesehen", beantwortet Ziv meine fragende Geste. Nach kurzer Diskussion mit den SoldatInnen zieht der Siedler ab, marschiert in sichere Entfernung und postiert sich auf der Hügelkuppe. Bald senken sich die Rücken wieder und wir arbeiten weiter. Stein auf Stein.

"Unsere Arbeit ist eine über viele Jahre abgestimmte Choreographie aus praktischer field work, juristischen Prozessen und kalkuliertem zivilem Ungehorsam. Wenn die Situation passend scheint, zum Beispiel wenn eine neue und noch unerfahrene Einheit für das Gebiet eingeteilt worden ist, dann riskieren wir bewusst Festnahmen, um die Handlungsräume auszudehnen", erklärt Ziv und kann seine Freude darüber nicht verbergen, dass dieses Mal das Militär die SiedlerInnen tatsächlich in die Schranken weist.

Andere Tage verlaufen weniger ermutigend. "Diese Arbeit ist manchmal ganz schön frustrierend", sagt Ada, "weil du die Erfolge nicht gleich erntest oder wir regelmäßig Rückschläge einstecken. Außerdem: einen ganzen Tag Steine schleppen oder stundenlang Schafe weiden ist einfach nicht so sexy wie an der separation wall medienwirksam Steine schmeißen oder Sambarhythmen trommeln".

Nachdem der herbeigerufene Offizier eingetroffen ist, steht zur Diskussion, ob das Feld kurzerhand zu einer closed military zone deklariert werden kann. Ein weiterer Rückruf bei der nächsthöheren Instanz - und das hierfür notwendige Dokument wird aufgesetzt. Doch der Kontakt zu den AktivistInnen läuft nicht über das Militär, sondern über die Hebroner Polizei, die in Gestalt ihres örtlichen Chefs ebenso eingetroffen ist. Ich werde seiner gewahr, als plötzlich eine durchdringende Stimme laut hallend über den Hügeln ertönt: "Ezra, wo bist du? Ezraaaaa, haha ... Ezra, ich will mit dir sprechen!" Der hinzugerufene Polizeichef - bullige Erscheinung, untersetztes Kinn, die Kippa schief auf der verschwitzten Glatze, wie aus einem Mister-Bean-Film entsprungen - läuft im Stechschritt die Hügelkette entlang, begleitet von einem weiteren Trupp SoldatInnen.

Die Stimmung kann jeden Moment kippen

Ezra schaut auf und grinst. Man kennt sich mit Namen. Ezra Nawi ist kein Unbekannter in der Gegend. Seit vielen Jahren arbeitet er fast täglich vor allem in den Hebron Hills mit der palästinensischen Bevölkerung.

Der sonnengegerbte Endvierziger mit dem unverkennbaren Schlapphut ist ein original Jerusalemite, wie die aus der Heiligen Stadt Stammenden genannt werden. Doch anders als viele seiner israelischen MitstreiterInnen ist der offen homosexuelle Aktivist kein weißer Aschkenazi aus bildungsbürgerlichem Hause, sondern Mizrahi, Jude arabischen Ursprungs und Klempner von Beruf. Mit dieser Mischung aus Eigenschaften durchkreuzt er die gängigen Zuschreibungen auf allen Seiten. Nachdem er angeklagt worden war, bei einer Hauszerstörung in Umm-Al-Kheir gegen zwei Polizisten handgreiflich geworden zu sein, obgleich die dokumentierten Videos der inkriminierten Situation ein anderes Bild zeigen, hat er eine zweimonatige Gefängnisstrafe verbüßt. Der Rest wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Der ebenso geliebte wie verhasste Aktivist muss aufpassen, dass ihm aus einer brenzligen Situation kein weiterer Strick gedreht wird, weswegen er eine gehörige Portion Humor und Gelassenheit mit aufs Feld bringt. Halb scherzend, halb drohend begrüßt er seinen altbekannten Counterpart, der ebenso wie Ezra die Begegnung am liebsten mit einem Witz auflösen zu wollen scheint. Nur dass die jeweiligen Interessen einander entgegenstehen. Und das wird schneller klar, als ich die Situation in ihrer Komplexität begreifen kann.

"Die Stimmung hier ist unberechenbar, kann jeden Moment umkippen", warnt Ada und weist auf das gespannte Verhältnis zwischen Militär und Polizei hin: "Die Hierarchien sind klar: Hohe officers entscheiden, die Polizei muss die Drecksarbeit machen. Oft haben die gar keine Lust, uns festzunehmen. Dann diskutieren sie mit den Militärs, die die konkrete Situation vor Ort oft nicht genau kennen. Denn die Einheiten wechseln alle paar Monate, während die Polizeidienststelle Hebron gleich besetzt bleibt."

