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ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 538 / 17.4.2009

Was sind die Bedingungen dieser Krise?

Ein Versuch, den Kladderadatsch im Kreditsystem anders zu sehen

Die kapitalistische Krise hält an, die KrisenmanagerInnen mühen sich nach Kräften, und auch die linke Debatte geht weiter. Herbert Steeg hält sich an den Klassiker schlechthin - Karl Marx, dessen Sicht der Dinge auch schon auf der Titelseite von ak 533 zitiert wurde: "In einem Produktionssystem, wo der ganze Zusammenhang des Reproduktionsprozesses auf dem Kredit beruht, wenn da der Kredit plötzlich aufhört und nur noch bare Zahlung gilt, muss augenscheinlich eine Krise eintreten, ein gewaltsamer Andrang nach Zahlungsmitteln ..."

Wieso ist die Frage nach den Voraussetzungen der Finanzkrise wichtig? Stellen Sie sich eine Debatte über Verkehrsstockungen auf den Autobahnen 1955 und heute vor. Alle Spekulationen, dass die Menschen damals doch viel ruhiger waren, vorausschauender fuhren usw. wären sofort beendet durch die einfache Bemerkung, dass es 1955 nicht genug PKWs für Staus gab. Ein Streit darüber, warum damals niemand mit 200 km/h herumbretterte, wäre abgeblockt durch die Erwähnung der Fakts: Das gab die Autotechnik noch nicht her. In der Ökonomie ist ein Eingrenzen der Diskussion schwieriger, weil viele sich einbilden, der Kapitalismus sei unverändert, nur sein Personal sei zur Zeit lausig.

Die Mehrheitsmeinung begründet die Finanzkrise mit einer "Spekulationsblase" bzw. als Ergebnis ruchloser Spekulanten. Eine "Blase" (bubble) ist ein Börsenausdruck für einen "raschen, starken Anstieg der Preise an den Börsen" (Börsenlexikon). Das als Grund für den Aktienboom anzugeben, ist wie Hunger mit Esslust zu begründen. Die Spekulanten für Krisen verantwortlich zu machen, darüber hat bereits Karl Marx gespottet: "Die politischen Ökonomen, die vorgeben, die regelmäßigen Zuckungen von Industrie und Handel durch die Spekulation zu erklären, ähneln der jetzt ausgestorbenen Schule von Naturphilosophen, die das Fieber als den wahren Grund aller Krankheiten ansahen." (1)

Was ist Spekulation? Eine "Tätigkeit, die darauf ausgerichtet ist, aus einer erwarteten Marktveränderung Nutzen zu ziehen, wobei meistens ein erhöhtes Risiko eingegangen wird." (Börsenlexikon) Danach ist jemand, der vor Jahren einen Handyladen aufgemacht hat, ein Spekulant, genauso wie der Immobilienmakler, der Wohnungen im grünen Umland sucht. Die gesamte unternehmerische Tätigkeit in Kapitalismus fußt so auf der Spekulation. Bleiben wir bei der besonders einträglichen Spekulation, der "Superspekulation".

Wo liegen die gesellschaftlichen Bedingungen, damit diese Art von Spekulation aufblühen kann, und wann verschwindet sie, wie der Eiswürfel in der Junisonne? Allgemein wird behauptet: Die Spekulation uferte unendlich aus, weil es zu viel Geld gab. "Zu viel Geld" soll heißen hohe Gewinne, die aber nicht wieder zur Erweiterung der Produktion angelegt werden. Den erwirtschafteten Zaster in einen Safe zu packen, wäre sehr dumm - das wäre Schatzbildung und drückt die Profitrate - es bleibt: das Geld in Kredit verwandeln, z.B. an der Börse. Denn was da gehandelt wird, so exotisch die einzelnen Papiere erscheinen, es sind alles Formen von Kredit. Nun ist der Kredit im Kapitalismus eine Ware, wie belegte Brötchen, Werkzeugmaschinen, Kunstdünger oder sonst was. Der Preis des Kredits, der Zins, fällt, wenn es zu viel davon gibt. Das betrifft auch die Börse. Wertpapiere gibt es in aller Regel nur begrenzt, niemand legt sie auf, wenn er/sie den Kredit nicht benötigt. Der Kurs einer Aktie ist damit eine Zahl, deren Höhe etwas über die Kreditwürdigkeit aussagt, nicht über die Kapitalgröße eines Unternehmens. (2) Hat eine Firma "zu viel" Geld erwirtschaftet, das nicht in eine Produktionserweiterung angelegt werden soll/kann, würde zunächst der Kreditdienst verringert, etwa, indem Aktien zurückgekauft werden. Denn: Kapitalprofit ist gleich Unternehmergewinn plus Zins. (3) Der Zins wird reduziert, wenn der Kreditanteil kleiner wird, und es entsteht zur großen Freude des Kapitalisten mehr Unternehmergewinn.

