Kritik als soziale Auseinandersetzung begreifen
Vier Thesen zur radikal(er)en Linken in der Krise
Auch im dritten Jahr nach Ausbruch der Finanzkrise ist die Situation uneindeutig. Einerseits scheinen die Krisenursachen nicht wirklich behoben zu sein, die Folgen der Krise eher aufgeschoben als aufgehoben. Andererseits wird das Ende der Krise ausgerufen, sogar von Aufschwung ist die Rede. Ende 2010 wurde diese Ambivalenz als Ausgangspunkt für eine Abendveranstaltung im Rahmen der Marx-Herbstschule gewählt. (1) Es diskutierten Riccardo Bellofiore (Ökonom von der Universität Bergamo/Italien), Robert Kurz (u.a. Autor von "Schwarzbuch des Kapitalismus") und Stefanie Hürtgen (Politikwissenschaftlerin/Frankfurt am Main). Im Folgenden dokumentiert ak den überarbeiteten Beitrag von Stefanie Hürtgen, den sie am 30. Oktober 2010 in Berlin gehalten hat.
1. These: Die radikale(re) Linke hat die Finanzkrise nicht für sich nutzen und aufgreifen können. Es ist nicht gelungen, Themen wie: Kapitalismus-Kritik, Transformationsperspektiven, Zusammenhänge von Finanzkrise und Kapitalismus voranzubringen. Vor allem ist es nicht gelungen, die Verunsicherung, die Wut und Kritik "der Leute" aufzugreifen und mit der eigenen Wut (lies: eigenen politischen Vorstellungen) zusammenzubringen oder sie wenigstens einen Schritt anzunähern. Woran liegt das? Aus meiner Sicht an dem immer noch unterentwickelten Verständnis davon, dass auch "antikapitalistische Kritik" nur in Auseinandersetzung vorangebracht werden kann.
Man muss sich ständig umsehen und prüfen, mit wem es eine gemeinsame konzeptionelle Basis gibt, wo Veränderungen erstritten werden könnten und welche Vorstellungen "die anderen" eigentlich von einer besseren, anderen Gesellschaft haben - und ob deren Vorstellungen irgendetwas mit meinen zu tun haben könnten. Stattdessen wird seitens der radikal(er)en Linken am liebsten darauf verwiesen, dass "die Leute" und "die ArbeiterInnen" auch in dieser Krise "keine Vorstellung vom Sozialismus" haben (Robert Kurz), "lohnarbeitsfixiert" seien (u.a. Robert Kurz, Joachim Hirsch), und generell, wie es immer und immer wieder heißt: keine "Alternative" im Kopf hätten. (2)
Krise als Fortexistenz der sozialen Reproduktion
Nun gibt es an den Fakten kaum etwas zu deuteln: Kein Sozialismus, keine "Alternative" und ja, eine ungeheuer tief sitzende Vorstellung davon, nicht nur für sein täglich Brot zur Arbeit gehen zu müssen, sondern auch seinen Platz, seine "Wertigkeit" in der Gesellschaft über die eigene (Lohn)Arbeit zu erhalten - dies vor allem, weil man für die Gesellschaft etwas leistet. Man baut Straßen und Autos, bedient KundInnen, bildet Studierende aus, verfasst wichtige Artikel - und deswegen ist man wer. Mit einigen Bauchschmerzen könnte man hier Robert Kurz zustimmen, dass die lohnabhängig Beschäftigten gewissermaßen nicht realisieren würden, dass Bedürfnisbefriedigung nur Abfallprodukt des "abstrakten Reichtums" (Marx) ist und dass eine emanzipatorische Perspektive in der "Abschaffung" von Lohnarbeit und damit auch der LohnarbeiterInnen besteht. Dann allerdings müsste man sofort hinzufügen, dass die Schwierigkeit, sich selbst als "abgeschafft" zu denken, natürlich auch die kritischen Intellektuellen betrifft. Jedenfalls wenn man noch so etwas wie die Überwindung und Neuorganisation der hierarchischen Arbeitsteilung im Auge behält.
Kritische Theorie-Exegesen vom Podium herab wären dann als Hauptbeschäftigung ebenso obsolet - auch als Hauptbestätigung des eigenen Beitrags zur Gesellschaft und ihrer Veränderung. Nicht vorstellbar für viele, die ihre eigene, wissenschaftliche und politisch-intellektuelle Arbeit vielmehr zur überhistorischen Angelegenheit erklären - und damit genau das machen, was man den "AutobauerInnen" völlig zu Recht vorwirft. Kurz und gut, statt eine Auseinandersetzung dort, wo sie möglich ist, zu versuchen, auszuloten, wo sich miteinander und bezogen aufeinander die sozialen Rollen wenigstens ein Stück weit verschieben lassen, projiziert die radikale(re) Linke ihre eigene Verstricktheit gern auf andere - was umgekehrt lohnabhängig Beschäftigte ebenso tun.
