Konkurrenz, Klassenkampf und Krise
Wer schreibt das Drehbuch der Klassenkämpfe - Versuch einer Annäherung
Mit jeder neuen Krise kehren alte Fragen wieder. Haben wir es bei der Entwicklung des Kapitalismus mit einer "Geschichte von Klassenkämpfen" zu tun oder macht sich hier ein "allgemeines Gesetz der kapitalistischen Akkumulation" geltend, das die Arbeiterklasse als variables Kapital zusammen mit den EigentümerInnen des konstanten Kapitals in ein "automatisches Subjekt" verwandelt? In ihrer Kontroverse über die gegenwärtige Wirtschaftskrise haben Olaf Bernau und Ingo Stützle im ak nicht nur über die Relevanz spezifischer Fragen - wie die Rolle der Geldpolitik und die Relevanz einzelner Arbeiterkämpfe - diskutiert, sondern auch die weitergehenden Fragen angesprochen, wer denn eigentlich das Drehbuch der Klassenkämpfe schreibt bzw. den kapitalistischen Automaten programmiert.
Antworten auf diese Fragen bleiben beide schuldig; ihre auf theoretischem Terrain begonnenen Debattenbeiträge enden mit flüchtigen Bemerkungen zur linken Tagespolitik. Nach der langen Phase der (Selbst-)Beschränkung auf "Analyse und Kritik" sind die Wiedergewinnung bzw. der Fortschritt zum theoriegeleiteten "Arbeiterkampf" schwer. Die neoliberale Hegemonie, unter der das Denken umso mehr erstarrte, je mehr sich die Geldzirkulation verflüssigte, wirkt auch in den Köpfen seiner KritikerInnen noch nach. Das gilt auch für den Autor dieses Textes.
Die folgenden Überlegungen greifen auf die Zeit vor dem Neoliberalismus zurück und sollen zeigen, wie zwischen zwei Weltkriegen eine fordistische Arbeiterklasse entstanden ist, die das Akkumulationsgesetz nicht mehr brechen, aber immerhin keynesianisch modifizieren konnte. Darüber hinaus soll gezeigt werden, dass nicht über den Keynesianismus hinausgekommene Arbeiterkämpfe zur Zersetzung der fordistischen Arbeiterklasse und der individuellen Unterwerfung unter die Renditeforderungen des Finanzkapitals beigetragen haben.
Nachdem das Finanzkapital die Erdkugel auf seiner Jagd nach Absatz, billiger Arbeitskraft und billigen Rohstoffen umrundet hat und seine immer noch unerfüllten Renditeansprüche zu einer allgemeinen Wirtschaftskrise geführt haben, ist die Enttäuschung über die ausgebliebenen Wunderwerke der unsichtbaren Hand des Weltmarktes groß. Andererseits sind die hinter Fabrikmauern und Bürowänden unsichtbaren Hände und Köpfe wertschöpfender Arbeit sowie die Hände und Hirne jener, die in Haushalten der Kapitalverwertung zuarbeiten oder als Reservearmee die Löhne niedrig halten, noch weit davon entfernt, der politischen Ökonomie des Kapitals eine politische Ökonomie der Arbeiterklasse entgegenzusetzen.
Fehlanzeige: Politische Ökonomie der Arbeiterklasse
Vor hundert Jahren sah die Welt freilich ganz anders aus: In den damaligen Zentren der Kapitalakkumulation stritten Arbeiterorganisationen nicht über die Möglichkeit einer sozialistischen Transformation, sondern einzig über die Frage, ob diese auf dem Wege der Sozialreform oder der Revolution zu erreichen sei. ArbeiterInnen, die von wirtschaftlicher Not aus der Handwerksstube oder vom Acker in die Fabrik getrieben wurden, lehnten sich gegen das Fabrikregime auf, weil es ihren Traditionen qualifizierter Handarbeit widersprach bzw. weil der Rhythmus der Kapitalakkumulation sich grundlegend vom Wechsel der Jahreszeiten unterschied, der die vor-kapitalistische Landarbeit geprägt hatte.