Hätten alle Unternehmen auf dem Markt plötzlich viel überschüssiges Geld, würde die Zahl der Aktien wie der Kredithandel stark zurückgehen. Während eines deutlich zurückgehenden Kredithandels kann aber logischerweise schwer spekuliert werden. Somit erscheint die These vom "überschüssigen Geld", das die Spekulation erzeugt hätte, nicht stichhaltig. Aber auch die gegenteilige Situation - zu wenig verfügbares Geld - führt nicht zu hoher Spekulation, sondern zu Produktionsstockungen. Das hat die Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts bewiesen.

Fragen wir Marx. Er stellt den üblichen Zyklus so dar: Nach dem Ende einer jeden Krise beginnt die Wirtschaft mit einem Überangebot von Kredit und entsprechend niedrigen Zinsen. Erreicht die Konjunktur wieder die vorhergegangene Blüte, nimmt das Kreditangebot ab, aber der Zins bleibt zunächst recht niedrig. Nun beginnt die Spekulation. Bricht dann die neue Krise herein, hört der Kredithandel fast auf. (4)

Ist aber der ungewöhnliche, rund 20 Jahre dauernde Börsenboom wirklich als normaler Krisenzyklus zu begreifen? Oder ist er nicht mehr, etwa, eine kapitalistische Umstrukturierungskrise? Unter welchen Randbedingungen ist eine solche Hochkonjunktur des Kredithandels möglich? Hohe verfügbare Profite bei einem gleichzeitigen gesellschaftlichen Kreditbedarf, der das Angebot dauerhaft deutlich übersteigt. Gibt es so was? Ja, das kann es geben. Denn der Kreditbedarf ist keine Funktion des Finanzmarktes, er entsteht aus den Bedürfnissen der Produktion. Wird eine neuartige Technik entwickelt, die die Produktion umwälzen kann, so sind alle Unternehmen wild darauf, sie schnell einzuführen, denn die ersten, die dies tun, können so einen Extraprofit ergattern. Da solche Techniken stets große Teile der Produktion verändern, verursachen sie notwendigerweise hohe Investitionen, die nur über Kredite zu finanzieren sind. Wollen nun alle diese Techniken einsetzen - und sind diese Techniken so universell, dass sie viele oder alle Branchen betreffen - dann ist der Kreditbedarf schnell höher, als das weltweite Angebot. Es beginnt die große Stunde der Spekulanten. Dies ist eine mögliche Erklärung für den Börsenboom der letzten 20 Jahre.

Lässt sich das nachweisen? Ich will Zweifel an der These von den "überquellenden Finanzen" streuen:

- Als in den 1970ern die Kreditmärkte "in Geld schwammen", wurden sehr großzügig Kredite an Staaten der "3. Welt" vergeben. Zu damals niedrigen Zinsen. Anfang der 1980er stiegen dann die Zinsen, Kredite wurden teurer und nicht mehr so leicht vergeben. 1982 brach dann die Schuldenkrise der "3. Welt" offen aus. Es wurde schwierig für "3.-Welt"-Länder neue Kredite zu bekommen. Ausgerechnet jetzt begann die Börse lebhafter zu werden, und zwei, drei Jahre später entwickelte sich das zu einem atemberaubenden Boom, der immer mehr anwuchs und fast 20 Jahre andauerte. Spricht das für die Theorie vom "überschüssigen Geld"?

- Weshalb sollte eine ausgefuchste Werbebranche mit allen Tricks weltweit versuchen, den letzten Malocher dazu zu bewegen, seinen Sparstrumpf zur Börse zu tragen, wenn das gesellschaftliche Problem darin besteht, dass es zu viel Kredit gibt?