Damit bleibt jedoch die Frage nach einer Alternative eine ganz und gar abstrakte Angelegenheit. Der Waren produzierenden, abstrakten Arbeit als derzeitig dominierendem Medium von Vergesellschaftung wird eine ebenso abstrakte Alternative entgegengesetzt - wenn auch mit ungleich geringerer Wirkung. So geht völlig unter, dass wir uns natürlich immer auch in konkret stofflichen, menschlichen, sprachlichen, politischen Zusammenhängen bewegen und darin artikulieren und auseinandersetzen. Sei es Daheim, beim Streit mit dem Liebsten, sei es auf der Arbeit, wo man sich tagtäglich entscheidet, ob man sich noch mal die Hacken abrennt für die PatientInnen, ob man sich krankschreiben lässt, obwohl noch so viel zu tun ist, ob und wenn ja wie und wann man dem Chef Widerworte gibt und wie man auf den/die KollegIn wieder zugeht, die neulich so genervt hat.
Planungsunsicherheit schon lange vor der Krise
Für diese von Machtbeziehungen, Konkurrenzdruck, Unsicherheit und materiellen Sorgen, aber eben auch von Eigenwilligkeit und Anspruchshaltungen durchzogenen tagtäglichen Auseinandersetzungen hat die radikale(re) Linke kaum einen Blick, geschweige denn Maßstäbe und Ideen zur Interpretation, sondern sie wartet auf ein Übertreten der Scheidelinie zur "Alternative", von der sie aber selbst nicht weiß, wie das aussehen soll - außer dass sich alle einig sind, dass kein "Kapitalismus" mehr herrschen soll.
Wie Robert Kurz es in überspitzter und zugleich exemplarischer Weise vorführt, gelten der radikale(re)n Linken die unmittelbar sozialen, gefühligen, gebrauchswertigen Beziehungen häufig nichts, da sie ja eh dem Joch des Werts und der Verwertung des Kapitals unterworfen sind. Damit aber wird man für genau das blind, wonach man vermeintlich sucht: nach alternativen Ansätzen von Vergesellschaftung. Anders als Negri und Co. meine ich dabei keineswegs, dass eine "kommunistische" Vergesellschaftung längstens da ist, "nur noch" in kapitalistischer Form. (3)
Mit der Krise kam die Traditionalisierung der Kritik
Was es aber gibt, das ist ein tagtägliches Sozialverhalten, das nicht in Kommodifizierung (zur Ware machen; Anm. ak), Kaufkraft, Verwertung, und Abstraktion aufgeht - und auch nicht aufgehen kann, sonst gäbe es so etwas wie Gesellschaft mit ihren konkreten, stofflichen, menschlichen Zusammenhängen nicht. Und also ist dort der Ort, nach anderen Formen von sozialem Verhalten, anderen Formen sozialer Vergesellschaftung zu suchen und sie voranzubringen. Dafür gibt es aber kein Instrumentarium, wenn die Kritik selbst immer nur auf der abstrakten Ebene verbleibt - auch wenn diese Ebene nicht unwichtig ist.
2. These: Mit der Finanzkrise fand eher eine Traditionalisierung der Kritik statt. Folgt man der bisherigen Darstellung, verwundert es weniger, dass sich eine eigentümliche Re-Traditionalisierung in Politik und Öffentlichkeit durchsetzen konnte. Die großen Regulationsmechanismen haben funktioniert: Die Banken haben ihr Rettungspaket, die Auto-Industrie ihre Abwrackprämie bekommen. Und die Gewerkschaften haben ihre Schuldigkeit getan und ihr Klientel so gut es eben ging abgesichert.
Vor allem die IG Metall hatte zu Beginn der Krise große Sorgen vor einem Komplettniedergang sowohl der eigenen Organisation wie auch der Branche. Die Schlagworte hier waren: "Keine Wiederholung der ostdeutschen Entwicklung!" oder auch: "Deindustrialisierung verhindern! Organisation sichern!" Vor diesem Hintergrund entschied man sich für eine Konzentration auf "industriezentrierte Forderungen", das Thema Prekarisierung wurde von der Tagesordnung genommen. Stattdessen ging es nun in selten offener Metaphorik um die "Kerne" von Industrie und Betrieb, also um die Kernbelegschaften vor allem in der Exportindustrie.
