Mikrofon Check
Aktion Bei der Occupy-Bewegung ist die Form der Inhalt
Von Jan Ole Arps
Berlin am 22. Oktober, die zweite größere Versammlung der Occupy-Proteste. Mehrere Hundert Leute sitzen auf dem Rasen vor dem Reichstag und diskutieren, um sie herum stehen einige Hundert mehr. Aus der Gruppe der Sitzenden erheben sich in kurzen Abständen einzelne und sprechen, nach jedem Satz wiederholt die Menge die Worte. ModeratorInnen achten darauf, dass alle dran kommen und gelegentlich Entscheidungen gefällt werden. Am Anfang jedes Beitrags stehen die Worte »Microphone Check«. Kommt das Echo aus der Menge zurück, kann weiter geredet werden.
Die Menge der Versammelten ist das Mikrofon - und so heißt es auch: »Human Microphone«. Man könnte auch »Human Twitter« dazu sagen. Die Technik dient dazu, dass jedeR sprechen kann und von allen anderen Anwesenden gehört wird. Sie ist von den Occupy-Wall-Street-Protesten in New York abgeguckt; dort wurde sie populär, weil der Einsatz von Lautsprechern nicht erlaubt war. Auf den Gesichtern der meisten Linken, die der Szene beiwohnen, ist Stirnrunzeln zu sehen. Ist das nicht naiv? Wissen die gar nicht, was sie wollen? Es stimmt, zunächst ist das alles befremdlich. Die vielstimmige Wiederholung lässt an religiöse Messen denken, und auch ein anderer frivoler Gedanke schießt in den Kopf: Warum nicht etwas Saublödes sagen und sich daran ergötzen, dass hundert Stimmen es ohne zu zögern nachsprechen? An das »lebendige Mikrofon« muss man sich gewöhnen, vor allem wenn man gewohnt ist, dass Protest aus Flugblatt, Demo, Redebeitrag besteht.
Worum geht es also in den Beiträgen? Nun ja, am 22. Oktober geht es um die Macht der Finanzmärkte, um Arbeitsgruppen und die Frage, wo sich wer als nächstes trifft. Um ehrlich zu sein: Es ist nicht so wichtig, worum es geht. In diesem Fall ist, da haben die linken KritikerInnen Recht, nicht der Inhalt zentral. Die Form ist der Inhalt. Nur ist das keineswegs die große Schwäche der Veranstaltung.
Als der inzwischen zurückgetretene griechische Premier Giorgos Papandreou Anfang November erklärte, über die Annahme des EU-Hilfspakets (und der damit verbundenen Sparmaßnahmen) abstimmen zu lassen, spielten nicht nur »die Märkte«, sondern auch die EU-MinisterpräsidentInnen verrückt. Frankreichs Präsident Nicholas Sarkozy etwa erklärte, man wolle dem griechischen Volk keine Vorschriften machen, aber die Unterstützung für das Land sei doch davon abhängig, »dass unsere Regeln eingehalten werden«. (taz, 4.11.2011) Keine zwei Tage später war die Abstimmung vom Tisch.
Deutlicher kann man kaum zeigen, wie es um die Mitsprache der Gesellschaft bestellt ist. Der ökonomische Sachzwang bestimmt, worüber abgestimmt, ja überhaupt geredet werden darf. Die Versammlungen der Occupy-Bewegung praktizieren das Gegenmodell. Sie stellen die gleichberechtigte Verständigung in den Mittelpunkt, alles andere ist zweitrangig. Das ist nicht praktisch oder pragmatisch, manchmal dauert es etwas. Aber diese Versammlungen organisieren Mitsprache und Gemeinsamkeit. Genau das ist ihre Stärke.
ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis
/ Nr. 566 / 18.11.2011