Aus dieser Unzufriedenheit erwuchsen anarchistische, sozialistische und kommunistische Bewegungen, die sich den politischen Umsturz bzw. die schrittweise Überwindung des Kapitalismus auf die Fahnen geschrieben hatten und seit der Oktoberrevolution zumindest in Europa auf dem Vormarsch schienen. In den USA wurde diese Bewegung gestoppt. Dort hatten UnternehmerInnen und IngenieurInnen vom Schlage Henry Ford und Frederick Taylor das Fabrikregime, von den in Europa nachwirkenden Traditionen feudaler Produktion ungehindert, zur Perfektion getrieben.
Die weitestgehende Zergliederung des Arbeitsprozesses in kleinste Schritte ermöglichte den Unternehmen eine fast grenzenlose Beschleunigung des Arbeitsprozesses, die den ArbeiterInnen vorübergehend ihren Eigensinn austrieb. Der Kampf um die Macht in der Fabrik war vorläufig zugunsten des Kapitals entschieden. Fragen der Arbeitsorganisation, welche die konkreten Utopien einer nach-kapitalistischen Gesellschaft in Europa beflügelt und die entsprechenden Bewegungen zum Kampf motiviert hatten, wurden in Amerika kaum gestellt. Nachdem das Kapital seine Macht an der Basis - der Fabrik - konsolidiert hatte, blieb für Arbeiterparteien und die Anpassung des politischen Überbaus wenig Raum. Zudem erwiesen sich Berufsgewerkschaften als unfähig, ArbeiterInnen zu organisieren, die statt eines Berufes nur noch die Vorgabezeiten ihrer AufseherInnen hatten.
Der betriebswirtschaftliche Sieg des Fordismus über die US-Arbeiterbewegung schien so vollständig, dass die vom italienischen und deutschen Faschismus ausgehende und schließlich fast überall in Europa erfolgte politische Vernichtung der Arbeiterbewegung gar nicht auf die Tagesordnung gesetzt werden musste. Dafür gab es wirtschaftliche Probleme: Nachdem viel Kapital in den Aufbau von Fabriken und Verkehrswegen, welche die Verbindung zu Beschaffungs- und Absatzmärkten herstellen sollten, geflossen war, stellte sich heraus, dass sich das Angebot kostengünstiger Fabrikprodukte keineswegs automatisch seine Nachfrage schafft.
Es kam zu einer Absatzkrise, welche die gesamte kapitalistische Welt erfasste, weil die USA aus dem Ersten Weltkrieg als führende Industriemacht hervorgegangen waren und die Akkumulationsbewegung in Europa von wiederkehrenden heftigen Klassenkämpfen niedergehalten wurde. Erst der politische Sieg des Faschismus sowie dessen Aufrüstungsprogramm läuteten in Europa einen neuen Akkumulationszyklus ein.
Es waren so gegensätzliche Kräfte wie die endlich gefundene Form der Industriegewerkschaft und der deutsche Faschismus, die der Entfesselung der fordistischen Produktivkraft zum Durchbruch verhalfen: Mit ihren Lohnkämpfen trug Erstere zur Ausweitung des Absatzmarktes bei und erlaubte es zudem, die Unzufriedenheit mit der Idiotie des Fabriklebens in die Traumwelten käuflicher Glückseligkeit umzulenken.
Sieg des Fordimus über die Arbeiterbewegung
Rüstungsproduktion und Eroberungskriege des Faschismus führten schließlich auch die USA in einen Rüstungsboom und verhinderten gleichzeitig, dass die Lohn- und Konsumansprüche der US-Arbeiterklasse allzu sehr ins Kraut schossen. In Zeiten des antifaschistischen Kampfes, auch wenn dessen mörderische Hauptkampflinie durch die Sowjetunion lief, galten Lohnforderungen US-amerikanischer ArbeiterInnen als unpatriotisch.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verschoben sich die Gewichte zwischen Rüstungsproduktion und Arbeiterkonsum. Erstere wurde auf leicht verringertem Niveau fortgeführt, um die global gezogenen Kampflinien gegen den Kommunismus zu halten. Mit der Ausweitung des Letzteren sollte den ArbeiterInnen der Welt demonstriert werden, dass ihre Zukunft in den USA und nicht in Moskau oder Peking liegt. Dem Kapital tat dies nicht weh, da der Lohnkostenanteil in der kapitalintensiven Massenproduktion nicht sonderlich ins Gewicht fiel und eine beständige Zunahme der Konsumgüternachfrage, zusammen mit einem hohen Anteil staatlicher Ausgaben, Bedingung fortgesetzter Akkumulation war. Keynes' Nachfrageökonomie war wichtiger als die von Ricardo und Marx analysierte Einklemmung des industriellen Profits zwischen Lohn- und Kapitalkosten sowie steigenden Grundrenten.