So rief IG-Metall-Chef Berthold Huber auf der Demonstration des Europäischen Gewerkschaftsbundes am 16. Mai 2009 in Berlin: "Nach dem Crash an den Finanzmärkten droht der Industrie in Deutschland eine Kernschmelze. Viele Betriebe stehen vor dem Aus, wenn die Politik nicht eingreift. Hunderttausende Existenzen stehen auf dem Spiel. An die Regierungen in Bund und Ländern appelliere ich deshalb: Lassen sie die Industrie und ihre Arbeitsplätze nicht absaufen. Wir brauchen einen Schutzschirm für Beschäftigung und Betriebe! Kredite, Bürgschaften aber auch öffentliches Beteiligungskapital sind erforderlich. Politik muss die industriellen Kerne in Deutschland erhalten." (4)
Backlash der traditionellen Gewerkschaftspolitik
In der Tat war der Metallbereich mit einem Produktionsrückgang um 22,4% von 2009 auf 2010 am härtesten betroffen. Und zugleich ist mit der Kompromissformel "öffentlich geförderte Kurzarbeit der Stammbeschäftigten gegen Lohnzurückhaltung in der Lohnrunde 2010" der große Gau tatsächlich ausgeblieben. Von den 3,4 Mio. im Metallbereich beschäftigten wurden "nur" 200.000 entlassen. Bei der IG Metall war man zuvor offiziell von 700.000 Entlassungen ausgegangen, intern von weit mehr. Stattdessen sahen sich 1,5 Mio. (!) Menschen in Kurzarbeit, was übrigens keineswegs durchgängig als Belastung empfunden wurde. (5)
Die prekär Beschäftigten wurden dagegen durchaus entlassen, was das Statistische Bundesamt zu der Schlagzeile veranlasste: "Atypische Beschäftigung im Krisenjahr rückläufig". Die Zahl der befristet Beschäftigten ging um 100.000 zurück, die von LeiharbeitnehmerInnen um 300.000. Der Anteil befristeter Beschäftigung lag in vielen Standorten der Autoindustrie bei um 30%, was zuvor breit diskutiert worden war. Seitdem steigen diese "atypischen" Beschäftigungsformen wieder an, seit Sommer 2010 gibt es die ab und an mal wiederkehrende Schlagzeile, jede dritte Stelle würde in der Industrie als Leiharbeitsstelle angeboten und insgesamt würde fast jedeR zweite NeubeschäftigteR nur einen befristeten Vertrag erhalten. In manchen Branchen sei es die Regel (Soziales, Öffentlicher Dienst, Verwaltung).
Kurz: Diese Zahl gibt eine Ahnung davon, in welchem Ausmaß hier in der Tat eine Politik des Schutzes der Stammbeschäftigten betrieben wurde. Und die radikale(re) Linke muss zur Kenntnis nehmen, dass das funktioniert hat, dass der soziale Frieden gewahrt wurde und die Arbeitslosenzahlen eher sinken, was die Gewerkschaften auch für sich reklamieren, denn sie hätten zum Aufschwung beigetragen. Der ungute Geschmack bei Betrachtung dieses Schauspiels, wie hier auf ganz traditionelle Weise auf Spaltung zwischen Kern- und Randbelegschaften gesetzt wird, auf Exportkonkurrenz, Betriebsfrieden und schöne Autos, dieser ungute Geschmack sollte nicht allzuschnell mit besserwisserischen Feststellung wieder herunter gespült werden, die Lohnabhängigen würden eben weiter am Arbeitsfetisch kleben. Wer diesen Satz auf den Lippen hat - zurück nach These 1.
3. These: Es muss neu über den Krisenbegriff nachgedacht werden. In den Diskussionen fällt auf, dass die Finanzkrise für die meisten keineswegs eine Zäsur, einen Einschnitt darstellt, sondern dass vielmehr so etwas wie eine permanente Krise wahrgenommen wird. Erlebt werden enorme Arbeitsverdichtungen insbesondere durch Personalabbau, die reguliert werden über einen Modus der scheinbaren "ausnahmsweisen besonderen Anforderung" - eine Besonderheit, die aber auf Dauer gestellt und so zur "ständigen Ausnahmesituation" wird, aber auch nur mit - dann anhaltender - besonderer Kraftanstrengung zu bewältigen.