- Ziel der neuen Papiere - der "Swaps" - ist es, den Kreditrahmen der Banken auszuweiten. Nun wird viel über die Spekulation mit diesen Swaps und ihre Gefahren gemosert. Wie gewagt sie sein mögen - es gäbe sie nicht, wäre da nicht ein dringendes Bedürfnis der Banken vorhanden gewesen. Banken mit "zu viel Geld" sind heilfroh, wenn sie dieses ausleihen können, die brauchen keine Swaps zu erfinden.

- Wie ist die Meinung des Direktors des internationalen Wahrungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, einzuschätzen: "Im Mittelpunkt dieser Krise steht die Tatsache, dass das Finanzsystem insgesamt zu wenig Kapital hat"? (5) Wobei er mit Kapital sicher Kredit meint.

Häufig wird als Beleg vorgebracht, dass sich das private Finanzvermögen zwischen 1980 und 2006 gewaltig vermehrt hat - nach McKinsey von 10 auf 167 Billionen US-Dollar. Das zeigt, dass es zu viel Geld und Kredit gibt, wird dann argumentiert. Doch ist das wirklich alles reales, mobilisierbares Vermögen?

Hauptursache dieser Finanzvermögenszunahme ist das rapide Ansteigen der Aktienkurse. Diese Börsenbewegung bedeutet jedoch keinesfalls eine echte Vermögensveränderung, so wenig wie ein Anstieg des Luftdrucks bedeutet, dass es mehr Luft gibt. Wenn z.B. der Kurs der XY-Aktie sich von 20 auf 60 erhöht, hat sich damit für die Vermögensberechner dieses Guthaben verdreifacht. Praktisch ist das allerdings reines Buchgeld. Für den Konzern gilt nur die Summe, die er bei der Aktienausgabe erlöst hat. Diese hat er in Kapital verwandelt. Der Aktienanteil, der weiter im Besitz des Konzerns ist (damit die Stimmenmehrheit vorhanden bleibt), ändert seinen Wert praktisch nicht. Es spielt für den Konzern nur indirekt eine Rolle, wie hoch der Kurs steht. Indirekt, weil ein hoher Aktienkurs eine hohe Kreditwürdigkeit bedeutet, die alle wollen. Ähnliches gilt für die institutionellen Anleger. Für die restlichen Aktionäre hat sich ihr Vermögen scheinbar vermehrt, aber wollten sie es wirklich in großer Zahl in Geld verwandeln, würde der Kurs sofort abstürzen. Nur wenige können dieses scheinbare Vermögen in Geld eintauschen, für alle anderen bleibt es Buchgeld.

Eine weitere Quelle des Finanzvermögenszuwachses ist die Verschuldung der "3. Welt". Die seit Anfang der 1980er stark anschwellenden Staatsschulden dieser Länder sind gleichermaßen anwachsendes Finanzvermögen: Die roten Zahlen des Einen sind immer der Besitz des/der Anderen. Wenn Länder wie Mauretanien oder Guyana mit dem Doppelten ihres Brutto-Inlandsprodukts (BIP) in der Kreide stehen, zeigt das die Summen. Auch wenn diese Rückstände oft nicht mehr einzutreiben sind, bleiben sie doch für die Bilanz Finanzvermögen. Ja, je weniger diese Kredite real sind, um so mehr blähen sie sich durch nicht gezahlte Zinsen, Aufschläge oder gar neue Kredite auf. So wird verständlich, dass auf dem Papier vorhandenes Finanzvermögen nicht unbedingt in nutzbares Geld umzuwandeln ist. Würde die Forderung der politischen Linken nach einer Schuldenstreichung für die ärmsten Länder verwirklicht, verschwände dieser Teil des Finanzvermögens augenblicklich ins Nichts.