Allerdings sollte der propagandistische Erfolg des American Way of Life in den 1960er und 1970er Jahren zum Problem für das Kapital werden. Nachdem sich die europäische Weltherrschaft in drei Jahrzehnten von Krieg, Krise und Klassenkampf erschöpft hatte, erschien das US-Versprechen universellen Wohlstands jenseits innerer Kämpfe mehr als attraktiv. Zur Teilhabe hieran waren alle Länder vorgesehen, die sich entweder freiwillig dem antikommunistischen Block anschließen wollten oder hierfür von den USA als unverzichtbar angesehen wurden.
Unter dem Einfluss von US-Dollar-Investitionen und US-BeraterInnen wurden fordistische Produktionsmethoden und Verteilungsnormen in die kapitalistischen Ökonomien Europas und Japans eingebaut und die organisierten Teile der Arbeiterklassen in den entstehenden Wohlfahrtskapitalismus integriert. Westdeutschland und Japan spielten dabei eine besondere Rolle. Als Frontstaaten im Kalten Krieg sollten sie zu Vorbildern kapitalistischer Leistungsfähigkeit aufgebaut, andererseits als ehemalige Kriegsgegner nur in begrenztem Umfang wieder aufgerüstet werden.
Der Widerspruch zwischen forciertem industriellen Aufbau und, im Vergleich zu den USA, begrenztem Absatz von Rüstungsgütern trieb westdeutsche und japanische Unternehmen auf den Weltmarkt. Diese Exportoffensive war umso bedrohlicher, als viele Staaten der Dritten Welt eine Strategie importsubstituierender Industrialisierung verfolgten und im Interesse ihrer Binnenmarktentwicklung den Zustrom ausländischer Waren einschränkten. Das Problem globaler Überkapazitäten, das in den 1970er Jahren manifest wurde, war in der kapitalistischen Weltwirtschaftsordnung angelegt, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut wurde.
Weiteres Ungemach braute sich zusammen, als Frauen, EinwanderInnen in Europa und Schwarze in den USA, denen arbeitsintensive Tätigkeiten in Haushalten und bestimmten Sektoren der kapitalistischen Produktion zugewiesen waren, ihre Rechte einschließlich des Zugangs zur fordistischen Konsumwelt forderten. Steigende Sozialausgaben, die zur Befriedigung solcher Ansprüche notwendig gewesen wären und teilweise auch durchgesetzt werden konnten, wurden vom Kapital, im Gegensatz zu Rüstungsausgaben, als ökonomische Kostenbelastung und Angriff auf die kapitalistische Arbeitsethik verstanden. Das Maß war endgültig voll, als selbst die ArbeiterInnen in den fordistischen Kernsektoren gegen das Fabrikregime rebellierten oder wenigstens Lohnsteigerungen jenseits zuvor erzielter Produktivitätszuwächse forderten und angesichts der Vollbeschäftigung in diesen Sektoren auch durchsetzen konnten.
Stellungskrieg der SozialpartnerInnen
Dass die Ersetzung lebendiger Arbeitskraft durch Maschinerie technisch möglich war, aber gegenüber den hierdurch ermöglichten Produktivitätsfortschritten zu einem überproportionalen Anstieg der Kapitalkosten führte, hatte das Kapital schon festgestellt, bevor es sich in den späten 1960er Jahren mit den Forderungen von Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt sowie einer neuen Frauenbewegung und Arbeiterkämpfen an der Heimatfront konfrontiert sah. In den 1970er Jahren führten Überkapazitäten, Kostendruck aufgrund technologischer Entwicklungen und verschärfte Verteilungskämpfe dazu, dass die Produktions- und Realisierungsbedingungen des Profits gleichzeitig untergraben wurden. Die Akkumulationsbewegung kam ins Stocken. Durch den Übergang vom Stellungskrieg zwischen gewerkschaftlichen und sozialpolitischen VerhandlungspartnerInnen zum Bewegungskrieg neoliberaler Eingreiftruppen wurden seit Ende der 1970er Jahre die Bedingungen für ein neues Akkumulationsmodell geschaffen.