Rivalität zwischen Polizei und Militär

Das Dokument, welches über das Feld eine closed military zone verhängt, ist eingetroffen und wird den Anwesenden auf Nachfrage unter die Nase gehalten. Amiel und Ezra versuchen, den drohenden Räumungsprozess mit Diskussionen aufzuhalten, während die anderen scheinbar unbeeindruckt weitermachen. "Los, an die Arbeit", zwinkert Mahmud mir zu und wir tun so, als seien wir beschäftigt mit den Steinen, während wir zu den anderen rüberlinsen.

Der officer wedelt aufgeregt mit dem Papier herum, die Worte des Polizeichefs an uns sind unmissverständlich: "Abmarsch!" Als Ziv das Dokument filmen will und es dabei anfasst, wird er wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt kurzerhand festgenommen und abgeführt. So schnell kann der Wind sich drehen. Sie verfrachten ihn in einen der Jeeps und halten ihn auf der israelischen Seite eines Checkpoints fest. Nach ermüdendem Procedere darf Daniel ihn Stunden später dort abholen.

Die MGs der SoldatInnen im Rücken - für meinen Geschmack viel zu nahe - ziehen wir weiter auf das nächste Feld, das außerhalb der erklärten military zone liegt und ebenfalls den Bauern gehört. Festlich weiß gekleidete SiedlerInnen - es ist Shabbat - haben sich auf der Hügelkette rund um die Felder postiert und beobachten unser Treiben argwöhnisch. Manche filmen oder fotografieren uns, andere haben sich mit weißen Tüchern vermummt, die nur die Augenschlitze freilassen. Ich werde gewahr, wie sich eine weitere Gruppe SiedlerInnen, spazierende Männer und Frauen mit Kinderwagen, den Militärjeeps nähert und in der Nähe unserer geparkten Autos einen kleinen Pulk bildet. Doch meine Aufmerksamkeit wird abgelenkt von einem jungen, sympathisch aussehenden Mann in legerer Alltagskleidung, der von einem der Siedlerhügel herabgelaufen kommt und sich uns langsam nähert.

Er wartet, plaudert ein bisschen mit den SoldatInnen, der Umgang miteinander wirkt vertraut. Einige der Militärs sind ebenfalls SiedlerInnen. Die AktivistInnen schauen den Neuankömmling missbilligend an, einer ruft ihm zu: "Ich kenne dich von einer anderen Aktion, da hattest du noch Hut und Kippa auf. Versuch nicht, den Harmlosen zu machen." Der Mann nickt höflich und sagt: "Da ist was dran an dem, was ihr hier macht. Ich kann das nachvollziehen." Ich traue meinen Ohren nicht. Fängt so Verständigung an? Die Gruppe nimmt ihn nicht weiter zur Kenntnis.

Auf der Landstraße rauscht ein Krankenwagen heran und hält direkt bei unseren Autos. Wir sind mittlerweile zu weit weg, um zu hören, was dort los ist. In der Zwischenzeit sollen wartende SiedlerInnen Steine auf einen unserer mit Fahrer besetzten Wagen geworfen haben. Der genaue Hergang ist später nicht mehr zu rekonstruieren, fest steht nur: Ein Palästinenser muss ambulant behandelt werden, ist aber zum Glück nur leicht verletzt. Aus Sicht der Beteiligten ein ganz normaler Zwischenfall.

Nach mehreren Telefonaten mit den legal advisors des Militärs und den AnwältInnen der Gruppe wird die richterliche Entscheidung zum (mittlerweile dritten) von uns betretenen Feld erneut bestätigt: Die rechtmäßigen EigentümerInnen sind die palästinensischen Bauern und eine closed military zone order darf - anders als bei dem ersten Feld - über dieses Feld nicht verhängt werden.

Auf einer solchen juristischen Grundlage dürfen nun aber keine israelischen StaatsbürgerInnen mehr die Äcker betreten. Diese Regelung dient formal dem Schutz der PalästinenserInnen - vor den SiedlerInnen. Da sie den einschränkenden Begriff "SiedlerInnen" aber nicht kennt, ist allgemein von "israelischen StaatsbürgerInnen" die Rede. Das schließt - Ironie des Rechtsstaates - die AktivistInnen von Ta'ayush mit ein. In der Annahme, dass meine ausländische Herkunft besser unbemerkt bleibt, verzichte ich darauf hinzuweisen, dass ich keine israelische Staatsbürgerin bin und somit die Felder betreten dürfte.