Kommen wir zur Staatsverschuldung der reichen Länder: Auch die Schuldenlast der Industrieländer ist in den letzten Jahrzehnten stark angewachsen. Die der BRD stieg von unter 400 Mrd. Euro 1985 auf über 1.500 Mrd. Euro (23.1.09). Am höchsten verschuldet von den Industrieländern ist Japan mit 182,8% seines BIP. Die relative Verschuldung der USA (mit 65,6% zum BIP) ist ähnlich hoch wie die durchschnittliche Verschuldung in der Eurozone (65,2% zum BIP), in absoluten Zahlen jedoch enorm: Sie hat Ende September 2008 die Zehn-Billionen-Dollar-Marke überschritten. Im Unterschied zu den Trikont-Staaten ist bei den Industrieländern die Schuldenrückzahlung nicht mit einem Fragezeichen zu versehen. Doch für die Kreditgeber dieser gigantischen Summen sind sie meist kein flüssiges Vermögen, denn die Staatsschulden existieren oft in der Form von Anleihen mit festen Laufzeiten. Erst am Ende dieser Laufzeit wird der Betrag zurückgezahlt. Daran ändert auch ihre Börsennotierung nichts. Nur der Name des Kreditgebers wechselt gegebenenfalls.

All das mindert das "nach Anlage suchende" Finanzvermögen. Zudem: Finanzen, die bereits als Kredit "vergeben" sind, werden ihr Anlageziel nur ändern, wenn es anderswo bessere Renditen gibt. Höhere Zinsen werden jedoch nur angeboten, wenn Kredit benötigt wird.

Krisen des Finanzbereichs sind im Kapitalismus nichts neues. Es gab sie immer wieder. Aber von 1940 bis 1980 war eine vergleichsweise sehr ruhige Zeit. Erst ab Ende der 1980er begann es wieder unruhig zu werden. Die jetzige Krise sticht besonders heraus, weil sie so viele Länder der Welt betrifft wie noch nie.

Betrachten wir die Börsenentwicklung, z.B. den Dow-Jones-Index, der der älteste Börsenindex ist, so erleben wir eine kleine Überraschung. Bis Mitte der 1980er ist der Verlauf über Jahrzehnte relativ gleichförmig, beinahe platt, und steigt nicht sonderlich an. Selbst die große Krise Ende der 1920er Jahre ist nur eine kleinere Delle auf der Kurve. Dann, ab Mitte der 1980er, erfolgt ein rasanter Anstieg der Kurve um rund 1.000%. Ein solch extrem ungewöhnlicher Vorgang kann nicht allein mit dem Wirken von raffgierigen Spekulanten begründet werden.

Gibt es in der Wirtschaftsgeschichte kein Gegenstück, keine Ähnlichkeit zu dieser Börsenhochentwicklung? Der älteste Börsenindex, der Dow Jones, beginnt 1897. Untersuchen wir die Zeit davor. Da gab es die "großen Börsenjahre", in Deutschland ab 1870. Flugs wurden Aktiengesellschaften gegründet: 1870 in Deutschland 54 AGs, ein Jahr später schon 259 AGs, 1872 sogar 504 AGs. Der Wirtschaftshistoriker Max Wirth beschreibt diese Epoche in seiner "Geschichte der Handelskrisen" so: "Damals wollten der hohe Adel und die Geheimen Räte ebenso mühelos verdienen wie die Kutscher und die Dienstmänner, die Bankherren wie die Briefkopisten, die Männer wie die Frauen, man jobberte an der Börse wie zu Hause, im Hotel wie in der Kneipe, in politischen Versammlungen wie im Gesangverein." (6)

Damit stand Deutschland aber nicht allein. Nehmen wir England. 1899 waren in Großbritannien die Einnahmen der "Kuponschneider" fünf Mal so groß wie die Jahreseinnahmen aus dem Außenhandel. So schrieb 1906 der Ökonom Schulze-Gaevernitz: "England wächst aus dem Industriestaat allmählich in den Gläubigerstaat. Trotz absoluter Zunahme der industriellen Produktion, auch der industriellen Ausfuhr, steigt die relative Bedeutung der Zins- und Dividendenbezüge, der Emissions-, Kommissions- und Spekulationsgewinne für die Gesamtwirtschaft. Es ist diese Tatsache meiner Meinung nach die wirtschaftliche Grundlage des imperialistischen Aufschwungs." (7)