Erlebt wird aber auch das Phänomen der "permanenten Restrukturierung" von Betrieb und Unternehmen, wo einerseits ständig neue best-of-Managementstrategien verschlissen werden, andererseits schnell auf neue Moden und Produktentwicklungen des Marktes reagiert werden soll, so dass es zu einem permanenten Umbau von Abteilungen, Werkstätten, Personalzusammensetzungen, Service-Leistungen, Verantwortlichkeiten, Hierarchie-Ketten etc. kommt - und das keineswegs nur im nationalen Rahmen. Beides, Personalabbau und weitere und schnellere Restrukturierungen werden "nach" der Krise noch einmal besonders forciert. Hans Jürgen Urban von der IG Metall spricht in diesem Zusammenhang von einer "Zuspitzung der arbeitspolitischen Situation", wobei hier nur die Zuspitzung von einer Kette von Zuspitzungen seit spätestens den 1990er Jahren gemeint sein kann.
Natürlich hat die aktuelle Finanzkrise konkrete Folgewirkungen gehabt, nicht nur für die betroffenen Entlassenen oder KurzarbeiterInnen. Auch für die breite Bevölkerungsschicht, die nach der Verunsicherung in der Arbeit (s.o.), und nach der Verunsicherung in den sich ebenfalls permanent neu erfindenden Sozialleistungen (welcher Wohnraum, welches Kindergeld usw. stehen mir zu) nun auch eine systematische Unsicherheit in ihren - eben noch propagierten - privaten Vorsorgeleistungen erleben: Man muss einfach Glück haben, damit das Aufgesparte und Angelegte im Alter auch noch was wert ist.
Mir geht es also nicht darum, der Finanzkrise ihre Existenz und ihre Wirksamkeit abzusprechen - natürlich nicht. Aber es muss auch zur Kenntnis genommen werden, dass der derzeit vorherrschende Krisenbegriff ein zutiefst ideologischer ist, weil mit ihm ein scheinbares Gegenüber (Stabilität, Wohlfahrt) immer gleich mittransportiert wird und zwar sehr unverblümt. So heißt es in wohlmeinenden Zeitungskommentaren zu den "Sorgenkindern" Osteuropas wie Ungarn: Hier hätte sich der Weg der sozialen Abfederung der Transformation nach 1989 als nicht länger tragbar erwiesen, was nun auch die UngarInnen erkennen müssten. So etwas nannte man früher Geschichtsfälschung.
Die Praxis der linken Podiumsdiskussion aufheben
Völlig vergessen, verstellt, wie nie gewesen ist der Sachverhalt, dass gerade Ungarn eine besonders unsoziale Transformationspolitik betrieben hatte. Ungarn war immer das Paradebeispiel für die sogenannte Schocktherapie. Ende der 1980er Jahre war in Ungarn das Phänomen völlig gängig, zwei Jobs haben zu müssen um über die Runden zu kommen - noch bevor die breite Debatte über "working poor" in den USA einsetzte.
Vielleicht wird über Deutschland auch irgendwann geschrieben, dass bis zur großen Krise ab 2008 alle Menschen in diesem schönen Land ein gutes Leben und gute Arbeit gehabt hätten. Stimmen wird es trotzdem nicht, wenn wir uns nur die Entwicklung prekärer Beschäftigung anschauen: 21,5% Beschäftigte (ca. 6,8 Mio. Menschen) im Niedriglohnbereich lange vor der Finanzkrise, davon ein Drittel im "unteren Niedriglohnbereich" von unter 4,75 Euro im Westen und 3,42 Euro im Osten - brutto. Ein Viertel atypisch Beschäftigte, also Befristete, Entliehene, Teilzeitkräfte etc., 1,3 Mio. Hartz-IVlerInnen, die "aufstocken", weil sie zu wenig verdienen und 1,7 Mio. Kinder, die Hartz IV beziehen. Nach solchen Fragen stellt sich die Frage: Was sind 200.000 Entlassungen in der Metallindustrie gegen knapp sieben Mio. NiedriglöhnerInnen?
Kurz: Prekarisierung, Existenzunsicherheit und Planungsunsicherheit hatten sich lange vor der Krise verbreitet, an den "Rändern", aber auch in den "Kernen" der Gesellschaft. Damit war nicht nur der materielle und soziale Status, sondern auch die Kontinuitätserwartung als Grundlage von Lebensplanung für die Menschen unsicher und somit krisenhaft geworden. Mit einem auf "Finanzkrise" reduzierten Krisenbegriff lassen sich diese Veränderungen nicht einholen. Vielmehr besteht die Gefahr, sie zu verniedlichen oder zu leugnen.