Nach mehreren Aufforderungen willigen wir schließlich ein, die Felder zu verlassen - bloß eben nicht auf dem kürzesten Weg. Wir laufen ein bisschen kreuz und quer über die Äcker, verstreuen uns, bleiben stehen, schauen den auf ihrem Feld betenden Bauern zu, umstellt von genervten SoldatInnen. "Die personelle Besetzung hier wechselt alle paar Monate. Wir ,erziehen` die neuen Einheiten", feixt Daniel, "wer sich im Gebiet noch nicht auskennt, den können wir mit Umherlaufen problemlos eine Weile beschäftigt halten."

Doch heute ist der erfahrene Polizeichef im Einsatz, der zwar wieder Scherze macht, mit dem aber nicht zu spaßen ist. Schon gar nicht, wenn er bei einer Beratung mit den Militärs gefilmt wird - nicht etwa von den israelischen Jerusalemites, sondern von Nasser, einem jungen Palästinenser aus dem örtlichen Dorf Susya. Der Polizist richtet sich auf, tritt auf Nasser zu und faucht ihn an, er solle das sofort unterlassen. Der geht ein bisschen auf Abstand, bleibt dann aber ruhig stehen und filmt weiter.

Die Kamera ist die beste Waffe

Aus Sicht des Uniformierten scheint es ungeheuerlich: Ein dahergelaufener Dorfaraber erdreistet sich, den ausdrücklichen Befehl der Staatsmacht zu ignorieren. Der Polizist bellt ihm erneut ins Gesicht, in einem Ton und einer Lautstärke, die keiner von den israelischen AktivistInnen je zu hören bekommen hat - doch vergebens. Im Grunde wissen beide, dass zu viele ZeugInnen um sie herum stehen.

"Die Kamera ist unsere beste Waffe", meint Amiel. Von dieser kleinen schwarzgrauen Kiste, die der Gruppe auch heute teuren Dienst leistet, scheint für die weniger erfahrenen SoldatInnen eine mysteriöse Kraft auszugehen. Sie starren auf die Filmenden, und seit einigen Monaten sind manche von ihnen selbst mit Kameras ausgerüstet. Man filmt sich gegenseitig. Das ist die bestdokumentierte Aktion, auf der ich je war, denke ich.

Und so kommt es, dass die unvorsichtig geäußerte Bemerkung des diensthabenden Polizeichefs - "wenn schon nicht auf den Feldern, dann kriegen wir sie mit den Fahrzeugen" - ihm letztlich zum Verhängnis wird und uns zum Glück gereicht: Nachdem die Bauern schließlich ungestört auf ihren Feldern arbeiten, heißt es auf einmal, die Lizenz eines unserer Autos sei gefälscht und Raschid, unser (arabischer) Fahrer aus Ostjerusalem, sei in Gewahrsam genommen. Er werde jetzt zur Polizeiwache gebracht. Keiner darf ihn begleiten. Amiel weist den Polizeichef mehrfach auf die Tonaufnahmen hin, doch der gibt sich unbeeindruckt und eskortiert den Fahrer zur Wache in Hebron.

Frustriert und in Sorge um unseren Fahrer machen wir uns zu Fuß auf den Weg zum nahegelegenen Dorf Susya, um mit den befreundeten BewohnerInnen Tee zu trinken und uns ein bisschen auszuruhen. Das Dorf ist nicht mehr als eine Ansammlung von Zelten, gruppiert um ein paar Sonnenkollektoren und ein kleines Windrad. Wenigstens gibt es Elektrizität. Vom Besucherzelt aus kann man auf die akkuraten rot-weißen Siedlungsgebäude auf dem Hügel gegenüber schauen, vielleicht 200 Meter Luftlinie, aufwendig umzäunt und gesichert.

Während wir die Beine ausstrecken und die Ereignisse rekapitulieren, ertönt aus einiger Entfernung eine vertraute Stimme aus dem Lautsprecher: "Amieeeeeeel! Amiel Malach, Amiel Malach! MALACH!!!" Ungläubige Gesichter, verblüfftes Lachen - ein surrealer Moment. Der Polizeichef scheint realisiert zu haben, dass unsere Filmaufnahmen unbequeme Konsequenzen für ihn haben könnten.

Mit erstaunlicher Ruhe verlässt Amiel das Zelt zusammen mit einem Filmenden und begibt sich zur einer grotesken Unterredung, die nach ein paar erfolglosen Versuchen undokumentierter Einschüchterung und Schikane ("Kamera aus!") auf einen Kuhhandel der besonderen Art hinausläuft: Ihr gebt unseren Fahrer frei und wir verzichten auf eine Veröffentlichung des sensiblen Materials. Nach etwa 20 Minuten kommt Amiel mit dem sichtlich erleichterten Raschid zurück zu den Zelten. Fröhliche Begrüßung, Schulterklopfen, allgemeine Entspannung. "Und? Waren die Papiere nun gefälscht oder nicht?" Wir werden es nie erfahren.

