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ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 551 / 18.6.2010

Crisis! What Gender?

Eine geschlechterkritische Deutung der Finanz- und Wirtschaftskrise

Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise ist von Deutungskämpfen begleitet, Kämpfe, die nicht zuletzt für kurz- und langfristige Strategien der Krisen"bewältigung" zentral sind. Haben wir es mit einer geplatzten Immobilienblase oder mit dem Versagen von Finanzaufsichten zu tun? Oder sollte das Geschehen als Symptom einer multiplen permanenten Systemkrise des Kapitalismus bzw. einer fundamentalen Krise des Neoliberalismus interpretiert werden? Auch geschlechtsspezifische Erklärungen sind Teil aktueller Interpretations- und Deutungskämpfe - sogar und vor allem in den Massenmedien.

Die öffentlich-medialen Debatten um das "Geschlecht der Finanz- und Wirtschaftskrise" waren in erster Linie Debatten um Männlichkeit. Was wir derzeit erleben, sei keine re-cession, sondern eine he-cession, eine "Männerkrise". (Die Zeit, 23.7.09) "Die Finanzkrise", so auch Matthias Horx in der Süddeutschen Zeitung (5.10.09), "ist letztlich das Resultat riskanter Männer-Strategien. Sie ist auch eine Testosteron-Krise". Die Konsequenz daraus liegt nahe: "Trümmerfrauen" in Führungsetagen von Banken, Konzernen und Kontrollgremien sollen den völlig überhitzten Casinokapitalismus retten. Wäre die Krise also gar nicht eingetreten oder hätte sie zumindest einen anderen Verlauf genommen, wenn die Investmentbank "Lehman Brothers" von den "Lehmann Sisters" geleitet worden wäre - so die Frage einer jüngsten Tagung in Frankfurt (FAZ vom 30.1.10) -, wenn also Frauen die Finanzmärkte zumindest mitbestimmt hätten? Der Zukunftsforscher Horx ist sicher: "Hätten wir weltweit 40 Prozent Frauen vor der Krise in den Aufsichtsgremien gehabt, wäre sie anders verlaufen." Denn: "Frauen (gehen) risikoaverser als Männer und mit Verantwortung anders um (...). Auch der Machtwillen ist anders ausgeprägt." (Süddeutsche Zeitung, 5.10.09)

So sehr diese Sicht angesichts der Unterrepräsentation von Frauen in den Aufsichtsräten, Chefetagen und globalen Governance-Gremien auf den ersten Blick verfängt, so einseitig ist diese Art des geschlechtsspezifischen framings auf den zweiten Blick. Der Zusammenhang von Geschlecht und Ökonomie wird dadurch zu rasch auf individuelles Verhalten, ja auf eine biologistische Argumentation reduziert und der Blick auf geschlechtsspezifische Strukturzusammenhänge verstellt. Freilich ist ein solch individualisierendes und naturalisierendes Interpretationsmuster enorm entlastend, kann doch die Krise durch Hormone und Hirnströme (so jüngst die Neuro-Ökonomie) erklärt werden. Kurzum: Bio-Männer werden für die Krise verantwortlich gemacht - und eben nicht ein gesellschaftliches System, namentlich der Neoliberalismus.

Mit der Krise auch die Männlichkeit?

Eine weitere medial vermittelte Dimension der "Männlichkeit in der Krise" ist die Tatsache, dass die Männererwerbsbranchen wie die Auto- und Autozulieferindustrie oder das Baugewerbe nun noch tiefer in die Krise geraten sind. "Männlich, jung - arbeitslos", titelte die FAZ am 14.9.09. Der Trend rascher steigender Männererwerbslosigkeit als Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise war 2009 in allen EU-Staaten feststellbar. (1) Nicht zuletzt deshalb wird die Krise als eine Erschütterung tradierter Geschlechterverhältnisse gelesen: Die Krise "verändert das Verhältnis der Geschlechter" nicht nur in der Familie, wo der erwerbslose Mann nun einkaufen und den Müll wegbringen muss, sondern auch im Erwerbsleben, denn da könnten nun "Frauen für neues Wachstum sorgen". (Die Zeit, 23.7.09)

Bedeutet die Krise eine Erschütterung der traditionellen Männlichkeitsordnung? Öffnet sie somit eine reale Chance zur Überwindung von Geschlechterungleichheiten? Meine These ist, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise keine Krise hegemonialer ungleicher Geschlechterverhältnisse zur Folge hat. Vieles spricht im Gegenteil dafür, dass die neoliberale Hegemonie, der Glaube an die Macht des Marktes, an die Notwendigkeit von Konkurrenz und Wachstum ebenso wenig außer Kraft gesetzt wird wie das ungleiche Geschlechterregime. Vielmehr konnte die Krise genutzt werden, um die patriarchale neoliberale Hegemonie erneut zu festigen.

