Die urbanen Wurzeln der Krise
Ein Interview mit David Harvey über Klasse, Krise und die Stadt
Wie hängt die kapitalistische Krise mit der neoliberalen Stadtentwicklung zusammen? Und welche Formen von (Klassen-)Bewusstsein bringt sie hervor? David Harvey ist marxistischer Geograph und Distinguished Professor an der anthropologischen Fakultät der City University of New York. Er befasst sich mit den Wechselwirkungen zwischen kapitalistischer Entwicklung und geographischen Räumen - zuletzt in seinen Büchern "Spaces of Global Capitalism" (deutscher Titel: "Räume der Neoliberalisierung") und "Cosmopolitanism and the Geographies of Freedom". Mit David Harvey sprach Chad Kautzer über Prekarisierung, Stadtentwicklungspolitik und die urbanen Wurzeln der Krise. (1) Übersetzung: Jan Ole Arps.
ak: Die Idee, dass wir gegenwärtig die Entstehung einer "Klasse der Prekären" oder eines "Prekariats" beobachten können, hat einige Anhänger. Du bezweifelst, dass es sich hierbei tatsächlich um eine neue Entwicklung handelt, und weist darauf hin, dass das traditionelle Bild einer in den Fabriken konzentrierten Arbeiterklasse zu begrenzt ist. Dennoch scheint Prekarität insbesondere seit den 1970er Jahren ein sich bis in die Mittelschichten ausbreitendes Prinzip zu sein, das bisherige Arbeits- und Lebensentwürfe zunehmend ins Wanken bringt. Lässt sich diese Entwicklung mit dem Begriff der Prekarisierung nicht treffend beschreiben? Welche Folgen könnte dieser Prozess für die Entstehung von Klassenbewusstsein haben?
David Harvey: Ich halte es für sinnvoll, sich einmal die verschiedenen Begriffe vor Augen zu führen, die bisher in diesem Zusammenhang gebraucht worden sind. "Lumpenproletariat" zum Beispiel, auch wenn ich den Ausdruck nicht besonders mag. William Julius Wilson hat den Begriff der Unterklasse gebraucht; Oscar Lewis sprach von der "Kultur der Armut". In der Soziologie gibt es eine Riesendiskussion über die Unterscheidung in einen formellen und einen informellen Sektor, deren Bedeutung vor allem darin besteht, die Arbeitsorganisation in Ländern des Trikont und die Informalisierung zahlreicher Jobs in den Blick zu nehmen. Seit den 1970ern wird außerdem immer mehr Arbeit in Subunternehmen ausgelagert. Es gibt also ein ganzes Bündel von Konzepten - unter ihnen das "Prekariat" - , die sich mit demjenigen Teil der Bevölkerung beschäftigen, der in der Regel nicht als zentraler Träger des Arbeiter-Klassenbewusstseins angesehen wird. Aber die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter mit halbwegs sicheren Arbeitsplätzen, Rentenansprüchen, Gesundheitsversorgung etc. waren ohnehin vor allem ein Phänomen der entwickelten kapitalistischen Länder. Auf Länder wie Indien, Lateinamerika usw. traf dieses Bild noch nie zu. Ich bezweifle also, dass wir es mit einer neuen Entwicklung zu tun haben - zumindest sofern wir sie historisch einordnen -, und plädiere dafür, die aktuelle Situation nicht als eine Art Sündenfall anzusehen, sondern eher als Entwicklung zurück zum Normalzustand der meisten ArbeiterInnen.
Du sagst, man soll sich von traditionellen Bildern über die Arbeiterklasse verabschieden. Hat das etwas damit zu tun, dass du zwischen Ansätzen unterscheidest, die Klasse aus der Position in der Produktion definieren, und solchen, die die Stellung in der gesellschaftlichen Reproduktion zum Ausgangspunkt nehmen?
Hier gibt es in der Tat einen Zusammenhang. Ich war allerdings schon immer der Ansicht, dass man Klasse nie als etwas begreifen sollte, das im Bereich der Produktion entsteht. Ich denke, die Reproduktion klassenspezifischer Verhaltensweisen und auch von Klassenbewusstsein findet an allen möglichen Orten statt: zu Hause, in der Nachbarschaft, in Kneipen etc. Zugleich glaube ich nicht, dass es hierfür besonders privilegierte Orte gibt. Klassenbewegungen können auch zum Beispiel von Wohnvierteln ausgehen.