Morgen können SiedlerInnen das Feld wieder umpflügen

Dieser Zwischenfall ebenso wie die kollektive Arbeit auf den Feldern stärkt das Gemeinschaftsgefühl, das ist deutlich zu spüren. Gibt es denn auch Konflikte innerhalb der Gruppe? "Ja, die gibt es. Geldangelegenheiten oder kulturelle Differenzen", sagt Daniel. "Zum Beispiel wird unter manchen israelischen Linken heftig darüber diskutiert, ob die Aktivistinnen sich bei gemeinsamen Aktionen moderat kleiden sollen oder wie sich die gleichberechtigte Beteiligung palästinensischer Frauen gestaltet. Das ist oft nicht einfach. Aber die alltägliche Repression und Einschüchterung, die diese Bauern erfahren, bleibt davon unbenommen - eine Realität, an der wir nicht vorbeikommen. Es ist eine falsche Glorifizierung zu glauben, Unterdrückte seien die moralisch besseren Menschen. Bestimmte Formen von Gewalt reproduzieren sich, wenn wir nicht versuchen, sie zu überwinden und gemeinsam für eine gerechtere Perspektive zu kämpfen."

In diesem Sinne war die heutige Aktion ein weiterer Schritt auf einem langen steinigen Weg. Aber sie hat neben der juristisch verwertbaren evidence einen enormen symbolischen und emotionalen Stellenwert. Vielleicht ist das sogar ihre größte momentane Bedeutung, denn morgen, wenn keiner mehr vor Ort ist, steht es den SiedlerInnen offen, mit Traktoren über die Felder zu pflügen und die heutige Arbeit zunichte zu machen. Das hat es schon mehrfach gegeben. Anders als die nach Jatta vertriebenen PalästinenserInnen wohnen die SiedlerInnen ja gleich um die Ecke, eines der von ihnen bestellten Felder mit saftiggrünen Reben grenzt direkt an das palästinensische. Also alles umsonst? "Weißt du, das Zermürbende ist: Nichts von dem, was du einmal erreichst, ist gesichert", sagt Rushdi. "Du musst ständig um jeden blöden Fitzel deiner Existenz kämpfen. Alles Erkämpfte kann jederzeit widerrufen werden, so dass du wieder bei Null anfängst."

Eine verbreitete Strategie der PalästinenserInnen in der Gegend ist es, illegal ein Haus zu bauen (eine Genehmigung könnte Jahre dauern, mit ungewissem Erfolg). Räumungsklage und Abrissbefehl sind für das erste Jahr des Hausbaus zu erwarten, spätestens nach anderthalb Jahren. "Dann fichst du das juristisch an, was nochmal ein weiteres Jahr dauert, während du dein Haus weiterbaust und schon darin wohnst", fährt Rushdi fort. "Und der Abrissbagger wird nicht vor dem dritten Jahr vor deiner Haustür stehen. Wenn dein Haus samt Hühnerstall dann schließlich abgerissen wird, hast du immerhin drei Jahre lang ein Dach über dem Kopf gehabt. Das ist besser als nichts."

Anne Steckner

Tausend Dank an Danny für das unermüdliche Dolmetschen und die Hintergrundinfos.

Anmerkungen:

1) Manche Namen von der Redaktion geändert

2) Khirbe: in den Hebron Hills der Westbank die Bezeichnung für eine dorfähnliche Ansammlung von Zelten oder Höhlenhäusern der lokalen palästinensischen Bevölkerung

Ta'ayush

Ta'ayush (arabisch für coexistence, Koexistenz) ist eine Gruppe von AktivistInnen, die sich aus säkularen Israelis, religiösen JüdInnen, Westbank-PalästinenserInnen und israelischen AraberInnen zusammensetzt. Sie gründete sich 2000 zunächst im Norden Israels, ihre Arbeit begann mit der Lieferung von Lebensmitteln in Flüchtlingslager. Anlässlich schwerer Auseinandersetzungen zwischen dem Militär und palästinensischen Israelis in Galiläa und Wadi Ara im Zuge der zweiten Intifada ab 2000 wurde dann deutlich, wie sehr letztere bei ihren Aktionen auf die Präsenz jüdischer Israelis als menschliche Schutzschilde angewiesen sind. Heute arbeitet die Gruppe zusammen mit den Rechtsanwälten von Shomrey Mishpat (Rabbis for Human Rights) als Basisbewegung und Rechtshilfe, indem sie die lokale Bevölkerung bei Aktionen gewaltfreien Widerstands gegen die Politik der Besatzung, der Segregation und alltäglichen Diskriminierung in der Westbank und der "Festung Israel" unterstützt. Das Ziel ist die volle zivilrechtliche und politische Gleichberechtigung aller BewohnerInnen des Gebietes zwischen Jordan und Mittelmeer. www.taayush.org