Ich schlage im Folgenden eine geschlechterkritisch argumentierende Sicht auf die Finanz- und Wirtschaftskrise vor, eine Sicht, die weniger auf individueller Ebene, sondern vielmehr auf der strukturellen Ebene staatlich institutionalisierter ungleicher Geschlechterverhältnisse ansetzt. Es geht mir also darum, die Krise als Folge geschlechtsspezifischer Machtverhältnisse in patriarchalen Arbeits-, Lebens- und Reproduktionsverhältnissen herauszuarbeiten, also gerade den Zusammenhang von Produktions- und Reproduktionsökonomie als Krisensyndrom sichtbar zu machen. Um das vergeschlechtlichte Gesicht der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise verstehen zu können, muss die Krise als eine multiple Krise, als eine Krise der gesamten westlichen Arbeits- und Lebensweise in den Blick genommen werden. Umgekehrt müssen, um die Krise verstehen zu können, Geschlechterverhältnisse als eine wichtige Krisendimension herausgearbeitet werden.

Die Krisenstrategien folgen patriarchalen Mustern

Dieser Zusammenhang soll an den Krisen"bewältigungs"strategien sichtbar gemacht werden. Die Strategien zur Abfederung der Finanz- und Wirtschaftskrise haben ein vergeschlechtlichtes Doppelgesicht: das der mehrheitlich männlichen Opel-Arbeiter, deren Arbeitsplätze durch staatliche Subventionen mit viel Getöse gerettet wurden, und das der mehrheitlich weiblichen Beschäftigten bei Arcandor, dem deutschen Dienstleistungsunternehmen, dem u.a. auch Quelle angehörte. Es konnte nicht in gleichem Umfang Staatsgelder einwerben, sondern wurde in die Insolvenz entlassen.

Der "Opelismus", wie man die jüngste Episode des Neoliberalismus bezeichnen könnte, privilegiert also Männer: Bankenrettungspakete, Kurzarbeitsgeld, die Abwrackprämie zur staatlichen Unterstützung der Automobilindustrie und Konjunkturpakete für die Infrastruktur, also alle staatlichen Förderungen sogenannter "systemwichtiger" Branchen, haben eine männliche Schlagseite. Sie greifen jenen Wirtschaftszweigen unter die Arme, die einen überproportional hohen Männeranteil haben. Frauenarbeitsplätze, sei es im Dienstleistungs-, sei es im Pflegebereich, werden hingegen nicht als systemwichtig qualifiziert und erhalten deshalb keine oder weit geringere staatliche Subvention. Frauen benachteiligend wirken nicht zuletzt tradierte Geschlechterbilder, die nach wie vor Männer als Familienernährer und Frauen als Zuarbeiterinnen phantasieren und deshalb staatliche Unterstützungsleistungen eher in Männerbranchen fließen lassen. Auch Steuersenkungen zur Wirtschaftsankurbelung besitzen einen Geschlechterbias, entlasten sie doch obere Einkommensgruppen, also eher Männer, während die geplanten Mehrwertsteuererhöhungen GeringverdienerInnen, also Frauen, besonders treffen. (2) Die Krisenstrategien folgen also dem bekannten Muster patriarchaler, geschlechterungleicher Politikstrategien.

Zu behaupten, Frauen seien weniger als Männer von der Krise des Arbeitsmarktes betroffen, ist kurzsichtig und ignoriert die geschlechtsspezifische Arbeitsmarktsegregation: Aus anderen Wirtschaftskrisen ist bekannt, dass erstens Frauenerwerbsbereiche zeitverzögert auf wirtschaftliche Krisen reagieren. Zweitens differieren die Formen der Betroffenheit von Arbeitsmarktrestrukturierungen geschlechtsspezifisch: Frauenarbeitsplätze zeichnen sich in Krisen durch eine weitere Prekarisierung aus. Drittens sind Frauen bei Arbeitslosigkeit rascher als Männer von Armut betroffen, da Männer eher aus "sicheren" Arbeitsplätzen erwerbslos werden, während Frauen aus unsicheren Arbeitplätzen eher in die Armut abgleiten.

Der "Opelismus" zeichnet sich also durch zahlreiche Momente der Stabilisierung von ungleichen Geschlechterverhältnissen auf der diskursiven, aber auch auf der institutionellen Ebene aus. Die staatlichen Rettungsaktionen reproduzieren die vergeschlechtlichte Segmentierung des Arbeitsmarktes. Ungleiche Geschlechterverhältnisse stabilisieren somit die Krise, und sie wurden durch die Krise stabilisiert.

Nicht die Geschlechterverhältnisse scheinen in die Krise geraten zu sein, vielmehr wird die Krise zur Festigung patriarchaler Hegemonie und hegemonialer Männlichkeit genutzt. Weder das Bild des männlichen homo oeconomicus noch die Hegemonie neoklassischen ökonomischen Wissens gerieten nachhaltig ins Wanken. Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise ist also keine Krise neoliberaler Männlichkeiten.