Du zitierst gerne Robert Park, der sagt, die Stadt sei die "vom Menschen erschaffene Welt" und dass "die Menschen sich selbst neu erschufen, indem sie die Städte erneuerten". Diese Zitate beschreiben das Wechselverhältnis zwischen den urbanen Räumen und den Selbstverhältnissen, die sie hervorbringen.
Es gibt in der Geschichte faszinierende Versuche, die politischen Implikationen der Urbanisierung und der Art, wie städtische Umgebungen geschaffen werden, zu verstehen. Zum Beispiel Friedrich Engels Aufsatz "Die Lage der arbeitenden Klasse in England". Dort beschreibt Engels seine erste Begegnung mit der Stadt London - und ist schwer beeindruckt! Die ganze Stadt ist ein einziges brodelndes Chaos von Menschen in Bewegung. Und Engels beginnt, über das politische Bewusstsein nachzudenken, das aus dieser Erfahrung erwächst. Es gibt auch ein tolles Essay von Simmel, "Die Großstädte und das Geistesleben", in dem es darum geht, dass und wie man bestimmte Geisteshaltungen und Einstellungen entwickelt, um mit dem Tempo und den enormen Anforderungen des Lebens in der Großstadt zurecht zu kommen.
Diese Denktradition fasziniert mich. Nehmen wir zum Beispiel die Entstehung der amerikanischen Vorstädte. Die Leute konnten dort leben, aber sie mussten sich bestimmten Regimen unterwerfen, wie zum Beispiel den entsprechenden Eigentumsordnungen, der Finanzierung der Wohnung durch Hypotheken und all diesen Dingen. Also beginnen diese Leute, in ihren Häusern eine Form der Geldanlage zu sehen. Ihre politischen Einstellungen verändern sich dahingehend, dass der Werterhalt ihres Hauses zu einem zentralen Anliegen wird. Wenn nun also Leute mit der falschen Hautfarbe zuziehen oder unerwünschte Verhaltensweisen auftauchen, dann treten auf einmal Interessengemeinschaften von HauseigentümerInnen auf den Plan und sagen "Nicht bei uns, nicht bei uns! Wir wollen unter uns bleiben!" Wenn die Leute damit beginnen, nicht mehr ihre Lebensweise, sondern ihre Eigentumswerte zu verteidigen, dann ändern sich ihre sozialen und politischen Einstellungen ganz gewaltig.
Wenn ich also Robert Park zitieren, dann will ich damit sagen, dass dieser Prozess sowohl eine progressive Richtung annehmen als auch politisch rückwärts gewandt verlaufen kann - etwa in dem Sinne, dass Wohneigentum auf einmal zu einem zentralen Bestandteil der persönlichen Identität aufgewertet wird. Das ist in den USA geschehen und in größerem Umfang auch in Großbritannien, nicht so sehr auf dem europäischen Festland, wo die Menschen mehrheitlich zur Miete wohnen.
Ich glaube, diese Dinge müssen in unsere politischen Überlegungen einfließen. Wir müssen uns Gedanken über die Gestaltung neuer urbaner Lebenswelten machen, die eine große Rolle in der Herstellung von Solidarität und dergleichen spielen können.
Du hast kürzlich bemerkt, dass die Immobilienkrise einen der größten Vermögensverluste in der Geschichte der schwarzen Community darstellt. Wie drückt sich in der Krise und ihren Nachwirkungen das aus, was du "Akkumulation durch Enteignung" genannt hast?
Eine meiner Thesen ist, dass Urbanisierung eine Möglichkeit darstellt, kapitalistischen Mehrwert abzuschöpfen. In den 1950er und 1960er Jahren geschah das durch den Aufbau der Vorstädte, später durch das neoliberale Projekt der Disneyfizierung der Innenstädte: den Bau von Kongresszentren, Sportarenen und anderer Konsumparadiesen. Es entstand ein großer Druck auf die Stadtentwicklung, aus den Städten Orte für Investitionen zu machen. Der Immobiliensektor war hier bedeutsam in zweifacher Hinsicht: einerseits durch den Bau von Wohnungen, aber natürlich auch durch die Spekulation mit Wohnungswerten.
Die im letzten Jahrzehnt an Bedeutung gewonnen hat.