4. These: Kollaps, Kritik oder Barbarei? Zugegeben, die letzte These ist keine, sondern eher ein Fazit und natürlich spielt "Kollaps" auf Robert Kurz an, der sich - das nur nebenbei - die Unterstellung verbietet, er sei ein Zusammenbruchstheoretiker. Ihm gehe es nicht um Zusammenbruch. Gut, dann eben Kollaps, das Problem bleibt dasselbe: soziale Zusammenhänge können nicht "kollabieren". Sie können sich verändern, auf dramatisch-ungute Weise, aber "abstrakte Arbeit" oder "der Wert" können nicht zusammenbrechen, denn sie existieren nicht - trotz solcher schönen Begriffe wie "Realabstraktion". Sie werden durch nichts, aber auch nichts anderes als durch unser Verhalten hergestellt. Was also ist ein Zusa ... pardon: Kollaps?
Re-Traditionalisierung in Politik und Öffentlichkeit
Mein Eindruck ist, dass ein Gutteil der gerade auch jungen radikale(re)n Linken Kurz wiederentdeckt, weil die Vorstellung eines "objektiven Endes" von Kapitalismus verheißungsvoll ist. Und Kurz befeuert solche Erwartungen durch so schöne Formulierungen, wie die von einer "Vollendung des historischen Entwertungsschocks" in der kommenden zweiten Welle der Wirtschaftskrise. (6) Seine Thesen, so Kurz, sind gegen die Vorstellungen von der aktuellen Krise als Bereinigungskrise gerichtet, wo à la Schumpeter ein bisschen stillgelegt wird, um daran anschließend umso kräftiger zu produzieren. (7)
Es gibt gute Gründe, den Vorstellungen von Bereinigung durch Krise nicht zu folgen, aber die Rede von Kollaps oder auch des finalen Entwertungsschocks ist irreführend. Nicht nur, weil auch ein zutiefst und unmittelbar ständig krisenhafter Kapitalismus vorstellbar ist, sondern auch, weil soziale Reproduktion, auch weltweit, weitergeht und das allerdings leider häufig in einer Form, die Robert Kurz selbst als "Barbarei" bezeichnet. Das ist aber etwas anderes als "Kollaps" - es ist vielmehr die Fortexistenz sozialer Reproduktion auf denkbar schlimmste Weise. Wenn es aber um Barbarei als mögliche Perspektive geht - dann ist es umso dringender, Kritik, auch theoretische, nicht länger als "kategoriale Kritik" zu begreifen, die bitte endlich in die verblendeten Hirne der Massen tröpfeln soll, sondern dann geht es darum zu lernen, auch theoretische Arbeit als Auseinandersetzung zu begreifen. Als eine Auseinandersetzung, "die seit jeher mit anderen Praktiken verschränkt ist und die sich immer mit diesen Praktiken gemeinsam in einem konkreten historischen Zusammenhang bewegt" (8). Es wäre Zeit, sich dieser Verschränkung bewusst zu werden.
Stefanie Hürtgen
Anmerkungen:
1) Die Marx-Herbstschule fand 2010 zum dritten Mal statt und versteht sich als Ergänzung zu der in den letzten Jahren wieder verstärkt auftretenden Kapital-Lesekreise. Sie ist nicht nur Vertiefungsmöglichkeit, sondern auch bundesweite Vernetzungsplattform und bietet immer auch einen Einstieg in Marx' Kritik der politischen Ökonomie. Programm und Texte sind zu finden unter http://marxherbstschule.net. Auch 2011 soll eine Marx-Herbstschule stattfinden.
2) Joachim Hirsch vertrat seine Position zuletzt auf der Tagesveranstaltung "Krise - Chance für was?" Durchgeführt u.a. von express, kein mensch ist illegal am 8.1.11 in Frankfurt am Main.
3) So u.a. in Die Beute 4/1996 und neueren Beiträgen.
4) Berthold Huber: Die Krise bekämpfen. Sozialpakt für Europa!, Rede auf der EGB-Demonstration, 16. Mai 2009, Berlin
5) Auf der erwähnten Veranstaltung in Frankfurt am Main waren u.a. Äußerungen zu hören wie: "Von mir aus könnte öfter Krise sein, endlich bin ich mal zu den Dingen gekommen, die ich erledigen musste!"
6) So Robert Kurz in seinem Thesenpapier zur genannten Veranstaltung
7) Joseph A. Schumpeter, neoklassischer Ökonom und Historiker der modernen Wirtschaftstheorie, stellt die positive Wirkung von Zerstörung von Produktivkräften in seiner "Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung" (1911) heraus. Nur so könnten Krisen überwunden und neue Produktivkräfte realisiert werden.
8) Alex Demirovic: Struktur, Handlung und der ideale Durchschnitt. In: PROKLA 159, Berlin 2010, S. 154
ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis
/ Nr. 557 / 21.1.2011