Im Gegenteil, neo-liberale Männlichkeiten konnten sich restrukturieren. So standen gerade jene Manager, Banker und Politiker, die Verursacher der Krise also, ganz rasch als selbstberufene Krisenlöser zur Verfügung. Die ökonomischen Versager, allesamt Vertreter hegemonialer Männlichkeit, die jahrelang neoliberale Politik predigten und damit die Finanz- und Wirtschaftskrise verursachten, waren gleichsam von heute auf morgen zur Krisenlösung legitimiert. Ihnen wurde ökonomische Lösungs-Kompetenz zugetraut.

Woran liegt es, dass sich neoliberale hegemoniale Männlichkeit so rasch und kaum hinterfragt wieder herstellen konnte? Meine Vermutung ist, dass dies an der Transformation von Männlichkeit im Kontext neoliberaler Globalisierung und Internationalisierung in den vergangen 20 Jahren liegt: Neoliberale hegemoniale Männlichkeit konnte sich in allen gesellschaftlichen Bereichen gut absichern. Die einst im Bereich der Ökonomie entworfenen männlichen Subjektivierungsweisen wurden inzwischen in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen dominant. So können sich hegemoniale Männlichkeitsmuster aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen gegenseitig absichern: Es sind eben nicht nur die Banker aus der ökonomischen Sphäre, auch Politiker, Gewerkschaftler und Wissenschaftler haben an hegemonialer Männlichkeit teil. Auch Frauen und marginalisierte oder unterworfene Männlichkeiten partizipieren an diesem System.

Neoliberalismus - Projekt der Maskulinisierung

Hegemoniale Männlichkeit ist nicht mehr exklusiv, sondern verallgemeinert und zugänglich für Männer und Frauen: Das Denken in Wettbewerblichkeit, in Effizienz und Effektivität, in Kompetitivität und Entsolidarisierung wurde im Zuge neoliberaler Umgestaltung der westlichen Gesellschaften für alle Menschen selbstverständlich. Die "UnternehmerInnen ihrer Selbst" sind geradezu gezwungen, hegemoniale Männlichkeit zu simulieren, Wettbewerb, Risikobereitschaft und Ausgrenzung zu ihren eigenen Praktiken zu machen, um im Alltags- und Überlebenskampf zu bestehen. Um es stark auszudrücken: Der Neoliberalismus war ein enormes Projekt der Maskulinisierung von Gesellschaft, Politik und Staat, der Verbreitung von Maskulinismus auf "subversive" Art und Weise. Darüber hinaus wurden aber auch weibliche Merkmale wie Emotionalität und Empathie in das Bild hegemonialer Männlichkeit integriert, das sich dadurch immunisieren kann gegen Kritik und Instrumente der Geschlechtergleichstellung. Trotz aller Bemühungen von Gleichstellungspolitik fand ein überwältigender Umbau von Staat und Politik unter maskulinistischen Vorzeichen statt. In der Krise wurde deshalb ein schon seit langem vorbereiteter Diskurs gegen Gleichstellungspolitik und Gender Mainstreaming mit Vehemenz an die Oberfläche gespült.

Dennoch lassen sich auch destabilisierende und störende Elemente ausmachen, die die etablierten Geschlechterarrangements erschüttern könnten: So sind ungleichzeitige Veränderungen der Organisation geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und von vergeschlechtlichten Subjektivierungs- bzw. Hegemonialprozessen feststellbar. Die Krise hat schließlich auch das Missmanagement von Finanz- und Wirtschaftskapitänen auf die Tagesordnung gesetzt. Zwar besteht die Gefahr, Frauen als Trümmerfrauen der internationalen Finanzarchitektur zu benutzen, doch kann die Integration von Frauen in männerdominierte Gremien der oder Aufsichtsräte zumindest eine "Störung" des Ablaufs und mithin der "Destabilisierung" maskulinistischer Hegemonie zur Folge haben.

Strukturelle Veränderungen können allerdings nicht nur die Repräsentationsebene der Finanzmärkte betreffen. Sie müssen vor allem den grundlegenden Strukturwiderspruch kapitalistisch-patriarchaler Ökonomie, also die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, die Trennung von Ökonomie, Care-Arbeit und Alltag angehen.

Birgit Sauer

Anmerkungen:

1) vgl. Brigitte Young, Helene Schubert: The Global Financial Meltdown and the Impact of Financial Governance on Gender. Garnet Policy Brief, Paris 2010

2) vgl. Sabine Reiner: Wem nutzen die Konjunkturpakete? Auswirkungen der Krise und der politischen Reaktionen auf Frauen und Männer, in: Friedrich-Ebert-Stiftung (Hg.): Antworten aus der feministischen Ökonomie auf die globale Wirtschafts- und Finanzkrise, Bonn 2009, S. 11

Gekürzter und bearbeiteter Nachdruck aus Kurswechsel. Zeitschrift für gesellschafts- wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen, 1/2010