Der Übergang vom Wohlfahrtskapitalismus zum neoliberalen Akkumulationsmodell erfolgte freilich schrittweise und unsystematisch. Als der Militärputsch in Chile1973 einen terroristischen Monetarismus an die Macht brachte, erfreuten sich andere Länder der Dritten Welt noch des Zustroms billiger Kredite aus den Metropolen. Zur gleichen Zeit sahen Letztere ein wildes Hin und Her zwischen Zugeständnissen an Gewerkschaften und Sozialstaatsausbau einerseits sowie ersten Schritten zur Kürzung öffentlicher Ausgaben und neuen Rationalisierungsformen andererseits.
In diesem Kampfgetümmel verschlossen Alte und Neue Linke ihre Kräfte, während sich innerhalb der Bourgeoisien eine Einheitsfront zur Wiederherstellung des Profits herausbildete. Nachdem die ersten Weltwirtschaftsgipfel kaum greifbare Ergebnisse in dieser Richtung gebracht hatten, im Gegenteil sogar zu Diskussionen eines globalen Keynesianismus angeregt hatten, übernahmen die USA die Führung bei der Umsetzung des neoliberalen Programms der Umverteilung von Löhnen zu Gewinnen.
Der monetaristische Angriff auf die Inflation war der erste Schritt, um die Entwertung von Geldkapital - der Übergang von der Geldform in produktive Anlageformen dauerte in den 1970er Jahren viel länger als während der Nachkriegsprosperität - einzuschränken. Zudem führte die Zinsexplosion nach dem sogenannten Volcker-Schock, als die US-Zinssätze auf Rekordhöhe angehoben wurden, zu Arbeitslosigkeit in den Kernsektoren des Fordismus und damit zu einer Schwächung der Gewerkschaften, die Vollbeschäftigung und Lohnsteigerungen nach Jahren der Prosperität fast als ein Gewohnheitsrecht angesehen haben. Steigende Zinsen waren zudem ein Mittel, um den Schlendrian im öffentlichen Sektor mithilfe einer harten Budgetrestriktion einzuschränken.
Der Bewegungskrieg neoliberaler Eingreiftruppen
Die politisch durch hohe Zinsen und Steuersenkungen herbeigeführte Fiskalkrise des Staates wurde später Ausgangspunkt von Privatisierungen, die dem Kapital neue Anlagefelder erschlossen. In ähnlicher Weise, auch wenn die Schuldenkrise der Dritten Welt in dieser Hinsicht eher ein nützlicher Kollateralschaden des Monetarismus als das Resultat gezielten Handelns war, wurde eine neue Welle der Landnahme in den kapitalistischen Peripherien vorbereitet. An die Stelle importsubstituierender Entwicklungsstaaten mit ihren korporatistischen Herrschaftsblöcken trat die Herausbildung von exportorientierter Industrialisierung und Kompradorenbourgeoisien. Neben Sozialstaaten in den Metropolen und Entwicklungsstaaten einschließlich ihrer staatssozialistischen Varianten wurden Haushalte und Subsistenzwirtschaft zum dritten Zielgebiet neoliberaler Landnahme.
Eine Folge dieser "drei Landnahmen" - Sozialstaat, Entwicklungsstaat und private Haushaltsproduktion - war die Entstehung eines neuen Proletariats, das zur Erosion der Vertretungsmacht der fordistischen Arbeiterklassen beitrug. Billige Arbeitskraft wurde zur Grundlage neoliberalen Wohlstands. Dessen Realisierung hing freilich davon ab, dass Nachfragequellen jenseits der schmalen Geldbeutel alter und neuer Arbeiterklassen erschlossen werden konnte. In gewissem Umfang gelang dies auch: Eine die Mittel- und Kapitalistenklassen begünstigende Steuerpolitik förderte nicht nur deren Investitionsneigung, sondern mindestens ebenso sehr ihre Konsumlaune. Darüber hinaus waren mit den neoliberalen Landnahmen Investitionen in Produktionsanlagen, Logistik- und Informationsnetzwerke verbunden, welche die Investitionsgüternachfrage, mit deutlichen regionalen Unterschieden, vorübergehend stabilisierte.