Was war damals die Grundlage dieser Börsenentwicklung? Die erste Etappe des Kapitalismus, in Deutschland etwa bis in die 1870er, ist geprägt durch die Textilindustrie. Die industriellen Zentren liegen damals am Niederrhein (Krefeld, Mönchengladbach), im bergischen Land (Elberfeld), in Franken und Schlesien. Dann, etwa ab 1870, beginnt die Industrie sich umzustrukturieren. Die Schwerindustrie wird zum Zentrum der nächsten Etappe des Kapitalismus. Noch sucht die Industrie die Nähe der Rohstoffe und geht da hin, wo sie die großen Mengen an Kohle nicht zu transportieren braucht. Die Ruhrgebietsstädte - bis dahin im Vergleich zu Krefeld nur Dörfer - beginnen gewaltig zu wachsen. Zwischen 1860 und 1870 steigt die Bevölkerungszahl in Dortmund von 4.000 auf 28.000 EinwohnerInnen, in Essen von 4.800 auf 31.000, in Bochum von 2.000 auf 12.000. Und das ist erst der Anfang. Diese Umstrukturierung verlangt nach gewaltigen Mengen von Kapital. Nur der Börsenboom ist in der Lage, den nötigen Kredit zu liefern. Das endet, als der überspannte Kreditmarkt sich zu normalisieren beginnt, in einer heftigen Finanzkrise und einer Rezession. So, wie sich im Hochsommer die aufgestauten atmosphärischen Spannungen in einem starken Gewitter entladen.

Spekulation ist stets auf etwas ausgerichtet, sie hat ein Ziel. So wie z.B. bei der gesellschaftlichen Gewalt am Ende immer konkrete Personen stehen, die Prügel beziehen. Was war damals das Ziel der Spekulation und was in den letzten beiden Jahrzehnten?

In der Krise 1843/45 waren vor allem der Eisenbahnbau und die Dampfschifffahrt das Ziel. (8) Und praktisch wurde so ein wichtiger Produktionsfortschritt erreicht. Bei der Krise Anfang der 1870er war in Deutschland die Schwerindustrie Gegenstand der Spekulation. (9) Und in der Gegenwart waren es zunächst die "neuen Techniken", vor allem die moderne PC-Technik. Wiederum wurde ein grundlegender produktiver Fortschritt erreicht: die Fabrikation in internationalen Netzwerken. Doch das allein erklärt weder die Länge noch die Heftigkeit dieser Periode. Zudem ist auf den ersten Blick diesmal die Suche nach dem Ziel der Spekulation schwierig. Es scheint nicht da zu sein. Wird gründlicher analysiert, entdeckt man die Umstrukturierung des Kapitalismus selbst als Gegenstand. Geht es um eine neue Stufe der Zentralisation des Kapitals, wie vermutet werden könnte?

Wäre es so, müsste sich die Anzahl der internationalen Konzerne verringert haben. Allerdings: Im Jahr 1997 wurde die Anzahl der transnationalen Unternehmen von der UNCTAD mit 44.000 angegeben (10), im Jahr 2000 bereits mit 60.000. (11) Und muss ich an die 1990er erinnern? Damals wurden "Outsourcing" und "Downsizing" zum Modewort, "Beschränkung auf das Kerngeschäft" war plötzlich die allgemeine Industrieparole. Wenn der Kapitalismus zu dieser Zeit seine Struktur verändert hat, von wo nach wo?

Es gibt verschiedene Konzernmodelle, die wichtigsten sind der vertikale und der horizontale Konzern. Bucharin schrieb 1915: "Zwei Arten der Zentralisation können unterschieden werden: die erste Art, wenn eine wirtschaftliche Einheit eine andere verschluckt, die ihr ähnlich ist; der zweite Fall ist die vertikale Zentralisation, wenn die betreffende wirtschaftliche Einheit eine andere verschluckt, die nicht von der gleichen Art ist. In diesem Falle haben wir es mit einer ,wirtschaftlichen Ergänzung` oder Kombination zu tun." (12) Kurz: bei der vertikalen Monopolisierung wird ein Konzern um die verschiedenen aufeinander folgenden Stufen der Verarbeitung aufgebaut und meist um andere Wirtschaftsunternehmen im "Heimatstaat" ergänzt. "Diversifizierung" heißt das heute. Das horizontale Monopol dagegen versucht einen schmalen Produktionszweig ganz zu beherrschen, möglichst weltweit. Über viele Jahrzehnte war das vertikale Modell das vorherrschende. In den USA wurden Anfang des 20. Jahrhunderts horizontale Fusionen verboten (Clayton Act). Auch Lenin ging 1916 davon aus, dass sich die Monopolisierung vertikal entwickeln würde, und hatte damit über viele Jahre recht. (13)

