Cacerolazo in Athen?
Argentinien 2001, Griechenland 2010 - Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Loslösung von der Leitwährung, Abwertung und Schuldenstreichung - mit diesen Mitteln zog sich Anfang des Jahrtausends Argentinien aus der Krise. Nun diskutieren sowohl Linke als auch liberale ÖkonomInnen die argentinische Antwort als Rezept für Griechenland. Doch sind die beiden Fälle vergleichbar? Beim näheren Hinsehen zeigt sich: Die Parallelen haben Grenzen. Nicht nur erscheint eine "argentinische Lösung" im Falle Griechenlands weniger wahrscheinlich, sie hätte wohl auch weniger positive Effekte.
In der Krisenentstehung der beiden Länder gibt es durchaus Parallelen. Die Bindung des argentinischen Peso an den US-Dollar Anfang der 1990er Jahre und die Übernahme des Euro durch Griechenland hatten ähnliche Wirkungen. In beiden Fällen waren die Inflationsraten in den zentralen Referenzländern deutlich niedriger. Dies stimulierte in Argentinien wie in Griechenland die Wareneinfuhr und schwächte in der Tendenz die produktiven Strukturen. Das Leistungsbilanzdefizit belief sich in Griechenland im Jahr 2008 noch auf satte 14,6% des Bruttoinlandsproduktes (BIP), das Dreifache der als kritisch geltenden Grenze von 5% - und auch das Dreifache des argentinischen Defizits von 1998, als die Rezession in dem südamerikanischen Land begann.
Griechenlands strenge Gläubiger
In beiden Fällen wurde das Leistungsbilanzdefizit durch eine rasant steigende Verschuldung im Ausland finanziert. In Griechenland summiert sich diese derzeit auf mehr als 170% des BIP - auch dies weit mehr als in Argentinien vor der Krise. In beiden Ländern war das Wachstum vor der Krise stark durch private Verschuldung getragen worden. In Argentinien verschuldete sich die Mittelschicht überwiegend in US-Dollar. In Griechenland beflügelten die durch den Beitritt zur Euro-Zone gesunkenen Zinsen die Verschuldungsbereitschaft.
Ein solches Modell ist vom stetigen Zufluss von Auslandskapital abhängig. Stockt dieser, wird es in den Grundfesten erschüttert. In Argentinien war die erste Reaktion auf die Krise eine extrem restriktive Lohn- und Fiskalpolitik mit deflationärer Ausrichtung. Diese lag im Interesse der ausländischen Dienstleistungskonzerne, der Banken, aber auch der in Dollar verschuldeten Mittelschicht. In Griechenland wird derzeit eine ähnliche Wirtschaftspolitik durchgesetzt. In ihrem Zentrum stehen Kürzungen der Gehälter im öffentlichen Dienst und der Pensionen sowie Privatisierungen. Auch dies liegt vor allem im Interesse der Gläubigerbanken (beispielsweise aus Frankreich und Deutschland).
In Argentinien ließ sich die Politik nicht durchhalten. Als die Anleger ihre Bankeinlagen massenhaft abhoben, fror die argentinische Regierung Ende 2001 die Konten ein. Anfang 2002 wertete die Nachfolgeregierung den Peso deutlich ab. Die Abwertung wurde von wichtigen Sektoren des peronistischen Establishments, von argentinischen Wirtschaftsgruppen mit Exportinteressen und großen Dollarguthaben im Ausland, aber auch von gewerkschaftlichen Kreisen befürwortet. Angesichts der offenen politischen Krise und gewaltiger Massendemonstrationen der um ihre Guthaben fürchtenden Mittelschicht, die mit "Cacerolazos", lautstarken Topfschlag-Protesten, ihre Wut zum Ausdruck brachte, wie auch der verarmten Arbeitslosen setzte sich dieser Block zur Jahreswende 2001/2002 durch. Das BIP fiel 2002 um 10,9%, Arbeitslosigkeit und Armut explodierten förmlich.
Doch die Abwertung zog einen deutlichen Aufschwung nach sich. Exporte wurden begünstigt, und durch die steigenden Importpreise erholte sich die industrielle Produktion für den Binnenmarkt. Beschäftigung und Löhne stiegen allmählich. Die Proteste bewirkten auch, dass die Regierungen Duhalde und Kirchner eine feste Haltung gegenüber dem IWF einnahmen. In Verhandlungen mit den ausländischen GläubigerInnen konnte die argentinische Regierung eine nominelle Schuldenreduktion von 43% durchsetzen, was beträchtlich ist. Die US-Regierung zeigte sich in dieser Frage aufgeschlossen. Ihr war an einer Stabilisierung Argentiniens gelegen, und US-GläubigerInnen waren ohnehin kaum betroffen.
Kein Spielraum für Euro- Austritt und Umschuldung
Innerhalb Argentiniens zog die Umwandlung der Dollar-Guthaben in Pesos jedoch einen Rattenschwanz an juristischen Prozessen nach sich, da die AnlegerInnen die Abwertung ihrer Guthaben nicht hinnehmen wollten. Einige Wirtschaftsgruppen haben an der neuen Politik aber gut verdient. Und auch für einen Teil der ärmeren Bevölkerung hat sich die Lage - bei anhaltender sozialer Polarisierung - verbessert.
Das alles sieht im Falle Griechenlands anders aus. Die EU-Regierungen sind gegen ein Ausscheren des Landes aus der Euro-Zone und eine Währungsabwertung. Eine solche Abwertung müsste mit einer Schuldenreduktion verbunden werden, damit der griechische Staat nicht von den Euro-Schulden erdrückt würde. Dies hätte Konsequenzen für die Euro-Einlagen bei griechischen Banken. Auch sie würden vermutlich abgewertet. Die Reaktionen der Mittelschicht hierauf wären unschwer zu erraten. Die ausländischen GläubigerInnen und das Auslandskapital sind sowieso gegen eine solche Lösung. Der äußere Druck gegen ein Ausscheiden aus der Euro-Zone und Umschuldung seitens der EU-Kernländer ist deutlich stärker als im Fall Argentiniens.
Auch in Griechenland selbst wären die Wirkungen einer Politik à la Argentinien vermutlich weniger positiv. Einerseits sind Verschuldung und Außenhandelsdefizite sehr viel gravierender als in Argentinien, andererseits ist die produktive Struktur Griechenlands, vor allem der industrielle Sektor, schwächer. Weder die Exportwirtschaft noch die Binnenmarkt-Produzenten würden vergleichbar profitieren. Allenfalls der Tourismus könnte frohlocken. Denn Urlaub in Griechenland würde durch eine Währungsabwertung sicher billiger.
Joachim Becker lehrt an der Wirtschaftsuniversität Wien
ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis
/ Nr. 551 / 18.6.2010