Dennoch überstieg die Masse Anlage suchenden Kapitals den Umfang profitabler Investitionsmöglichkeiten. Ein Teil dieser Gelder kam nie über den Status fiktiven Kapitals hinaus, trug aber, weil seine EigentümerInnen statt fälliger Abschreibungen lieber die derivative Aufblähung der Finanzmärkte vornahmen, zur Entstehung von Finanzkrisen bei, an deren Ende stets mehr Kapital in den kapitalistischen Metropolen konzentriert war als zuvor, ohne dass durch diese Eigentumsübertragung zusätzliche Nachfrage entstanden wäre.
Nachdem das Kapital die Räume vormals öffentlichen Eigentums, der Dritten Welt, des ehemaligen sozialistischen Lagers und für Bio- und Informationstechnologien auch Körper- und Informationswelten geöffnet hat und dabei stets auch ein gewisses Nachfragewachstum erzielen konnte, ist es in seiner Verzweiflung zu einem Punkt zurückgekehrt, der in den 1970er Jahren durchaus zutreffend als Kostenproblem angesehen wurde: Nach dem Platzen der dot.com-Spekulationsblase trieb das fiktive Kapital in seiner Angst vor der fälligen Entwertung Rohstoff- und insbesondere Ölpreise in ungekannte Höhen. Wie es das monetaristische Lehrbuch vorhersagt, führt dieser Inflationseffekt zu sinkenden Realeinkommen und daher geringerer Konsumgüternachfrage und gleichzeitig zu steigenden Kosten und daher sinkenden Investitionen.
Auslöser der Krise: Drei Landnahmen und ihre Folgen
Verschärft wurden diese Abschwungtendenzen noch dadurch, dass private Haushalte, vornehmlich aber nicht ausschließlich in den USA, zwecks Beibehaltung lieb gewonnener Konsumgewohnheiten ihre Ersparnisse und Immobilien verhökert bzw. verpfändet haben und sich nunmehr einer Schuldenkrise gegenübersehen, in die zuvor nur Sozial- und Entwicklungsstaaten getrieben worden waren.
Das auf sich selbst zurückgeworfene Kapital konnte der Krise nicht mehr entgehen und kann nun nur noch versuchen, seine Verluste auf jenen Faktor abzuwälzen, der sich seit den 1970er Jahren trotz immer wieder aufflackernden Widerstandes auf dem Rückzug befindet: der lebendigen Arbeitskraft.
Nachdem der Fordismus die Macht von Berufsgewerkschaften und hieran anknüpfenden Sozialismusvorstellungen gebrochen hatte, konnten sich die in Industriegewerkschaften organisierten Arbeiterklassen wenigstens als Gegenmacht des Kapital Gehör und bessere Einkommen verschaffen. Seit weitläufig gespannte Zuliefernetzwerke die Umgehung verhandlungswütiger Gewerkschaftsvertreter erlauben, ist das Modell der Industriegewerkschaften zumindest in seiner Beschränkung auf den Nationalstaat obsolet. Eine Ironie der gegenwärtige Krise könnte darin bestehen, dass sich das Kapital in seiner Not in die Arme des verhassten Staates wirft, die ArbeiterInnen dieser Welt aber nach grenzüberschreitenden Organisationsformen und Strategien suchen.
Sich gemeinsam mit dem Kapital unter das Kommando von Vater Staat zu stellen, soviel kann aus der Geschichte der Arbeiterbewegungen sicher gelernt werden, verhieße nichts Gutes. Vom Kapital als vaterlandslose Gesellen auf den Weltmarkt geworfen, sind die ArbeiterInnen die einzigen, die sich zum Status von WeltbürgerInnen aufschwingen können. Ob und in welcher Weise sie dies tun, hängt von kapitalistisch bestimmten Krisenbedingungen einerseits sowie ihrem Eigensinn und ihrer Organisationsfantasie andererseits ab.
Ingo Schmidt
ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis
/ Nr. 538 / 17.4.2009