Gegen Ende der 1980er kam die Trendwende: weg von vertikalen, hin zu horizontalen Strukturen. Ab 1990 liegt der Anteil horizontaler Fusionen klar über 50% und er steigt danach weiter deutlich an. Ich gehe davon aus, dass diese Umstrukturierung inzwischen weit fortgeschritten ist. (14) So machen die Schlagworte von "Weltmarktführerschaft" und "Konzentration auf die Kernkompetenz" Sinn. Jedoch sind Unternehmensaufkäufe und Fusionen überaus kostspielig. Sie sind eigentlich nur durch Kredite zu realisieren und bei einem fast zwanzigjährigen Höhenflug musste das Kreditsystem bis an seine Grenzen (und darüber hinaus) gedehnt werden.

Das Grunddilemma des Kapitalismus ist der tendenzielle Fall der Profitrate. Das ist eine etwas komplizierte Theorie von Karl Marx, die er im dritten Band des "Kapital" beschrieben hat. (15) Sie läuft darauf hinaus, dass durch den technischen Fortschritt immer weniger Lohnarbeiter im Verhältnis zu den Produktionsmitteln (Maschinen etc.) gebraucht werden. Da jedoch der Profit aus der Lohnarbeit stammt, muss die Profitrate in der gesamtgesellschaftlichen Tendenz fallen.

Dazu gibt es Gegenstrategien, die mehr oder weniger funktionieren. Eine Strategie nenne ich Sandwich-Kapitalismus (oben lecker Käse, unten trockenes Brot). Sie basiert darauf, dass in den verschiedenen Branchen das Verhältnis zwischen dem Anteil an Lohnabhängigen zu dem an Maschinen (Marx nennt das: organische Zusammensetzung des Kapitals) unterschiedlich ist. Z.B. verarbeitende Industrie 20:80, Malergewerbe 50:50. (16) Diese Unterschiede können vergrößert werden, ohne dass sich der gesellschaftliche Durchschnitt ändert. Indem neue Technik kompensiert wird durch mehr "Humankapital" an anderer Stelle, etwa Branchen mit LeiharbeiterInnen, Armutsarbeit etc. Denn wenn einer ein Hähnchen isst und ein anderer zwei Schnitten trockenes Brot, hat im Durchschnitt jeder ein halbes Hähnchen mit einer Schnitte Brot.

Schön ausgedacht, gäbe es da nicht ein Problem: das Gesetz vom Durchschnittsprofit. Die Marxsche Werttheorie baut auf Ricardos (17) ökonomisches Konzept auf. Ihr Kern ist: "Der Wert aller Waren ... ist durch ihre Produktionskosten bestimmt, in anderen Worten durch die Arbeitszeit, die zu ihrer Hervorbringung nötig wird." (18) Daraus entstehen "... durch die organische Zusammensetzung der Kapitale in den verschiedenen Sphären der Produktion, ... verschiedene Profitraten der einzelnen Sphären". (19) Das hatte bereits Ricardo verstanden, und er folgerte, dass in den unterschiedlichen Branchen mit unterschiedlichem Personalanteil auch die Gewinnrate unterschiedlich sein müsse. Er versuchte, das empirisch nachzuweisen, und untersuchte die verschiedenen Industriezweige, aber er fand seine These nicht bestätigt: Die Gewinne unterschieden sich nur gering. Dieses Problem löste Marx in seiner Zirkulationstheorie quasi nebenher. Er zeigte auf, dass durch Konkurrenz und Preisbildung sich die Profitraten ausgleichen in Richtung einer Durchschnittsprofitrate. "Die Profitrate ist also in allen Produktionssphären dieselbe, nämlich ausgeglichen auf diejenige dieser mittleren Produktionssphären, wo die Durchschnittszusammensetzung des Kapitals herrscht." (20)