Richtig. Die Spekulation mit Immobilien spielte insbesondere nach dem Platzen der High-Tech-Blase ab 2000 eine immer größere Rolle. Das überschüssige Kapital suchte im Immobiliensektor und der Stadtentwicklung den Rettungsanker. Das Problem dabei: Wenn der Immobiliensektor in einer Zeit niedriger Löhne und stagnierender Einkommen mehr Kapital aufnehmen soll, dann bleibt nur die Möglichkeit, den Leuten Geld zu leihen, damit sie sich Häuser kaufen können. Es sieht stark danach aus, dass um das Jahr 2000 herum das Marktpotenzial der - wenn man so will - "respektablen" Bevölkerungsteile, die in der Lage waren, Wohneigentum zu erwerben, ausgeschöpft war. Der Druck, die Kriterien für die Vergabe von Krediten zu lockern, wuchs. Die Politik hat die Banken Fannie Mae und Freddie Mac dazu gedrängt, die Richtlinien zur Kreditvergabe zu lockern. Ähnlich erging es anderen Banken und Hypothekenanstalten, und am Ende hatten wir den Salat mit den faulen, schlecht abgesicherten Subprime-Krediten.
Die Leute mit niedrigen Einkommen sind also auch die Hauptleidtragenden der Krise?
Ja. Die Subprime-Krise hat vor allem solche Bevölkerungsteile getroffen, die nicht sehr wohlhabend sind und darüber hinaus vielfältigen Diskriminierungen ausgesetzt waren, zum Beispiel schwarze und hispanische Teile der Bevölkerung. Ihnen wurde Geld zugeschoben, um die Investitionen der großen Bauunternehmen im Immobilienmarkt zu retten. Wenn sich nun die Zinsen in die falsche Richtung entwickeln, dann stürzt das ganze Kartenhaus in sich zusammen. Interessanterweise hat die Hypothekenkrise ein geographisches Muster. Wenn man beispielsweise in Cleveland eine Landkarte der Zwangsvollstreckungen zeichnet, dann decken sich die betroffenen Gebiete weitgehend mit den Wohngebieten der schwarzen Bevölkerung.
Und noch etwas macht mich sehr wütend: Im Januar 2008 hatten über zwei Millionen Menschen ihre Wohnungen verloren. Im selben Monat wurden an der Wall Street Bonusprämien in Höhe von insgesamt 32 Milliarden US-Dollar ausgezahlt. Ich kann natürlich nicht sagen, dass das Geld, das die oben genannten Gruppen verloren haben, direkt in der Wall Street gelandet ist. Aber wenn man eine derart immense Vermögensbildung auf der einen Seite und dermaßen heftige Vermögensverluste auf der anderen Seite beobachtet, kommt man nicht umhin, einen Zusammenhang festzustellen. Ich fasse dieses Ereignis als einen Ausdruck der Klassenverhältnisse auf. Es ist eine gute Beschreibung dessen, was ich "Akkumulation durch Enteignung" nenne: Ein Teil der Bevölkerung wird enteignet, und einem anderen Teil fließt das enteignete Vermögen zu.
Du sagtest kürzlich, wir befänden uns in einem "Keynesianischen Moment". Zugleich hast du gesagt, die keynesianisch inspirierten Maßnahmen der Regierungen seien zu begrenzt und durch politische und ideologische Elemente behindert. Könntest du das näher erläutern?
Es ist gegenwärtig noch schwer zu beurteilen, aber einiges spricht dafür, dass das 780 Milliarden-Dollar-Konjunkturpaket der US-Regierung, das den Erhalt von an die zweieinhalb Millionen Jobs sichern soll, keine große Wirkung haben wird. Zumindest ein Blick in die Arbeitslosenstatistiken legt diese Prognose nahe. Obamas Team behauptet zwar, dass das Paket unterm Strich seine Wirkung entfalten wird und dass es gegenwärtig nur zu früh sei, verlässliche Aussagen zu machen. Ich vermute aber, es wird keine großen Auswirkungen auf die Beschäftigung haben.
Möglicherweise setzt sich irgendwann die Auffassung durch, dass man besser eine andere Politik der Stadtentwicklung verfolgen sollte. Das wäre nicht das Schlechteste. Das gäbe Leuten wie uns und sozialen Bewegungen die Möglichkeit zu intervenieren und zu sagen: Wenn ihr die Stadtentwicklungspolitik neu bestimmen wollt, dann tut das besser so, wie wir uns das vorstellen - nicht so, wie die großen Investoren und Bauunternehmen wollen.
Anmerkung:
1) In der kommenden Ausgabe von ak folgt ein zweites Interview mit David Harvey, in dem es vor allem um die politisch-praktischen Implikationen der hier präsentierten Überlegungen geht, die sich nicht zuletzt in der Kampagne "Right to the City" in verschiedenen US-amerikanischen Städten niederschlagen.
ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis
/ Nr. 541 / 21.8.2009