War also nichts mit "Sandwich-Kapitalismus"? Bei einem horizontalen Konzern, der seine Produktion weltweit gegliedert hat und der möglicherweise so groß wie ein kleinerer Industriestaat ist, findet eine internationale Preisbildung statt, die diverse organische Kapitalzusammensetzungen in unterschiedlichen Staaten einbezieht. Sprich: BilliglohnarbeiterInnen in Indien, SpezialistInnen in Europa usw. In den Staaten, in denen dieser Konzern bedeutend ist, tritt er in Konkurrenz zur Durchschnittsprofitrate, ohne sie aufheben zu können. Das Ergebnis ist ein Auseinanderdriften der Profitraten zwischen den einzelnen Sparten der Produktion. Praktisch bedeutet das eine Verstärkung der Unterschiede zwischen den Abteilungen der arbeitenden Klasse. Gut (oft übertariflich) bezahlte und ausgebildete Beschäftigte in den industriellen Großkonzernen, daneben ArbeiterInnen in traditionellen Berufen, die jedoch oft schon mit Zeitverträgen auskommen müssen, dann LeiharbeiterInnen - bis hin zur Armutsarbeit und Arbeit von "Illegalen", die teilweise unter schlimmsten Bedingungen schuften.

Das, was in den letzten 20 Jahren als "Neoliberalismus" bezeichnet wurde, ist quasi politischer Nachvollzug einer sich wirtschaftlich durchsetzenden Entwicklung, es ist eine Politik, in der konservative, aber auch sozialdemokratische Politiker die geheimen Wünsche der Ökonomie in eine persönliche Passion verwandelt haben.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich ziehen?

- Der "Neoliberalismus" ist nicht "am Ende", denn er ist nur politischer Ausdruck einer objektiven Entwicklung des Kapitalismus. Diese schließt ein Zurück zum "Sozialstaat" aus. Eine Eiche kann gefällt werden, aber nicht auf Strauchgröße gestutzt. Das Denken, der "Neoliberalismus" sei Ergebnis einer Verschwörung kaltherziger "Neokons", gleicht der naiven Logik, der Sonderzug des Kaisers sei eingefahren, weil das Vorstadtorchester "Heil Dir im Siegerkranz" spielte.

- Die Börse und die Spekulanten zum Kernproblem zu erklären, ist rechte Kapitalismuskritik. Eine Kritik, die die Oberfläche sieht, aber nicht das, was sie bewegt. Die Spekulanten sind keine "Krankheit" des Kapitalismus, sondern unsympathische Gesellen mit einer Funktion, so wie die Geier im Ökosystem der Steppe eine inne haben. Nach der Spekulationsperiode der 1870er führte rechte Krisenkritik zu etwas, das Hirsch/Schuder "Die Erfindung der jüdischen Rasse" (21) nennen, zu verbreitetem Antisemitismus und der Ideologie vom bösen raffenden und guten schaffenden Kapital.

- Diese Krise ist ein Problem der Entwicklung des Kapitalismus, nicht der USA oder eines anderen Nationalstaats. China, Russland und Indien sind keine Gegenpole dieser Krise, sondern Teil des Problems. Die Antwort auf diese Krise kann in ihrer Struktur nur so sein, wie das Problem: internationalistisch.

Herbert Steeg

Anmerkungen:

1) MEW 12, 339

2) MEW 25, 493

3) MEW 25, 829

4) Marx/Engels: Das Kapital, Band III, Fünfter Abschnitt, 30. Kapitel. Geldkapital und wirkliches Kapital, MEW 25, 493-510

5) Financial Times Deutschland, 24.9.08

6) Rudolf Hirsch/Rosemarie Schuder: Der gelbe Fleck. Köln 2006, 498

7) Zitiert bei W.I. Lenin: Der Imperialismus als jüngste Etappe des Kapitalismus. Ausgabe 1926, 91

8) MEW 7, 421

9) MEW 19, 167

10) Pressemitteilung UNIC, 19. September 1997

11) Pressemitteilung UNIC, 2. Oktober 2000

12) N. Bucharin, Imperialismus und Weltwirtschaft, 1915

13) W.I. Lenin: Der Imperialismus als jüngste Etappe des Kapitalismus. Ausgabe 1926, 17

14) Siehe dazu: http://www.absatzwirtschaft.de

15) MEW 25, 221 - 241

16) Datenreport 2004 des Statistischen Bundesamts

17) David Ricardo, 1772 bis 1823, britischer Nationalökonom

18) K. Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 55

19) MEW 25, 172

20) MEW 25, 182

21) Rudolf Hirsch/ Rosemarie Schuder: Der gelbe Fleck. 493ff.